AKIRA – Niemals außer Puste

AKIRA – Niemals außer Puste

Gute und schlechte Bands, sowie ein weitgehend misslungener Manga: Die Meinung, Otomo Katsuhiros Akira sei ein großer Klassiker, wurde an mancher Stelle schon vertreten. Schwer futuristisch und vielleicht sogar gesellschaftskritisch das Ganze, so irgendwie.

 

Du bist den ganzen Weg gerannt“ (Tomte)

Was bleibt, ist das Gerenne: wenn nach der Lektüre von drei Bänden Akira und somit rund 900 Seiten eine Szene Bestand hat, so ist es die immer wiederkehrende: Nachdem Verfolger und Verfolgte durch enge Häuserschluchten, verschachtelte Tunnel oder auch futuristische Versuchslabore hasten, begegnen die sich plötzlich irgendwo. Bevor es dann zu einem Ordentlichen Auflauf, noch viel mehr Gerenne und gelegentlichem Geballer kommt, möchte der Leser an ihrer Stelle ausrufen: „Du? Hier?!“

Auch sonst nervt an diesem vermeintlichen Kultklassiker des Science-Fiction-Manga so ziemlich alles. Davon auszunehmen ist selbstredend Otomos brillantes Artwork, insbesondere seine Schauplätze. Neo-Tokyo, das nach einem dritten Weltkrieg abermals zum Schauplatz seitenlanger apokalyptischer Zerstörungsorgien wird, scheint dem Autor weitaus wichtiger als seine menschlichen Charaktere zu sein. Vielleicht sind Otomos Wolkenkratzer, hypermoderne Labore, Polizeiluftgleiter und die von „Ghost in the Shell“ einige Jahre später zitierten Eierschalenkriechfahrzeuge ja auch die eigentlichen Protagonisten, während all die unspannenden Personen seiner Stadt nur eine Manege bieten. Oder dem Leser durch ihr permanentes Gerenne eine Stadtführung auf Koks und Pillen bescheren.

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Auch im Zeichnen von Charakteren ist Otomo überragend. Dies beschränkt sich jedoch nur auf Linienführung, Mimik und Style. So ausdrucksstark seine Protagonisten auf einer rein optischen ebene wirken, so gleichgültig ist das Schicksal all der Haupt- und Nebenfiguren dem Leser schon nach nicht mal hundert Seiten. Zwar inszeniert Otomo ihr Gerenne und Gehaste mit einer oft atemberaubende Dynamik; Perspektivenwechsel, ein gekonntes Spiel mit Blickwinkeln und die Geschwindigkeit der Erzählung noch weiter steigernde Speedlines trugen zur Zeit der Erstauflage von Akira ihren Teil dazu bei, dass Manga im Westen als erwachsen, cool und irgendwie anders wahrgenommen wurde.

Smells like Teen Spirit“ (Kurt Kobain)

Glaubwürdige Protagonisten oder gar gelungene Dialoge sucht man in diesem zweifellos stilbildendem Werk jedoch vergebens. Der Baukasten für 08/15-Archetypen liefert unter Anderem Kaneda, fünfzehnjähriger Anführer einer Motorradgang und gesegnet mit einer auch für sein Alter unglaubwürdigen Infantilität. Nachdem ihm etwa die Schulschwester, gleichzeitig auch Lieferantin von Drogen für die ganze Bande, ihre Schwangerschaft eröffnet, sagt Kaneda nur locker: „Cool, lass mich bei der Geburt dabeisein“ – und geht seiner Wege, Handlungsstrang abgehakt. Ja, klar. Kaneda und seine Jungs besuchen eine mit Genration X- und „No Future“-Kaputtniks bevölkerte Handelsschule.

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In dieser Umgebung, die, ungeachtet der 80er-Jahre-Herkunft von Akira, den Geist der 1990er Jahre atmet, wartet man bisweilen nur auf einen Gastauftritt von Beavis und Butt-Head oder von Parker Lewis, dem Coolen von der Schule. Wobei letzterer wohl nicht so gut in Kanedas Umgebung passen würde, ging es bei ihm doch eher recht gemütlich zu. Nun, ein paar Straßen weiter kämpft eine Truppe junger und mittelalter Politaktivisten gegen dunkle Machenschaften einer nie näher beschriebenen Regierung, bzw. des Militärs.

Wer die Mitglieder der Gruppe anhand von Habitus und Kleidungsstil zuerst für Linke hielt, wird schnell eines besseren belehrt: Sie sind der APO-Stoßtrupp eines Parlamentariers der „Religiösen Volkspartei“; diese wiederum ist verbandelt mit einer alten, in einer Mischung aus Shinto-Schrein und New Age-Kirche residierenden Seherin, welche sich eine kleine Armee von Kindern mit Psi-Kräften hält.

Revolution Action“ (Atari Teenage Riot)? Eher nicht.

Mit ihrer unter Anderem auch fliegenden Rasselbande richtet die Seherin jedoch wenig aus, denn die verstörend ältlichen, in einem bizarren unterirdischen Spielzimmer residierenden Psi-Kinder der Regierung, nein, des Militärs in Gestalt eines Stiernackigen Colonels (der selbstredend ganze 300 Seiten am unter-und oberirdischem Gerenne partizipiert) sind mithilfe äußerst geheimer Experimente noch viel stärker gepimpt worden und hauen alles zu Klump. Dann ist da noch Tetsuo, ein Mitglied von Kanedas Gang, das nach dem Beinahe-Zusammenstoß mit einem der Überwesen auch sehr stark wird, dann mächtig sauer, mächtig totalitär, und schließlich gar Anführer einer vormals konkurrierenden Gang, der Clownbande (sic!).

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Der Anführer der religiösen Partei ist derweil auf der Suche nach Akira, dem tiefgefrorenen Obermacker unter den regierungsnahen Psi-Kindern. Ein wenige hundert Seiten nach dem Anpfiff von Akira erfrierender Wissenschaftler darf etwa 100 Panels mit entsetzten Blicken, respektive Ausrufen füllen – und betonen, man dürfe Akira nun wirklich auf gar keinen Fall aufwecken. Doch plötzlich ist Akira dann doch irgendwie da, von Tetsuo sorgfältig aus seinem unterirdischen Kugelbunker gepellt. Des weiteren gibt es alsbald Spaltungen, Verschwörung und Verrat, resultierend in abermaligem Gerenne unter Beteiligung des Parteiführers, den Seherinenkindern, dem irgendwann putschenden Colonel nebst Truppen, sowie den bewaffneten Betbrüdern und -Schwestern.

 

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Maria, Maria“ (Scooter) [Fronttranspi-Remix]

Und ja, es gibt noch eine weibliche Hauptfigur. Kei, deren Partner wie sie selbst in der bewaffneten Gruppe kämpft, sorgt mit dem lüsternen Kaneda für misslungene Szenen von irgendwie intendiertem Comic Relief. Sie ist schon ganz cool und schaut auch immerzu sehr grimmig drein. Kei ist perfekt geeignet für linke Demoplakate; in den 1990ern waren sie und Kaneda tatsächlich auf dem einen oder anderen Front-oder Seitentransparent vertreten. Als Charakter ist sie allerdings fast ebenso flach und ebenso wenig überzeugend wie der Rest von Otomos Crew.

Und warum übrigens der lustige Lausbub Kaneda bei all dem, so ab Seite 750, auf einmal ganz leidenschaftlich mitmacht – obwohl er doch eigentlich nur vögeln, sein Motorrad wieder haben und Rache am Abtrünnigen Bandenbruder nehmen will? Keine Ahnung. Wäre er bei seinen Kernkompetenzen geblieben, hätte er sich immerhin geschätzte 700 Seiten Gerenne (von insgesamt ca. 1000 Seiten der ersten drei Bände von Akira) erspart. So hätte der Rezensent auch keine 120 Euro investieren müssen und stünde nicht vor der Frage, ob die letzten drei Bände angesichts dieser Summe etwa auch noch durchgearbeitet werden müssen. Nun, der erste Eindruck nach 100 Seiten von Band vier lautet am ehesten: Das Gerenne wird weniger, aber nichts wird besser.

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Fazit: Artbook kaufen

Otomo, Miterschaffer weiterer „Style over Substance“- Werke wie dem nervtötenden Anime Steam Boy, hätte das einzig richtige tun können: Ein Artbook auf den Markt schmeißen. Denn ja, die Charaktere, die zumindest in ihren bladerunneresquen Hightech-Vierteln seltsam aseptisch wirkende Stadt sowie die Szenen apokalyptischer Zerstörung sehen schon cool aus. Akira wäre, mithilfe einer drastischen Kürzung auf etwa 400 Seiten, womöglich auch noch etwas geworden – hätte Otomo nur Hilfe gesucht bei einem Autor, der sich aufs Schreiben von Dialogen und aufs Entwerfen glaubwürdiger Charaktere ebenso gut versteht wie er selbst aufs Zeichnen ikonischer Figuren sowie bisweilen explodierender, bisweilen klinisch rein wirkender Zukunftsstädte.

Übrigens, das oben gewünschte Artbook gibt es schon. Ebenso unzählige weitere Akira-Devotionalien, unter ihnen ein eindrucksvoller Flippertisch. Wer mag, kann den ganzen Nippes im auch auf Deutsch erschienenen Buch Akira Club (Carlsen) begutachten.

Zur ebenfalls bei Carlsen erschienenen deutschen Ausgabe des Mangas lässt sich abschließend sagen, dass diese insgesamt gut gelungen ist. Die sechs großformatigen Bände, inklusive aller Farbseiten der japanischen Ausgabe, sind jedoch leider gespiegelt (werden also von links nach rechts gelesen). An der Übersetzung gibt es derweil nur wenig auszusetzen. Wer schöne Bilder anschauen und eine käsige Geschichte über sich ergehen lassen möchte, kann also besten Gewissens zugreifen.  Michael Streitberg

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Stay tuned: Im zweiten Teil unserer Akira-Rezension (es hilft ja alles nichts…) schleppt sich der Autor durch postapokalyptische Großstadtwüsten nach dem zweiten großen Knall, immer auf der Suche nach dem letzten passenden Liedzitat. Er begegnet abermals der im New Age-Palast residierenden Seherin. Und er fragt sich, warum irgendwem nun auch noch die Gründnung eines „Großen Tokioter Reichs“ einfallen musste.

 

Abbildungen aus: „Akira“ Copyright © 1984 by Mash Room Co., Ltd., Tokyo. Deutsche Ausgabe erschienen beim Carlsen Verlag, Hamburg, 2000.

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One Comment

  1. kusayama

    January 24, 2015 at 9:06 am

    Glückwunsch zum gelungenen Start der Seite. Und dazu noch mit der Dekonstruktion eines Mythos. Immer weiter so!
    Mein Songtipp: The Notwist – Run Run Run

    Reply

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