Das Königreich der Träume und des Wahnsinns

Das Königreich der Träume und des Wahnsinns

Ein Film über das Ende einer Ära. Mit The Kingdom of Dreams and Madness gelingt Mami Sunada ein Blick auf Studio Ghibli, für den man nur dankbar sein kann. Ein Jahr lang bewegt sich die Regisseurin frei in den Studioräumlichkeiten und begleitet Hayao Miyazaki bei der Arbeit an seinem letzten Spielfilm Wie der Wind sich hebt.


Auf dem Festival Internacional de Cinema Fantástic de Catalunya in Sitges, Spanien, erlebe ich einen vorfreudigen Glücksrausch beim Durchblättern des Programmhefts, als ich The Kingdom of Dreams and Madness entdecke. Wenig weiß ich bis dahin über diesen Dokumentarfilm. Nur, dass ich ihn unbedingt sehen muss. Es ist der vielleicht letzte und längste Einblick in Studio Ghibli. Ein Animationsstudio, das definitiv nicht unschuldig daran ist, dass ich Anime so schätzen gelernt habe.

Für ihren Einblick bekam Regisseurin Mami Sunada ein ganzes Jahr Zeit. In Interviews gesteht sie, dass sie vor der Arbeit am Film kein besonders großer Zeichentrick-Fan gewesen sei und nicht viel über Studio Ghibli wusste. Ein Fakt, der den Einstieg in den Film umso einfacher macht. Neugierig nimmt Sunada den Zuschauer mit in einen Mikrokosmos aus Personen, Abläufen und Lebensphilosophien, den sie selbst erst durchdringen muss. So ergibt sich auch dem Zuschauer, der mit den ausführlichen Lebensläufen von Isao Takata, Toshio Suzuki und Miyazakis Sohn Goro nicht vertraut ist, wie von selbst ein Bild des nun bald 30 Jahre traditionsreichen Studios. Selbst die dauerschläfrige Studio-Katze fügt sich in das Studio-Panorama ein.

Das innigste Verhältnis baut sie zweifelsohne zu Hayao Miyazaki selbst auf. Selbst in offensichtlich anstrengenden Arbeitsphasen, wirkt er immer noch entzückt, Sunada um sich zu haben und ihr Einblicke in seinen Arbeitsalltag, sein Denken und auch seine Sorgen zu gewähren. Es ist eine Freude zu sehen, wie er Sunada bald mit in sein kleines Arbeitshäuschen nimmt, in dem er sich nach Feierabend aufhält. Stolz zeigt er ihr die Ziegen-Figuren, die er von einer Heidi-Ausstellung gerettet hat. Wenig später öffnet er ein Fotobuch, dass er nach der Doppelkatastrophe von Fukushima im März 2011 angelegt hat, um die befürchtete Gesellschaftskrise zu dokumentieren. Das Fotobuch wirkt beinah symbolisch für den beobachtenden Blick des bekennenden Atomkraft-Gegners Miyazaki auf gesellschaftliche Veränderungen.

Später im Film lässt er dann Sunada einen Blick über seine Schulter werfen, wenn er sich ohne Drehbuch, Storyboard für Storyboard bis zur finalen Szene zeichnet. Mehrmals äußert Miyazaki Bedenken, ob ihm Wie der Wind sich hebt gelingen werde. Er zweifelt, wiederholt, dass die Arbeit ihn anstrengt. Doch der Film ist ihm offensichtlich ein letztes Herzensanliegen. Diese eine Geschichte über den Flugzeugingeneur Jiro Horikoshi zur Zeit des zweiten Weltkriegs will er noch erzählen. Er zeichnet. Er raucht vor sich hin. Mal macht er dabei einen sarkastischen Witz, mal eine spöttische Bemerkung über seinen Kollegen Takahata (Zitat: „Nach Heidi hat er nie wieder was Besseres zustande gebracht“). Ab und an ein Gedanke, ob Studio Ghibli überhaupt noch eine Zukunft hat und wie es um Japan steht. Manchmal schließt er kurz die Augen, um sich die nächste Einstellung vorzustellen. In der einen Hand hält er eine Stoppuhr, die er drückt, sobald die Einstellung vor seinem Auge abgelaufen ist. In der anderen Hand hält er den Zeichenstift und setzt ihn wieder aufs Papier auf.

Doch auch wenn der Fokus auf Ghiblis Aushänge-Regisseur liegt, die anderen führenden Köpfe des Studios haben ihre Momente in The Kingdom of Dreams and Madness. Überraschenderweise Isao Takahata (Die letzten Glühwürmchen, Pom Poko u.a.) noch die wenigsten. Er arbeitet er parallel an seinem eigenen letzten Film, Die Legende der Prinzessin Kaguya. Der Mitbegründer und älteste Mann des Studios gibt sich schweigsam und zurückgezogen. Doch ist er dennoch durch die Aussagen Dritter über ihn omnipräsent im Film. So erzählt sein Produzent, dass er auch nach sieben Jahren Produktionszeit noch nicht abzusehen vermag, wann Takahata mit seinen Film fertigstellen wird. Miyazaki witzelt gar, Takahata wolle ja gar nicht fertig werden. Das Verhältnis der beiden ist ein ambivalentes wie amüsantes. Sie sticheln einerseits gegeneinander, andererseits schätzen sie sich sehr.  Seit Mitte der 60er Jahre schon sind sie Kollegen. Sunada erzählt in einem kurzen Rückblick, wie sich die beiden im Studio Toei Doga kennenlernten. In diesem erwähnt sie, dass Takahata derjenige war, der Miyazakis Zeichen- und später auch Erzähltalent entdeckte. Und er war es auch, der einen jungen Miyazaki während der Gewerkschaftsproteste mit linker Politik vertraut machte und ihn dazu motivierte, Sprecher der Toei Doga-Belegschaft zu werden. Die Zeichner setzten sich damals unter anderem für faire Arbeitsbedingungen und mehr Mitsprache bei den Filmen ein, für die sie bei Toei Doga arbeiteten.

Der dritte wichtige Mann des Films ist Toshio Suzuki, ehemals Präsident von Studio Ghibli, jetzt „nur noch“ Produzent. Er ist derjenige, der den Laden offensichtlich zusammenhält. Wenn der kleine Mann mit dem mausigen Gesicht nicht gerade Kette raucht, hechtet er von Meeting zu Meeting, beschwichtigt Journalisten auf Pressekonferenzen, handelt Distributions-Verträge aus, segnet das Merchandise ab und sorgt dafür, dass Miyzaki und Takahata ihre Filme überhaupt fertigstellen. Mitunter scheint es gar so, als würde er das Studio ganz allein auf seinen Schultern tragen. In einer wunderbaren Sitzung, in der entschieden werden soll, wer den Protagonisten für Wie der Wind sich hebt sprechen soll, ist er es, der im Witz vorschlägt, man könne ja mal bei Neon Genesis Evangelion–Schöpfer Hideaki Anno anfragen, weil der ja auch so ein Schüchterling sei. Alle lachen. Dann grübelt Miyazaki einen Moment, und einen Telefonanruf später wird aus dem Witz Wirklichkeit.

Mit laufender Spieldauer wird zunehmend klar, was Miyazaki meint, wenn er fragt, ob das Studio noch eine Zukunft habe. Faktisch sind er, Takahata und Suzuki das Studio. Für die beiden Filmemacher ist es das letzte Projekt. Suzuki erklärt, auch er wolle zurücktreten. Die Dominanz dieser talentierten, aber auch eigenwilligen Persönlichkeiten wird plötzlich fassbar. Wie sollte einer der vielen Zeichner des Studios zum Regisseur aufsteigen? Zu groß scheint der Schatten der drei.

Das wird insbesondere in einem Gespräch deutlich, in dem ein Produzent Miyazakis Sohn Goro ein Serien-Projekt schmackhaft machen will (vermutlich die mittlerweile in Japan erschienene Serie Ronja Räubertochter). Goro ist sichtlich unwohl bei der Sache. Er fühlt sich bedrängt und merkt an, dass er nicht weiß, ob er etwas mit dem Stoff anfangen kann. Der Produzent wird  eindringlicher, da platz es aus Goro Miyazaki heraus, dass er nicht aus Leidenschaft, sondern aus Verantwortung gegenüber dem Studio heraus Regie führe. Ein bedrückend ehrlicher Moment, der erahnen lässt, unter welchem Druck sein Erstlingswerk Die Chroniken von Erdsee entstanden sein muss.

Der Film endet mit der Premiere von Wie der Wind sich hebt, als Hayao Miyazaki offiziell das Ende seiner Karriere verkündet. Eine Ära wird oft vorschnell ausgerufen und im gleichen Atemzug für beendet erklärt. Doch beim Verlassen des Kinosaals komme ich nicht umhin, zu denken, ein genau solches Ende gerade miterlebt zu haben. Wenn wir in ein paar Jahren auf The Kingdom of Dreams and Madness zurückschauen, wird er entweder der Film sein, der einen sich anbahnenden Neuanfang von Studio Ghibli zeigt. Oder dessen letztes großes Aufbegehren gegen den Lauf der Zeit.

Lukas Laier

 

 

“The Kingdom of Dreams and Madness” ist nach seiner Festival-Tour mittlerweile auf mehreren Plattformen mit englischen Untertiteln verfügbar. Ein deutscher Release steht allerdings noch aus.

Miyazakis letzter Film “Wie der Wind sich hebt” ist bei Universum Anime bereits auf Bluray und DVD erschienen. Eine Veröffentlichung von Isao Takahatas “Die Legende der Prinzessin Kaguya” für das Heimkino ist für Ende April geplant.

 

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