Michael Peter: Kein Horror vor dem Mittagessen

Michael Peter: Kein Horror vor dem Mittagessen

Wir setzen unsere Interview-Reihe mit den deutschen Manga-Verlagen fort. Auf der Leipziger Buchmesse sprachen wir mit Michael Peter von Carlsen Manga. Ein Gespräch über Osamu Tezuka, den wachsenden Seinen-Bereich und den Horror nach dem Mittagessen.

 

Tanuki Republic: Wer bist du, und was machst du beim Carlsen-Verlag?

Michael Peter: Hallo, mein Name ist Michael Peter, und ich arbeite seit Ende 2013 beim Carlsen-Verlag als Lektor. Ich bin beim Verlag zuständig für Seinen- und Shonen-Manga. Auf meinem Tisch liegen beispielsweise Attack on Titan, Dragonball und unser Horror-Programm.

 

Gerade Attack on Titan war ein sicherer Hit für euch. Wie entscheidet ihr, was abseits der Bestseller den Weg in euer Programm findet?

Was wir an neuen Serien ins Programm nehmen, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Zum einen sind das die Sachen, die wir in den japanischen Manga-Zeitschriften entdecken und die wir selbst geil finden. Natürlich hängt es aber auch davon ab, wer außer uns noch auf die deutschen Veröffentlichungsrechte bietet. Leider können wir nicht immer alles bekommen, was wir wollen.

Beispielsweise bin ich persönlich immer noch ein großer Freund von Zombie-Serien. Mit Highschool of The Dead haben wir in diesem Bereich ja bereits einen Titel im Programm. Aber ich denke, dass da noch eine Lücke klafft.

 

Welchen Stellenwert haben die Shonen-Serien für euch?

Shonen-Serien bestehen ja aus dem klassischen Cocktail: Action, Comedy und Fantasy. Diese Bestandteile findet man durchweg in Serien wie One Piece und Naruto, aktuell auch in Fairy Tail. Wir setzen weiterhin klar auf solche Stoffe. Kürzlich haben wir Seven Deadly Sins ins Programm genommen, das ebenfalls all diese Merkmale aufweist. Im japanischen Magazin, in dem die Serie erschien, gab es sogar ein kleines Crossover zwischen Fairy Tale und Seven Deadly Sins. Wir glauben, dass das auch bei uns ziemlich erfolgreich sein kann.

 

Wie läuft das Geschäft im Seinen-Bereich?

Es hat sich kontinuierlich verbessert! Das ist auch etwas, was wahrscheinlich alle Verlage feststellen können: Die Leser, die mit Dragon Ball und anderen Serien aufgewachsen sind, sind jetzt erwachsen und wollen, ganz klar, auch andere Stoffe lesen. Das erklärt sicherlich auch den Erfolg von Attack on Titan.

 

Uns hat überrascht, dass ihr jetzt sogar mit Werken von Yoshihiro Tatsumi angefangen habt. Das ist ja ein Klassiker der 1960er-Jahre – und ein Vertreter des Gekiga, einer Stilrichtung, die auch politische Inhalte aufgreift. Beispielsweise die japanischen 68er-Bewegung. Könntet ihr euch vorstellen, auch eine Serie wie Sampei Shiratos Kamui-Den zu veröffentlichen?

Sicherlich kann man darüber nachdenken. Allerdings muss man auch ganz klar sagen, dass es diesem Bereich derzeit noch schwer ist, genügend Leser zu finden. Kamui-Den ist sicherlich nicht mit einer Serie wie Attack on Titan vergleichbar.

 

Kamui-Den ist mit seinen abertausenden Seiten natürlich ein echtes Epos. Das erste Kapitel erschien bereits 1964, das letzte erst vor wenigen Jahren.

Mit diesen beiden Serien spricht man eine eindeutig eng umrissene Zielgruppe an, die wir auch bedienen wollen, denn wir wollen in unserem Programm vielfältig sein. Es ist allerdings auch klar, dass in diesem Bereich in nächster Zeit noch keine großen Sprünge möglich sind. Und dass dieser nicht so schnell ausgebaut werden kann, wie wir es gerade mit dem Seinen-Bereich machen.

 

 

Wie kommt es dazu, dass ihr jetzt die surrealen Manga von Anime-Regisseur Satoshi Kon (Perfect Blue, Tokyo Godfathers u.a.) veröffentlicht?

Das hängt sicherlich mit der Vorliebe der Redakteurin zusammen, die diesen Bereich betreut. Ich kann mich noch erinnern, wie sie die Werke vorgestellt hat und ganz begeistert von ihnen war. Ihr wisst ja wahrscheinlich, wie das in einem Verlag läuft: Wenn jemand so ein Buch vorstellt und die Runde daraufhin Feuer fängt – dann kann man davon ausgehen, dass es auch andere Leute begeistern wird.

 

Auch im Horro-Bereich habt ihr euch an Experimente gewagt. Unter anderem mit Junji Itos Uzumaki – Spiral into Horror. Hat sich das verkauft? Wenn ja, plant ihr da weitere Werke zu veröffentlichen?

Junji Ito ist ein wirklich interessanter Autor. Er hat zwar noch andere tolle Sachen gemacht, allerdings muss ich sagen, dass Uzumaki  [siehe Titelbild] schon das Werk war, bei dem man am ehesten davon ausgehen konnte, dass es seine Leser findet. Und ja, Uzumaki hat seine Leser gefunden. Mit dem Design hatten wir uns allerdings auch echt Mühe gegeben. Das sind schöne Bände geworden.

Vor allem ist die Story aber einfach der Hammer. Vor dem Mittagessen konnte ich das nicht lektorieren. Da wäre mir schlecht geworden! (lacht) Wir würden Junji Ito auch gerne weiterhin veröffentlichen.

 

Mit eurer Graphic Novel-Reihe im Hardcover-Format habt ihr versucht die bestehenden Grenzen zwischen den Gattungen und Stilrichtungen zu verwischen, um Manga auch dem Feuilleton-Publikum schmackhaft zu machen. Dabei habt ihr euch vorrangig auf Osamu Tezuka (Kimba, Adolf, Buddha u.a.) konzentriert. Hat sich das Wagnis gelohnt?

Natürlich hat sich das gelohnt. Er ist schließlich der “Gott des Manga” und “Godfather of Anime”!

 

Klar, aber sind auch genug Leute bereit 20 Euro für einen seiner Bände auszugeben?

Ja, schon. Wir haben jetzt sehr viel über wirtschaftliche Aspekte gesprochen. An diesem Punkt muss ich aber erwähnen, dass wir Tezuka einfach auch als ungemein wichtig für die Entwicklung von Manga und auch die des Comics allgemein sehen. Sein Werk muss es einfach auf Deutsch geben. Und wir haben gesagt, dass wir das jetzt einfach mal machen, egal ob es sich nun wunderbar verkauft oder ob es nur ein kleines Publikum findet.

 

Mit dieser Steilvorlage: traut ihr euch an sein vermeintliches Lebenswerk Hi no Tori (Phoenix)?

Das würden wir sehr gerne. Es war auch hier auf der Leipziger Buchmesse bereits jemand am Stand, der uns diesen Titel vorgeschlagen hat. Allerdings gibt es in diesem Bereich noch unendlich viel Material. Wir haben in letzter Zeit ja auch etliche Werke von Jiro Taniguchi in diesem Format veröffentlicht. Das ist ein sehr wichtiger Bereich, der allerdings erst noch wächst und bei dem man jetzt nicht alles auf einmal machen kann.

 

Wir sind sehr gespannt, was ihr diesem Bereich noch alles rausbringen werdet. Vielen Dank!

 

 

Titelbild: „Uzumaki – Spiral into Horror“, Vol. 1, Copyright © 2007  by VIZ Media. Deutsche Ausgabe erschienen beim Carlsen Verlag, Hamburg, 2013.

Share this Story

Related Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Suche

Facebook

Archiv