Tōmatsu Shōmei: Bilder des Umbruchs

Tōmatsu Shōmei: Bilder des Umbruchs

Tōmatsu Shōmei ist einer der einflussreichsten Fotografen des modernen Japans. Seine Arbeit zu den turbulenten Zuständen der Nachkriegsjahre und den Folgen der US-Besatzung bildete einen Bruch mit der bis dahin vorherrschenden traditionellen Kunstfotografie. Ein rauer, körniger Stil und impressionistisch anmutende Momentaufnahmen zeichneten seine Arbeit aus und machten ihn zum Urvater der zeitgenössischen japanischen Kunstfotografie.

September 1945. An Bord eines amerikanischen Schiffes besiegelten Vertreter der japanischen Regierung mit ihrer Unterschrift die bedingungslose Kapitulation. Die Folgen der Atomangriffe auf Hiroshima und Nagasaki hinterließen eine in ihrem Selbstverständnis zerrüttete Nation. Das Schicksal des Landes oblag nun den amerikanischen Besatzungskräften. Unter ihrer Führung wurden tiefgreifende Veränderungen in den politischen und gesellschaftlichen Strukturen vorgenommen, die Japan für immer veränderten.

 

> Tōmatsu Shōmei, Untitled (Hateruma-jima, Okinawa), 1971 <

 

Diese Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Umbruches bildeten einen fruchtbaren Boden für neue Bewegungen in der Kunst, zu Zeiten des Krieges fast ausschließlich propagandistischen Zwecken gedient hatte. Die Künstler wollten nun Mitteln und Wege finden, das  erlebte Trauma zu verarbeiten. Sie suchten nach einer neuen visuellen Sprache, um das Unaussprechliche auszudrücken sowie den sich rasant wandelnden gesellschaftlich-politischen Umständen gerecht zu werden. Der Fotograf Tōmatsu Shōmei gehört zu den Künstlern, die in jenen Jahren neue Wege einschlugen und damit die nachfolgenden Generationen nachhaltig beeinflussten.

Geboren in 1930 in Nagoya, wurde er von dem Erlebnis des Krieges als Jugendlicher und den Umwälzungen der Nachkriegsjahre maßgeblich in seiner Arbeit geprägt. Während seines Studiums in den 50er Jahren begann er zu fotografieren. Bis in die 1980er Jahren setzte er sich mit den Folgen der amerikanischen Besatzung in Japan auseinander und richtete sein Hauptaugenmerk auf die US-Militärstützpunkte. Er dokumentierte die “Amerikanisierung”, die das ganze Land durchzog, sowie die Konsequenzen des rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs, den Japan in den 1950ern und 60ern erlebte. Shōmei richtete seine Kamera  etwa auf den Wohlstand des wachsenden Mittelstandes oder die mit der beschleunigten Industrialisierung einhergehende Umweltverschmutzung.

Mit seinem eigenen, scharfen Blick betrachtete er eine Nation im Wandel, die verzweifelt nach Identität und neuen Orientierungspunkten suchte.Er hielt das  bunte Treiben des tokyoter Nachtlebens, die Straßenschlachten, die Ruinen des Krieges und den Müll auf der Straße fest. Er richtete seine Linse auf die Verbrennungsnarben der Atombombenopfer, die amerikanischen Soldaten und ihre Familien, die Prostituierten und die Studenten. So erschuf Tōmatsu ein facettenreiches Panorama der Zeitgeschichte und der Gesellschaft seines Landes.

 

> Tōmatsu Shōmei, Untitled (Protest Series), 1969 <

 

Mit seiner persönlichen und innovativen Art, sich das Medium der Fotografie zu eigen zu machen, gehörte Tōmatsu zu den Begründer der sogenannten “Neuen Fotografie” in Japan. Vor dem Krieg war in Japan vorrangig eine Fotografie praktiziert worden, die stark an der streng normierten Ästhetik der traditionellen Holzschnitte orientierte. Charakteristische Motive wie zum Beispiel Geishas oder idyllische Naturszenen bestimmten die Bildlandschaft, und dies oft in tradierten Posen bzw. Darstellungsweisen.

 

> Ogawa Kazumasa, A damsel – Maiko cherry blossom time, 1890 <

 

Nach dem Erlebnis der Schrecken des Krieges schien dies als Ausdrucksmittel jedoch nicht mehr auszureichen, und Fotografen suchten nach neuen Wegen, sich das Medium zu eigen zu machen. Hierbei waren zwei extreme Strömungen auszumachen. Fotografen wie z.B. Hamaya Hiroshi besannen sich auf das traditionelle, ländliche Japan zurück. Ihre Bilder widmeten sich oft aus Szenen aus dem bäuerlichen Leben oder vom Zen-Buddhismus inspirierten Motiven.

 

> Hamaya Hiroshi, Japan, 1955 <

 

Im Gegensatz dazu versuchten andere, die Grenzen des Mediums weiter auszureizen. Sie experimentierten unter anderem mit neuen Kompositions- und Belichtungstechniken. Der Fotograf bildete fortan nicht mehr nur etwas ab, sondern machte seine aktive Rolle im künstlerischen Prozess auf den Bildern sichtbar. So fing Tōmatsu an, mit verschiedenen Effekten zu arbeiten, um seinen Bildern eine neue, persönlichere Dimension zu verleihen. Er verwendete Verwischungseffekte oder Doppelbelichtungen, die für eine oft raue Textur sorgten und den Eindruck von Bewegtheit und Dynamik erzeugten. Mit diesen Mitteln versuchte Tomatsu sein subjektives Empfinden der Geschehnisse in seinem Land für den Betrachter erfahrbar zu machen. Manche seiner Bilder weisen einen sehr figurativen, fast dokumentarischen Charakter auf. Andere allerdings befinden sich an der Grenze der Abstraktion und bringen eine Ambivalenz mit sich, die den Betrachter in einen Zustand der Unsicherheit versetzen. Wenn er eine Flasche fotografiert, geschmolzen durch die Hitze der Explosionen über Nagasaki, so ist in dem ersten Moment nicht klar, worum es sich handelt: Ein totes Stück Fleisch, oder doch nur Glas?

 

> Tōmatsu Shōmei, Bottle melted by the atomic explosion of 1945, 1961 <

 

Aus seinen Bildern der Studentenproteste der 1960er Jahre auf den Straßen Tokyos spricht dieselbe Unsicherheit. Die abgebildeten Personen scheinen etwas verloren durch die verregneten, verwischten Szenerien zu schweben. Die Menschen und Hintergründe oszillieren, Gesichter verschwinden im Rauch, Wolken schweben über das Meer. Tōmatsus Bilder bewegen sich, schillern, Grenzen verwischen, verschieben sich. Die Menschen sehen oft seltsam verfremdet aus, als hätten sie ihren Platz in ihrer Umgebung noch nicht ganz gefunden. Das Japan, das er fotografiert, ist ein Land auf der Suche nach der eigenen Identität, in Zeiten in denen Tradition und Amerikanisierung aufeinanderprallen.

 

> Tōmatsu Shōmei, Untitled (Eros Series), 1969 <

 

 

Mehr zu lesen und zu sehen von Tōmatsu Shōmei gibt es hier: Junkerman John, Rubinfien Leon (Hg.): Chewing Gum and Chocolate – Fotografien von Shōmei Tōmatsu: Kehrer Verlag, Heidelberg 2013. Das Bildband umfasst seine Fotografien zur amerikanischen Besatzung Japans, Texte zu seinem Schaffen, sowie eine detaillierte Chronologie.

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