Festivalbericht: NIPPON CONNECTION 2015

Festivalbericht: NIPPON CONNECTION 2015

Die Nippon Connection ist das größte Festival für japanischen Film in Deutschland und darüber hinaus. Lukas machte sich für Tanuki Republic Anfang Juni zur 15. Ausgabe des Festivals nach Frankfurt am Main auf. Ein Festivalbericht über Anime mit Totalüberwachung, japanischen Zimmer-Hiphop und eingeschulte Kühe.

 

Die Idee nach Frankfurt zu fahren, war schon letztes Jahr der Plan. Ich erinnere mich daran, wie Micha und ich gleichermaßen begeistert über die Tatsache waren, Oshima Nagisas Manga Ver- bzw. Abfilmung von Ninja bugei-chō im Programm zu finden – die Nippon Connection musste faktisch ein gutes Festival sein!

Gefahren sind wir dann doch nicht, weil Uni, Alltag und was sonst so Zeit und Motivation wieder aufsaugt. Mit Tanuki Republic im Nacken war die Motivation dieses Jahr jedoch umso stärker. Wer sich Blätter für japanische Populärkultur nennt, der sollte beim größten japanischen Filmfestival außerhalb Japans doch schon mal vorbeischauen!

Am Ende fahre ich trotzdem allein, da Micha – so schön formuliert es der Sponsoring-Spot einer Fluggesellschaft auf dem Festival – Nippon im Gegensatz zu mir nicht nur in 2D, sondern 3D erlebt. Er wird berichten!

 

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Bereits in den U-Bahnhöfen strahlt einem das grelle, selbstbewusste Pink der Nippon Connection-Plakate entgegen. In Bornheim angekommen, wird es zunehmend pinker. An den beiden Haupt-Locations des Festivals, dem Mousonturm und des Naxoshalle ist bereits gut was los. Das Festival ist im vollen Gange.

Die Kollegen von der Presse haben offenbar bereits mitbekommen, wie der Karten-Hase läuft. Nämlich: morgens sofort alle Karten sichern, sonst droht Restplatz-Anstehen. Ich erbeute gerade noch so eine Karte für Shinsengumi von Kon Ichikawa, den ich tatsächlich unbedingt sehen will. Auf der Berlinale hatte er dieses Jahr den Retrospektiven-Platz im Forum. Die Tatsache, dass er eigentlich als Anime-Zeichner angefangen und sich später an eine Realverfilmung von Tezukas Hi no Tori gemacht hat, hat meine Lust, ihn besser kennenzulernen, weiter angestachelt. Für Parasyte, auf den mir Michas Begeisterung für den Manga Lust gemacht hatte, war leider nichts mehr zu holen.

Ohne eine Karte für den weiteren Abend, schaue ich mich zunächst in der Naxoshalle um und lande in der heißen Sonne auf der Bierbank mit Gemüse-Curry. Meine Tischnachbarn beichten auf meine Frage, ob sie sich bereits etwas angeschaut hätten, dass sie vornehmlich wegen des guten Essens hier sei[e]n. Das spricht für die kulinarische Versorgung von Bento bis Gyoza. Mein Curry ist wirklich lecker!

 

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Der Vortrag von Roland Domenig, The Coming of Anime, im Studio 1 des Mousonturms wird meine erste Veranstaltung. Beim Anstehen lerne ich Lutz kennen, der über die nächstes Tage mein Festival-Vertrauter wird. Er ist zum dritten Mal dabei. Anime war auch seine Einstiegsdroge in die Japanwelt. Ohne RTL2 und MTV ständen wir jetzt nicht hier.

Roland Domenig versucht sich in seinem Vortrag an einer Abgrenzung von „Anime“ zu „Animation“. „Anime“ ist für ihn das, was Tezuka mit Astro Boy vorgemacht hat, nämlich sogenannte „Limited Animation“, statt 24 Bilder pro Sekunde nur 12, 8 oder Standbilder. Im Umkehrschluss seien Ghibli-Filme also kein „Anime“, weil sie „Full Animation“ sind und die 24 Bilder ausschöpfen. Er zitiert Miyazaki, der von „Anime“ nichts wissen wolle.

Bilder zählen kann man machen. Man kann dann auch die gängige Definition Anime = Animation aus Japan ablehnen. Dadurch bewegt man sich aber von „Anime“ als kulturelles Phänomen und Erzählkultur weg. Da erscheint mir der alle animierten Werke einschließende Ansatz von Jonathan Clements überzeugender, den er in „Anime: A History“ darlegt. Clements betont, dass Anime schon weit vor Tezuka anfängt und dass die Anime-Symbolwelten eben nicht von denen des Manga einfach abgespalten werden können, weil beide Kunstformen sich wechselseitig beeinflussen.

 

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Ich husche kurz vor Ende aus dem Saal, um mein Glück bei Her Granddaughter von Ryuichi Hiroki zu versuchen, der im „Mal Sehn’n“-Kino läuft. Das liegt einen Fußmarsch weg vom Festivalzentrum. Es ist als Kino so gut getarnt, dass ich zwei Mal am Seitenstraßeneingang vorbeilaufe. Das Innere verspricht mit seiner urigen Bar, der Holztreppe und den Sitzbänken an den Wänden prinzipielle Gemütlichkeit, allerdings ist es sehr voll. Mit einem Bier in der Hand hoffe ich auf das Beste. Ich lerne, dass Filmemacher in der Platz-Hierarchie gegenüber der Presse bevorzugt sind, schaffe es dann aber mit höflichem Insistieren doch noch in den Saal.

Bei Her Granddaughter handelt es sich um eine Manga-Verfilmung des gleichnamigen Manga von Keiko Nishi. Eine junge Erwachsene verliebt sich in den Liebhaber ihrer soeben verstorbenen Großmutter, einen kauzigen Philosoph. Von traditioneller Mann-Frau-Rollenverteilung hält er viel, vom Kettenrauchen ebenso. Am Ende fragt man sich, warum die beiden eigentlich zusammenfinden. Über beide erfährt man nicht viel, außer dass sie ein sehr ungleiches Paar sind bzw. zu solch einem gemacht werden. Wohlwollend könnte man sagen, dass hier zwei im Shojo-Manga beliebte Figuren-Schablonen aneinander amüsant abgerieben werden, aber der Film traut sich visuell nicht, die oft überhöht dargestellten bzw. überstilisierten Gefühlswelten des Shojo-Genres einzufangen. Stattdessen ist er viel mehr versucht, diese in der Wirklichkeit zu verankern.
Regisseur Ryuichi Hiroki erzählt im anschließenden Gespräch, dass es ihm darum ging, mal einen Mann zu zeigen, wie es ihn heute nicht mehr gibt. Nur noch weichgespülte, unsichere Büro-Bubis, wohin das Auge reicht! Gibt es zu beiden wirklich keine Alternative?

Die Idee, mein Glück bei Parasyte am selben Ort nochmals zu probieren, verwerfe ich mit Blick auf die sich noch länger schlängelnde Schlange, die von deutlich jüngerem Altersschnitt ist, und entscheide mich daraufhin für frühe Bettruhe.

 

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Freitag bin ich früh genug am Presse-Tresen und nehme, was ich kriegen kann. Mit einem Bündel Karten wage ich mich vor meinem ersten Film mit Lutz in den Mousonturm zu Appleseed Alpha, der das Animations-Segment eröffnet. In der Ansprache vor dem Film erklärt ein Festivalmitarbeiter, dass dieses Jahr die Ausbeute im Anime-Bereich sehr mau war. Um den aktuell letzten von Ghibli, When Marnie was threre, habe man sich bemüht, aber keine Zusage bekommen. Deshalb wenigstens was Halb-Aktuelles für die große Leinwand. Das finde ich ehrlich wie einleuchtend. Die größeren Anime-Studios halten mit ihren Spielfilmen bis zum Sommer zurück (Hosodas The Boy and the Beast, Production I.G.s Miss Hokusai), ansonsten war das letzte Jahr unspektakulär.

Die ersten 30 Minuten von Appleseed Alpha wirken wie zusammengeschnittene Cut-Scenes aus einem PS3-Shooter und erwecken nicht den Eindruck, dass ein vorzeitiges Gehen später bereut würde.

 

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The Cockpit ist dagegen die erste echte Entdeckung des Festivals. Genau in der Sektion, in der das Festival die Entdeckungen auch stecken möchte, in “Nippon Visions”. Als Zuschauer schaut man zunächst über eine halbe Stunde durch eine einzige Kameraperspektive zu, was junge Hiphopper aus Tokio in ihrem Zimmerstudio Marke Eigenbau treiben: chillen und ein bisschen rumsampeln. Einer vorn am Plattenspieler, den Mixpulten und sonstigem Equipment, der Rest der Crew im Hintergrund. Platte um Platte wird aufgelegt. Der Afro-Japaner – later known as OSMB – arbeitet akribisch Sound um Sound heraus und mixt der Gruppe den Track für den nächstes Rap. Die anderen kommentieren im Hintergrund, weisen mal eine seiner Ideen zurück und bringen selber eine ein oder debattieren über Energydrinks.

Als Zuschauer fühle ich mich wie ein letztes Crew-Mitglied, das von der anderen Seite zuschaut. Ich bin mit im Raum, bekomme langsam ein Gefühl, was die Gruppe eint, was für eine Musik sie machen wollen. Manchmal dauert es wirklich lange, bis ein guter Track gelingt. Dafür lässt sich die Zufriedenheit der jungen MCs und Produzenten umso mehr nachvollziehen, wenn es denn mal klappt. Später kritzeln OSMB und Rapper BIM auf einen Nike-Schuhkarton ein aus dem Stehgreif erfundenes Spiel. Was erst wirkt wie die sinnlosesten Szenen des Films, entpuppt sich als sich anbahnendes kreatives Moment, denn: am Ende wird über den Track die Spielanleitung gerappt! Und das klingt vielleicht etwas überladen, aber hat Drive. Zum Abspann läuft der fertige Track, wenn die Kamera das erste Mal den engen Studio-Raum verlässt und am Stadtpanorama vorbeischwebt. Die Musik schwebt mit in die scheinbar weite Welt hinaus.

The Cockpit zeigt Langeweile, Spontanität und Beschränkung als Vorraussetzung für Kreativität. Letztlich auch für Kunst an sich. Sehr stark, und später zurecht mit dem Jury-Preis der Sektion ausgezeichnet!

 

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Hello, Supernova wirkt dagegen, als sei er nur im Programm, weil er in Erdbeben-Nähe gedreht wurde. Es gehört zu den Filmen, deren Beschreibung im Programmheft sich im Nachhinein wie die verkannte Warnung lesen: „Ein filmisches Experiment mit impressionistischen Miniaturen und skurrilen Charakteren“. Ich verlasse mit meinem Festival-Vertrauten Lutz den Saal und mache mit ihm einen Spaziergang zur kleinen, aber feinen Punk-Fotoausstellung.

 

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Als letzten Nippon Visions-Film sehen wir A Little Girl’s Dream. Das Langzeitprojekt von TV-Regisseur Yoshiaki Tokita begleitet 26 Jahre lang ein Mädchen aus der Präfektur Niigata auf Ihrem Weg, Tierärztin zu werden. Die Geschichte verläuft ohne große Überraschungen. Das Mädchen aus dem Dorf kämpft dafür, überhaupt studieren zu dürfen und beißt sich mit viel Ehrgeiz bis zum Abschluss durch. Allerdings ist allein das Ausschlag gebende Ereignis ihres Karrierewunschs das Ansehen wert: Weil es 1987 keine Kinder gibt, die eingeschult werden könnten, organisiert der Direktor drei Kälber als Ersatz. Die Einschulung wie auch später die Verabschiedung der Kälber werden so offiziell gefeiert wie jede andere Einschulung auch. Elter, Lehrer und Schüler sind da. Urkunden werden verteilt, die Kinder halten Lobesreden auf Ihre liebgewonnen Kühe; mit Tränen in den Augen und wegbrechenden Stimmen singen sie gemeinsam ein eigens komponiertes Abschiedslied.

Ich versuche, mir eine ähnliche Situation hier vorzustellen… Aber mit aller Überzeugtheit Kühe einschulen und verabschieden in Deutschland? Nee. Das gemeinsame Ritual, und sei es nur im Schul-Kontext, scheint im Japan 1987 noch selbstverständlicher.

 

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Wie eingangs bereits erwähnt, hatte ich mich auf Kon Ichikawas Shinsengumi besonders gefreut. Die Verfilmung des Manga von Hiroshi Kurogane lässt sich weder bei den Realverfilmungen noch bei den Animationsfilmen einsortieren. Ichikawa ließ die Figuren der Comic-Vorlage als Papieraufsteller anfertigen und bewegt sie im Film nur minimal. Spannung erzeugt der Film vornehmlich durch gezieltes Licht-Schattenspiel sowie abrupte Durchbrechung der erzählerischen Ruhe durch schnelle Schnitte in den Action-Sequenzen. Ich muss spontan an die Augsburger Puppenkiste denken, deren Figuren mir trotz holziger Starrheit nie unlebendig vorkamen.

Das Samurai-Drama feierte auf der Nippon Connection Internationale Premiere. Ichikawa hatte es 2000 für Fuji TV produziert. Wohl deshalb hat es nie seinen Weg in die Festival-Kreise gezogen und verschwand wieder in der Schublade. Für ein nicht-japanisches Publikum, ist es zugegeben auch ein anstrengender Film. Shinsengumi scheint vorauszusetzen, dass man die Sage um die (vielleicht?) revolutionären Samurai aus Kyoto bereits kennt. Die Erzählung springt munter zwischen Hauptaktueren und Nebenfiguren hin und her wie auch durch die Zeit. Es bleibt aber ein interessanter Film, der allein durch seine minimalistische Machart einen eigenen Sog entwickelt.

Ich frage mich, ob die Samurai-Gruppe in Yuzo Kawashimas Sun in the Last Days of the Shogunate eine Verhohnepipelung der Shinsengumi-Sage ist?

 

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Die zweite Festivalüberraschung wird Psycho-Pass: The Movie. Nachdem angekündigt worden war, dass man das eigene Animations-Programm dieses Jahr für eher schwach hält, waren meine Erwartungen niedrig. Die dem Film voranstehende Anime-Serie (mittlerweile zwei Staffeln) wurde mir zwar schon ein, zwei Mal ans Herz gelegt, aber die Muße, mich dran zu wagen, blieb aus. Umso schöner, dann die Überraschung, dass es sich bei Psycho-Pass: The Movie um einen hervorragenden Sci-Fi-Polit-Thriller handelt, der nach guter Ghost in the Shell-Manier Action mit Grips zu verbinden weiß.

Warum der Film sich auch als Kommentar auf die schon heute existierende Massenüberwachung der Bevölkerungen durch die Geheimdienste lesen lässt, habe ich in meinem Festival-Bericht für die junge Welt ausgeführt.

Dort auch alles zu The Voice of Water von Masashi Yamamoto, den ich dieses Jahr auf der Berlinale verpasst hatte. Der Film erinnerte mich in seinem Ungradlinigkeit an Love Exposure, wenngleich er weniger cinematisch daherkommt. Der Gegensatz von kapitalistischer Moderne und ritueller Vergangenheit, den der Film aufmacht, weißt auf einen immer weiter werdenden Abstand hin.

 

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Eine kleine Spezialität bietet die Nippon Connection mit Orochi von Buntaro Futagawa. Der 1925 entstandene Stummfilm um den sozialen Abstieg eines Samurai wird live von Benji Ichiro Kataoka erzählt. Benjis waren in Japan früher Tradition bevor der Stumm- vom Ton-Film abgelöst wurde. Sie sprechen alle Rollen im Film und erzählen gleichermaßen die Handlung. Es überrascht auch nicht, dass Günther Buchwald ihn an Klavier und Geige begleitet. Er taucht echt überall auf, wo ein Stummfilm nach musikalischer Begleitung verlangt.

 

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Mein persönlicher Abschluss des Festivals wird das Konzert von Habana. Ich kann Sarah, bei der ich die Tage untergekommen bin, überzeugen, dass das was werden könnte. Die sechs durchtätowierten Männer aus Fukuoka (Ausnahme: der Schlagzeuger!) bringen das Studio 1 des Mousonturms schon mit den ersten Liedern zum Mittanzen. Am Ende bin ich total K.O. und maximal-verschwitzt, kaufe im Glücksrausch das Album und richte Grüße an Freunde aus Fukuoka aus. Die Musikrichtung Trance hält, was sie verspricht!

 

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Am nächsten Morgen sitze ich im falschen Zug und bin trotzdem froh. Die erste Nippon Connection habe ich als herzliches Festival erfahren, das sich in allen Sektionen um gute Filme bemüht. Ich bereue deshalb, es nicht in die Retrospektive zu den Filmen von Shinji Somai geschafft zu haben. Der Eindruck ist, nicht genug mitbekommen zu haben – ein guter Gradmesser für ein gelungenes Festival! The Cockpit, The Voice of Water und Psycho-Pass: The Movie waren meine Favoriten, letzterer macht sogar Lust, mir doch endlich die Serie anzuschauen.

Das alles nächstes Jahr also unbedingt wieder!

 

 

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