Unsicher ins Unileben: TATAMI GALAXY

Unsicher ins Unileben: TATAMI GALAXY

Die Anime-Serie The Tatami Galaxy ist ein kleines Meisterwerk. Nicht zuletzt, weil sie zeigt, was wir versäumen. Warum bastelt unsere Generation so gerne an der vermeintlich strahlenden Zukunft ihrer Ichs? Ein Erstsemester sucht in der Serie das „rosige Campusleben“ und scheitert in jeder Folge aufs Neue.

 

Der, dem wir als Zuschauer von Tatami Galaxy ins Uni-Leben Kyotos folgen, ist am ehesten als unscheinbar zu beschreiben. Ein ebenso hoffnungsvolles wie unsicheres Ich, schätzungsweise Anfang 20. Ein frischgebackener Erstsemester, der die Freiheit in der Großstadt sucht und dafür gerne eine winzige Butze in einem langsam verfallenden Studierenden-Wohnheim in Kauf nimmt. Im japanischen Wohmraummaß gesprochen: viereinhalb Tatami-Matten groß. Hauptsache, das erträumte „rosige Campus-Leben“ wird Wirklichkeit. So wie ihm geht es zweifelsohne vielen, die es nach der Schule aus irgendeinem Dorf in die Unistadt verschlägt: es öffnet sich scheinbar von allein die große, weite Welt; an der Uni soll alles anders werden: Neue Leute, neue Einflüsse und viele aufregende Frauen/Männer!

TG_Flyer

In der Oberschule war ich in keinem Club. Ich hing mit anderen genauso unaktiven Typen herum. Dann war ich frischgebackener Erstsemester. Unzählige Türen zum legendären Schatz, dem „rosigen Campus-Leben“ eröffneten sich mir. Ich war teils aufgeregt, teils benebelt.

 

An der Uni wird der Studienanfänger mit Flyern überhäuft und von zahlreichen Clubs umworben, die um jeden neuen Erstsemester ringen. In Japan sind solche studentischen Gruppen als Orte für soziale Kontakte und zur Pflege eigener Hobbies wichtiger Bestandteil des Unilebens. Unter all den „unzähligen Türen“ entscheidet er sich für die Tennis-AG. Einen Moment später folgt jedoch bereits eine präzise Darstellung der Enttäuschungen aller mit dem Eintritt in jenen Club verbundenen Wünsche.

 

Gemeinsam mit schwarzhaarigen Damen schwitzen und das Spiel der Liebe spielen! Ich, der so dachte, war ein hoffnungsloser Idiot.

 

Mit den schwarzhaarigen Damen wird es nix, die Kontaktaufnahme mit Kommiltoninnen stellt sich als schwierig bis unlösbar heraus. Zudem entpuppt sich Tennis als für einen in der Oberschule „unaktiven Typen“ als nicht zu meisternder Sport. Am Ende sind wird aus den erhofften 100 Freunden ein einziger – der zwielichtige Ozu.

TG_Ozu Ein Bote der Hölle, nur sichtbar für ein sensibles Gemüt wie mich?

 

Ist Ozu jedoch überhaupt ein Freund? Oder eher ein Scharlatan? Ein Gespenst? Der Protagonist weiß selbst nicht, was der zwiebelköpfige Ozu für ihn ist – und hängt doch von nun an mit ihm rum. Zusammen sind sie der „Schwarze Amor“ und bringen andere Leute durch Intrigen um das Liebesglück, das ihnen selbst nicht vergönnt ist . Wenn gar nichts mehr hilft, dann auch, indem sie turtelnde Liebespärchen vom gegenüberliegenden Flussufer in einer sensationell dümmlichen Aktion mit Feuerwerksraketen beschießen.

 

Wäre ich ihm nicht begegnet, meine Seele wäre unbeschmutzt geblieben.

 

In Wirklichkeit  hat der erzählende Erstsemester die Liebe natürlich doch nicht aufgegeben. Er schwärmt für Akashi-san, der hübschen Ingenieursstudentin, die von der erotischen, mitunter strengen Aura des Pragmatischen umgeben ist; die sagt, was sie denkt und sich nicht verbiegt, um anderen zu gefallen. Um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, holt sich der Protagonist Rat beim vermeintlichen Liebesgott, der – das Schicksal will es so! – eine Etage über ihm im Wohnheim wohnt. Er, nicht Ozu, soll ihr Herz erobern. Und gab es da nicht ein Versprechen? Eine alte Wahrsagerin in der Stadt erzählt ihm, das Glück läge ganz nahe vor seinen Augen. Was heißt das? Wieso baumelt noch immer Akashi-sans verlorener und von ihm gefundener Glücksbringer an seiner Deckenlampe?

TG_Ozu_Akashi Ich glaube kaum, dass Akashi-san auf einen abartigen Gnom wie Ozu reinfällt, aber ihr Charakter ist so vielschichtig, dass sie ihn sogar amüsant finden könnte.

 

Beim entscheidenden Aufeinandertreffen beim Berg-Lichterfest (Daimon-ji Gozan Okuribi) kriegt der Protagonist kein Wort heraus. Mit der Liebe wird es nichts. Plötzlich wird sein Kumpane Ozu aus unerfindlichen Gründen auch noch von einem Mob verfolgt, dessen Augenmerk sich sodann auf ihn richtet. Welcher Untaten werden sie beschuldigt?! Im nächsten Moment wird er  bereits von der Masse in den Kamo-Fluss geworfen. Während er fällt, gefriert die Zeit. Letzte reflektierende Gedanken vor dem vermeintlichen Ende.

 

TG_Fluss

Das Gefühl des Bereuens, dass ich damals in den Tennis-Zirkel eintrat, werde ich nie los. Hätte ich einen anderen Zirkel gewählt, die zwei Jahre wären anders verlaufen. Vielleicht hätte ich den Schatz, das „rosige Campus-Leben“, in den Händen gehabt.

Cut auf eine unbekannte Uhr, deren Zeiger sich rückwärts drehen. In zwei Sekunden spult die Folge zu ihrem Anfang zurück. Der folgende Abspann kommt einem Reset gleich: zu Beginn der nächsten Folge stehet der Erzähler wieder vor dem Beginn seines ersten Semesters erneut. Und damit sind alle Wege ins „rosige Campus-Leben“ erneut offen.

 

Alles auf Anfang

Immer wieder werden in den kommenden Folgen die Semester zurückgedreht. Einmal versucht es der erzählende Student mit der Film AG und scheitert an den quasi-diktatorischen Strukturen. Ein weiterer Weg führt ihn in die Fänge der Öko AG, wo verstrahlte Bio-Fundamentalisten lauern. Diese sehen es  nicht gerne, dass er ab und an gerne ein Würstchen verspeist. Es folgen Versuche als Radprofi, Kinder-Theater-Held und gar als Kopf einer mafiösen Bande, die im Uni-Untergrund die Strippen zieht. Keiner der Lebenswege bringt dem Erzähler das erhoffte Glück. Im Gegenteil. Fast immer ist es Ozu, der geliebte wie gehasste Freund, der am Ende der Gewinner zu sein scheint. Jedes Mal flüchtet der Erzähler aus dem Unileben in sein kleines 4 1/2-Tatami-Reich, schlägt sich frustriert den Bauch mit Kuchen voll und bereut seine anfangs getroffene Entscheidung. Was wäre, wenn alles anders gekommen wäre?

Tatami Galaxy schafft es dabei, dieser Erzählstruktur immer wieder Neues abzugewinnen (später auch, sich an der richtigen Stelle von ihr zu verabschieden). Das gelingt u.a. dadurch, wie die Serie mit ihrem Figuren-Ensemble spielt. Während einige Figuren wie die heimliche Liebe des Protagonisten, Akashi-san, oder die stürmische, trink- wie flirtfreudige Dental-Hygienistin(!) in ihren Grundzügen gleich bleiben, schreibt die Serie anderen Figuren gerne folgenabhängig andere Funktionen zu. Oft ist dabei nicht klar, ob die Figuren alles gleichzeitig sind oder mal das eine, mal das andere. Ist der bereits erwähnte Liebesgott wirklich so göttlich wie er sich gibt? Oder ist er, wie eine spätere Folge nahelegt, ein fauler wie sorgenfreier Student, der sich auf seinen 16 Semestern ausruht und es genießt, Erstsemester für seine Zwecke zu gewinnen? Ist Jougasaki als größenwahnsinniger Film AG-Vorsteher ein tumber Macho oder ein einfühlsamer wie aufrichtiger Typ? Wer oder was ist nun eigentlich dieser mal Freund, mal Feind Ozu? Und vielleicht am wichtigsten: wann darf des Protagonisten “Johnny, der Cowboy”, endlich mal durch den Hosenstall galoppieren?

 

Orientierungslos

Die Serie erzählt, das muss man sagen, mit einem wahnsinnigen Tempo. Die Bilder geben alles, um der getriebenen Stakkato-Stimme des Protagonisten zu folgen. In Sekundenbruchteilen zeichnen sie seine Gedankengänge nach, mal assoziativ, mal kommentierend, mal auf Ereignisse hin- oder querverweisend (was macht zum Beispiel der bärtige Typ am Fenster in Folge 6?). Sogar Realfilm-Aufnahmen fügt die Serie nahtlos ein. Tatami Galaxy ist detailverliebt, verlangt vom Zuschauer aber nicht, dass er jedes Detail zusammenpuzzelt. Die elfteilige Serie belohnt es vielmehr, wenn man sich vom Gedankenstrom des Protagonisten mitreißen lässt. Dadurch wirkt Tatami Galaxy so reich und lebendig, dass man sich am Ende einer Folge zuweilen wie ein glücklich erschöpfter Marathonläufer fühlt. Mit dem Unterschied, dass man sofort die nächste Runde laufen möchte.

Am Ende von Tatami Galaxy war man als Zuschauer wie auch der Protagonist die meiste Zeit über orientierungslos in Kyoto unterwegs. Dass hier Stil und Inhalt ineinander gehen, ist vielleicht das eigentliche Genie der Serie. Die Orientierungslosigkeit wird nicht nur beschrieben, sondern auf tragisch-komische Weise fühlbar gemacht.

Für ein Meisterwerk halte ich die Serie auch deshalb, weil sie damit etwas trifft, was unsere Generation umtreibt. Das ständige Sich-Nicht-Entscheiden-Wollen bzw. -Können. Das diffuse Gefühl, ständig irgendwas zu verpassen, befällt einen in Kyoto wohl genauso wie in Berlin und anderswo. Manchmal, so scheint es, haben wir Probleme damit, einfach mal mit dem Jetzt zufrieden zu sein. Gedanken an die in zahllose Fäden aufgespannte Was-wäre-wenn-Zukunft machen es schwer. Und wir machen es uns schwer, weil die Zukunft „rosig“ und toll und perfekt sein soll. Wenn nicht: versagt. Da hat es etwas Ermutigendes, wenn Tatami Galaxy einfach nur darauf hinweisen möchte, dass neben alle Lebenssorgen das Schöne oft greifbar nah liegt.

 

Talente und Freiraum

Mit dieser Weltsicht reiht sich die elfteilige Serie von 2011 nahtlos in das Schaffen von Regisseur Masaaki Yuasa ein. Bereits sein erster und bislang einziger Spielfilm Mind Game von 2004 ist eine kleine Ode an das Leben. Seine folgenden Serien Kemonozume und Kaiba wechselten das Setting ins Japan der Familienclans und in die Weiten des kunterbunten Alls, der Geist blieb der gleiche.

Wie immer schafft es Masaaki Yuasa eine ganze Riege an Talenten um sich zu versammeln. Alte Weggefährten wie die ZeichnerInnen Eun Young Choi (Folge 10) und Michio Mihara (Folge 7) wie auch aufstrebende Regie-Talente wie Akitoshi Yokoyama (Folge 2,4 & 9) oder Shingo Natsume (Folge 6), der kürzlich mit Space Dandy einen Volltreffer landete, füllen die Serie mit Leben. Die Musik komponierte Michiru Oshima. Wenn die Animation das Herz der Serie ist, dann ist ihre Musik, unübertrieben, die Seele. Allein das Thema des Erzählers “Watashi” (dt.: Ich) vereint unterschiedlichste Gefühlslagen in einem Stück: Lebenslust, Scheitern, Schwärmerei und zelebrierte Melancholie.

Aufmerksamkeit verdient auch die Tatsache, dass Regisseur Yuasa erstmals mit einem Drehbuchautoren zusammenarbeitet. Makoto Ueda ist eigentlich, wie Yuasa, selbst Animator. Trotzdem adaptieren die beiden scheinbar mühelos die Buchvorlage von Tomihiko Morimi (liegt bislang ausschließlich auf Japanisch vor). Ein Extra auf der DVD verrät, dass Ueda selbst in Kyoto studiert hat und dort in der studentischen Theaterszene aktiv war. Das macht ihn zu einer hervorragenden Wahl! Man merkt, dass er ein Gespür für den Rhythmus und die unterschwellige Poesie der einstigen Kaiserstadt hat. Ueda zeigt eine Stadt, in der Moderne und Mythologie friedlich koexistieren; in der die Götter-Geister-Welt nur ein Finger breit auseinanderliegen. Eine Figur wie der dämonengleiche Ozu wäre in Tokyo weit weniger vorstellbar.

Tatami Galaxy lief 2011 des nachts als Teil der des noitaminA Programm-Blocks auf Fuji-TV. Der Name kann als Motto gelesen werden: gängige Trends und Erzählweisen in der Anime-Industrie umkehren(!) und ein Ort um Neues zu schaffen. Ein dankbarer wie notwendiger Freiraum für Japans Zeichentrick-Künstler, die oft nur bei von der Stange weg produzierten Serien eingespannt werden und dafür auch noch überwiegend für Hungerlöhne arbeiten. Es ist kein Wunder, dass Masaaki Yuasa auch nach seinem Weggang von Studio Madhouse mit seiner nachfolgenden Manga-Adaption Ping Pong bei noitaminA unterkam.

Glücklicherweise ist Tatami Galaxy, im Gegensatz zu Yuasas anderen Serien, in Deutschland auf DVD erschienen. Die Aufmachung orientiert sich am ursprünglichen Buch-Cover-Design und ist damit ein kleines Kunstwerk für such. Eine Synchronisation gibt es nicht, dafür sind die Untertitel gelungen. Ein baldiger Kauf ist zu empfehlen, da das Label Beez Entertainment mittlerweile nicht mehr existiert und eine Neuauflage vorläufig unwahrscheinlich ist.

 

Lukas Laier

 

Abbildungen und Titelbild aus: „The Tatami Galaxy“, Folge 1. Erschienen bei Beez Entertainment, 2012.

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