NC16 – RYUZO AND THE SEVEN HENCHMEN

NC16 – RYUZO AND THE SEVEN HENCHMEN

Enthusiastisches Klatschen im Saal. Der Film RYUZO AND THE SEVEN HENCHMEN hat auf der Nippon Connection 2016 Ende Mai nicht nur allen Zuschauern ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert, sondern auch den Zuschauerpreis des Festivals mit nach Hause genommen. In Takeshi Kitanos neuem Film treffen Yakuza der alten Schule auf die Heizdecken-Trickbetrüger von heute.

Ryuzo ist ein alter Mann. Als sein Sohn ihn bittet, auf dessen Haus aufzupassen, erhält er plötzlich einen Anruf. 5 Millionen Yen soll er bezahlen, um für die Schulden seines Sohns aufzukommen. Als altgedienter Yakuza ist ihm sofort klar, dass eine Erpressung dahinter steckt. Bald darauf bringt Ryuzo in Erfahrung, dass alle Kleinkriminellen der Stadt für ein und dieselbe Firma arbeiten, die sich den Anstrich eines modernen Unternehmens gegeben hat. Offiziell verkauft sie Futon-Matratzen und Filterwasserhähne aus dem Esoteriksortiment. Das Geschäftsmodell besteht im Wesentlichen darin, leichtgläubige Senioren übers Ohr zu hauen. Ryuzo packt der Ehrgeiz und er beschließt, sein altes Leben als Yakuza wieder aufzunehmen. Dazu trommelt er seine Truppe aus früherer Zeit zusammen, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Unter ihnen befinden sich schillernde Charaktere wie etwa Mac, der Revolverheld mit Parkinson, oder Mokichi, der Plumpskloassassine. Jeder von Ryuzos sieben Gefolgsleuten dürfte die 60 schon deutlich überschritten haben. Zusammen unternehmen sie dennoch den Versuch, die Herrschaft über ihr altes Revier zurückzugewinnen.

Als der erste Matratzenverkäufer bei Ryuzos betagter Bande klingelt, merkt er schnell, dass er sich die falsche Haustür ausgesucht hat. Beim Anblick der bis auf die Zähne bewaffneten Rentner lässt der Verkäufer all seine Futons liegen, um schnellstmöglich das Weite zu suchen. Von den brutalen Methoden der Yakuza sind die anderen Kriminellen völlig überfordert. Immer mehr Verbrecher und Betrüger kreuzen verängstigt bei ihrem Chef Nishi auf, um von den widerspenstigen Rentnern zu berichten. Nishi beschließt, Gegenmaßnahmen einzuleiten. Als Ryuzos Truppe sich schließlich aufmacht, das Bürogebäude der Firma mit Pistolen, Messern und Wurfnägeln zu stürmen, bricht endgültig der Krieg zwischen den beiden Generationen von Gangstern aus.

Yakuza – Erpresser und Helden der Großstadt

Um den Konflikt in Kitanos Film besser verstehen zu können, ist es von Vorteil, die Geschichte der Yakuza in Japan zu kennen. Es handelt sich bei ihr um eine hierarchische Organisation, die sich einem strengen Ehrenkodex verschrieben hat. Die rivalisierenden Banden werden als Kumi bezeichnet. Jeder von ihnen besitzt ein eigenes, für alle Mitglieder verpflichtendes Regelwerk. In jedem Kumi findet sich zudem ein väterlicher Anführer, dem seine Untergebenen zu gehorchen haben. Besonders zu unruhigen Zeiten, etwa nach dem ersten und zweiten Weltkrieg konnten die Yakuza stark an gesellschaftlichem Einfluss gewinnen. Zu dieser Zeit entwickelten die einzelnen Syndikate ihre wirtschaftlichen Strukturen, die nach dem Ende der Besatzungszeit 1952 genutzt wurden, um innerhalb der aufstrebenden Ökonomie Japans unter einem legalem Deckmantel operieren zu können. Seit spätestens 1970 sind die Yakuza auch an den Finanzmärkten aktiv. Im Jahr 1992 wurde schließlich das Bōryokudan-Gesetz erlassen. Seither ist es illegal, sich offen zu den Yakuza zu bekennen. Nach dem Bōryokudan-Gesetz gingen die Kumi dazu über, ihre Organisation als Kreditbüros oder Arbeitsvermittlungen zu tarnen. Auf diese Weise sind sie heute noch in Japan aktiv.

Die zwei Gesichter des Takeshi Kitano

Takeshi Kitano wird gerne als Mann mit zwei Gesichtern bezeichnet. Eines von ihnen offenbart sich in Form von ernsten und trocken erzählten Gangsterfilmen. Das Zweite manifestiert sich hingegen in einem provokanten und unflätigen Humor. So war Kitano unter anderem Teil eines erfolgreichen Komikerduos namens Two-Beat, in dem er die Rolle des einfach gestrickten Dummkopfs spielte. Außerdem wird man ihn hierzulande auch noch als den Fürsten Takeshi aus der Gameshow Takeshis Castle kennen. Ryuzo and the Seven Henchmen bietet die seltene Gelegenheit, beide Seiten des Regisseurs im Zusammenspiel zu erleben. Kitano macht sich einen riesigen Spaß daraus, die Würde und Abgebrühtheit der Yakuza der alten Schule nicht nur an den veränderten Verhältnissen des modernen Japans, sondern auch an ihrem fortgeschrittenen Alter zerbrechen zu lassen. Ryuzo präsentiert bei jeder Gelegenheit stolz die Yakuza-Tätowierung auf seiner Brust – und es ist jedes Mal ein Spaß, dabei zuzusehen, wie es niemanden juckt.

Auch seine sieben Gefolgsleute machen sich jeweils auf ihre jeweils eigene Art lächerlich. Im Stil alter Schwarz-Weiß-Actionfilme werden in Form von Rückblenden die jeweiligen Kampfmethoden der Gruppenmitglieder vorgeführt. Dies macht nicht nur Spaß, sondern bringt auch die verschiedenen Persönlichkeiten der sieben Yakuza zum Ausdruck. Ryuzo muss allerdings feststellen, dass seine Freunde zwar ihren Waffen treu geblieben sind, ihre Kampffähigkeiten aber nicht mehr ganz die alten sind. Der Rasiermesserkiller schafft es etwa nicht mal mehr, sich verletzungsfrei zu rasieren.

Betrogene Betrüger auf beiden Seiten

Ungeachtet aller Altersgebrechen, die die Protagonisten plagen, entspinnt sich ein für das Genre des Yakuza-Films typischer Bandenkrieg zwischen Ryuzos Kumi sowie Nishi und seiner Firma. Letzterer will mit der Tradition der Yakuza nichts mehr zu tun haben. Es ist jedoch offensichtlich, dass Nishi genauso wie Ryuzo kein Problem damit hat, skrupellos das Leben anderer zu zerstören. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Ryuzo und seine Gruppe keinen Hehl daraus machen, wer sie sind. Nishis Handlanger verkörpern hingegen die Kriminalität im heutigen Japan in ihrer diskreteren Gestalt. Durch das Bōryokudan-Gesetz wurden die Syndikate gezwungen unterzutauchen. Infolge dessen haben die Menschen, die an ihre Stelle traten, jedoch kaum etwas an den Methoden des organisierten Verbrechens verändert.  Sie sind höchstens noch windiger und verlogener geworden.

Takeshi Kitano bekämpft in seinem Werk Feuer mit Feuer. Er macht sich genüsslich über die Verdorbenheit und Armseligkeit der heutigen Verbrechergruppen lustig, indem er ihnen die in ihrem Handeln konsequenten und brutalen Yakuza der Vergangenheit auf den Hals hetzt. Gleichzeitig lässt der Regisseur den alternden Yakuza nichts mehr von ihrer Würde und ihrer verklärten Tradition. Er platziert Slapstickeinlagen sowie den ein oder anderen Furz gekonnt im Moment der größten komödiantischen Fallhöhe. Kitanos humoristische Seite kommt dabei bestens zur Geltung. Nichtsdestotrotz haben Ryuzo und seine Gefolgleute durch ihren Zusammenhalt, ihr gemeinsames Ehrgefühl und auch ihre Tollpatschigkeit eindeutig die Sympathie des Publikums auf ihrer Seite. So entlarven die alten Männer, wie tief die moderne, organisierte Kriminalität seit den alten Tagen der Yakuza gesunken ist. Doch die Satire richtet sich in einer doppelten Bewegung letztlich gegen beide Generationen von Verbrechern. Keine der beiden Gruppen obsiegt. Am Ende werden alle von Kitano höchst persönlich in der Rolle des Polizeichefs eingesammelt und Richtung Gefängnis transportiert. Ryuzos Gruppe tattriger Kampfkünstler bleibt nur die Befriedigung, dass sie bis zum Ende ihrer Haftstrafe sowieso nicht mehr am Leben sein werden. Dieses ironische Grinsen ist die einzige Überlegenheit, die Kitano Ryuzo und seinen Handlangern am Ende zugesteht.

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  1. […] Brian hat sich in Tanuki Republik ausführlich mit Kitanos Yakuza-Spaß beschäftigt und findet, „Takeshi Kitano bekämpft in seinem Werk Feuer mit Feuer. Er macht sich genüsslich über die … […]

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