Mal lesen: OSAMU TEZUKA

Mal lesen: OSAMU TEZUKA

Wie sich dem „Gott des Manga“ nähern? Ein Einstiegsversuch mit weißen Tigern und sagenumwobenen Feuervögeln.

Obwohl ich mich nun schon über ein Jahrzehnt zu den Manga-Lesern zähle, habe ich mich erst vor knapp einem Jahr an Osamu Tezuka gewagt. Irgendwie seltsam, denn Tezuka ist nach Miyazaki vielleicht der Name, dem man im Laufe seines Manga-und-Anime-Daseins am häufigsten begegnet. Doch weder das Wissen darum, dass er wie ein Wahnsinniger bis zu seinem Lebensende abertausende Manga-Seiten gezeichnet hat, noch die Tatsache, dass er dem Zeichentrickfilm überhaupt erst den TV-Durchbruch bescherte, konnte mich zu einem Blick in seine Werke verleiten. Auch die Information, dass ihm die Japaner das Prädikat „Gott des Manga“ verliehen haben, hinterließ mich seltsam unberührt. Ebenso wenig Carlsens unermüdliche Anzeigeversuche für Astro Boy in der Banzai! und ungefähr allen anderen Taschenbüchern.

Vielleicht wollte ich nicht einsehen, dass ein Junge mit Raketenfüßen und Dauer-Gel-Frisur spannende Abenteuer verspricht. Wohl eher aber war es der rundliche, kulleraugige, kindlich anmutende Stil, der es mir keine Lust auf Tezuka machte. Auf den ersten Blick wirken seine Figuren so, als seien sie heute nicht mehr von Belang. Irgendwie angestaubt. Zu deutlich merkt man gerade den frühen Werken an, dass Tezuka Walt Disney vergöttert hat. Man würde, wenn man es nicht besser wüsste, seine Manga auf den ersten Blick eher als US-Cartoon einordnen, statt als japanischen Comic.

Des Weiteren halten frühe und bekannte Werke wie beispielsweise Kimba, der weiße Löwe erzählerisch nicht, was der große Name Tezuka verspricht. Aus heutiger Sicht bieten die Abenteuer des weißen Löwen wenig Aufregendes. Wie Kimba als kleiner Löwe in die Hände einer Menschen-Familie gerät, sich mit ihnen anfreundet und sich später deshalb umso deutlicher als Herrscher des Dschungels den Respekt der Tiere erarbeiten muss, liest sich trotz der episodenhaften Erzählweise zwar vergnüglich. Doch mitgenommen hat mich das Werk trotz ernster Zwischentöne nicht. Einige der Episoden wirken gar mehr wie eine Aneinanderreihung von Slapstick-Szenen, deren Charme allein darin liegt, dass sie aufrichtig ironiefrei daher kommen und stets harmlos bleiben. Wenn die Serie verzückt, dann dadurch, dass sie an eine vermeintlich unschuldige Zeit erinnert, die es nicht gegeben haben kann. Kimba ist letztlich die Utopie eines tier- wie auch menschenfreundlichen Kolonialismus.

Bacchus

Kurzum: wäre Kimba meine erste Tezuka-Erfahrung gewesen, ich weiß nicht, ob ich dem Altmeister so schnell eine zweite Chance gegeben hätte – und hätte so nie erfahren, was für ein brillanter Erzähler er war.

 

Die Welt und was sie zusammenhält (Spoiler: ein Vogel)

Stattdessen war es Hi no Tori (jap. für Phönix), das mich zu einem angehenden Tezuka-Jünger machte: Daryl Surat gab in einer Folge des wunderbaren Anime World Order Podcasts sein Bestes, Tezukas Lebenswerk zusammenzufassen. Seiner Ansicht nach scheiterte er, weil er sich in der Aufzählung aller Adaptionen der 12 bändigen Manga-Serie verhaspelte. Er meinte, das Großartige an der Serie nicht geschafft habe in Worte zu packen. Ich war trotzdem angefixt, denn das Konzept ist wahnsinnig und deshalb genial:

Jeder Band erzählt eine eigene Geschichte über die Menschheit. Zusammengehalten werden die Erzählungen durch die in jedem Band auftauchende Sagengestalt des Feuervogels Phönix, dessen Blut unendliches Leben verspricht. Während die erste Geschichte (Dawn) in der weit zurückliegenden Vergangenheit angesiedelt ist, springt der zweite Band (Future) ins vierte Jahrtausend. Die folgenden Bände behalten das Prinzip des Hin- und Herspringens bei und bewegen sich dabei zeitlich auf eine gemeinsame Mitte zu. Der letzte Band hätte Vergangenheit und Zukunft somit in der Gegenwart vereint.

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Die Betonung liegt auf „hätte“, denn Hi no Tori bleibt durch Tezukas Tod 1989, im Alter von nur 60 Jahren, unvollendet. Das ist schade, aber unerheblicher als man meinen könnte . Die Idee für sich, eine Art Meta-Physik der Menschheitsgeschichte als unterhaltsame Manga-Serie zu entwickeln, ist schlichtweg irre und einzigartig. Wenn man sich um Vergleiche bemühte, kommt am ehesten die leider zu wenig beachtete Roman-Verfilmung Cloud Atlas ins Gedächtnis. In ihrem Unterfangen ähnelt sie Hi no Tori durchaus, wenn auch in kleinerem Maßstab.

Das Gute an der kosmischen Struktur des Ganzen ist, dass sie Tezuka verschiedenste Szenarien gestattet, von historischer Erzählung (Dawn, Civil War), über philosophierende Science-Fiction (Future, Resurrection) bis hin zur Versinnbildlichung der buddhistischen Reinkarnationslehre (Karma). Immer wieder geht Tezuka den Fragen nach, was der Platz des Menschen im Großen Ganzen ist, wie er sich gegenüber seinen Mitmenschen verhält, warum es auf der Welt zu Kriegen kommt; und nicht zuletzt, wie es um die Liebe zwischen Mensch und Mensch oder auch Mensch und Maschine bestellt ist. Jeder Band ist auf seine eigene Weise unterhaltsam und kann trotz der übergreifenden Erzählstruktur für sich alleine stehen.

Als Einstieg lege ich euch unbedingt den zweiten Band, „Future“, nahe. Die Ideendichte ist in keinem anderen Band so hoch wie in diesem. Die Handlung ist in der dystopischen Zukunft des Jahres 3404 angesiedelt. Flora und Fauna existieren nicht mehr, die Erdoberfläche ist unbewohnbar. Die Menschheit hat sich in fünf große Mega-Cities in den Untergrund zurückgezogen, die aufgrund von Überbevölkerung aus allen Nähten platzen. Unter die Menschen haben sich Gestaltenwandler gemischt, sogenannte „Moopies“. Die freundlichen, den Menschen zugeneigte Wesen, können mithilfe ihrer Fantasie Menschen an jedmöglichen Ort versetzen. Doch die Moopies wurden für illegal erklärt. Nicht etwa von den Menschen selbst, sondern von den Zentral-Computern, die alle wichtigen politischen Entscheidungen treffen und deren Untertanen die Menschen faktisch sind. Der Protagonist flieht mit seiner aufgeflogenen Moopie-Freundin zu einem Wissenschaftler, der ein Dasein als Eremit fristet und seit Jahren vergeblich versucht, Leben aus dem Reagenzglas zu erschaffen. So will er die Erde wieder zu einem lebendigen Planeten zu machen. Wenig später erklären sich die Zentral-Computer der Mega-Cities gegenseitig den Krieg. Innerhalb weniger Sekunden sind alle Städte vernichtet.

An dieser Stelle ist nicht mal die Hälfte des Bandes durchblättert. Bis dahin noch keine Spur des titelgebenden Phönix; noch hat der Protagonist nicht das ewige Leben erlangt, noch wurde die Handlung nicht durch eine Parabel auf die Menschheit anhand von Schnecken-Aliens unterbrochen.

 

Was für ein verdammtes Meisterwerk!

Was mich so fasziniert ist, wie spielend leicht die Handlung dabei erzählt wird. All diese Ideen sind nicht einfach nur da, um da zu sein und bewundert zu werden. Eine Idee treibt die nächste voran, lässt einen Seite um Seite umblättern, ohne dass man auch nur einmal ins „Ja, is‘ klar!“-Stutzen verfällt. Tezuka ist für mich deshalb ein echter Meister des Erzähl-Flows und der Comic gewordene Beweis von „Viel hilft viel“.

Hinzu kommt, dass Tezuka sich hier auch zeichnerisch in vielerlei Hinsicht ausprobiert. Hier zeigt sich, dass er das konventionelle comicstrip-artige Paneling, wie noch in Kimba, endgültig aufbricht. Das anfangs noch geordnete, wie mit dem Lineal gezogene Panel-Layout löst sich mit fortlaufender Handlung in großflächige Bildsequenzen auf. Wenn hier die Menschheit untergeht, dann in aller zerstörerischen Pracht. Wenn sie wieder aufersteht, dann mit aller Pracht der Schöpfung. „Future“ ist die kosmische Essenz der Grundidee von Hi no Tori.

Eigentlich wollte ich an diesem Punkt noch erwähnen, dass Hi no Tori nur mein persönlicher Königsweg war und darauf aufmerksam machen, dass es auch weitere gute Einstiegsmöglichkeiten gibt. Je länger ich aber an diesem Artikel sitze, desto überzeugter bin ich allerdings, dass „Future“ die anderen Werke (zumindest was die Dimension angeht) in den Schatten stellt. Deshalb: Vergesst Astro Boy, vergesst Kimba, vergesst dass euch die Beschaffung unverschämt teuer zu stehen kommt oder euch wahlweise in die Kriminalität treibt, und lest „Future“. Wenn es euch gekriegt hat, lesen wir uns weiter!

Auf Deutsch ist Hi no Tori bislang nicht erschienen (Carlsen, ihr seid gefragt!). Dafür gibt es eine wunderbare englische Gesamtausgabe in der Übersetzung von Jared Cook und Manga-Journalismus-Urgestein Frederik L. Schodt, erschienen bei Viz Media. Leider sind die Preise mittlerweile genauso kosmisch wie der Inhalt. Sprachkundige können deshalb auf ggf. billigere Ausgaben aus Frankreich oder Spanien zurückgreifen. Eine 2004 erschienene 13-teilige Anime-Umsetzung einiger Bände bietet ersatzweise eine alternative Einstiegsmöglichkeit. Das „Future“-Segment bilden die letzten beiden Folgen.

 

Lukas Laier

 

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Stay tuned: im zweiten Teil des hundertteiligen Tezuka-Bekehrungsversuchs stellt euch der Autor zwei weitere Lieblingswerke vor und spricht darüber, warum es vielleicht keine schlechte Sache war, dass Tezuka seinen Doktor in Medizin gemacht hat. Außerdem: der Freispruch Tezukas von politischer Uninteressiertheit. Der Phönix sei mit euch und beschere euch menschlichere Preise als auf Amazon!

 

Abbildungen aus: „Phoenix: Future“ © 2004 by Tezuka Productions/Viz Media, LLC; „Kimba, der weisse Löwe“ (Band 2) © 2012 by Tezuka Productions/Carlsen Verlag GmbH, Hamburg.

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