Bambule an der Uni – Japans Neue Linke

Bambule an der Uni – Japans Neue Linke

Japans linke Studierendenbewegung rappelt sich langsam wieder auf. Der Staat reagiert mit Unterdrückung und Gewalt. Die Studierenden halten unter anderem mit Superheldenposen dagegen. (Teil 2 von 3)

mokusatsu („Durch schweigen Töten“): Bereits 1968 beschrieb Hans-Joachim Seiffert mit diesem Begriff eine Geschichtsschreibung, die den Widerstand gegen herrschende Macht- und Besitzverhältnisse klein redet und verschweigt – und die Widerstand leistenden Menschen damit dem Vergessen anheim fallen lässt. Geschrieben wird eine solche Geschichte meist von jenen, die selbst ein Interesse an der Aufrechterhaltungen der bestehenden Ordnung haben – nicht zuletzt, weil sie von den akademischen und publizistischen RepräsentantInnen jener Ordnung gedruckt bzw. finanziert werden.

Die japanische Studierendenbewegung möchten nicht wenige westliche wie auch japanische HistorikerInnen mittels mokusatsu vergessen machen. Wenn sie aber doch über die Studierendenbewegung schreiben, dann wird der Aufstand der 1960er und 70er Jahre mal anklagend, mal nostalgisch, mal akademisierend-verschwurbelt als eine Art Relikt aus der Vergangenheit betrachtet. Die Historisierung, also das Erklären eines Phänomens (hier: einer politischen Bewegung) zur abgeschlossenen Geschichte erscheint dabei als eine leicht abgewandelte Variante des „Tötens durch Schweigen“. Beim Leser bleibt in jedem Falle hängen: Ist abgehakt, kann weg.

Auch wenn sie niemals weg war, war die als Teil der Neuen Linken entstandene Studierendenbewegung in den 1960ern und 70ern sicherlich um ein vielfaches größer als heute. Die verbliebenen und neu hinzugekommenen Gruppen fangen gerade erst wieder an, sich aufzurappeln. Klar ist allerdings: Die Bewegung ist (wieder) da. Auch dem japanischen Staat ist das bereits aufgefallen; aus Angst vor einer neuen Welle der Politisierung und des Protests an den Unis reagiert er auf jeden Widerspruch mit Repression (also, Unterdrückung, Kriminalisierung, Gewalt).

 

Ziemlich am Boden, aber nie wirklich weg

Tatsächlich war die radikale Linke nie ganz von den Unis verschwunden. Der Studierendenverband Zengakuren in seinen verschiedenen Inkarnationen bestand weiter. Repräsentiert wurde er in erster Linie durch die studentischen Ableger zweier Fraktionen bzw. Spaltprodukte der Gruppe „Revolutionäre Kommunistischen Liga“ (japanisch: Kakumeiteki Kyōsanshugisha Dōmei): Chūkaku-ha („Mittlerer-Kern-Fraktion“; dieser Name geht auf die erwähnte Spaltung in den 1960ern zurück) und Kakumaru-ha („Revolutionär-marxistische Fraktion). Diverse andere, kleinere Organisationen beanspruchten ebenfalls, der „wahre“ Zengakuren zu sein (siehe den ersten Teil dieser Artikelreihe).

Während Chūkaku-ha und Kakumaru-ha bis in die späten 1980er Jahre auf militante Aktionen setzten (so wurde etwa 1984 die Parteizentrale der rechtskonservativen Dauerreigierungspartei LDP mit Flammenwerfern angegriffen), ist ist dieses Kapitel heute wohl gänzlich abgeschlossen. Chūkaku-ha versuchet mittlerweile, durch Zusammenarbeit mit GewerschafterInnen, in der Antiatombewegung und anderswo breitere Bündnisse zu schmieden.

Der jahrzehntelange Streit zwischen den beiden Gruppen, der sogar Todesopfer forderte, ist hingegen noch nicht überwunden, auch wenn er nicht mehr solche fürchterlichen Formen annimmt. Chūkaku-ha und Kakumaru-ha sind an den Unis verblieben, konnten aber nicht zuletzt aufgrund der innerlinken Gewalt und der Desillusionierung nach dem verlorenen AMPO-Kampf von 1970 (siehe ebenfalls Teil 1) nur noch wenige Leute für sich begeistern. Japanische und in Japan vor Ort gewesene Gesprächspartner beschreiben die verbliebenen AktivistInnen der Gruppen im Gespräch mitunter als Leute, die mit Megaphonen auf dem Campus stehen, Helme tragen und ihre Parolen in die Gegend rufen – während die meisten ihrer KommilitonInnen einfach vorbei laufen.

Auf die Frage, ob das wirklich so war und ist, und ob die häufig sektiererische Politik der Vergangenheit tatsächlich einer neuen Art des Politikmachens gewichen ist, kann hier keine abschließende Antwort gegeben werden. Die stärkere Offenheit zumindest des mit Chūkaku-ha verbundenen Zengakuren (um den es im Folgenden gehen wird) deutet darauf hin. Um allerdings einen umfassenderen Eindruck zu erhalten, möchte ich so bald wie möglich mit direkt  beteiligten Leuten aus Japan sprechen. Bis dahin halte ich mich mit Bewertungen (und erst recht mit ungebetener Politikberatung aus der Ferne) zurück.

 

Demokratie, hi, hi, hi“ (Dieter Süverkrüp) : Die Hochschule als Unternehmen

Mit dem oben beschriebenen Dasein als weitgehend unbeachtete Kleingruppe war es für Zengakuren schließlich spätestens 2009 vorbei (auch wenn die Gruppe immer noch weit davon entfernt ist, eine Massenorganisation zu sein). Mittlerweile kracht es wieder, und es machen mehr Leute mit als noch vor einigen Jahrent. Die neue Lust am Aufzubegehren, die an einer Privatuni Uni in Tokyo Einzug hielt, scheint sich langsam auch andernorts auszubreiten.

Aber der Reihe nach: Bei der genannten Tokyoter Hochschule handelt es sich um die Hōsei-Privatuniversität. Die Hōsei-Uni zählt zu jenen Hochschulen, an denen auch in Zeiten des Desinteresses großer Teile der Jugend an (linker) Politik ein harter Kern von AktivistInnen die Stellung hielt. Die Unileitung wollte linke Politik auf dem Campus jedoch nicht dulden: Nachdem der letzte selbtverwaltete Raum für Studierende bereits ein Jahr zuvor Baumaßnahmen zum Opfer gefallen war, ließ sie den Konflikt 2006 schließlich eskalieren. Sie verbot das bis dahin erlaubte Anbringen politischer Infotafeln; auch das Verteilen von Flyern und das Abhalten von Kundgebungen waren fortan untersagt. Es kam zu ersten Verweisen und Anzeigen gegen jene, die sich diesem Angriff auf die Redefreiheit an der Uni nicht beugen wollten. Die Unileitung holte die Polizei zu Hilfe, und mehrere Studierende wurden verhaftet. 2008 verschärfte sich die Auseinandersetzung, als Zengakuren die Studierenden für Proteste gegen den G8-Gipfel in Hokkaido mobilisierte (die auch im Parlament vertretene Kommunistische Partei Japans hatte damals übrigens nicht zu den entsprechenden Demonstrationen mobilisiert – sondern in einer Erklärung nur einige Appelle an die Regierungschefs der acht mächtigsten Industrienationen gerichtet). Während einer Anti-G8-Demo auf dem Campusgelände ließ die Unileitung im Mai 38 Studierende von der Polizei verhaften. Mehrere von ihnen saßen monatelang in Haft und wurden mit konstruierten Anklagen überzogen.

Wie AktivistInnen des dortigen Zengakuren (Chūkaku-ha) in einem Interview ausführen, reagierte die Unileitung mit den Maßnahmen auch auf die wachsende studentische Kritik an den allgemeinen Zuständen auf dem Campus. Die Hosei-Uni, so beklagten etliche Studierende, werde autoritär und undemokratisch verwaltet und wie ein Unternehmen geführt. Das ist, nebenbei bemerkt, kein spezifisch japanisches Problem:

An der FU Berlin etwa ließen der von der Financial Times Deutschland zum „Hochschulmanager des Jahres“ gewählte Präsident Dieter Lentzen und sein amtierender Nachfolger Peter-André Alt ebenfalls schon die Polizei und private Sicherheitsdienste gegen die eigenen Studierenden aufmarschieren. Dazu ist anzumerken, dass in Japan die früher allgegenwärtigen studentischen Selbstverwaltungsorgane (vergleichbar mit den deutschen „Allgemeinen Studierendenausschüssen“ (AstA)) weitgehend verschwunden sind. Um zu verhindern, dass die als besiegt betrachtete Studierendenbewegung wieder auflebt, so Zengakuren, wurden die studentischen Gremien an 90% der Unis abgeschafft.

Mit den autoritären Maßnahmen der Hosei-Uni wollten sich die politisch aktiven Menschen auf dem Campus jeodch auch in den folgenden Jahren nicht abfinden. Sie nahmen sich weiterhin das Recht heraus, die Politik der Unileitung zu kritisieren, demokratische Strukturen und Selbstbestimmung zu fordern. Zudem wollten sie nicht darauf verzichten, ihre KommilitonInnen auf vermeintlich „außeruniversitäre“ Auseinandersetzungen aufmerksam zu machen. So riefen sie u.a. zur Unterstützung von Gewerkschaftskämpfen auf. Die Repression des Staates und der Unileitung wurde unterdessen immer härter: Weil sie Kundgebungen organisiert, Flyer verteilt, Parolen gerufen oder Demos auf dem Campusgelände organisiert hatten, wurden bis 2009 mehr als 110 Leute verhaftet. Nachdem sich der Konflikt in jenem Jahr erneut verschärft hatte, wurden einige von ihnen für bis zu acht Monate ins Gefängnis geworfen; es wurden zudem Haftstrafen mit Zwangsarbeit (!) auf Bewährung verhängt. Wer auf dem Campus gegen die Politik der Unileitung protestierte, wurde bisweilen sogar von einem zur Einschüchterung der Studierenden engagierten „Sicherheitsdienst“ verprügelt.

Bei den erwähnten drakonischen Haftstrafen berief sich der Staat u.a. auf ein noch immer gültiges Gesetz, das bereits 1926 erlassen wurde. Jenes „Gesetz zur Bestrafung physischer Gewalt“ habe schon damals der Bekämpfung der Gewerkschaftsbewegung gedient und sei ein entscheidender Schritt hin zum japanischen Ultranationalismus und Militarismus der 1930er Jahre gewesen, beklagen die AktivistInnen. Besonders hart traf es Mitglieder von Zengakuren und Bunka Renmei, der „Föderation der Kulturclubs“. Letztere ist ein Zusammenschluss von studentischen Gruppen, die zum Beispiel Musik machen, Mangas zeichnen oder Taiko-Trommel spielen. An japanischen Unis sind solche Clubs allgegenwärtig und ein wichtiger Teil des Campuslebens. (Wer sehen möchte, wie das aussieht bzw. aussehen kann, sollte sich den wunderbaren Anime Tatami Galaxy zu Gemüte führen).

Bunka Renmei schloss sich den Protesten gegen die Entdemokratisierung der Uni an und unterstützte den Kampf für studentische Freiräume. Die Unileitung beschuldigte die Gruppe daher prompt, von Zengakuren „infiltriert“ zu sein.

 

Die Freiheit, mit der Unileitung einer Meinung zu sein

Die Betroffenen wehrten sich und organisierten Solidarität. Vor der Hōsei-Uni kam es seit 2009 regelmäßig zu Kundgebungen und Demos, die auch von kämpferischen GewekschaftsaktivistInnen unterstützt wurden. Selbst die revolutionärer und antikapitalistischer Bestrebungen völlig unverdächtige englischsprachige Tageszeitung The Japan Times veröffentlichte einen kritischen Onlineartikel zum Thema. Darin schildert David Mc Neill seine Befremdung über jene auf dem Campus herrschenden Zustände, die offenbar dem entsprechen, was sich die Unileitung unter Meinungsfreiheit vorstellt. Überwachungskameras, allgegenwärtige „Sicherheitsleute“ und öffentliche Tafeln, auf denen die Namen von vermeintlichen Unruhestiftern bekannt gegeben werden, hätten den Campus „in etwas verwandelt, das an ein Gefängnis niedriger Sicherheitsstufe erinnert“. Die Uni behauptet in einem Onlinestatement, sie lege Wert auf Redefreiheit. Die zwangsexmatrikulierten und angeklagten Studierenden hätten sich jedoch „verleumderischer Reden“ und des Anzettelns von „Aufruhr“ schuldig gemacht.Noch immer ist keine Einigung in Sicht. Die Hosei-Uni weigert sich beharrlich, die antidemokratischen Maßnahmen zurückzunehmen.

Der letzte Gerichtsprozess, der in der Sache geführt wurde, endete im April 2014 allerdings mit dem Freispruch von fünf Angeklagten, denen besonders lange Haftstrafen gedroht hätten. Acht Monate hatten die sogenannten „Hōsei Five“ in Untersuchungshaft gesessen. Während dieser langen Zeit hat sich keiner von ihnen dazu zwingen lassen, ein Geständnis abzulegen oder Aussagen zu machen, die womöglich die eigenen GenossInnen zu belasten. In einem weiteren Artikel der Japan Times äußert sich dazu Makoto Masui, einer der Angeklagten: „Es ist schon belastend, verhaftet zu werden. Aber so eine Erfahrung kann einen auch stärker machen.“ Die internationale Solidaritätskampagne mit den „Hosei Five“, an der sich auch Studierendenorganisationen und linke Gruppen aus Europa und den USA beteiligten, dürfte ebenfalls ihren kleinen Teil dazu beigetragen haben, dass die Anklage letztlich scheiterte.

 

Kampf an der Uni, Streik in der Fabrik!

Für Zengakuren geht es in ihrem Kampf nicht nur um Hochschulpolitik, sondern um ein Leben unter ganz anderen Sternen. Wie sie in Interviews äußert, möchte die Gruppe zum Aufbau einer „revolutionären Arbeiterpartei“ beitragen. Als ihr langfristiges Ziel benennt sie – in einer zweifelsohne etwas oldschooligen Terminologie – die „proletarische Weltrevolution“. Diese Ziele teilt Zengakuren mit seiner Mutterorganisation, der Revolutionären Kommunistischen Liga. Zengakuren ist gewissermaßen deren Studierendenorganisation. Auch pflegt Zengakuren Kontakte zur Lokführergewerkschaft Doro-Chiba. Im Gegensatz zu den großen japanischen Gewerkschaftsdachverbändern, die auf einen “sozialpartnerschaftlichen” Kurs setzen (also auf Verhandlungen und Kompromisse mit den Bossen/Unternehmern), hält Doro-Chiba an einer kämpferischen, konfrontativen und antikapitalistischen Orientierung fest und betont den prinzipiellen Interessensgegensatz zwischen Beschäftigten und Unternehmern. In dieser gewerkschaftlichen Orientierung ist Zengakuren, so erlaube ich mir mal anzumerken, zweifellos weiter als viele selbst erklärte Linke an deutschen Unis – die ihre Aktivitäten nur auf Hochschulpolitik für ein rein studentisches Milieu beschränken. Von Arbeitskämpfen und Bündnispolitik mit GewerkschafterInnen wollen sie überwiegend nichts wissen.

Die Hōsei-Uni ist übrigens nicht der einzige Ort, an dem es wieder rund geht. In der letzten Zeit kam es auch in Kyoto, einem weiteren historischen Zentrum der Neuen Linken, zum Aufbau neuer Gruppen und zu Aufruhr auf dem Campus der altehrwürdigen Kyoto-Uni. Im vergangenen November stürmte die Polizei ein Wohnheim. Sie durchsuchte das Gebäude und rückte AnhängerInnen von Zengakuren sowie anderen, die sich an einer Solidaritätsdemo mit der erwähnten Gewerkschaft Doro-Chiba beteiligt hatten, auf die Pelle. Einige Studierende reagierten auf die Gewalt der Polizei mit einer wunderbar satirischen Performance: Im Stil einer Sentai-Truppe (Sentai: kostümierte Superheldenteams á la Power Rangers ) posierten sie vor den martialisch aufgerüsteten Beamten (siehe Titelbild!)

Auch an weiteren Unis ist Zengakuren dabei, neue Gruppen aufzubauen und den Kontakt zu anderen Studierendengruppen zu suchen. Ob das langfristig zum Wiederaufleben einer breiten und an der Seite der ArbeiterInnenbewegung kämpfenden Studierendenbewegung führt, ist noch offen. Noch immer ist die japanische Linke (links der mit zurzeit ca. 10% der Wählerstimmen recht starken Kommunistischen Partei, die allerdings eher sozialdemokratische Positionen vertritt) ziemlich klein und unbedeutend. Dass sie sich jetzt langsam wieder aufrappelt – was auch in Antifademos gegen KoreanerInnenfeindliche Aufmärsche in Tokyo und Proteste gegen den militaristischen Kurs der derzeitigen Regierung sichtbar wird – lässt ein solches Szenario zumindest möglich erscheinen.

Ob die seit den 1960ern bestehenden Organisationen jedoch in der Lage sind, für eine umfassende (Re-)Politisierung zu sorgen oder ob dafür erst neue Gruppen mit einer anderen politischen Praxis, einem anderen Erscheinungsbild und einem anderen Vokabular vonnöten sind, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen. Ich bleibe nach Kräften dran und berichte nächsten und vorerst letzten Teil dieser Artikelserie genauer über die bereits kurz erwähnte japanische Gewerkschaftsbewegung. Stay tuned!

 

Michael Streitberg

 

Verwendet und zum Weiterlesen empfohlen:

 

Titelbild von: https://twitter.com/ttcoshs518/media, gefunden durch throwoutyourbooks.wordpress.com

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