Wenn die rote Sonne im Meer versinkt: 69

Wenn die rote Sonne im Meer versinkt: 69

Revolutionäre Reden über einem Becher Milch mit Kaffeegeschmack, bluesgetränkte Tristesse in einer heruntergekommenen Marinebar, geheimnisvolle Frauen in Jazzkneipen und ein riesiger Haufen auf dem Schreibtisch des Direktors: Die Kämpfe der Neuen Linken, der Frust über autoritäre Strukturen an der Oberschule und die Subkulturen der 1960er Jahre hinterlassen ihre Spuren auch im Leben des 17jährigen Ken Yazaki. In der südjapanischen Küstenstadt Sasebo träumt er vom baldigen Verlust seiner Jungfräulichkeit. Ryu Murakamis 1987 veröffentlichter Coming of Age-Roman 69 wirft die Frage auf, was von der damaligen Aufbruchsstimmung geblieben ist.

Als sich der wortgewandte und beizeiten draufgängerische Oberschüler gemeinsam mit seinen Freunden dazu entschließt, am Vorabend des ersten Tags der Sommerferien seine Oberschule zu verbarrikadieren und mit revolutionären Parolen vollzusprühen, schwingt er große Reden über die Befreiungskämpfe in Algerien und die Bewegung gegen den Krieg in Vietnam. Ein Jahr zuvor hatte er sich noch kaputtgelacht über den Auftritt protestierender Folksänger: Die USA sind groß und mächtig, ein einziger ihrer Phantom Jets ist lauter als euer ganzes Konzert. Also, was wollt ihr? Protest und revolutionäre Strategie hält er auch jetzt noch für Quatsch, oder bestenfalls für ein Mittel zum Zweck. Ihm geht es vor allem darum, seiner Traumfrau aus dem English Dramas Club zu gefallen: Kazuko alias Lady Jane alias „der Engel“.

Die Nöte der Spätpubertät

Nach der Lektüre des autobiografischen Romans von Ryu Murakami, einem Produzenten von allerlei Postmoderne-Schockern, hat der Leser viel über die Nöte der Spätpubertät, und nur wenig über die immer wieder angerissenen politischen Auseinandersetzungen im Japan der späten 60er Jahre erfahren. Allerdings ist es auch nicht die primäre Absicht des Werks, ein politisches Bild seiner Zeit zu entwerfen: Seine übergreifenden Themen sind die Widersprüche des Erwachsenwerdens, die Schwierigkeiten beim Finden eines eigenen Standpunkts, die erste Liebe und die erdrückende Macht alter Autoritäten, die keine Rechtfertigung besitzen außer dem ihnen verliehenen Titel. Und doch: Was Ende der 1960er Jahre passiert ist, hinterlässt Spuren im Leben des Protagonisten und seiner Freunde. Da gab es „etwas, das in der Luft lag“, weiß Ken. „Es war allerdings schwierig zu erklären, was es war“, stellt er fest. In einem letzten Kapitel hält der zum Zeitpunkt der japanischen Erstveröffentlichung 32jährige Murakami Ryu Rückschau und erinnert sich an ein Versprechen von „Spaß ohne Ende“.

Acid

Dass man sich in der Pubertät genau danach sehnt und dass außerdem die eigenen Liebesnöte das größte Problem der Welt sind, ist klar. Oft fällt es beim Lesen auch schwer, dem Protagonisten sein instrumentelles Verhältnis zu anderen Menschen, seine gekonnte Flunkerei und seinen Missbrauch politischer Parolen für rein egoistische Ziele vorzuwerfen. Mit entwaffnender Ehrlichkeit, die an andere Coming of Age-Werke wie Sören Olssons und Anders Jacobssons  Berts gesammelte Katastrophen erinnert, verfällt er erst in Traumbilder und heroische Episoden – um dann kurz darauf zu erzählen, wie gänzlich unheroisch es wirklich war. Einen Kontrapunkt bildet Kens bester Freund, der coole und besonnene Adama. Während Ken mit den Namen von politischen Theoretikern, Beatschriftstellern und Filmemachern jongliert und alle möglichen Versatzstücke zu „Second-hand-Gedanken“ zusammenfügt, beginnt der neben den Schlackengruben Kyushus aufgewachsene Adama auf einmal damit, das ganze Zeug ernsthaft zu lesen. Bei der Organisierung eines gegenkulturellen Festivals ist er es, der Ordnung ins Chaos bringt und sich um unliebsame Details wie Veranstaltungsort, Kartenverkauf und Logistik kümmert. Ken hingegen verbringt die meiste Zeit damit, den Anführer zu spielen und kluge Sprüche zu klopfen.

Sieg des Spektakels über die Politik

Das Ganze ist flott geschrieben und die meiste Zeit über hinreißend komisch. Murakami geling es, auf eine glaubwürdige Weise die Nöte des Erwachsenwerdens, die Unsicherheit im Umgang mit dem anderen Geschlecht und die mühsame Suche nach der eigenen Identität zu verhandeln. Auch die anderen Protagonisten, die in den Strudel der Ereignisse gezogen werden, wirken trotz oder gerade wegen manch gekonnter Überzeichnung glaubwürdig und überzeugend. »Hardboys alter Schule“ – also die auch im Manga so oft anzutreffenden Raubeine in zerknautschten Schuluniformen, drohen mit dem hölzernen Kendoschwert, melancholische Kneipenwirte werden nach zu viel Dope und Pillen von Impotenz geplagt, frustrierte Kriegerwitwen triezen ihre Schülerinnen im Sportunterricht, Politaktivisten debattieren inmitten von Matratzen und zerknüllten Taschentüchern und beflügeln damit Kens Fantasie.

Als eine vergnügliche Frühlingsnachmittagslektüre ist der Roman also bedenkenlos zu empfehlen. Die Stimmung in einer Stadt an der Peripherie (sofern man Sasebo auf der Südinsel Kyushu als solche bezeichnen kann) fernab der erbitterten Straßenkämpfe in Tokyo bringt Murakami in seinem lockeren Plauderton wunderbar zum Ausdruck. Aus den Zeilen seines Werks dringt jedoch mitunter auch der Sound des Ex-Kommunarden Rainer Langhans und anderer, irgendwie dabeigewesener Schwadroneure, die die 1968er-Bewegung vor Allem als einen großen Selbstfindungstrip betrachten. Die politischen Ziele, die ein großer Teil der 68er verfolgt hat – etwa die Überwindung des Kapitalismus und die Solidarität mit den damals noch zahlreich vorhandenen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt – werden von ihnen herunter geredet oder im Nachhinein zum gefährlichen politischen Irrweg erklärt. Ganz nach dem Motto: Was ein Glück für diese Welt, dass wir unsere Ziele nicht erreicht haben.

Murakamis Erzähler merkt man zwischendurch jedoch durchaus an, dass selbst seine vermeintlich unpolitische Revolte sich dem Bereich des Politischen nicht entziehen kann. Die Welt der erwachsenen Autoritäten und die Methoden ihrer Machterhaltung erscheinen ihm als stählernes Gehäuse: „Eigentlich geilen sich alle Lehrer daran auf, ihre Schützlinge einzuschüchtern, indem sie ihre Position ausnutzen. Das ist ihre Art, die Leere in ihrem eigenen Leben auszufüllen“. Insgesamt überlagern in diesem Werk jedoch das Spektakel und die (Selbst)Inszenierung die Politik. Hach, war das damals schön, scheint das Buch dem Leser manchmal wehmütig entgegen zu seufzen.

Cafe        SofaPflanzen

Was vom Aufstand übrig blieb

Hinter der Nostalgie, die 69 und viele weitere 68er-Erinnerungsbücher durchdringt, tritt jedoch eines in den Hintergrund: Das eigentliche Versprechen eines befreiten Lebens, das 1968 formuliert wurde, konnte nicht eingelöst werden. Der Kapitalismus sitzt noch immer fest im Sattel, und die Vorstellung eines Lebens fernab des Zwangs, unter häufig miesesten Bedingungen die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Auch in Japan halten einige Protagonisten der Revolte von damals deshalb an ihren politischen Zielen fest und setzen sich noch immer dafür ein, die bestehenden Verhältnisse zu überwinden. Dabei werden sie von später zur Bewegung gestoßenen, jüngeren Aktivisten unterstützt. Obwohl die außerparlamentarische Linke heute deutlich schwächer und kleiner ist als in den 60er und 70er Jahren, scheint der Staat zunehmend nervös zu werden: Er versucht alles, um die erneute Formierung einer starken linken Bewegung zu verhindern.

So gingen Einsatzkräfte der Polizei Ende Februar und Anfang März etwa massiv gegen die Organisatoren eines vom marxistischen Studierendenverband Zengakuren organisierten Unistreiks in Kyoto vor. Spricht man mit Zengakuren-Aktivisten (wozu der Autor im Sommer letzten Jahres eine Gelegenheit erhielt), hört man eine andere Geschichte der 68er-Bewegung als jene, die Murakami erzählt: Es ist dann viel mehr von erbitterten Kämpfen und deutlich weniger von ausgedehnter Selbstfindung die Rede. Mit dieser Gegenüberstellung soll  nicht versucht werden, die Autoren autobiografischer Romana zur Parteilichkeit oder zum Schreiben von Büchern mit möglichst viel agitatorischem Wumms zu verpflichten. Nur sollte man sich bewusst machen, dass Ryu Murakami in seinem Werk eben nur eines von verschiedenen, konkurrierenden Bildern der Ereignisse von “1968” in Japan zeichnet. Fernab von alledem bleibt festzuhalten, dass die Lektüre von 69 viel Vergnügen bereitet. Um Klassen besser und Erkenntnis fördernder als Lenin kam nur bis Lüdenscheid, die viel gepriesene Anekdotensammlung eines deutschen Trivialphilosophen, ist der Roman sowieso.

Ryu Murakami: 69. Aus dem Amerikanischen von Andrea Viala. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2004. Antiquarisch erhältlich

RoteSonneMeer

Share this Story

Related Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Suche

Facebook

Archiv