Hentai: Liebe, Hass und Umschnalldildos

Hentai: Liebe, Hass und Umschnalldildos

Das Hentai-Genre zwischen Stillstand und Regression (Teil 1): Die Suche nach herausragenden Erotikmanga-Werken gestaltet sich beschwerlich. Wer lange herumwühlt und nicht aufgibt, wird jedoch reich belohnt.

 

Chinatown, New York, ein Zeitschriftenkiosk an irgendeiner Straßenecke: Dort irgendwo, vor mehr als fünfzehn Jahren, erhascht mein elfjähriges Ich einen Blick auf das noch weitgehend Unbekannte, Verbotene und doch sehnsüchtig Erwartete.

All das erscheint mir in Form eines Magazins mit erotischen Manga. Womöglich handelt es sich um einen der in den Neunziger Jahren noch weit verbreiteten und äußerst beliebten Raubdrucke, von kleinen Verlagen eigenmächtig ins Chinesische oder in eine andere Sprache übersetzt und von den japanischen Rechteinhabern meist irgendwie geduldet.

Auf dem Cover dieser Zeitschrift erblicke ich das Bild einer vielleicht 25 bis 30 Jahre alten Frau mit geöffnetem Hemd. In einem Zimmer voller Blumen und Palmen in großen und kleinen Tontöpfen stand sie neben einem Sofa, lächelt den Leser an –  oder denjenigen, der gerade durch die imaginäre Tür jenseits des sichtbaren Bereichs getreten war. Pastelltöne und warme Farben überall lassen eine traumartige Atmosphäre entstehen. Und mein elfjähriges Ich denkt dabei nur: Sex muss etwas sehr Schönes sein.

Aufgrund elterlicher Aufsicht und vorpubertärer Schüchternheit unternehme ich keinen Versuch, mir die Zeitschrift zu kaufen. Auch den Zeichner des Titelbilds kenne ich bis heute nicht.

Beim Lesen oder Rezensieren zeitgenössischer Hentai-Manga (also: Manga mit explizit erotischem und/oder pornographischem Inhalt) erscheint mir das Bild aus der Vergangenheit dennoch als Entwurf einer alternativen Zukunft dieses Genres, die zu irgendeinem Zeitpunkt verloren gegangen sein muss.

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Die 1990er: Tentakelmonster und blühende Fantasie

Selbstverständlich gibt es auch – und gerade heute  – (wieder) zahlreiche Werke, die zeichnerisch ihres Gleichen suchen und denen es gelingt, den Leser in oben beschriebene, atmosphärische Rauschzustände zu versetzen. Um jedoch auf solche Werke zu stoßen, muss man  sehr tief graben. Und manchmal auch ganz, ganz tapfer sein.

Und ja, freilich waren auch in den neunziger Jahren und in den Jahrzehnten zuvor die meisten Hentai-Manga ebenso wenig aufregend wie die große Masse der Mainstream-Manga in anderen Genres. Mangelendes Zeichentalent, fehlender Sinn für Perspektiven und Proportionen sowie Ratlosigkeit hinsichtlich Panelfolge und –Aufbau ließen schon damals viele Zeichner zum vermeintlich rettenden Anker greifen – der in diesem Genre oft aus Riesenbusen, sadistischer Gewalt und unverblümter Frauenverachtung besteht.

Dennoch erscheinen Hentai-Manga der 1990er Jahre im Rückblick oft wild, aufregend und experimentell: Die häufig phantastischen und surrealen, von einer dichten, erotischen Stimmung geprägten Kurzgeschichten von Yui Toshiki entführten in zauberhaft illustrierte Fantasiewelten, die von Drachen, gehörnten Jünglingen und lüsternen Weihnachtsmännern bevölkert wurden. Als Hot Tails erschienen einige dieser Werke sogar in englischer und deutscher Sprache.

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Hiroyuki Utatane widmete sich in Countdown Themen wie Inzest oder Mutterkomplex, die heute Genre-Standard sind, die jedoch damals, zumindest in ihrer für den Westen übersetzten Form, ihresgleichen suchten. Auch deutsche Leser bekamen Utatanes filigrane Figuren vor reduzierten Hintergründen zu Gesicht. Die Anime-Umsetzung von Countdown wurde ebenfalls hierzulande veröffentlicht, landete jedoch bald auf dem index.

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Vermutlich verstanden sich viele Zeichner (Zeichnerinnen in diesem Genre, die abseits der erotischen Lady Manga arbeiteten, gab es damals noch sehr wenige) zu dieser Zeit noch als Geschichtenerzähler: Öfter als heute erstreckten sich Hentai-Manga der 90er über mehrere Bände.

Beispielhaft für den Anspruch, obligatorische Sexszenen in eine zumindest ansatzweise plausible Geschichte einzubetten, sind auch die düsteren und im typischen Erwachsenenmangastil der 1980er Jahre meisterhaft illustrierten Tentakel-Epen von Maeda Toshio.

Sollte Tezuka Osamu tatsächlich der „Gott des Manga“ sein, müsste Maeda mindestens als „Gott des Tentakel“ gelten. Er bescherte dem berühmt-berüchtigte Subgenre, dessen Wurzeln ebenso in den Darstellungen alter Holzschnitte wie in der durch japanische Zensurgesetzte befeuerten Suche nach einem Penisersatz liegen, eine auch im Westen beträchtliche Anhängerschaft.

Die auch in Deutschland erschienenen Anime-Umsetzungen einiger seiner Werke, darunter Adventure Kid und Demon Beast Invasion, landeten unterdessen bald nach ihrem Erscheinen auf dem Index. Trotzdem wirkt der in den Manga dargestellte Sex zwischen Tentakelmonstern und Frauen, die diesem nur Anfangs ablehnend gegenüber stehen, heute geradezu harmlos.

Sie will es doch auch!“: Hentai-Rape und Rollenbilder

Gleichwohl stehen auch diese Werke exemplarisch für ein Motiv namens „Hentai Rape“, dass in unzähligen älteren und neueren Werken allgegenwärtig ist. Dabei wird Vergewaltigung, sexuelle Erniedrigung etc. von den Frauen, denen sie angetan wird, schlussendlich als befriedigend empfunden. Nicht selten, so suggerieren die entsprechenden Geschichten, fänden die Opfer der Übergriffe so zu ihrer „wahren“ (sprich: unersättlichen, hemmungslosen) Natur. Andere Werke zelebrieren die Vergewaltigung als solche und lassen ihre weiblichen Protagonistinnen am Ende verzweifelt, gebrochen und verletzt zurück – zum Lustgewinn ihrer Leser und zur Befriedigung von deren Sehnsüchten nach männlicher Dominanz und sexueller Allmacht.

Das „Hentai-Rape“-Motiv läuft dabei Gefahr, zur Banalisierung und Glorifizierung von sexueller Gewalt beizutragen – nach dem alten Vergewaltiger-Motto: „Sie will es doch auch“.

Nun kann gerade die gezeichnete Welt sicherlich auch ein Fluchtort sein, an dem sich abseitige, ja auch gewalttätige Fantasien ausleben lassen. Entsprechende Werke fügen niemandem einen direkten Schaden zu und können womöglich auch als Katalysator für Fantasien dienen, die weder Zeichner noch Leser jemals in der realen Welt ausleben (wollen) würden.Dennoch muss die Frage aufgeworfen werden, warum es in den Hentai-Manga sehr viel häufiger Frauen als Männer sind, an deren Erniedrigung sich der Leser ergötzen kann. Und warum das Spiel mit Dominanz nicht etwa ein wechselseitiges ist, in dem Rollen und Identitäten sich ständig ändern können.

Umschnalldildos und Fellwesen 

Letzteres trauen sich nur wenige Werke. Eines davon ist etwa Pink Sniper der Zeichnerin Yonekura Kengo. Dieser Manga, der sich ebenso wie die zuvor genannten Serien an ein primär männliches Publikum richtet, wurde auch in einer englischen Übersetzung veröffentlicht. Das an einer futuristischen, von Menschen und Mensch-Tier-Mischwesen bevölkerten High School angesiedelte Werk ist abseits seiner vielen expliziten Sexszenen geprägt von Witz und Slapstick; die düstere und sinistre Ästhetik vieler Genrewerke sucht man hier vergebens. Nicht nur darin hebt sich Pink Sniper vom Gros der Hentai-Manga ab: So wird Kengos Protagonist von seiner mit einem Umschnalldildo ausgestatteten  Traumfrau auch gerne mal von hinten genommen. Nach einem kurzen Erschaudern findet er das schließlich wunderbar. Selbst ein (kurzzeitiger) Geschlechtswechsel bleibt ihm nicht erspart.

PS_Dildo

 

Tatsächlich zeichnete Kengo mit dem unübersetzt gebliebenen Pink Sniper Maniax später ein schwules bzw. bisexuelles Spin-Off ihres Werks, in dem der Protagonist auch Abenteuer mit anderen Männern erlebt. Allerdings wandte sich die Zeichnerin in ihrem nächsten großen Werk schon wieder traditionelleren Hentai-Motiven zu. Man darf darüber spekulieren, wie viele ihrer nicht zum Rollentausch bereiten männlichen Leser von Pink Sniper peinlich berührt hinterlassen worden sind.

Kitsune

 

Stay tuned: Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Hentai-Serie wirft Kitsune einen Blick auf die Werke von Tamaoki Benkyo, einem unter Schlankheitsfetisch leidenden Meister der erotischen Atmosphäre. Eher Mollig, konsensual und ausgelassen liebt es hingegen Millefeuille, Kitsunes Lieblings-Mangaka im Hentai-Genre. Den problematischen Geschlechterbildern im Hentai widmet sich außerdem auch eine psychoanalytisch orientierte Arbeit aus den 1980ern – Kitsune hat sie gelesen und gibt seinen Senf dazu.

Abbildungen aus: Hot Tails von Toshiki Yui (Titelbild, Abb.2); Sex Philes von Tamaoki Benkyo (Abb.1); Countdown Sex Bombs von Hiroyuki Utatane (Abb.3); Pink Sniper von Yonekura Kengo (Abb.4).

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