Brian erinnert sich an nichts: DOREMI

Brian erinnert sich an nichts: DOREMI

Pelipelipupalurapopalu PirikalapaporinaPekelatoPepelato PemekilakLaliloripalu. Bin ich mit dem Kopf auf der Tastatur eingeschlafen? Waren das die Anfangszeilen eines dadaistischen Gedichts? Oder habe ich einfach den Verstand verloren? Fast richtig – tatsächlich handelt es sich um den Anfang des zweiten Teils meiner Blogartikel-Reihe, in der ich fast vergessene Anime-Serien meiner Kindheit erneut unter die Lupe nehme. Diesmal dreht sich alles um Feen, Magical Balls und feministische Untertöne. Klemmt schon mal den Besen zwischen die Beine und betretet mit mir die Hexenwelt von DOREMI.

Wie war das nochmal?

DoReMi war ein typischer Magical Girl-Anime. Normalerweise geht es dabei um Mädchen, die in langwierigen Verwandlungssequenzen die Klamotten wechseln, dadurch aber magische Kräfte erhalten, um irgendeine böse Macht zu bekämpfen. Für kleine Jungs im Alle-Mädchen-sind-doof-Alter war so etwas schwer zu ertragen. An DoReMi hatte ich hingegen trotzdem Spaß. Mir ist die Serie als kreativer und lustiger als alle anderen Animes für Mädchen in Erinnerung geblieben. Hier hatte Zaubern hatte etwas mit bunten Kaugummibällen zu tun und es gab einen grünen Klumpen als Nebencharakter, der auf einem Kehrblech durch die Gegend flog. Besonders sympathisch war mir, dass die Hauptfigur Doremi süchtig nach Steak war. Eine Obsession mit der ich mich problemlos identifizieren konnte. Was verbirgt sich noch hinter den dicken Steaks, bunten Bällen und grünen Klopsen aus meiner Erinnerung?

Doremis erstes Ziel als Hexe ist, das größte Steak aller Zeiten zu erschaffen.

Doremis erstes Ziel als Hexe ist, das größte Steak aller Zeiten zu erschaffen.

Popularitätshoch & verlassene Hexenschulen

Zwischen den Jahren 1999 und 2003 produzierte die Firma Toei Animation vier Staffeln mit insgesamt 201 Folgen unter dem Titel Ojamajo DoReMi. In Deutschland wurden nur die ersten beiden Staffeln übersetzt und im Jahr 2001 zum ersten Mal ausgestrahlt. Verantwortlich dafür war der altbekannte Pokito-Programmblock bei RTL2. Ich habe mich dafür entschieden, in diesem Artikel nur Folge eins bis 25 der ersten Staffel in der deutschen Übersetzung zu besprechen. Denn der erste Handlungsbogen kommt bis dorthin bereits zum Abschluss und offenbart genug vom Konzept der Serie.

In Japan hatte DoReMi deutlich mehr Erfolg als in Deutschland. Das ist zwar nicht ungewöhnlich, aber im Zuge meiner Recherche erschien mir die Diskrepanz zwischen den jeweiligen Fan-Lagern als besonders faszinierend. Japanische DoReMi-Fans haben nicht nur zwei Staffeln mehr zu sehen bekommen. Es gab außerdem eine auf dem Anime basierende Manga-Serie, die in vier Büchern erschien. Zusätzlich gab es zwei Kinofilme und neun Light Novels. In Deutschland wurde DoReMi nur eine kurze Hochphase an Popularität zuteil. Von 2001 bis etwa 2003 tauschten sich die Leute in Fan-Foren über die Serie aus. Es gab sogar einige besonders engagierte Fans, die gleich ihre eigene Online-Zauberschule ins Leben rufen wollten. Die ungelenk programmierten Gerippe ihrer Webseiten verweilen jedoch bis heute in den Weiten des Internets – als längst vergessenes Mahnmal eines untergegangenen Fankreises. Nostalgisch aufgearbeitete Parodien oder Soundtrack-Cover sucht man auf Youtube vergeblich. Wenn man etwas findet, wünscht man sich sofort, man hätte besser gar nicht erst danach gesucht. Ganz anders sieht es in Japan aus. Die Cover-Songs der japanischen Fans sind oftmals aufwendig neu arrangiert. Hier folgt ein besonders liebevoll produziertes Akustik-Cover des ersten DoReMi-Intros für zwischendurch.

Hexen-Azubinen haben nichts zu fürchten

Die Handlung von DoReMi dreht sich um das gleichnamige Mädchen Doremi Harukaze. Doremi ist acht Jahre alt und geht in die Grundschule. Sie ist schlecht in der Schule, genervt von ihrer Familie, die sich ständig streitet, und himmelt einen Jungen aus ihrer Klasse an, der sie ignoriert. Sie brüllt deshalb immer wieder, sie sei „das unglücklichste Mädchen der ganzen Welt“. Getrieben von ihrem Wunsch, ihr Leben endlich zum Besseren zu wenden, entdeckt Doremi auf ihrem Nachhauseweg einen Zauberladen. Der Laden gehört einer echten Hexe namens Majorca und zieht Menschen mit großen Wünschen automatisch an.

Ging es euch auch schon so schlecht, dass euer eigener Schrei anfangen musste zu schreien?

Ging es euch auch schon so schlecht, dass euer eigener Schrei anfangen musste zu schreien?

Als Doremi den düster ausgestatteten Laden betritt, zählt sie eins und eins zusammen und enttarnt Majorca als Hexe. Die Bestrafung dafür ertappt worden zu sein, besteht darin, dass die Hexe die Form eines grünen Klopses annehmen muss. Um sich wieder zurück verwandeln zu können, bleibt Majorca nichts anderes übrig, als Doremi zu einer vollwertigen Hexe auszubilden. Da Doremi mit ihren neu erworbenen Kräften ziemlich offen umgeht, erfahren ihre zwei besten Freundinnen, Emilie und Sophie, ebenfalls von ihrem Geheimnis. Emilie ist klug, schüchtern und stammt aus einer reichen Familie. Sophie ist schlagfertig, sportlich und ihr Vater ist alleinerziehend. Die beiden werden prompt auch zu Hexenschülerinnen erklärt und so ist das Trio bereits nach der dritten Folge komplett. Von nun an ist es die Aufgabe der Drei am Wochenende in Majorcas Laden zu arbeiten und Zaubern zu lernen.

Eine kindergerechte Heranführung an das spätere Arbeitsleben.

Eine kindergerechte Heranführung an das spätere Arbeitsleben.

Zauberei muss in der Welt von DoReMi verdient werden. Die Zauberstäbe der Hexenschülerinnen werden mit bunten Bällen aufgefüllt, die Magical Balls genannt werden. Ein Zauberspruch kostet einen Ball und Bälle können nur erworben werden, indem Talismane und anderer Hexen-Nippes aus dem Laden verkauft werden. Um es vom Neunten bis in den letzten Hexengrad zu schaffen, müssen die Grundschülerinnen also nicht nur zaubern, sondern auch ihre ersten Gehversuche in Sachen Betriebswirtschaft machen. Bis Folge 20 kennt DoReMi daher keinen Antagonisten. Stattdessen geht es um die alltäglichen Probleme, die die Schule und der Hexenaushilfsjob mit sich bringen. Mal muss der Shop neu dekoriert werden, mal eine chronische Lügnerin in der Schule zur Rede gestellt werden und ein anderes Mal ist Doremi wieder in irgendeinen Jungen verknallt, der ihre Liebe nicht erwidert. Das sind die Abenteuer, auf die man sich in DoReMi einstellen muss.

Zaubern kann nicht alles sein

Die Welt von DoReMi ist eine behütete und kindgerechte Welt. Konflikte werden immer auf einen Schlag durch Vergebung oder Ehrlichkeit gelöst. Dabei ist es drollig wie offensichtlich irrelevant das ganze Hexenthema für das Voranschreiten des Plots selbst ist. Probleme werden immer erst durch die moralische Einsichten der Figuren gelöst – erst misslingt der Zauberspruch, doch wenn dahinter ein guter Wille steckt, funktioniert er doch. Doremi, Emilie und Sophie schärfen letztlich nicht ihre Zaubertechniken sondern ihren Charakter. Dass sie schließlich Leute in Frösche verwandeln können, ist nur eine Nebenwirkung davon. Die personifizierte Irrelevanz der Hexenwelt für den Plot stellen die beiden Prüferinnen, Mota und Mota-Mota, dar. Während der Hexenprüfungen stehen beide Damen offensichtlich unter dem Einfluss nicht weiter erläuterter Substanzen (und das vermutlich schon seit hunderten Jahren). Sie scheinen ihrer Umgebung gerade noch genug Aufmerksamkeit schenken zu können, um ihre Prüflinge durchzuwinken. Den siebten Hexengrad, beispielsweise, verschenken sie einfach, um nicht mehr genervt zu werden und stattdessen in den Urlaub fliegen zu können.

"Woow... wollten wir nicht... Noten verteilen oder so was? Ja irgendwas mit Noten... na wird nicht so wichtig gewesen sein. Sag mal... siehst du auch diese Lichter?"

“Woow… wollten wir nicht… Noten verteilen oder so was? Ja, irgendwas mit Noten… na wird nicht so wichtig gewesen sein. Sag mal… siehst du auch diese Lichter?”

Jupli Jupla Karapata – Wo bleibt die Musik?

Der Soundtrack von DoReMi ist ein Mysterium an sich. Für eine Serie, die sich nach Tonsilben benannt hat, geht es in der Serie nur selten um Musik an sich. Die Zauberstäbe der Hexen sind offiziell Musikinstrumente, die Krakordion genannt werden. Um sie zu verwenden muss man aber weder lernen auf ihnen zu spielen, noch machen sie wirklich Musik. Abgesehen vom eingängigen Introsong, Ojamoja Carnival, finden sich viele Songs, die innerhalb der Serie verwendet werden, nicht auf dem offiziellen Soundtrack. Es handelt sich dabei um eine handvoll halbgarer Popsongs, die mit merkwürdigen deutschen Texten unterlegt wurden. Scheinbar zusammenhanglos wechseln die Themen der Lyrics zwischen Zauberei, Gemüse und Löwen, auf denen geritten wird. Zu einem bestimmten Song namens Guten Appetit ließen sich wirklich nirgendwo im Internet Spuren finden. Im Rahmen meines Artikels habe ich deshalb wahre Pionierarbeit geleistet. Zum ersten Mal in der Geschichte, habe ich die deutschen Lyrics dieses Songs im Internet veröffentlicht. Außerdem lassen sich zwei dieser kuriosen Songs, Guten Appetit und Zauberkraft, dank meines Eingreifens endlich auf der Wikipediaseite der ersten Staffel finden. Ein weiterer Beitrag zum Kulturerbe der Menschheit ist geleistet.

Konflikte aus der echten Welt

Anstelle von Hexerei und Musik versucht DoReMi teilweise überraschend ernste Probleme junger Mädchen anzusprechen. Diese hintergründige Intention zeigt sich deutlich in einzelnen Szenen, die man so nicht in einer Kinderserie über drei tollpatschige Hexenschülerinnen erwarten würde. Ein sprichwörtlicher Schlag in die Magengrube ist Folge 17. Einer von Doremis Mitschülern wird von der Polizei verhaftet. Als ihn die Lehrerin, Frau Seki, schließlich zur Rede stellt, beginnt der Schüler, wie verrückt auf sie einzuschlagen. Sie nimmt die Schmerzen hin, bis ihr Schüler endlich aufgibt und ihr tränenüberströmt in die Arme fällt. Ich muss zugeben, dass Gewalt von Schülern gegen Lehrer kein Motiv war, das ich habe kommen sehen. Frau Seki übernimmt hier einerseits eine mütterliche – also erzieherische – Rolle. Andererseits ist sie aber dazu in der Lage körperliche Schmerzen wegzustecken als wären sie nichts. Frau Seki stellt innerhalb der Serie eine Mischung aus traditioneller Mutter und unabhängiger Power-Frau dar.

Frau Seki ist im wörtlichsten Sinne bereit, für ihre Schützlinge zu leiden.

Frau Seki ist im wörtlichsten Sinne bereit, für ihre Schützlinge einiges einzustecken.

In Folge 14 geht es um ein Mädchen, das größer und stärker ist als alle Jungs in der Klasse. Deshalb behandeln sie auch alle wie einen Jungen. An ihrem Geburtstag wünscht sie sich zum ersten Mal ein Kleid zu tragen. Als sie die Jungs der Klasse darin sehen, lachen sie sie aus und das Mädchen läuft weinend davon. Obwohl es am Ende der Folge eine Versöhnung gibt, trägt sie danach kein Kleid mehr. Beide Parteien sind nicht dazu in der Lage, mit der Unsicherheit gegenüber ihren Geschlechterrollen umzugehen. Am eindrücklichsten wird die Geschichte der dritten Hexenschülerin, Sophie, erzählt. Ihr Vater ist aufgrund seines Jobs als Taxifahrer oft überfordert mit der Erziehung seiner Tochter. Sophie übernimmt viel zu früh verschiedene Aufgaben im Haushalt und füllt so mehr schlecht als recht die Lücke, die ihre Mutter in der Familie hinterlassen hat. In Folge 23 eskaliert die Situation schließlich und ihr Vater schlägt sie. Nachdem der Vater sich entschuldigt, versöhnen sie sich wieder. Doch das Verhältnis der beiden bleibt weiter instabil. Sophie wird viel zu früh in der Rolle einer Mutter gezwängt. Durch ihre energische Art kommt sie recht gut damit klar im Haushalt mitzuhelfen und für ihren Vater zu kochen. Doch die Diskrepanz zwischen den Anforderungen, die an Sophie gestellt werden und ihrem tatsächlichen können, wird in dem problematischen Verhältnis zu ihrem Vater immer wieder deutlich. So verhandelt DoReMi unterschiedliche Entwürfe von Weiblichkeit, zeigt jedoch auch deren Widersprüchlichkeiten auf.

Mit dem Besen gegen das Patriarchat

DoReMi thematisiert also verschiedene Lebenssituationen junger Mädchen. Hat die Hexenwelt überhaupt etwas damit zu tun? Ich meine ja. Die Geschichte rundum die Hexerei bringt den Plot zwar nie voran, aber sie folgt ihm auf stetem Fuße. Somit wird die Hexenwelt zu einer Parabel auf die Geschehnisse, die sich in der Schule und zu Hause abspielen. Die Ikonografie der Hexen verhält sich parallel zur weiblichen Identität der Figuren. Gewöhnlich werden Hexen als hässlich und heimtückisch dargestellt. Diese Rolle wird von Majorca und den anderen älteren Hexen erfüllt. Sie kleiden sich in dunkle Umhänge, sind egoistisch und belegen die Menschen mit bösen Flüchen.

So sah der Laden aus, bevor die Hexenschülerinnen umdekoriert haben.

Ein Blick in den Hexenladen der alten und okkult veranlagten Hexengeneration.

Die Hexenwelt, in der sich die jüngere Generation von Doremi aufhält, bietet ein völlig anderes Bild: Alles ist rosa und verziert. Doremi und ihre Freundinnen tragen bunte Kleider und nutzen ihre Magie größtenteils, um Essen, Schmuck und Kleidung herzustellen. Insofern erfüllen sie leicht individualisierte, aber trotzdem klassische, weibliche Rollenbilder. Damit verkehrt DoReMi die übliche Figur der Hexe in ihr Gegenteil. Ein hervorstechendes Merkmal der Hexenfigur ist normalerweise, dass sie aus der von Männern geformten Welt ausbricht und daraufhin tun und lassen kann, was sie will. Die Hexenschülerinnen in DoReMi brechen dagegen nicht aus dem klassischen Bild der Frau aus, die für die Familie kocht und putzt. Stattdessen zelebriert die Serie eher eine solche traditionelle Weiblichkeit.

Neue Deko, neue Denke. Doremis Generation dekoriert den Laden um

Neue Deko, neue Denke – Doremis Generation dekoriert den Laden um.

Vermittelt DoReMi deshalb Kindern konservative, rückständige Werte? Betrachtet man den Kontext, Ende der 90er, in dem die Serie entstanden ist, dann war das sicher nicht der Fall. Der Übergang der alten, spinnenweben-verhangenen Hexengeneration zur lieben, hübschen, jüngeren Generation in DoReMi, spiegelt einen Wandel wieder, der Mitte der 90er auch in der Feminismus-Bewegung zu beobachten war. Der sogenannte third wave-Feminismus hatte es sich zum Ziel gesetzt, sich die weiblichen Attribute wieder anzueignen, die die vorherigen Feministinnen als Zeichen des Patriarcharts abgelehnt hatten. Shopping, Backen, Kochen und hübsche Kleider zu tragen, sollte wieder Teil einer selbstbestimmten Weiblichkeit werden dürfen – solange die Frau es für sich selbst tut. Die egozentrische und durchsetzungsfähige Art von Majorca repräsentiert dagegen eine veraltete Form des Feminismus, der sich noch gegen den Rest der Welt auflehnen musste. Doremi, Emilie und Sophie lassen sich dagegen auf ihre Weiblichkeit ein und ziehen daraus ihre Stärke, anderen Menschen gegenüber mitfühlend und hilfsbereit zu sein. Die Hexenwelt und ihre Prüfungen sind eine Reflektion ihrer Entwicklung als Frauen. Das Trio muss sich gegenüber der älteren Generation behaupten und dabei einen eigenen Weg in ein selbstbestimmtes Leben finden.

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