NC16 – Malerei auf der großen Leinwand: MISS HOKUSAI

NC16 – Malerei auf der großen Leinwand: MISS HOKUSAI

Der neue Film des renommierten Studios Production I.G. erweckt die Bilder des legendären Holzschnittmalers Hokusai zum Leben und schwelgt in der Großstadtatmosphäre vorindustrieller Zeit. Seine vermeintliche Heldin, die Tochter des Meisters, war vielleicht eine Art Rockstar im Edo des angehenden 19. Jahrhunderts. Vielleicht! – Kinostart am 16. Juni!

Miss Hokusai begleitet unseren Blog schon seit Anfang an. Bereits in unserer ersten Presseschau äußerten wir unsere Vorfreude auf das neue Werk von Production I.G. – dem Animationsstudio, das den Klassiker Ghost in the Shell, den schönen A Letter to Momo und zuletzt den Sci-fi-Politthriller Psycho-Pass:The Movie (siehe NC15) hervorgebracht hat. Mittlerweile wurde Miss Hokusai auf diversen Festivals mit allerlei Preisen bedacht. Der Film unter der Regie von Keiichi Hara (Summer Days with Coo, Colorful) gewann unter anderem den Jurypreis auf dem rennommierten Festival International du Film d’Animation d’Annecy, die Asia Pacific Screen Awards und Auszeichnungen in vier Kategorien auf dem Fantasia International Film Festival in Montreal. Knapp drei Wochen vor dem Kinostart war Miss Hokusai auch auf der Nippon Connection in Frankfurt am Main zu sehen. Die Vorstellung am Samstag Abend war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Ähnlich viele verkaufte Plätze wünscht man dem Film, wenn er jetzt am 16. Juni dank AV-Visionen in die deutschen Kinos kommt.

Der Anime versetzt den Zuschauer ins Edo (heute Tokyo) des Jahres 1814. Bei der titelgebenden Miss handelt es sich um O-Ei, Tochter des Malers Hokusai, den die Kunstgeschichte als einen Großmeister der Holzschnittkunst (japanisch: Ukiyo-e, Bilder der flüchtigen Welt) feiert. Liebhaber des erotischen Mangas können ihm dafür danken, das Tentakelmonster salonfähig gemacht zu haben. Sein berühmtestes – und heutzutage zahlreiche Zimmerwände schmückendes – Werk ist allerdings tentakellos: „Die große Welle von Kanagawa“. Wie es in der Einleitungssequenz des Films über den laut Erzählerin O-Ei „schrulligen alten Mann“ heißt: Ihm gelingt es, auf ein 120 Tatami-Matten großes Papier ein riesiges Ungeheuer zu malen und auf ein einziges Reiskorn zwei Spatzen. Nicht zuletzt seine eigene Tochter ist eine Bewunderin seines Schaffens.

Geschichten aus der Edo-Zeit

Sie ist zugleich das Bindeglied zwischen allen Episoden des Films. Anstatt einen übergreifenden Handlungsfaden um O-Ei zu spinnen (wie man aus dem Titel schlussfolgern könnte), reiht der Film mehrere kurze Episoden aus ihrem Leben aneinander. Insofern bleibt die Anime-Umsetzung der Mangavorlage von Hinako Sugiura treu. Die zwischen 1983 und 1987 unter dem Titel Sarusuberi (百日紅; ein Blume namens Lagerströmie)  erschienene Serie verstand sich bereits als Kurzgeschichten-Sammlung, mit einem breiten Ensemble an Figuren. In einem auf der Webseite des Studios veröffentlichten Gespräch erklärt Regisseur Keiiche Hara, dass erst in der Anime-Fassung (Adaption: Miho Maruo) der Fokus auf Hokusais Tochter O-Ei gelegt worden sei. Das könnte erklären, warum die Episoden jeweils so unterschiedlich erzählt sind.

Drei Motive lassen sich erkennen. Zum einen gibt es Folgen, in denen O-Ei sich mit Männern rumschlagen muss. Allen voran ist das Kuninao, der schon zu Beginn des Films auf der belebten Brücke über den Sumida-Fluss auf sie aufmerksam wird. Später stellt er sich als selbst malender Emporkömmling heraus, was ihm guten Grund gibt, immer wieder bei Hokusai vorbeizuschauen und die Augen nach O-Ei offen zu halten. Aber auch eine männliche Geisha rückt der Malerstochter gefährlich nahe. Kurz vor dem Akt löst jedoch die Müdigkeit des/der Kopulierwilligen O-Eis Problem.

Zu den intimsten Szenen gehören jene, in denen O-Ei mit ihrer viel jüngeren Schwester O-Nao unterwegs ist. Diese ist blind, weshalb sich außer O-Ei niemand so recht ihrer annimmt. Der Film bemüht sich, mithilfe von O-Naos Figur das sinnliche Empfinden der Welt ohne Augenlicht erfahrbar zu machen: Wie riecht die Stadt? Welchen Klang hat das Leben, wenn man auf der Brücke steht und all die geschäftigen Kaufleute, die Geishas, die Flaneure an einem vorbeiziehen? Wie fühlt sich Schnee an? Und wie malt man sich eine Grille aus, wenn man sie nicht sehen kann?

Im Gegensatz zu solchen Geschichten stehen jene, die man am ehesten unter dem Titel „Hokusai & seine Crew“ zusammenfassen könnte. Die Gangart erinnert hier mehr an Detektivfilme: Zusammen mit O-Ei und seinem gerne einen über den Durst trinkenden Assistenten löst Hokusai Probleme, die vage in Verbindung mit der Kunst stehen bzw. sich auf seine Malerei auswirken. So werden sie von einer Hofdame eingeladen, über ihren Schlaf zu wachen. Wieso, lässt diese jedoch ungewiss. Hokusai und Co. beobachten, wie ein unruhiger Geist aus ihrem Haupt zu entfleuchen sucht und scheitert. Für kurze Augenblicke erweckt der Film vor allem in diesen Episoden Gemälde Hokusais zum Leben, indem er deren Figuren im Zeichenstil des Malers animiert.

Wanted: Rockstar

Diese Art des lockeren, kaleidoskopischen Erzählens hat so viele Vor- wie Nachteile. Ohne einen übergreifenden Spannungsbogen ist es schwierig, den Zuschauer 90 Minuten lang zu fesseln. Serien wie Mad Men haben zwar vorgemacht, dass es auch ohne geht, doch dann müssen die Figuren das Ganze tragen. Bei Miss Hokusai bleibt der Eindruck, auch nach Ende des Films nicht viel über seine Figuren erfahren zu haben. Sie gehen über bereits wohlbekannte Charaktertypen nicht hinaus. Hokusai erfüllt die Rolle des grummelig-wortkargen, weisen Lehrmeisters, der trotz äußerer Härte eigentlich ein guter Kerl ist. Sein Assistent Zenjiro ist für Comic Relief zuständig, dessen Freund Kuninao verkörpert den sanftmütigen Tollpatsch mit einem Herz für Kunst – und O-Ei. Am meisten verwundert allerdings, dass selbst die titelgebende Miss Hokusai blass bleibt. O-Ei verharrt in der Rolle der gegenüber Männern neckischen, jedoch gegenüber allen anderen gütigen Frau. Außerdem wissen wir als Zuschauer, dass sie Hokusai bei der Arbeit unterstützt und selbst zeichnet. Was sie über das Leben, die Liebe und die Kunst denkt, erfährt man hingegen nicht.

Hier weiß der Film nicht, wo er hin will. Mit O-Ei behauptet er eine Protagonistin, die eigentlich gar keine ist. Sie verbindet zwar alle Geschichten, aber der Zuschauer verbindet wenig mit ihr. Er weiß nicht, worin ihre inneren Konflikte bestehen. Trotzdem erwartet der Film offenkundig eine empathische Grundhaltung gegenüber der Malerstochter. O-Ei soll als starke, für ihre Zeit untypische Frau verstanden werden. Regisseur Keiichi Hara hält O-Ei gar für einen Rockstar und möchte, dass die Zuschauer sie auch so sehen. So wird mehrmals im Film, epochen-untypisch, Rockmusik eingespielt. Schaut her, will sie sagen, hier geht ein Rockstar seiner Zeit. Nur ist auch die Rock-Attitüde eine Behauptung. Man versteht schon, dass es gut gemeint ist. Die Emanzipation feiern – ja wieso denn nicht? Nur, weshalb macht der Film das Frau-sein dann nicht deutlicher zu seinem Thema?

Was will die Kunst?

Viel Lob hat Miss Hokusai nicht zuletzt dafür bekommen, dass er ein Film über die Kunst ist. Wie bereits erwähnt, erweckt er einige von Hokusais Malereien zum Leben: Dämonen ringen miteinander, ein großer Buddha stapft durch eine Berglandschaft, Drachen zischen durch den Himmel. Es sind die schönsten Momente des Films. Hier schafft er es in der Tat, den Bildern eine Lebendigkeit zu geben, die auch greifbar macht, warum die Bilder des Ukiyo-e so stilprägend für die spätere Kunstform Manga waren. Gerne hätte man aber noch erfahren, in welchem Verhältnis Kunst und Gesellschaft zueinander standen. Nach welcher Philosophie malen Hokusai und seine Tochter? Dass die Natur und ihre verborgene Geisterwelt damit irgend etwas zu tun haben, wird deutlich. Nur wie? Als Zuschauer frage ich mich auch nach dem Ende des Films, was denn nun das Revolutionäre an Hokusais Art zu malen war. Welche neuen Ideen, welche neue Sicht auf die Dinge hat er der Welt hinterlassen?

In einer Szene fährt O-Ei mit ihrer kleinen Schwester Boot. Sie unterhalten sich, bis ihnen plötzlich eine Welle entgegenkommt, die sich auftürmt wie jene aus Hokusais berühmtem Gemälde. Damit endet die Szene und ein kleiner Lacher ist garantiert. Der Humor funktioniert durch eine Anspielung, die inhaltlich nichts hinzufügt. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die zeigen: der Film zeigt Kunst, weiß aber wenig über sie zu sagen.

Mehr als der Anime-Einheitsbrei

Trotz aller genannten Kritikpunkte ist Miss Hokusai ein vergnüglicher und teilweise schön anzusehender Film. Gerade auf der großen Leinwand beeindrucken die animierten Gemälde und das Städtepanorama von Edo anno 1814. Dem Film sind seine Absichten zu Gute zu halten, mit O-Ei eine starke Frau portraitieren zu wollen. Er kann – vielleicht auch bedingt durch die Vorlage? – diesem Anspruch nicht vollends gerecht werden. Angesichts der Tatsache, dass sich aktuelle Animes kaum noch Themenfeldern abseits der immer gleichen, durchgemixten Genre-Versatzstücke widmen, muss man für einen Film wie Miss Hokusai jedoch dankbar sein. Dieser riskiert zwar wenig, geht inhaltlich aber auf weniger ausgetretenen Pfaden: er beschäftigt sich mit der Kunst wie auch mit der Rolle der Frau. Nur zu seinem Thema macht er beides nicht.

Miss Hokusai startet am 16. Juni in den deutschen Kinos. Im Herbst erscheint der Film auf DVD und Bluray bei Kazé. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist seit dem 10. Juni noch bis zum 11. September die Ausstellung HOKUSAI X MANGA zu sehen, die die Einflüsse des Ukiyo-e auf die Popkultur nachzeichnet. Micha fand sie absolut grandios!

 

 

Copyright Titelbild: © 2014-2015 Hinako Sugiura・MS.HS / Sarusuberi Film Partners

 

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