Opa mit Raketenantrieb: INUYASHIKI

Opa mit Raketenantrieb: INUYASHIKI

Ichiro Inuyashiki ist am Ende: Er ist sterbenskrank, einsam und wird von seiner eigenen Familie nicht ernst genommen. Nachdem ihm ein unbekanntes Raumschiff auf den Kopf fällt, ist jedoch plötzlich alles anders…

Ichiro Inuyashiki hat im Leben keine Freude: Der 58jährige sieht rund 20 Jahre älter aus, leidet unter bösen Rückenschmerzen und wird von seiner keifenden Ehefrau sowie seinen beiden pubertierenden Kindern nicht ernstgenommen. Diese wollen nicht mit ihm auf der Straße gesehen werden und bezeichnen ihren Vater gegenüber Klassenkameraden als ihren Opa. Auch der Umzug der Familie ins eigene Haus, dass sich Inuyashiki vom Munde abgespart hat, führt nur zu weiteren Nörgeleien: Zu klein, zu eng.

„Hör doch auf so zu tun, als ob du cool wärst“, sagt der Sohn auf dem Nachhauseweg, während er verstohlen neben seinem Vater herläuft. „Wir sind Hobbits, und werden für immer in unserer Höhle leben“. Der stehts etwas zittrige Inuyashiki weiß darauf nichts zu antworten. Am nächsten Tag sucht er einen Arzt auf. Sein Untersuchungsergebnis: Magenkrebs im Endstadium, maximal noch drei Monate Lebenszeit. „Sie sehen deutlich älter aus als 58“, sagt sein Arzt. „Das bekomme ich oft zu hören“, antwortet der Kranke. Als er später Trost bei seiner Familie suchen will, lässt ihn am Frühstückstisch niemand zu Wort kommen. Inuyashiki verlässt das Haus mit seinem Chiba-Hund Hanako.

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Als die beiden Abend auf einem kleinen Hügel stehen, fällt plötzlich irgendetwas vom Himmel. Nach einem lauten Knall erwacht Inuyashiki aus einem langen Schlaf. Welches Flugobjekt ihn da niedergestreckt hat, weiß er nicht. Der Leser weiß es allerdings schon: Wer auch immer da notlanden musste, hat gehörig an dem noch gar nicht so alten Mann herumgeschraubt.

Als er sich einer erneuten Untersuchung im Krankenhaus unterzieht, trauen die Ärzte ihren Augen nicht: Sein Körper verweigert sich den Röntgenstrahlen, seine Venen sind unauffindbar und sein Puls überfordert das Messgerät. Inuyashiki macht sich auf den Heimweg und muss feststellen, dass er ganz ohne seine Brille plötzlich in die weiteste Ferne sehen kann. Damit nicht genug: Auf einmal fängt er an zu dampfen, gleich darauf öffnet sich sein Körper, und eine Art Gewehr entwächst seinem Unterarm. Was tun?

Der Weg des traurigen alten Mannes zum Cyborg-Superhelden: Zumindest hinsichtlich des Alters seines Protagonisten hatte Oku Hiroya, der Zeichner des Dauerbrenners Gantz, eine unverbrauchte Idee. Nicht wenige andere Elemente seines Szenarios sind hingegen altbekannt: Das Hadern mit dem verwandelten Körper, mit übermenschlichen Fähigkeiten und die Schwierigkeiten dabei, sich in die neue Rolle einzufinden. „Ich bin nicht mehr ich selbst“, beklagt sich Inuyashiki naheliegenderweise.

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Was er mit seinen unfreiwillig erworbenen Fähigkeiten anstellen will, weiß der frisch gebackene Held hingegen ganz genau: Er möchte den Schwachen und Schutzbedürftigen helfen – auch um sich selbst zu beweisen, dass er, den sein neuer Cyborg-Körper nicht einmal mehr weinen lässt, doch noch ein Mensch ist. Dass er sich dessen bereits nach seinem ersten Kampf gegen Obdachlose jagende Jugendliche ganz sicher ist, kann man nur teilweise nachvollziehen. Zwar erscheint Inuyashiki von Anfang an als gutmütiger Typ. Die felsenfeste Überzeugung, mit der er sich bereits kurz nach der Entdeckung seiner Kräfte – und ungeachtet aller Entfremdung gegenüber seinem scheinbar neuen Ich – seine eigene Mission erklärt, erlangen die meisten anderen Superhelden jedoch verständlicherweise erst nach einem langen und mühsamen Ringen mit sich selbst.

Dass „Inuyashiki“ dennoch nicht einfach nur als die tausendunderste Verwurstung bekannter Superheldenklischees daherkommt, verdankt die Serie ihrem schonungslosen Blick für die Abgründe der (nicht nur) japanischen Gegenwart. Auch hier wirkt manches ein Wenig zu dick aufgetragen: Hin und wieder wird, abseits durchaus überzeugender emotionaler Momente, allzu sehr auf die Tränendrüse gedrückt. Insgesamt überzeugt das Werk jedoch nicht zuletzt mit einem besonders fürs Actiongenre ungewöhnlich reflektierten Blick aufs Älterwerden. Inuyashikis Verwandlung und seine Entfremdung gegenüber sich selbst können auch als Metapher auf die Sorgen und die Ausbruchsphantasien gelesen werden, die eine schwere Krankheit und der Verlust körperlicher Kraft mit sich bringen.

Sehr eindrucksvoll gelingt es dem Manga zudem, die Stimmung einer von Vereinzelung, Entfremdung und Nihilimus geprägten Zeit einzufangen. Jugendliche, die aus reiner Langeweile Obdachlose quälen oder in der U-Bahn alte Leute bedrohen, und Oberschüler, die sich aus Angst vor den eigenen Klassenkameraden tagelang unter der Bettdecke verkriechen – während ihre Eltern ganz von ihrem prekären Scheißjob im Supermarkt in Anspruch genommen werden.

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Inuyashikis Gegenspieler, über den an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden soll, wirkt dabei als eine Art Destillat einer unwirklichen Gegenwart. Warum, fragt er sich, soll man all die Leute, die einem nichts bedeuten, denn nicht einfach aus Spaß an der Freude umbringen können? Schließlich hat auch er nach dem Absturz plötzlich übermenschliche Kräfte, gegen die Polizei oder andere Autoritäten keine Chance haben.

 

Den erbitterten Kampf Inuyashikis gegen die Geister seiner Zeit sollte man sich trotz der erwähnten Schwächen auf keinen Fall entgehen lassen. Neben den großteils glaubwürdigen Charakteren ist es auch die graphische Gestaltung, die einen über kleine Untiefen des Plots leicht hinwegsehen lässt. Der realistische Stil des Mangas passt hervorrragend zum sozialkritischen Unterton. Detailverliebte Einblicke in Inuyashikis biomechanischen Körper erinnern derweil an die Ästhetik von Ghost in the Shell und anderen Klassikern des Cyborg-Genres. Die Abenteuer des sympathischen alten Mannes mit Raketenantrieb können daher auch all jenen ans Herz gelegt werden, die mit Oku Hiroyas gehyptem und nicht enden wollendem Langzeiterfolg Gantz nichts anfangen können.

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Hiroya Oku: Inuyashiki. Inuyashiki. Bisher 2 Bände. Aus dem Japanischen von Stephen Paul. Kodansha USA, New York 2015-2016, 12,99 Dollar. Deutsche Ausgabe ab Mai 2016 bei Egmont Ehapa unter dem Titel Last Hero Inuyashiki.

 

Pictures: Inuyashiki Volume 1+2, Kodansha USA 2015-2016

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