NC16 – Project Itoh: HARMONY

NC16 – Project Itoh: HARMONY

Der Romanautor Satoshi Ito erdachte in seinen Science-Fiction Romanen Szenarien mit philosophischem Anspruch. Unter dem Künstlernamen Project Itoh veröffentlichte er drei Bücher, die seit 2015 als Anime-Spielfilme umgesetzt werden. Auf der Nippon Connection konnten wir uns bereits EMPIRE OF CORPSES und HARMONY zu Gemüte führen. Brian schildert in seiner Kritik wie die Umsetzung von HARMONY gelungen ist.

Große Ambitionen

Satoshi Ito veröffentlichte seinen ersten Roman Genocidal Organ im Jahr 2006. Zwei Jahre später erschien Harmony in Japan, womit Ito auf Preisverleihungen und Bestenlisten beachtlichen Erfolg verbuchen konnte. Als Ito an Harmony schrieb, hatte er schon lange mit einer schweren Krebserkrankung zu kämpfen. 2009 starb er noch bevor sein drittes Buch Empire of Corpses fertig gestellt war. Sein Freund und Kollege Toh Enjoe (u.a. Drehbuch Space Dandy Folgen 11 & 22) schrieb es für ihn zu Ende. Itos Krankheit dürfte einen nicht unerheblichen Einfluss auf sein Schreiben gehabt haben. Denn die Themen Tod und Gesundheit sind sowohl in Harmony als auch in Empire of Corpses allgegenwärtig. Trotzdem steckt in Itos Werken viel mehr als nur die Verarbeitung seines Privatlebens.

Fuji Television beauftragte 2015 drei verschiedene Animationsstudios damit, Itos Bücher als Anime zu verfilmen. In Anbetracht der komplex angelegten Themen in Itos Werk, handelt es sich um ein ambitioniertes Projekt. In Harmony behandelt Ito den Überwachungsstaat, das philosophische Leib-Seele Problem und die Medizinethik. All das soll in einen Film gequetscht werden. Studio 4°C hat es unter der Regie von Takashi Nakamura (Peter Pan TV-Serie) und Michael Arias (Tekkon Kinkreet) versucht. Herausgekommen ist ein Film mit faszinierenden Motiven, der allerdings unter technischen und narrativen Schwächen zu leiden hat.

Herrschaft durch Gesundheit

Harmony beginnt mit einer aufwendig inszenierten Eröffnungsschlacht. Ein kleines Soldaten-Team muss sich mit einem Panzerfahrzeug gegen ein Flugzeuggeschwader zur Wehr setzen. Die rothaarige und absolut humorbefreite Soldatin Tuan Kirie ist Teil der Bodentruppe. Wie sich herausstellt, kämpfte die Soldatin schon viele Jahre in Afrika für das Japanische Reich. In der Welt von Harmony wurde die USA in einem Atomkrieg vernichtet. Die Siegermächte bauten daraufhin eine totalitäre Weltregierung auf, die jeden Menschen durch Nanoroboter im Blut überwacht. Die totale Überwachung der Bürger garantiert allerdings auch deren gesundheitliches Wohlbefinden. Durch digitale Anzeigen auf Kontaktlinsen benachrichtigen die kleinen Maschinen einen jederzeit über alle körperlichen Vorgänge – sei es eine ausbrechende Krankheit oder nur ein Splitter im Finger.

Itos Harmony macht mehr als nur ein thematisches Fass auf. Der Film erzählt die Geschichte von Widerstandskämpferinnen innerhalb eines bedrohlichen Staatsapparats. Die Mittel des Überwachungsstaats zur Kontrolle seiner Bürger sind Kontaktlinsen, die die digitale Welt und die Wirklichkeit verschmelzen lassen und ausgefeilte Nanomaschinen, welche die Grenzen zwischen Technologie und Biologie verschwinden lassen. Die Technologie perfektioniert das Leben der Bürger, indem es eins mit ihrem Leben wird. Doch die Technologie wird vom Staat kontrolliert und somit auch das Leben der Menschen. So hört die Technik auf Mittel zum Zweck zu sein. Sie wird stattdessen zu einem vorgeschriebenen Lebensentwurf und zur Ideologie.

Geliebte werden zu Gegnern

Nach ihrem Kampfeinsatz wird Tuan zurück nach Japan beordert, die Hochburg der Biotechnologie. Sie wird von der Regierung beauftragt, einer Reihe von Selbstmorden nachzugehen, die auf der ganzen Welt stattfinden. Tuan hegt selbst jedoch keine großen Sympathien für die medizinische Ideologie ihrer Umgebung. Weit von der Heimat entfernt hatte sie bereits dem Gesundheitskodex getrotzt. Sie pflegte ein freundschaftliches Verhältnis mit dem verfeindeten Wüstenvolk und schmuggelte schon die ein oder andere Flasche verbotenen Alkohol ins Lager. In einem Flashback wird außerdem gezeigt, wie sie als Teenager mit zwei ihrer Freundinnen einen Selbstmordversuch wagte. Tuan und eine Freundin überleben, wobei ihre Freundin und Geliebte Miach Mihie dabei vermeintlich ums Leben kommt.

Wie es bereits das Filmplakat vermuten lässt, bildet die Beziehung zwischen Miach und Tuan den Mittelpunkt der Geschichte. Miach zitiert gerne Foucault, ist dem Leben gegenüber eher gleichgültig eingestellt und hat überhaupt keine Lust darauf, sich vom Staat vorschreiben zu lassen, wie und wann sie zu sterben hat – nämlich möglichst spät. Tuan und Miach sind auf einer Wellenlänge was ihre Rebellion gegen den Gesundheitswahn und ihre Emotionslosigkeit angeht. Doch gut zehn Jahre später muss Tuan sich als mittlerweile erwachsene Frau gegen Miach stellen. Wie sich herausstellt, hat auch sie ihren Selbstmordversuch damals überlebt. Nun plant sie, die ganze Welt mit sich in den Tod zu reißen. Mehr als ein Kuss und der ein oder andere längere Blickkontakt wird von der Liebesbeziehung zwischen Miach und Tuan nicht gezeigt. Die Entwicklung der Figuren muss sich dem straff erzählten Plot unterordnen. Es tut trotzdem gut, eine homosexuelle Liebesbeziehung in einem Anime zu sehen, die völlig selbstverständlich und konsequent erzählt wird.

Ein Ausflug in die Philosophie des Geistes

Ito kritisiert mit seinem totalen Gesundheitszwang die Technikversessenheit der heutigen Zeit sowie die Aufgabe der Privatsphäre im Internet. Das Außergewöhnliche an Harmony ist, wie Ito in diese Prämisse theoretische Probleme der Philosophie in seine Handlung einbettet. (Achtung, wir nähern uns nun den wirklich abgehobenen Themen!)

Tuans Ermittlungen führen sie im Lauf der Handlung zur Ursache der Selbstmordserie. Sie erfährt außerdem, dass Japan schon lange an einem Programm zur kollektiven Gedankenkontrolle forscht. Das Ergebnis wird Project Harmony genannt. Das Ziel von Project Harmony ist, die Bedürfnisse und Wünsche aller Menschen genauso aufeinander abzustimmen, dass es keine Konflikte mehr gibt. Die Nebenwirkung der Gedankenkontrolle besteht jedoch darin, dass alle individuellen Gefühle und Empfindungen verloren gehen. Die Menschen würden sich so verhalten, als würden sie feiern, träumen oder lieben. Tatsächlich würden sie dabei aber nicht mehr empfinden als ein Roboter. So viel zu dem Gedankenexperiment. Tuans Freundin Miach hat vor genau dieses Gedankenexperiment in die Tat umzusetzen. Denn sie wurde bereits ohne Empfindungen geboren. Durch eine Genmutation fehlt ihr genau der Teil des Bewusstseins, der uns mit emotionalen Inhalten versorgt. Miach will die Regierung dazu zwingen, Project Harmony einzusetzen und auf diese Weise alle in ihre leere Erfahrungswelt mitnehmen.

Project Harmony ist einem beliebten Gedankenexperiment aus der Philosophie des Geistes entlehnt. Der australische Philosoph David Chalmers machte die Idee der sogenannten philosophischen Zombies in seinem Buch The Conscious Mind aus dem Jahr 1996 populär. Es handelt sich dabei nicht um verfaulende Leichen. Stattdessen dienen die philosophischen Zombies als ein hypothetisches Beispiel für körperlich vollkommen intakte Menschen, denen allerdings ein Bewusstsein und jegliche geistige Empfindung abgeht. Diese Art Zombies würden genauso reden, lachen und weinen wie wir. Nur würden sie nichts davon bewusst erleben.

Philosophen wollen damit mit dieser Analogie beweisen, dass die geistigen Vorgänge unseres Bewusstseins nicht auf physikalischer Ebene erklärbar sind. Wir haben Zombies, die sich rein äußerlich und physikalisch nicht anders verhalten als normale Menschen. Trotzdem fehlt ihnen etwas Entscheidendes, dass uns erst zu erlebnisfähigen Menschen macht. Auf medizinischem Wege besteht jedoch keine Möglichkeit, das fehlende Bewusstsein der Zombies nachzuweisen. Also muss ihnen so etwas wie eine Seele fehlen, die außerhalb der physischen Welt existiert.

Welche Seite der Debatte in Harmony vertreten wird, ist nicht klar ersichtlich. Einerseits stellt Miach das Musterbeispiel eines philosophischen Zombies dar. Andererseits deutet ein Gespräch zwischen Tuan und einer Forscherin darauf hin, dass der Verlust eines Bewusstseins biologisch nachweisbar sei. Auf die Frage hin ob die Seele nun ein Gehirnprozess ist oder nicht findet man keine eindeutige Antwort. Auf die sehr verworrene Debatte um unsterbliche Seelen und Gehirnzustände lässt sich der Film nicht ein. Doch darin liegt auch seine Stärke. Harmony gelingt es durchaus, dieser philosophischen Problemstellung Leben einzuhauchen. Alles, was Miach in ihrem Leben zustößt, kann sie zwar sehen und verstehen. Aber nichts davon löst in ihr eine Emotion aus. Es geht dabei vor allem darum wie ihr Zustand die Beziehung zu ihrer Freundin Tuan beeinflusst. Auf dem Papier mag ein philosophisches Gedankenspiel harmlos wirken. Doch die Vorstellung, wirklich von einem geistigen Zombie angelacht oder gar geküsst zu werden, hat etwas furchtbar Beunruhigendes. Am Ende wird in Harmony die Idee des philosophischen Zombies zur ultimativen Bedrohung des übermächtigen Staatsapparats.

Eine Welt in Rosa

Wie gut ist es Studio 4°C gelungen Itos Welt auszugestalten? Man merkt Harmony an, dass viel Mühe in die Entwürfe der Science-Fiction Welt investiert wurde. Die Designs der Fahrzeuge und Gebäude, die Tuans Welt ausfüllen, sind passend zum medizinischen Thema des Films gestaltet. Die Träger der Gebäude verzweigen sich wie Adern, die Flugschiffe werden von rotierenden Geißeln angetrieben und alles schimmert in einem fleischigen Rosa.

Am meisten hat sich mir das erste Bild des Films eingebrannt: Ein weißer Monolith, auf dem ein Lichtkreis rotiert, ist von zellulären Membranen umgeben. Auf der Oberfläche des Monolithen erscheinen unverständliche Codes. Ob es sich um die Maschine des Project Harmony handelt oder nicht, wird nie explizit erklärt. Doch diese Einstellung steht für sich als Sinnbild für die Verschmelzung biologischer Körper und makelloser Technologie.

Die vielversprechenden Designs des Films können ihre volle Wirkung im Film allerdings nie ganz entfalten. Trotz allem gelingt es Takashi Nakamura und Michael Arias nicht, die interessanten Versatzstücke von Farbgebung und Design überzeugend zu inszenieren. Die Atmosphäre des Films wird teilweise durch den furchtbaren Einsatz von 3D Computeranimation zunichtegemacht. Die sauber und stimmig animierten, zweidimensionalen Zeichnungen beißen sich mit den plastikartigen 3D Modellen des Films. Viele Säle und Eingangshallen wirken unecht und spärlich ausgestaltet. Die Designs des Films können noch so ausgefeilt sein, wenn sie aus dem Bild herausstechen wie die Polygonen eines Computerspiels.

Ein weiteres Problem ist die Kamera. Es gibt Szenen in Harmony, in denen die Kamera sie völlig sinnlos durch den karg gestalteten Raum rotiert. Fast so, als wolle sie mir auf die Nase binden, wie spärlich das Bild ausgestaltet worden ist. Auch das Charakterdesign der Figuren ist nicht viel ausgefallener als in einem generischen Japano-Rollenspiel. Man hat das Gefühl, alle Figuren kämen aus dem gleichen Generierungsprogramm, mit dem man Haarfarbe und Outfit ändern darf. So lässt Harmonys visuelle Gestaltung einen trotz guter Ansätze mit gemischten Gefühlen zurück.

Film Noir trifft Visual Novel

Der Erzählmodus von Harmony erinnert an eine Mischung aus Science-Fiction Technobabbel und Film Noir. Ähnlich wie in Ridley Scotts Klassiker Blade Runner, durchstreift Tuan eine futuristische, abweisend wirkende Welt auf der Suche nach einer verbrecherischen Organisation. Die Action steht dabei im Hintergrund. Bis auf den Kriegseinsatz zu Beginn des Films und einen ebenfalls an Blade Runner erinnerndes Stand-Off zwischen Tuan und Miach bekommt der Zuschauer hauptsächlich Gespräche und innere Monologe geboten.

In der Gestaltung der Animation zeigen sich bereits die ersten Schwachstellen des Films. Am meisten schadet Harmony jedoch sein textlastiger Erzählstil. Dass die Action zugunsten der Gespräche und Gedanken von Tuan zurückgefahren wurde, ging nach hinten los. Harmony ist sowohl eine Detektiv- als auch eine Science-Fiction Geschichte. Als Zuschauer will ich das futuristische Japan zusammen mit Tuan erkunden. Ich will hinter seine Fassade blicken und die Abgründe dahinter kennen lernen. Stattdessen texten Tuan und ihre Interviewpartner einen mit Hintergrundwissen und Nachforschungsergebnissen zu, bis man das Gefühl hat, einer Powerpoint-Präsentation beizuwohnen und keinem Film. Harmony ist so sehr damit beschäftigt einem zu erklären, was gerade geschieht, dass darüber vergessen wird, einem den alternativen Gesellschaftsentwurf auch erfahrbar zu machen. Tuans Gedankengängen zu lauschen, gleicht den endlosen Textboxen einer Visual Novel zu folgen. Durch ihre Beschreibungen kann sich zwar eine Welt in meinem Kopf aufbauen, doch diese Welt bleibt immer losgelöst von den Bildern auf der Leinwand. Die filmischen Bilder werden zu schmückendem Beiwerk und nicht mehr.

Harmony stellt einen interessanten philosophischen Denkansatz verständlich dar und schafft es ihn sowohl in eine relevante politische Debatte, als auch in eine komplexe Detektivgeschichte zu verpacken. Die Project Itoh-Verfilmung wirkt hier jedoch wie ein unvorbereiteter Schnellschuss von Fuji Television. Die künstlerischen Visionen von Satoshi Ito, Takashi Nakamura und Michael Arias werden letztendlich durch technische Kompromisse und einen ungelenken Erzählstil getrübt.

 

Unser Interview mit Michael Arias findet ihr hier!

 

 

 

Share this Story

Related Posts

One Comment

  1. miso

    August 20, 2016 at 2:39 am

    Hab nicht gelesen, aber war ganz schlimme Wurst diese auf jeden Fall !

    Reply

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Suche

Facebook

Archiv