Mit der rechten Hand zu Gange: PARASYTE

Mit der rechten Hand zu Gange: PARASYTE

Du hast dich verändert“. Nachdem er aus einem alptraumhaften Schlaf erwacht, hört der 16-jährige Oberschüler Shinichi diesen Satz immer häufiger. Selbst seine Freundin Murano erkennnt ihn kaum wieder und spürt, dass ihn etwas quält – was es ist, will oder kann er ihr jedoch nicht sagen. Shinichi selbst weiß gar nicht, wie ihm geschieht: „Wer bin Ich eigentlich?“, fragt auch er sich immer wieder. Tatsächlich ist vieles auf einmal ganz anders. Furchterregende Wesen trachten Shinichi nach dem Leben – und was ihm in der besagten Nacht passiert ist, war anscheinend doch kein Traum.

Tatsächlich wacht Shinichi am Morgen danach auf und stellt mächtig erschrocken fest, dass seine rechte Hand ein beunruhigendes Eigenleben entwickelt hat. Doch weder ein unerklärliches Zittern noch schmerzhafte Krämpfe sind es, die Hitoshi Iwakis Helden plagen. Vielmehr hat seine Hand nun Augen und Mund, spricht mit ihm und erklärt ihm sogleich, dass sie – oder vielmehr ihr Bewohner – es leider nicht bis in Gehirn geschafft hat.

Nach einer verstörenden Phase der langsamen Gewöhnung an den neuen Mitbewohner im eigenen Körper fügt sich Shinichi ins Unvermeidliche und versucht, sich mit dem Migi (auf Japanisch: rechts) getauften Wesen irgendwie zu arrangieren.

Andere Menschen, denen Migis wurm- bzw. schlangenförmige Artgenossen ins Ohr kriechen, bleibt diese Auseinandersetzung erspart. Allerdings existieren sie nur noch als leere Hülle für jene Organismen, die ihren Körper übernehmen und das scheinbar einzige tun, wozu sie auf die Erde gekommen sind: Essen, und zwar Menschenfleisch.

Dabei kommt ihnen zugute, dass sie die Gestalt des von ihnen übernommenen Körpers nach Belieben wandeln können: Aus Händen oder Köpfen werden Reißzähne und scharfe Klingen. Zur Tarnung verwandelt man sich in alle möglichen Personen, sei es nun der Sprecher der Fernsehnachrichten oder ein mysteriöser neuen Schüler, der plötzlich an Shinichis Schule auftaucht.

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Die an diverse Horror- und Science Fiction-Klassiker erinnernde Prämisse von Parasyte böte nun reichlich Stoff für Splatterorgien, drastische Schockmomente und zahlreiche Actionszenen. All das wird auch geboten, und es weiß zu gefallen. Jedoch sind es nicht nur diese Elemente die Hitoshi Iwakis Werk so faszinierend machen. Im Dialog mit Migi verlieren scheinbar selbtverständliche Denkmuster, Werte und Normen an Gültigkeit oder werden zumindest radikal infrage gestellt. Sind die als Parasiten bezeichneten Wesen eigentlich böse? Warum sollte man sich für seine Mitmenschen einsetzen, wo doch, so Migi, nur das eigene Überleben zählt? Was macht man mit der neu erworbenen übermenschlichen Stärke, und was bleibt vom eigenen Ich, wenn sich die Zellen des von seinen Instinkten getriebenen Mitbewohners in der rechten Hand im ganzen Körper ausbreiten?

Mitunter greift das Werk die Idee fanatisierter, menschenfeindlicher Tier- und Umweltschutzgruppen wie etwa der „Eart Liberation Front“ auf: Täte es der Erde nicht viel besser, wenn jemand von ganz weit draußen käme und die Menscheit empfindlich dezimieren würde? Schließlich verdreckt sie die Umwelt, führt Krieg und bringt den Planeten damit an den Rand der Erschöpfung. Hätte sich sein Autor diese Prämisse jedoch unkritisch zu eigen gemacht, wäre Parasyte, trotz all seiner Stärken, reaktionärer Mist. Davon ist Iwaki jedoch weit entfernt. Vielmehr spiegeln sich in seinem Helden Shinichi die Schwierigkeiten des Menschseins und Menschbleibens in einer Situation, in der alle Grenzen zu verschwimmen drohen.

Shinichi und die anderen Charaktere sind tatsächlich eine der großen Stärken dieses Mangas. Man zweifelt, hofft und leidet mit Shinichi; empfindet meisterhaft entworfene Momente der Fremdheit zwischen ihm und seiner Freundin, für die Iwaki mitunter gar keine Worte braucht. Auch Migi weiß zu begeistern; für nicht wenige Leser dürften er zur eigentlichen Hauptperson von Parasyte werden. Wissbegierig schmökert er in Büchern, um mehr über die menschliche Gesellschaft zu lernen. Bereitwillig hilft er Shinji, sich gegen feindliche Parasiten zu verteidigen – jedoch, wie er betont, nur aus eigenem Überlebenswillen. Die Entwicklung der beiden Hauptpersonen erscheint dabei niemals vorgezeichnet. Viele der Dialoge zwischen Migi, Shinichi und den anderen auftauchenden Parasiten sind schlichtweg grandios. Iwaakis Dialogwitz war es auch, der mich während der Lektüre mehrmals laut auflachen ließ. Und das passiert mir beim Mangalesen nicht oft.

Das Zusammenspiel von Form und Inhalt gelingt Parasyte hervorragend. Spektakuläres Artwork findet man vor allem im Design der Parasiten, während die übrigen Figuren konventionell und zurückhaltend daherkommen. Die oft nur nur skizzenhaften Hintergründen lassen den Figuren genug Raum und verschlucken die ProtagonistInnen nie. Auf diese Weise unterstreicht der visuelle Stil gekonnt die Charakterzentriertheit von Iwakis Werk.

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Man kann Shinichis Entfremdung gegenüber sich selbst und seiner Umwelt auch als eine große Allegorie auf die Pubertät und das Erwachsen werden lesen – wobei sich die Serie schwerlich auf diese Aspekte reduzieren lässt. Des Weiteren beeindruckt Iwakis Fähigkeit, die Empfindungen der handelnden Personen in ihrem Minenspiel zum Ausdruck zu bringen. Zudem ist die Serie ist ein echter Pageturner und fängt niemals an, mit der Wiederholung des Immergleichen zu langweilen. Action, Schockmomente und betrübliche Szenen wirken ebenso wenig deplatziert wie komisch-groteske Passagen; auch liegt all das häufig nah beieinander.

Wie die Menschheit auf die sich häufenden „Hackfleischmorde“ der Parasiten reagiert, ob sich Migis Wunsch, das menschliche Paarungsverhalten zu durchdringen, erfüllt (Migi zu Shinichi: „Du willst mit ihr vögeln, oder?!”) und ob auch die Träume durchgeknallter Planetenbeschützer in Parasyte Wirklichkeit werden, soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.

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Lest selbst nach, und kauft euch diesen wunderbaren Manga! Verfügbar ist er in einer gut ins Englische übersetzten Ausgabe von Kodansha USA. Die in Japan zehnbändige Serie wurde in acht schön gestalteten Bänden zusammengefasst. Erfreulicherweise sind auch Briefe japanischer LeserInnen samt Antworten des Autors (aus den Zeitschriften Morning und Afternoon, in denen Parasyte zwischen 1988 und 1995 in Japan erschienen ist) enthalten, in denen einzelne Aspekte und Motive der Geschichte diskutiert werden. Nicht nur für LeserInnen mit Japanischkenntnissen interessant sind zudem die Notizen über Schwierigkeiten beim Übersetzen japanischer Begriffe bzw. sprachlicher Formen, für die es keine direkte englische Entsprechung gibt. So erhält man einen informativen Einblick in diverse Eigenheiten des Mediums, welche bei der Übertragung in andere Sprachen leicht verloren gehen.

Vielleicht ringt sich ja auch ein deutscher Verlag irgendwann zu einer Übersetzung durch, damit Migi und Shinichi auch hier ein breites Publikum finden. Die im April in Japan angelaufenen und äußerst erfolgreichen Realfilme würrden dazu eine gute Gelegenheit bieten. Sie haben in Japan eine Art Revival der Serie hervorgerufen. Auch auf der diesjährigen Nippon Connection in Frankfurt werden sie zu sehen sein. Übrigens: selbst Studio Ghibli hatte mal mit dem Gedanken gespielt, Parasyte in einen Anime umzusetzen. Die Rechtesituation hatte das seinerzeit leider verhindert. Wie schade – hätten Miyazaki und Suzuki sich tatsächlich an den Stoff gewagt, wäre uns die aktuelle Anime-Serie vermutlich erspart geblieben. Lasst sie links liegen und lest den Manga!

Abbildungen aus: „Parasyte“ vol.2.  Copyright © 2003 by Hitoshi Iwaaki/Kodansha Ltd. Tokyo. Englische Fassung von Kodansha USA, LLC, New York, 2013.

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