Im bunten Taumel durch Halle 1: Leipziger Buchmesse 2015

Im bunten Taumel durch Halle 1: Leipziger Buchmesse 2015

Tanuki Republic war am Start. Micha blickt zurück auf Nudelpfanne im Schneidersitz, Katzenohren und ausführliche Interviews.

Was bleibt, ist der Farbenrausch und das Gefühl, von allem ein Wenig zu viel gehabt zu haben – verbunden mit dem festen Entschluss, all das und noch viel mehr im nächsten Jahr zu wiederholen.

Ruhelosigkeit überkommt mich bereits, als ich zum ersten Mal die Halle 1, den Manga- und Comicbereich der Leipziger Buchmesse betrete. Eine sichtlich miesgelaunte Bunny (bzw. Usagi) Tsukino (Sailor Moon), ein Riddler samt Poison Ivy (Batman) und eine fröhlich dreinschauende Yuna aus Final Fantasy rauschen an Lukas und mir vorbei; filigran geschneiderte Kostüme, Fuchsmasken und Katzenohren werden von unzähligen verkleideten Menschen zur Schau getragen. Zwischen Plastikschwertern und Furries (flauschigen Mensch-Tier-Mischwesen, die im Innenhof auch ihr eigenes, kleines Stelldichein feiern) plärren zahlreiche Lautsprecher von allerlei Ständen, die Mangas, DVDs, lange Kuschelkissen mit Moe-Mädchen im BH und allerlei anderen Nippes verkaufen. Auf der Bühne hatten einen Tag zuvor orthodoxe Sailor Moon-Fans die Rückkehr ihrer Serie ins Fernsehen gefordert und tatsächlich die Frage gestellt, wann Österreich denn „den Anschluss“ an die deutsche Fanszene schaffe. Diese Formulierung sei historisch etwas heikel, bemerkte eine peinlich berührte Moderation. Heute tobt eine Anime-Modeschau – wobei kein Cosplay zelebriert, sondern vermeintlich authentische Alltagskluft für Otakus angepriesen wird.

 

Durch all das dichte und knallbunte Gewusel bahnen wir uns den Weg zum Stand der Jungen Welt, der sich naheliegender Weise in einer anderen Halle befindet. Wir werden freundlich empfangen und fangen wenig später mit unserem Vortrag an, der von Georg Hoppe (JW) moderiert wird. Unser Thema heißt: „Comics und Klassenkampf. Manga als politisches Medium“. Wir versuchen damit, einen anderen möglichen Zugang zu unserem Thema aufzuzeigen als den, der in Halle 1 überwiegt. Den Start machen wir bei Osamu Tezuka, der in japan als “Gott des Manga” verehrt wird. Bald kommen wir jedoch auf die Gekiga-Bewegung zu sprechen, die Schluss machen wollte mit der Cartoon-Optik. Mit Gekiga öffnete sich die Kunstform Manga neuen Zeichenstilen und Themen, die ein ganz anderes Publikum ansprachen.  Wir behandeln vor allem linke Künstler wie Sanpei Shirato (Kamui-Den). Dennoch gehen wir auch auf rechte, nationalistische Zeichner wie Kobayashi Yoshinori ( u.a.: Shin Gōmanism Sengen Supesharu – Sensō Ron ) ein. Leider sind es letztere, die in Japan derzeit die größten Erfolge feiern. Am Stand der JW hört der Strom der Menschen unterdessen nicht auf; dennoch versammeln sich zahlreiche Zuhörer und bleiben stehen. Besonders freut uns, dass auch Cosplayer und andere Leute aus der weit entfernten, bunten Halle zu uns gekommen sind.

Nachdem wir noch einige Gespräche mit interessierten Menschen geführt und unsere eigens für diesen Anlass gedruckten Flyer verteilt haben, müssen wir auch schon wieder los: Ein JW-Artikel über das Geschehen in Halle 1 will geschrieben werden. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Zurück im Chaos setzen wir uns irgendwo auf den Boden und essen eine Nudelpfanne (die Sitzplätze hier sind rar). Danach machen wir uns auf den Weg zu den Ständen der Verlage und bemühen uns um Interviews. Wir erfahren allerlei Wissenswertes über die gegenwärtige Situation der deutschen Mangazeichner, das Erwachsenwerden der Dragonball-Leser und den überraschenden Siegeszug der Softcore-Erotik. Und wir hoffen sehr, euch all das bald zugänglich machen zu können. Stay tuned!

Da wir uns zeitlich etwas verkalkuliert haben, hasten wir nun in die Presselounge und stehen vor der Aufgabe, in eineinhalb Stunden einen lesbaren und informativen Artikel zu produzieren. Lukas und ich werfen uns Wortfetzen zu, rufen Ideen in den Raum und ich hacke auf der Tastatur des uns freundlicherweise ausgeliehenen Notebooks herum. Zwischendurch liefern wir uns immer wieder erbitterte Debatten über einzelne Formulierungen. „Dass kann man so nicht sagen!“ [Mit staatstragend, geradezu Zeit-Feuilletonkompatibel geschwellter Brust]: „Man kann es nicht nur, man muss es sogar!“„Zu lasch!“, „Ausgelutscht und abgegriffen!“ Die Uhr tickt, und hinter uns schreibt jemand Tagebuch. Wir wüssten gerne, ob wir Teil einer Abhandlung über die Abgründe der Buchmessenberichterstattung geworden sind. Wie auch immer, der Artikel ist im Kasten.

Es wird dunkel, aber wir sind völlig geschafft und zu müde für Leipzigs Nachtleben – seien es nun Politkneipen, richtige Kneipen oder „antideutsche“ Technoschuppen, in denen wir mit zugedrogten Menschen über deren letzte Adorno-Hausarbeit oder die politische Linie der jungen Welt diskutieren könnten.

Nach einem geselligen und gemütlichen Abendessen falle ich ins Bett, Lukas macht es anderswo recht ähnlich. Der Bus am nächsten Morgen fährt schon in aller Frühe. Müde, geschafft und sehr zufrieden schlurfen wir später dem anbrechenden Berliner Tag entgegen.

Was wir mitnehmen, sind inspirierende Gespräche, unzählige neue Ideen für viele weitere Artikel und die Gewissheit, dass wir nächstes Jahr wiederkommen werden – in welchem Rahmen auch immer. Vielen Dank noch mal an die Junge Welt für die Möglichkeit, uns an ihrem Stand zu präsentieren – und Danke an Georg für die tolle Moderation. Danke auch an alle, die uns zugehört und das Gespräch mit uns gesucht haben. Bis bald, Leipzig. Bis bald, Katzenohren.

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