Joachim Kaps: Keine Aliens auf Seite 3

Joachim Kaps: Keine Aliens auf Seite 3

Als Redakteur betreute er mit Dragon Ball die erste Manga-Taschenbuchreihe auf dem deutschen Markt, mit Robert Labs verlegte er den ersten deutschen Mangazeichner. Als führender Kopf von Tokyopop Deutschland will Dr. Joachim Kaps jetzt der neuen Generation deutscher Mangazeichner beim Geschichtenerzählen unter die Arme greifen. Auf der Leipziger Buchmesse stand er Tanuki Republic zu diesem und anderen Themen Rede und Antwort. Ein Gespräch über die Chancen für den deutschen Mangamarkt, den deutschen Blick auf Japan, und fröhlich pieselnde Manga-Helden.

 

Tanuki Republic: Herr Kaps, Sie hatten auf einer Podiumsdiskussion hier auf der Leipziger Buchmesse angemerkt, dass Sie als Verlag mehr Workshops für deutsche Mangaka anbieten möchten. Sie möchten aus guten Mangazeichnern auch gute Erzähler machen. Geht das so einfach?

Joachim Kaps: Was wir da versuchen folgt einer simplen Grundüberzeugung, die nebenbei nicht nur für Deutschland gilt, sondern auch für andere Comic-Märkte. Ein guter Zeichner zu sein und gleichzeitig ein guter Geschichtenerzähler zu sein – das ist sehr schwierig. Es passiert äußerst selten – und das gilt auch für Japan – dass jemand in beidem wirklich exzellent ist. Ein schönes Beispiel ist der Kollege Obata (Zeichner von Death Note), den wir hier auf der Messe haben. Er war Zeit seines Lebens dankbar dafür, Szenaristen an seiner Seite zu haben. Er sagt offen, das Erzählen sei nicht seine Stärke. Er hat zwar Ideen für Geschichten, kann sie aber nicht ausformulieren, nicht auf den Punkt bringen, nicht die Dramaturgie so formen, wie er das möchte. Das wollen wir den jungen Talenten in Deutschland mitgeben. Und wir haben zurzeit unglaublich tolle Zeichner am Start!

 

Und deutlich mehr Zeichner als vor einigen Jahren.

Sehr viel mehr und sehr viel bessere. Und ich behaupte auch, dass wir talentierte Zeichner haben. Anders als noch vor 15 Jahren, kann man ihre Arbeiten nicht mehr von denen eines japanischen Zeichners unterscheiden, wenn sie die Bilder nebeneinander legen. Da haben die Zeichner sich durch Eigenstudium und Training sehr weiterentwickelt.

Beim Zeichnen ist das ja auch möglich – zu verstehen, wie Dramaturgie funktioniert, ist hingegen nicht unbedingt etwas, das man sich selbst im gleichen Maße erarbeiten kann. Es gibt im europäischen Umland ja nicht umsonst Kurse, Schulen etc. für so etwas, die Leute auch im Erzählen von Geschichten ausbilden. Da es diese Schulen hier nicht gibt, müssen wir von einer anderen Seite kommen. Genau das versprechen wir uns von den Workshops und der intensiveren redaktionellen Betreuung bei neuen Projekten.

Es geht nicht darum zu zeigen, dass die Zeichner etwas falsch machen. Es geht darum zu sagen: ich hab hier einen Edelstein. Aber erst wenn ich ihn noch weiter poliere, sehe ich seine eigentliche Strahlkraft. Es ist ja nicht so, dass keine guten Ideen da sind. Manchmal, vor lauter Begeisterung am Zeichnen, verlieren die Leute aber aus den Augen, in welchen Schritten man am besten vorgeht, zum Beispiel beim Aufbau einer Figur. Wir haben zurzeit viele Doujinshi (von Amateuren/Fans gezeichnete Mangas), bei denen habe ich auf Seite 15 den ersten Höhepunkt und eigentlich bereits alles über den Charakter und die Mission der Hauptfigur erfahren. Danach plätschert dann 185 Seiten irgendetwas hinterher. Das ist keine gute Dramaturgie.

Ich persönlich bin sehr geprägt von Akira Toriyama, weil meine erste Serie als Redakteur damals Dragon Ball war. Da sehe ich im ersten Kapitel, wie Son-Goku durch die Wälder hüpft, in den Fluss pieselt, ein bisschen angelt und zurück nach Hause läuft. Da könnte man meinen: Ist ja total albern! Aber dass Toriyama sich die Zeit nimmt, diese Figur so aufzubauen und uns erstmal durch diese unbedeutende Handlung Son-Gokus Naivität vermittelt… Dadurch entsteht ein Charakter. Insofern darf eine Geschichte nicht nach dem Schema funktionieren: Tür auf und Action – die Welt wird von Aliens torpediert. Das kann nie im Leben eine Seite 3 sein. Erstmal muss man wissen: Wer ist der Held? Wie tickt der? Was zeichnet ihn aus? Hat er Freunde? Wie ticken die? Dann dürfen meinetwegen auch die Aliens kommen.

 

Haben die Autoren den Wunsch nach mehr Betreuung selbst geäußert?

Das Erstaunliche ist: den Autoren ist durchaus bewusst, dass sie sich in den letzten Jahren vor allem auf den zeichnerischen Aspekt konzentriert haben. Unserer Erfahrung nach sind sie sehr dankbar, wenn sie nun Unterstützung bei den Stories erhalten. Mit der ersten Manga Academy bei uns, mit sechs ausgewählten Mangaka, haben wir getestet: lässt sich das vermitteln? Was kann in so einem Workshop überhaupt erarbeitet werden?

Obwohl wir den Workshop nicht publik gemacht haben, haben schon viele andere nachgefragt, ob sie teilnehmen dürfen. Das zeigt für mich: die jungen Talenten heute haben eine irre Motivation und stecken einen hohen Aufwand in ihr Tun. Nur wissen sie im Punkt Storytelling oft nicht: Wer kann mir da helfen? Sie haben eben nicht die großen Meister, die ihnen persönlich Tipps geben können wie die Kollegen in Japan.

 

Das dortige System, dass man bei einem Zeichner in die Lehre geht, sein Assistent wird und sich auf diese Weise hocharbeitet, ist hier nicht etabliert.

Genau, eben das geht nicht. Wir haben natürlich nicht den Anspruch, einen großen Zeichner zu ersetzen. Wir glauben aber schon, dass es bestimmte Techniken und Leute mit Wissen aus anderen Bereichen gibt, die wir in unsere Manga-Welt holen können. Und dass wir in der Aufbauphase zumindest eine Art der Hilfestellung anbieten könnten. Wir hoffen immer noch, dass sich dadurch die ersten zwei, drei großartigen Mangaka hier entwickeln können, die irgendwann tatsächlich ihre eigenen Assistenten haben. Man muss nur irgendwo anfangen. Da ich leider Herrn Obata nicht dazu bewegen kann, nach Deutschland zu kommen und sich sechs deutsche Assistenten zu nehmen, müssen wir es eben anders machen.

 

Der Versuch einer Grundsteinlegung?

Das ist der Versuch. Ob er gelingen wird, können wir alle in fünf Jahren beurteilen. Aber ich finde, wir müssen es versuchen. Die Verlage dürfen sich nicht – und das kritisiere ich durchaus auch an unserem Vorgehen in den letzten zehn Jahren – zurücklehnen und darauf warten, dass ein Wunder passiert und der Millionseller von alleine durch die Tür gelaufen kommt.

 

Wie ist Ihre Strategie im Verlagsprogramm? Wie viele deutsche Mangaka können Sie sich aktuell leisten? Wer entscheidet, wie viel Shojo und Shonen reinmuss, bevor Sie sich einen Künstler wie Inio Asano gönnen?

Das Programm hat natürlich eine bestimmte Struktur, die sich erst einmal an den wirtschaftlichen Notwendigkeiten orientiert. Mit der Zahl der Titel und der Zusammensetzung des Programms versuchen wir rein rechnerisch mit den Neuerscheinungen auf ein gutes Umsatz-Level kommen. Unser Geschäft ist ja zweigeteilt in Neuerscheinungen und die sogenannte Backlist (Publikationen aus vergangenen Programmen). Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir endlich zum Teil auch von unserer Backlist leben können, denn wir haben mittlerweile einen gut ausgebauten Katalog. Death Note verkauft sich beispielsweise immer noch sehr gut, da müssen wir nicht viel mehr tun, als nachzudrucken und dafür zu sorgen, dass die Leute das Thema nicht vergessen.

Bei den Neuerscheinungen legen wir hingegen ein bestimmtes Umsatzziel fest, das auch abhängig von der Zusammensetzung des gesamten Programms ist. Verschiedene Titel und Genres behandeln wir dabei unterschiedlich. Shojo-Mangas sind zum Beispiel ein Bereich, in dem Sie sehr treue Leser haben. Viele von ihnen lesen auch mehrere Autoren gleichzeitig; die meisten Shojo-Leser kaufen auch deutlich mehr als die Shonen-Leser. Bei den Shonen-Lesern können Sie dagegen mit bestimmten Serien Auflagenzahlen erreichen, die Sie bei Shojo-Titeln in Deutschland im Moment nicht schaffen. Hier kommen also verschiedene Logiken ins Spiel. Im Seinen-Bereich haben wir bestimmte Produkte dazu genommen, von denen wir wissen, dass ihr Klientel derzeit noch kleiner ist. Deshalb kommen die Bände im Zweifelsfall in einem anderen Format daher. Beispielsweise BTOOOM!Elfen Lied oder Deadman Wonderland. Die Bücher sind deshalb nicht teurer. Ob ich zweimal sieben Euro zahle oder einmal 14 Euro für einen umfangreicheren Band ist am Ende dasselbe. In unserer Umsatzplanung ist es aber schon ein Unterschied, ob ich diese 14 Euro im Januar hole oder sieben Euro im Januar, sieben im April.

 

Die Werke von Inio Asano, z.B. Solanin, haben Sie in einer edleren Edition mit schwarzem Cover hearusgebracht. Ist das der Versuch eines Brückenschlags zwischen der üblichen Manga-und der Graphic Novel-Leserschaft?

Da spielen zwei Sachen mit rein: Zum einen wissen wir, dass die Graphic Novel-Leserschaft Manga bis auf wenige Ausnahmen ignorieren. Jiro Taniguchi wäre beispielsweise so eine Ausnahme. Wir wollten mit den Asano-Ausgaben in der Tat eine buchähnlichere Optik erreichen. Zum anderen haben wir Asanos Werke von drei verschiedenen Verlagen zusammengekauft. In Japan ist all das ja über einen sehr langen Zeitraum hinweg entstanden. Als wir es schließlich bei uns auf dem Tisch liegen hatten, haben ich und einige andere Hardcore Asano-Fans im Verlag die sehr experimentellen Cover der japanischen Ausgaben beäugt. Und da war klar: Wenn wir das in Deutschland den Verkäufern auf den Tisch legen, sagen die nur: “brauchen wir nicht!”. Wir wollten aber, dass die Titel bei Thalia und anderswo stehen und gesehen werden können. Deshalb haben wir versucht, eine für unseren Markt adäquate Verpackung zu finden, die zudem diesen Autor in einem bestimmten Design präsentiert. Das mag Puristen nicht immer gefallen, aber die Alternative wäre gewesen, den Titel nur in Comic-Shops liegen zu sehen. Und ich denke schon, dass dieser Autor seine Leser auch im Buchhandel finden kann.

 

Gehen Sie mit Inio Asano ein Wagnis ein?

Klar, die potentielle Zielgruppe von Asanos Werken ist eindeutig kleiner als beispielsweise die von One Piece. Ich glaube allerdings fest daran, dass ein Verlag – wenn er das, was er macht, gerne macht – nicht nur aus Bestsellern bestehen kann. Es gibt im Moment im Buchhandel die blöde Tendenz, auch bei Belletristik-Verlagen, dass alle nur noch Bestseller wollen. Am liebsten fünf davon und sonst keine weiteren Bücher. Das ist zwar schön unaufwendig. Aber ich glaube nicht, dass diese Herangehensweise gut ist für die inhaltliche Entwicklung eines Segments. Dinge, die heute klein sind, können in ein paar Jahren groß sein.

Ich habe am Anfang meiner Karriere bei Carlsen zwei Jahre lang dafür kämpfen müssen, dass Dragon Ball in Deutschland ein Publikum gefunden hat. Viele vergessen solche Sachen. Dragon Ball lief am Anfang absolut gar nicht gut. Wir hatten viele Krisensitzungen. Das Taschenbuchformat war damals noch neu, weshalb wir lange gebraucht haben, es den Leuten nahezubringen. Es hat wirklich knapp zwei Jahre gedauert bis die Zahlen hochgingen. Vorher haben wir intern nur mit uns gerungen und uns gefragt, warum es keiner haben will. Wenn ich so ticken würde wie manche der Belletristik-Verlage, hätten wir zu dem Zeitpunkt, als Dragon Ball ein Hit wurde schon gar kein Dragon Ball mehr gehabt. So möchte ich zumindest in meinem Leben nicht mehr werden und auch sonst will bei Tokyopop keiner so arbeiten.

Insofern entspringt die Veröffentlichung von Asanos Werken bei uns einerseits der Begeisterung für einen großartigen Autor, andererseits aber auch dem festen Glauben daran, dass der Manga-Markt sich verändert. Er wird immer größer. Wir haben seit Jahren ein stabiles Wachstum in Deutschland, um das uns andere Länder beneiden. Wenn ein Markt größer wird, werden die Interessen der Leute automatisch spezieller. Ich glaube, dass das Projekt Asano für uns auf lange Sicht eine sinnvolle Investition ist. Es wird länger dauern, aber ich glaube fest, dass wir auch von Asano gute Stückzahlen verkaufen werden.

 

Ist das auch der Versuch, Manga wieder mehr als eine Kunstform zu etablieren? Mitunter scheint es so, als würden die Manga-Verlage tatsächlich nur noch auf Bestseller setzen. Wenn wir zehn Jahre zurückschauen, wurden noch Wagnisse eingegangen, wie etwa die Veröffentlichung von 20th Century Boys von Naoki Urasawa oder Lone Wolf and Cub (beide Panini/Planet Manga). Beide Serien wurden nie wieder aufgelegt und Planet Manga setzt heute auf Werke aus einem ganz anderen Spektrum. Es scheint, als würden Sie versuchen, hier andere Akzente zu setzen.

Das ist fairerweise auch eine Frage der Zeit. Lone Wolf and Cub und 20th Century Boys waren meiner Einschätzung nach einfach zehn Jahre zu früh, weil der Markt insgesamt eine andere Größe hatte. Vor zehn Jahren bestand Manga auf der Leipziger Buchmesser aus genau drei Ständen mit nichts drumrum. Heute haben wir hier eine Halle, die den ganzen Tag prall gefüllt ist. Das heißt, die Zahl der Leute, die sich dafür interessieren, ist insgesamt größer geworden. Die Chance mit solchen Projekten zumindest eine schwarze Null zu schreiben und sich nicht selbst zu strangulieren, ist damit auch deutlich gewachsen Dark Horse hat es auf dem nord-amerikanischen Markt mit einer Neuausgabe von Lone Wolf and Cub gezeigt. Im ersten Anlauf war die Serie in den USA auch kein Hit, jetzt läuft sie, meines Wissens nach, sehr gut. Einfach weil es mittlerweile ein anderes Publikum gibt. Die Szene musste erstmal wachsen, um Experimente machen zu können. Damals dachten die Verlage aufgrund des Sailor Moon– und Dragon Ball-Hypes noch, die Welt sei grenzenlos. Sie haben zu schnell experimentiert und sind teilweise böse auf die Nase gefallen. Das hat verschreckt. Viele haben alle Türen und Fenster zugemacht und sich nicht mehr an dergleichen rangetraut. Ich denke aber, dass im Moment vieles dafür spricht, dass man diese Türen und Fenster wieder öffnen kann und sogar sollte. Ich glaube, die Kollegen von Carlsen sehen das ähnlich, sonst hätten sie es mit Jiro Taniguchi nicht probiert. Ich denke, dass in den nächsten Jahren wieder mehr ausprobiert werden wird.

 

Wo könnten Sie mit Tokyopop in fünf Jahren stehen?

Wir sind definitiv nicht am Ende der Möglichkeiten des deutschen Marktes. Im Moment sind wir sehr gesegnet, denn es spielen auch Faktoren mit hinein, die mit Manga nichts zu tun haben. Deutschland steht wirtschaftlich relativ gut da in der Welt. Die Leute können ganz einfach Geld ausgeben. Das ist natürlich wichtig, wenn man einen Markt aufbaut. Wir haben in den letzten fünf Jahren ein stabiles Wachstum, was dazu führt, dass immer mehr Verkaufsstellen neugierig auf Manga werden. Es ist tatsächlich auch so, dass wir mit Manga mittlerweile auch in Bereiche vordringen, in die wir vorher nie gekommen sind. Das heißt, da sind noch zusätzliche Potentiale.

Ich bin, was den Markt angeht, für die nächsten fünf Jahre sehr guter Dinge, weil so viel Rückenwind in der ganzen Geschichte ist, dass das auch noch eine Weile weitergehen wird. Ich sage nicht, das Wachstum ist endlos. Irgendwann wird wieder ein Punkt kommen an dem wir sagen: für jetzt haben wir das Maximum erreicht. Den sehe ich im Moment aber tatsächlich nicht. Ich glaube auch, die Verlage verstehen gerade erst, dass es nicht das eine Manga-Publikum gibt. Es gibt mittlerweile vier, fünf relativ gut beschreibbare Typen von Manga-Lesern, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Mit dieser Vorstellung arbeiten wir bei Tokyopop.

Ein Baustein diesem Konzept ist beispielsweise unsere Kampagne “I love Shojo” in einem Segment, das eine sehr klar umrissene, relativ junge weibliche Zielgruppe hat. Wir haben festgestellt, dass die entsprechenden Werke neben den ganzen TV-Hits unterzugehen drohen. Es sind Serien, die keine Anime-Unterstützung haben. Mit der Kampagne, die wir vor etwas mehr als einem Jahr begonnen haben, sind wir sehr zufrieden. Wir haben gemerkt, dass wir den Umsatz im gesamten Segment um ca. 25% gesteigert haben. Ähnliche Dinge kann man vielleicht für die Boys Love- und die Seinen-Klientel erwägen. Da stärker auszudifferenzieren und zu sehen, wie wir die unterschiedlichen Gruppen glücklich machen, sehe ich für uns als nächste große Aufgabe.

 

Hier auf der Manga-Comic-Convention der Leipziger Buchmesse sind maximal ein bis zwei der von Ihnen erwähnten Zielgruppen anzutreffen. Wie gehen Sie mit der Ambivalenz um, dass Sie einerseits ein breiteres Publikum erreichen möchten, die Bilder von der Messe in den Medien aber ein gegenteiliges Bild vermitteln?

Das finde ich erstmal nicht schlimm. Ich finde, der größte Alptraum für Manga in Deutschland wäre ein Markt, in dem statt unserer Leser auf einmal lauter Business-Leute rumlaufen würden – ungefähr so, wie es in der Computerspiel-Branche eine Zeit lang der Fall war. Bevor Computerspiele eine gewisse Größe erreicht hatten, gab es auch dort große Image-Probleme. Dann hat die Branche unglaublich geboomt und die Atmosphäre auf bestimmten Messen ist gekippt, weil alle plötzlich nur noch versucht haben, Kohle zu machen. Da hoffe ich, dass uns das hier nicht passiert. Und ich sehe es zurzeit so auch nicht kommen.

Das Publikum hier fällt vielleicht auf eine bestimmte Art und Weise auf. Cosplayer stechen nunmal stark ins Auge. Wir stellen jedoch fest, dass durch diese Halle auch andere Leute laufen, die nicht so auffällig, aber trotzdem da sind. Laut Leipziger Messer sind letztes Jahr 89 000 Menschen durch die Halle 1 gelaufen. Nur 30 000 von denen haben angegeben, allein wegen den Manga-Comic-Convention gekommen zu sein. Positiv formuliert bedeutet das: 59 000 andere waren neugierig genug um zu schauen, was wir hier machen. Ich habe das Gefühl, dass die Zahlen dieses Jahr sogar ein wenig höher sind. Vielleicht sind jetzt schon welche dabei, die letztes Jahr zum ersten Mal hier waren, jetzt wieder vorbeischauen und in zwei Jahren vielleicht treue Fans sein werden. So gesehen, bin ich zufrieden mit dem, was ich hier sehe. Ich glaube auch nicht, dass Verlage die Macht haben, so einen Prozess zu beeinflussen.

 

Was wäre ihr persönlicher Publikationswunsch für die ferne oder utopische Zukunft, die nie sein wird?

Einen der größten hab ich mir gerade mit dem Death Note-Artbook erfüllt. Da haben wir vier oder fünf Jahre Zeit reingesteckt, bis wir das machen durften. Einzelne Titel möchte ich jetzt gar nicht nennen. Es liegen auf jeden Fall Projekte aus ganz unterschiedlichen Bereichen auf meinem Schreibtisch. Unter anderem von Autoren, die man als so ähnlich wie Asano bezeichnen könnte. Ich selbst bin ja auch keine zwölf mehr. Mein privates Leseinteresse konzentriert sich mittlerweile auch auf die eher spezielleren Sachen.

 

Würden Sie sich auch an politische Stoffe wagen? Beispielsweise an Shigeru Mizuki, Sampei Shirato (Kamui-Den) etc.?

Ich schließe das nicht aus, aber mit den Klassikern der 1960er-Jahre ist es immer schwierig. Da würde ich spontan sagen, liefen wir in die gleiche Falle wie Panini mit 20th Century Boys vor zehn Jahren. Ich denke, der Markt ist für die Klassiker noch nicht reif.

Ich bin mit französischen Comics aufgewachsen. In dem Bereich hat es auch lange gedauert, bis die Leute sich dafür interessiert haben, wie der erste Tim und Struppi ausgesehen hat.

 

Oh, der… Tim im Lande der Sowjets?

Genau, diese Urform. Ich glaube das ist bei Manga ähnlich. Ich hatte mich damals bei Carlsen beispielsweise an Astro Boy von Osamu Tezuka abgearbeitet und eine derbe Niederlage erlebt.

Im Moment habe ich das Gefühl, dass die älteren Stoffe schwerer zu vermitteln sind als die aktuellen Autoren. Der Vorteil mit letzteren ist natürlich, dass die Leute sich nicht so weit wegbewegen müssen, bis sie in deren Lebenswirklichkeit sind.

Was politische Stoffe generell angeht, bin ich zudem skeptisch, weil der japanische Blick auf Politik in vielen Bereichen ein deutlich anderer ist. Auch wenn ich da nicht pauschalisieren möchte.

 

Zum Beispiel?

Ein persönliches Beispiel ist Fukushima und das, was ich danach erlebt habe. Auf der ersten Messe nach der Katastrophe habe ich meine japanischen Kollegen getroffen und bin mit unserer deutschen Betroffenheit aufgrund der Ereignisse in die Gespräche gegangen. Ich habe gefragt: Wie schlimm war das? Wie geht’s euch? Wie lebt ihr gerade damit? Und ich habe erstaunt festgestellt, dass für meine japanischen Kollegen das Thema Atomkraft im Grunde genommen keins war. Die Gespräche bewegten sich alle sehr schnell auf das Erdbeben zu, auf die Flut und auf das, was mit den betroffenen Dörfern passiert ist. Als ich nachhakte, was sie über dieses kaputte Atomkraftwerk, diese tickende Zeitbombe, denken, habe ich gemerkt, dass das ein vollkommen europäischer bzw. deutscher Blick war. In den Nachrichten bei uns kam ja nichts anderes vor. Viele meiner japanischen Kollegen haben tatsächlich nicht verstanden von welchem Problem ich rede. Denn: die Techniker sind ja dran und haben alles im Griff. Nach wie vor erfährt Atomkraft in Japan einen irren Zuspruch. Dort ist es nur eine kleine Minderheit, die sich Gedanken darüber macht. Gerade letzte Woche hat ein führender Politiker wieder gesagt: wir brauchen Atomkraft, wir müssen sie sogar ausbauen. Wenn ich mir überlege, ob ich ein Buch mit so einem gedanklichen Hintergrund in Deutschland verlege, muss ich aufpassen. Es könnte sein, dass dann Reaktionen kommen wie: “Die Japaner spinnen ja!”. Natürlich spinnen sie nicht. Sie haben lediglich eine andere Geschichte und eine andere Denkweise in vielen Dingen. Und ich denke der politische Bereich ist dafür ein schönes Beispiel. Man müsste also sehen: was ist für ein deutsches Publikum hier vermittelbar?

 

Es mangelt also an Schnittpunkten?

Es müsste zumindest ein Autor sein, von dem man das Gefühl hat, dass der Abstand zu Deutschland nicht allzu groß ist. Denn ich glaube, die Leser interessieren sich zwar für Japan, aber sie haben im Moment nicht sehr viel Wissen über das Land.

 

Man könnte der Fanszene durchaus vorwerfen, dass sie Japan in rosarote Farben taucht und das Land mit einem exotisierenden Blick betrachtet

Diesen gewissen Exotismus gab es in der Szene allerdings bereits vor 20 Jahren. Eine nett gemeinte, ungebrochene Begeisterung für Japan, die ich persönlich nicht in jeder Hinsicht nachvollziehen kann. Nicht alles was in Japan passiert, muss automatisch gut sein. Was ja nicht heißt, dass ich unsere Kollegen und Autoren nicht schätze. Das Thema Frau und Beruf in Japan halte ich zum Beispiel nach wie vor für diskussionswürdig. Ebenso wie das bereits genannte Thema Atomkraft. Auch beobachte ich, dass japanische Jugendliche heute dermaßen apolitisch sind, dass mir geradezu Angst und Bange wird. Und es gibt da noch viele weitere Dinge. Ich finde, über so etwas darf man unter Freunden auch sprechen. Das alles muss man nicht schön reden, toll finden oder nachmachen. Ich kenne viele Kolleginnen aus Japan, die sauer waren, weil ihre berufliche Karriere nach der Geburt ihres ersten Kindes faktisch zu Ende war. Das ist kein Modell von dem ich denke, dass man es schönreden muss und eines, das aus meiner Sicht auch nicht mehr zeitgemäß ist. Vielleicht müssen ja nicht nur wir uns ändern, sondern manchmal auch die Japaner.

 

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch, und viel Erfolg mit ihrem aktuellen Programm!

 

 

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