Der alte Mann und der Schnee: Jiro Taniguchis WANDERER IM EIS

Der alte Mann und der Schnee: Jiro Taniguchis WANDERER IM EIS

Die im Band DER WANDERER IM EIS versammelten Kurzgeschichten zeigen Jiro Taniguchi in erzählerischer Höchstform. In den schneeverhangenen Gebirgsketten des Klondike, der blauen Unendlichkeit des Ozeans oder einem engen Appartement in Tokyo geht er dem Wesen des Menschen und seinem Verhältnis zur Natur auf den Grund. 

Ein Treck von Goldsuchern zieht einsam durch die schneebedeckten Wälder Alaskas. Nach und nach kommen die lebenswichtigen Schlittenhunde abhanden und niemand weiß, wohin sie in der Nacht verschwinden. Die Lage der Männer wird immer bedrohlicher; inmitten der weißen Einöde gehen Vorräte und Munition zu Neige. Plötzlich taucht eine Ehrfurcht erbietende rote Wölfin auf…

Hier, wie in den meisten der in diesem Band versammelten Kurzgeschichten, widmet sich Jiro Taniguchi dem Verhältnis des Menschen zur Natur. Gerade in den beiden inhaltlich voneinander unabhängigen Klondike- beziehungsweise Alaska-Episoden vermischt sich die Ästhetik des Jack London’schen Abenteuerromans  mit der psychologischen Tiefe eines Ernest Hemingway, dessen Bergsteiger und Trophäenjäger in der Wildnis mit den Abgründen ihrer Seele konfrontiert werden. Auch wenn es sich hier nicht um Weltliteratur im Sinne der großen Vorbilder handelt, gelingen dem Autor dennoch überzeugende Miniaturen. In Taniguchis Zeichnungen von Berggipfeln und Schneestürmen offenbart sich die Schönheit und Mystik der rauen Natur ebenso wie die innere Verlorenheit, mit der seine Protagonisten zu kämpfen haben.

Sämtliche Episoden sind durch einen ruhigen Erzählfluss gekennzeichnet. Statt rasanten Bewegungsabläufen dominieren Panels, die zum Innehalten einladen. Kommt dann doch einmal Bewegung in die Szenerie, versteht der Autor es gleichwohl, dem Zähnefletschen eins näher kommenden Wolfsrudels eine beeindruckende Dynamik zu verleihen.

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Wie auch etliche von Taniguchis längeren Werken, etwa Vertraute Fremde, sind die meisten Geschichten von einer gewissen Wehmut, und bisweilen von einer traurigen Nostalgie geprägt. Das Erwachsenwerden eines Jungen, der einen Sommer bei Verwandten am Meer verbringt und dabei langsam zu sich selbst findet, verleitet zum Schwelgen in eigenen Erinnerungen an die Freuden und Schrecken der Kindheit. Wie schön, wenn man dann Jahrzehnte später mit der Liebsten – wie es dem Protagonisten am Ende vergönnt ist – in den Erinnerungen ans Frühlingserwachen nach einem Bootsunfall schwelgen kann.

Ein Walforscher geht derweil dem Geheimnis des großen Friedhofs am Meeresboden auf den Grund, wo die Meeressäuger einer Inuit-Legende nach ihre letzte Ruhestätte finden.

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Am meisten im Gedächtnis bleibt jedoch die Erzählung eines jungen Mannes, der sich an seine Jahre in einem heruntergekommenen Apartmenthaus erinnert. Der angehende Mangazeichner fertigt dort sein erstes eigenes Werk an – wagt es jedoch nicht, die eigentlich als Wettbewerbsbeitrag geplante düstere Geschichte an irgendein Magazin zu schicken. In seinen Albträumen, die Eingang in seine Zeichnungen finden, blickt ein bedrohlich wirkendes Gesicht aus seinem winzig kleinen Dachfenster zu ihm herunter. Manche seiner Zimmernachbarn hat er kaum jemals gesehen; das Schauspielerehepaar von nebenan hingegen lädt den Studenten immer mal wieder auf eine Nudelsuppe ein. Im leeren Zimmer eines ausgezogenen, unbekannten Sushi-Kochschülers empfindet er eine unbestimmte Traurigkeit, als er auf die leeren Wände blickt: »Im Raum herrschte eine Art lastende Einsamkeit«. Ein Jahr nach seinem Auszug ist das Gebäude abgebrannt, und die Erinnerungen an die dort verlebte Zeit sprechen nurmehr aus den Seiten des dort gezeichneten Mangas.

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Insgesamt kann »Der Wanderer im Eis« all jenen ans Herz gelegt werden, denen der Sinn nach versonnenen Kurzgeschichten steht – die am besten nicht alle nacheinander genossen werden sollten, da sie so an Wirkung einbüßen würden. Taniguchis Melancholie und eine ruhige, beinahe getragene Erzählweise laden dazu ein, das Werk während eines Sommerregens am geöffneten Fenster zu lesen, und dabei hin und wieder in den blauen oder grauen Himmel zu schauen.

Jiro Taniguchi: Der Wanderer im Eis. Schreiber & Leser, 2004. 14, 95 Euro

 

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