Und über uns schließt sich der Himmel: Inio Asanos SOLANIN

Und über uns schließt sich der Himmel: Inio Asanos SOLANIN

„Was soll ich für einen Song schreiben?“, fragt sich der junge Musiker Taneda. „Etwas gegen das System? Nur, was?“

Dass in der Welt, in der sie leben, kaum noch etwas stimmt, wissen sowohl Taneda als auch seine Freundin Meiko. Die beiden wohnen in einem kleinen Appartmenthaus in Tokyo, sind seit fast sechs Jahren zusammen und merken mehr und mehr, dass ihnen irgendetwas fehlt.

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„Ich bin nicht naiv genug, um Träumen hinterherzujagen“, sagt sich Meiko, deren Gedankenfetzen den größten Teil der Geschichte begleiten. Doch da sind auch noch ihre und Tanedas Musikerclique aus Unizeiten: Langzeitstudent Kato und seine Freundin Ai, die in einem Modegeschäft arbeitet. Und Billy, der die Apotheke seines Vaters übernommen hat. Jeden Tag aufs Neue beobachtet er einen alten Mann, der Briefe an seine verstorbene Frau schreibt und den vor dem Laden abgestellten Dekorationsfrosch mit einem Briefkasten verwechselt.

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Meiko, Taneda, Kato, Ai und Billy haben sich im hier und heute irgendwie eingerichtet und wissen doch, dass ihnen etwas fehlt. Was es ist und was die Leere in ihnen hervorruft, können sie kaum benennen. In ihren Versuchen, doch noch irgendwie glücklich zu werden, können sich trotz einiger eher japan-spezifischer Handlungsmotive auch Mitt- und Endzwanziger in Berlin, Freiburg oder Köln wieder finden.

In Tokyo, so weiß Meiko, lauert irgendwo ein Monster. Es muss jenes Monster sein, das einen auch in jeder anderen großen Stadt jederzeit aufzufressen droht. Und auch auf dem Land ist man vor ihm, das statt Feuer nur Trauer, Einsamkeit und Leere speit, nicht sicher (man denke nur an die berühmte Kurzgeschichte „Das Sonnenblumenfeld“, die der Autor von Solanin vor einigen Jahren veröffentlicht hat). Inio Asanos Protagonisten kämpfen mit dem Monster und rennen der Sonne hinterher, während hinter jeder Ecke die Begegnung mit den eigenen Abgründen, den verlorenen Träumen und den verpassten Gelegenheiten lauert. Wird die Wiederbelebung der gemeinsamen Band aus Studententagen die Resignation vertreiben können?

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Inio Asano wird von japanischen Medien wie der konservativen Yomiuri Shinbun gerne als „Stimme einer Generation“ bezeichnet. Gerade Solanin mag den Leser dazu bewegen, dieser Diagnose zuzustimmen. Denn wie auch andere Werke dieses Autors zeigt er eine Misere auf, die vielen jungen Menschen in Japan sicherlich bewusst ist – deren Abschaffung für die junge Generation dort aber noch weniger auf der Tagesordnung steht als für ihre ebenfalls protestmüden und daher zu keinerlei Hochmut berechtigten Altersgenossen in der BRD. Solanin wirkt daher als Zeitdiagnose und Anklage, aus der jedoch keine gesellschaftlich-politischen Konsequenzen gezogen werden. Asano kritisiert und benennt; seine Helden suchen derweil Zuflucht im Privaten bzw. in der Liebe oder zerbrechen am Bestehenden, statt Einsicht in seine Veränderbarkeit zu erhalten.

Trotz alledem ist Solanin eine wunderbare Geschichte über Liebe, Freundschaft, Hoffnung und Resignation. Der Autor dieses Artikels hat in fast zwanzig Jahren Beschäftigung mit Manga noch kein Werk gelesen, das ihn so traurig gemacht hat. Und war dennoch jedesmal aufs Neue froh, sobald sich zwischen Monstern und Häuserschluchten ein kleiner Lichtstrahl zeigte. Bisweilen musste er an eine (auf TR schon aus der Akira-Rezension bekannte) grauenvolle Lieblingsband aller Postmoderne-affinen Kulturwissenschaftsstudenten, Popliteratur-geschädigter Germanisten und antitotalitärer Cordhosenträger der 1990er Jahren denken – von der dennoch auch einige schöne Sätze überliefert sind: „Die Schönheit der Chance, dass wir unser Leben lieben, so spät es auch ist“ (Tomte). Bei aller Trauer sind es etwa ein Lächeln von Meiko oder ein Sonnenstrahl, der durchs Wohnungsfenster fällt, die das Werk vor seinem Abgleiten in die Agonie bewahren.

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Und wahrscheinlich gibt es derzeit keinen Zeichner, der in einem einzigen Panel mit seiner lächelnden Protagonistin so viel Sehnsucht, Verletzlichkeit, Verträumtheit und Hoffnung zum Ausdruck bringen kann wie Inio Asano. Auch seine Landschaftsszenen laden dazu ein, sich zu verlieren. Hin und wieder bieten sich dem Leser dagegen auch auflockernde, herrlich surreale Einblicke in Tanedas Gedankenwelt – etwa in Form einer Gipfelkonferenz seines Ichs, bei der sich Geschlechtstrieb und Pessimismus gegenseitig ins Wort fallen.

Abschließend bleibt nur der Aufruf, diesen Manga unbedingt zu lesen. Die bei Tokyopop erschienene Ausgabe besticht durch leichtes Überformat, welches Asanos wunderschöne Zeichnungen noch besser zur Geltung kommen lässt. Auch die Übersetzung von Sakura Ilgert ist tadellos; die Dialoge von Mei, Taneda und ihrer Clique wirken niemals gestelzt oder zwanghaft auf jugendlich bzw. szenig getrimmt. Bitte, kauft diesen Manga (anstatt ihn irgendwo online zu lesen oder gar herunter zu laden). Solche Werke abseits des allmächtigen Manga-Mainstreams erscheinen kaum noch auf deutsch. Und dabei gibt es von Inio Asano noch so viel zu entdecken und zu übersetzen.

Michael Streitberg

Stay tuned: Dies war nur der Auftakt zu einer eingehenderen Beschäftigung mit Inio Asano und seinen Werken – von denen mit Mädchen am Strand, Sun Village und einigen mehr auch noch weitere deutsche Ausgaben bei Tokyopop und anderswo erschienen sind. Bis zur Jahresmitte muss der Autor sie allesamt durcharbeiten – ist er dann doch kein Endzwanziger mehr und wird sich, seinem reifen Alter entsprechend, in ein Landhaus im Brandenburgischen zurückziehen. Dort wird er von da an nur noch über Whisky, Sakraloperetten sowie Yakuza-Manga aus den 1970/80ern berichten und womöglich einen Ratgeber zum Thema „Liebe im Alter“ verfassen.

 

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Abbildungen aus: „Solanin, vol.1“ Copyright © 2006 by Shogakukan. Deutsche Ausgabe erschienen bei Tokyopop GmbH, Hamburg, 2013.

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