Die Entstehungsgeschichte eines nicht ganz normalen Mangas: ONE-PUNCH MAN

Die Entstehungsgeschichte eines nicht ganz normalen Mangas: ONE-PUNCH MAN

Jeder Schlag sitzt. Leider etwas zu gut. ONE-PUNCH MAN folgt dem Leben von Saitama. Er ist ein Mann, der beschloss, Heldentum zu seinem Hobby zu machen. Auf dem Weg dahin wurde er jedoch zu stark. Er verlor all seine Haare und besiegt nun jeden Gegner mit einem einzigen Schlag. Die Ursprünge des inzwischen weltweit beliebten Mangas liegen in einem krude gezeichneten Webcomic. Nicht mal der bürgerliche Name des Autors ist bekannt. Welche Wendungen nahm der Weg von ONE-PUNCH MAN von seinen krakeligen Anfängen bis heute? 

Am Anfang des Jahres 2009 begann ein mysteriöser Künstler unter dem Pseudonym ONE den Webcomic One-Punch Man auf seiner Seite zu veröffentlichen. Schon drei Jahre später verzeichnete ONEs Webseite mehr als sieben Millionen Aufrufe. Doch gerechnet hatte damit niemand. ONE wollte mit seinem ersten Comic eigentlich nur seine Manga-Software testen. Dafür zeichnete er kurzerhand einen eierköpfigen Superhelden,  der ein Monster mit nur einem Schlag besiegt und daraufhin einen Nervenzusammenbruch erleidet.

Doch ONEs Erfolg kam nicht von ungefähr. Schon seit Schulzeiten war er besessen davon, Mangas zu zeichnen. Als Inspiration diente ihm vor allem der Gag-Manga Crayon Shin-Chan. Genauso wie bei seinem Vorbild wollte ONE das Medium nutzen, um humorvoll und provokativ mit Konventionen zu brechen. Die Interaktion zwischen den Charakteren war ihm schon immer wichtiger als die Qualität der Zeichnungen. Obwohl er für sein Hobby brannte, hielt er das Mangazeichnen vor seinen Eltern und Schulfreunden lange geheim. Er schämte sich davor, aus der Reihe zu tanzen und hatte Angst, zurückgewiesen zu werden. Auf seinem Handy entdeckte er zum ersten Mal Webseiten, auf denen Leute ihre Mangas veröffentlichen. So startete er seine ersten Versuche, indem er seine Manga mit der Handykamera abfotografierte. Seine einfachen und abstrusen Zeichnungen erhielten viele positive Reaktionen, da es nur wenig Vergleichbares gab. Nach dem ersten Kapitel von One-Punch Man verlangten immer mehr User, dass er die Reihe fortsetze. Zum ersten Mal fand ONEs Hobby Bestätigung und so entwarf er begeistert die Geschichte, der der Manga bis heute folgt.

Eines der wenigen bekannten Profilbilder von ONE

Eines der wenigen bekannten Profilbilder von ONE

Im Jahr 2010 war plötzlich Schluss. ONE hatte beschlossen, sich einen Job zu suchen, um ein Jahr lang Geld zu sparen. Danach wollte er kündigen, um sich eine Weile voll und ganz dem Mangazeichnen widmen zu können. Als das Jahr dann wirklich vorbei war, kamen Zweifel in ihm auf. Seine Familie drängte ihn, den Job zu behalten. Schließlich schrieb ONE auf twitter, dass er das Mangazeichnen ganz aufgeben werde. Zur gleichen Zeit lag der professionelle Mangazeichner Yusuke Murata gerade im Krankenhaus. Murata hatte bereits die erfolgreiche Mangaserie Eyeshield 21 illustriert. Im Krankenzimmer las er, dass ONE aufhören wollte. Er war selbst großer Fan des Webcomics und daraufhin fasste er einen Entschluss: Nach seiner Entlassung würde er an einem Manga weiterzeichnen, der ihm wirklich am Herzen lag. Murata bot ONE an, dessen Werk mit seinen eigenen Illustrationen neu aufzulegen. Das letzte Zünglein auf der Waage für ONEs Entscheidung war der weiter anhaltende Zuspruch seiner Fans. ONE widersetzte sich schließlich den Wünschen seiner Familie und nahm Muratas Angebot an. So kam es, dass das Remake von One-Punch Man im Jahr 2012 im Online Magazin von Weekly Shonen Jump veröffentlicht wurde. Im Juli 2012 erschien der erste Band in Japan und bis zum Jahr 2014 sollten 4,5 Millionen Kopien der Serie in Umlauf sein.

Yusuke Muratas Manga

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Durch Muratas Zeichentalent wurden ONEs kreative Ideen noch einmal deutlich aufgewertet. Bereits im Original resultieren viele Gags aus dem Kontrast zwischen Saitama und seiner Umwelt. Murata verstärkte diesen Effekt um einiges.

Saitama vernichtet all seine Gegner mit einem einzigen Schlag und muss sich der existentiellen Frage stellen, was es noch bedeutet ein Held zu sein, für den nichts mehr auf dem Spiel steht. Begleitet wird er von seinem selbsternannten Schüler Genos. Genos ist ein für den Kampf konstruierter Cyborg, der auf seiner Suche nach Rache nichts anderes will als stärker zu werden. Genos bedient ein Klischee, das von der tragischen Hintergrundgeschichte bis zu seiner Obsession zu trainieren in unzähligen Action-Mangas auftaucht. Die wunderschöne Dynamik zwischen ihm und Saitama entsteht dadurch, dass Genos regelmäßig in seine Einzelteile zerlegt wird. Saitama muss ihn immer wieder retten, ohne sich auch nur ein Deut dafür zu interessieren, wofür Genos eigentlich kämpft. Er ist von Genos Rachegeschichte genauso angeödet wie die Leser von dem gesamten Klischee.

Bei einem unbesiegbaren Helden wie Saitama scheint es problematisch zu sein, überhaupt eine interessante Geschichte zu erzählen, die nicht sofort mit einem Schlag gelöst wird. Statt der Kämpfe ist es für Saitama ein größeres Problem, seine Miete zu bezahlen oder den Rabatt-Tag im lokalen Supermarkt zu erwischen. Außerdem wird er von seiner Umgebung nicht als Held wahrgenommen. Denn keiner außer Genos glaubt ihm, dass er solche überirdischen Kräfte besitzen könnte. Diese Kombination aus alltäglichen Sorgen und Identitätskrisen machen Saitama sympathisch und geben den kurzen Handlungsepisoden etwas Tiefe. Während Saitama die typischen Klischees eines Manga-Helden konsequent unterläuft, bewegt er sich in einem detailreichen und grotesken Fantasy-Kosmos. ONE hat um seinen Helden eine Welt erschaffen, in der schreckliche Monster die Menschheit bedrohen und die von einem wohl organisierten Heldenverein bekämpft werden. Jeder Held und jedes Monster besitzt seinen eigenen Charakter. Bei den meisten könnte man sich auch gut vorstellen, wie ein ganzer Manga nur von ihnen handelt. Obwohl One-Punch Man in seinem Kern eine Parodie ist, kann man seine Handlung mit ehrlichem Interesse verfolgen.

Am meisten profitiert One-Punch Man in seiner Neuauflage als Manga von der Bildschranke, die sich zwischen dem plump gezeichneten Charakter von Saitama und den epischen Szenarien um ihn herum ergibt. Die Idee, dass Saitama bedrohliche Situationen völlig gleichgültig löst, war bereits in ONEs Version enthalten. Wie das durch das Artwork ausgedrückt werden kann, wurde aber erst durch Murata ausgereizt. In Kapiteln, die nur eine Situation Panel für Panel räumlich abbilden, hat Murata sich immer wieder selbst übertroffen. Dem gegenüber Saitama zu sehen, der nicht viel mehr Details aufweist als ein Strichmännchen, unterstützt den Humor von ONE perfekt. Murata ist es gelungen, den Charme von ONEs Originalidee einzufangen und der Bildsprache sogar noch mehr hinzuzufügen.

Studio Madhouse Anime

Welche Ausmaße ONEs Hauptwerk inzwischen angenommen hat, kann man in der 2015 erschienen Anime-Umsetzung von Studio Madhouse bewundern. Murata und ONE stehen in engem Kontakt mit dem Animationsteam. So konnte ein Produkt entstehen, dass fast bildgenau Muratas Manga entspricht. Darüber hinaus haben die Macher des Animes einige Szenen beeindruckender animiert, als Murata es sich hätte träumen lassen. Genau wie im Manga profitiert der Humor des Anime umso mehr von der Bildschranke zwischen animierten Meisterleistungen und Saitamas einfachem Design. ONEs spielerischer und eigenwilliger Gag-Manga von damals ist schließlich eines der visuell fesselndsten Franchises aus Japan geworden.

ONE ist weiterhin in alle kommerziellen Adaptionen von One-Punch Man involviert. One-Punch Man begann als ein Hobbyprojekt aus Leidenschaft und verkörpert auch genau diese Idee innerhalb seiner Handlung. Saitama kämpft nicht für Rache, Anerkennung oder Geld. Er kämpft einfach so zum Spaß. Dank des gigantischen Erfolgs des Manga-Remakes und des Animes kann ONE auch heute weiter an seinen Webcomics zeichnen. Und zwar als Hobby.

Die kompletten Interviews mit ONE und Murata, auf denen der Artikel basiert, sind hier zu finden.

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