Der Kunstverzehr der BELLADONNA

Der Kunstverzehr der BELLADONNA

Die restaurierte Fassung des 70er-Jahre Kultanime BELLADONNA OF SADNESS von Eiichi Yamamoto wurde zum Kinostart in den Feuilletons des Landes einhellig gefeiert. Unsere Autorin Aurelia Rist fragte sich nach dem Kinobesuch, von welchen Meisterwerken der Kunstgeschichte BELLADONNA beeinflusst wurde. 

Am Ende stand eine Pleite: Der Animationsfilm Belladonna of Sadness (jap.: Kanashimi no Belladonna) markierte das Ende der Animationsschmiede Mushi Productions. Das Studio war 1961 vom gerne als “Gott des Manga” bezeichneten Osamu Tezuka gegründet worden – zum Zeitpunkt der Produktion von Belladonna hatte er das Studio jedoch bereits verlassen. Der Film, der eingetretene “Kinderanime”-Pfade verließ und sich an ein erwachsenes Publikum richtete, erwies sich als ein kommerzieller Reinfall. Zum heimlichen Klassiker avancierte das Werk trotzdem. Die vom Produktionsstudio Cinelicious hergestellte Restaurationsfassung trägt der Farbwucht der Belladonna erstmals vollauf Rechnung. In Deutschland ist der Film jetzt erstmals in dieser Fassung im Kino zu sehen.

Entstanden vor dem Hintergrund der “sexuellen Revolution” der 1960er und 70er Jahre, kommt der Film als psychedelische Erotik-Adaptation von Jules Michelets 1863 erschienenem Werk La Sorcière (Die Hexe) daher. In einem Stil, der an die französischen Märchen Charles Perraults (1628–1703) erinnert, erzählt er die Geschichte der Bäuerin Jeanne, die nach einem Pakt mit dem Teufel den Weg aus der feudalen Gewalt eines ausbeuterischen Fürsten in die (sexuelle) Freiheit findet. Das Szenario und die Erzählweise erscheinen mitunter eklektisch und befremdlich. So bleibt zum Beispiel der Charakter des Teufels weitgehend undurchschaubar: Er vergewaltigt Jeanne, und verleiht ihr zugleich die magischen bzw. heilenden Kräfte, mit denen sie es schafft, sich einem auf das “Recht der ersten Nacht” pochenden Fürsten zu widersetzen. Auch das abrupte Ende, das ganze 300 Jahre nach vorne springt und Jeannes Schicksal als einen Vorboten der französischen Revolution darstellt – und auf die Rolle verweist, die Frauen in dieser spielten –  lässt den Zuschauer etwas stutzen.

Was Belladonna of Sadness auszeichnet, ist vor allem die progressive Rolle Jeannes, die es schafft, sich den herrschenden patriarchalischen Strukturen zu entziehen. Ebenso bedeutend ist der prunkvolle visuelle Stil des Werks, der in seiner Einzigartigkeit unübertroffen bleibt und zweifelsohne die Stärke und Schönheit des Films ausmacht. Meisterhaft in Öl- und Aquarellfarben vom Zeichner Kuni Fukai gemalt, bewegt sich die Bildwelt der Belladonna of Sadness zwischen einer traditionellen japanischen Ästhetik und einem vom Jugendstil und Präraphaelismus inspirierten Look, phasenweise unterbrochen durch psychedelische Sequenzen, die wie ein visualisierter LSD-Trip daherkommen. Organisch anmutende, Ranken schlagende Ornamentalik sowie Szenerien, die teilweise an Märchen- und Kinderbuchillustrationen aus dem (europäischen) 19. Jahrhundert erinnern, bestimmen die Bildlandschaft.

Arthur Rackham, The Old Woman In The Woods from Little Brother, Little Sister, 1917 (Quelle: http://megalithicpoems.blogspot.de/2006/05/old-woman-in-wood-from-little-brother.html)

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Japanisches Filmplakat von 1973. (Quelle: (WP:NFCC#4), Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=50334461)

 

Referenzen an verschiedene Werke, die Teil des westlichen bzw. europäischen Kunstkanons sind, ziehen sich durch den gesamten Film. So irrt die vom Fürsten und seinen Schergen vertriebene Jeanne durch eine vereiste Landschaft, die in ihren zackigen Eisformationen an das Eismeer von Caspar David Friedrich erinnert. Die Darstellung Friedrichs einer dramatisch-melancholischen Eisberglandschaft ist ikonisch für die Kunstepoche der Romantik. Gewiss hat sie in ihrer Theatralik die Macher der Belladonna für die Szene inspiriert, in der die eisige Landschaft  Jeannes Verzweiflung und Verlorenheit unterstreicht.

Caspar David Friedrich - Das Eismeer - Hamburger Kunsthalle - 02

Caspar David Friedrich, Das Eismeer (1823) (Quelle: Wikimedia Commons)

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Eiichi Yamamoto & Kuni Fukai, Still from Belladonna of Sadness, 1973 (Quelle: https://www.fastcocreate.com/3059605/inside-the-restoration-of-lost-70s-animated-curiosity-belladonna-of-sadness)

 

Als der Teufel sie zu seiner Frau macht, mutiert Jeanne zu einer sphinxartigen Femme Fatale-Figur, wie man sie in den Gemälden eines Franz von Stuck dargestellt sehen würde. Von Stucks Bilder greifen oft die Thematik (nackter) Verführerinnen auf, manchmal in Begleitung von symbolisch aufgeladener Tiere (z.B. Schlangen), die zwischen Monstrosität und sexueller Selbstbestimmung schwanken. Als Modelle dienten ihm mitunter Schauspielerinnen oder Tänzerinnen, die gerade zu der Zeit en vogue waren. Die lasziv-provokanten Bilder erregten aufgrund der strengen moralischen Vorstellungen des späten 19. Jahrhundert/frühen 20. Jahrhundert großes Aufsehen. Seine Werke sind dem Symbolismus zuzuordnen.

Franz von Stuck Sphinx

Franz von Stuck, Sphinx (1904) (Quelle: Wikimedia Commons)

Eiichi Yamamoto & Kuni Fukai, Still from Belladonna of Sadness, 1973

 

Belladonna of Sadness ist ein gutes Beispiel für die japanische Rezeption westlicher Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert. Nachdem westliche Kunst bereits in den 1920er Jahren rezipiert worden war und ihren Einfluss in der japanischen Kunstwelt geltend machte, kamen durch die Besatzung der Alliierten noch deutlich mehr Menschen in Kontakt mit “dem Westen” und dessen visuellen Gütern. Japanische Künstler integrierten die neu gewonnenen Seherfahrungen in ihren Werken, und vermischten diese oft mit traditionellen künstlerischen Praktiken und Motiven. So erinnern zum Beispiel die Gesichter des Fürstenpaares und dessen Gefolge an das traditionelle Motiv der Maske, was in der japanischen Kultur eine wichtige Rolle einnimmt (z.B. im Nô – Theater).

Belladonna

Eiichi Yamamoto & Kuni Fukai, Still from Belladonna of Sadness, 1973 (Quelle: http://www.floridafilmfestival.com/program/films/belladonna-of-sadness)

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Zeichner der Belladonna in diesem Geiste der künstlerischen Offenheit versuchten, auf eine avantgardistischen Art und Weise Neues in die Welt der ästhetisch doch recht normierten Animefilme zu bringen. Visuell ist Belladonna of Sadness ein Meisterwerk und lässt in seiner Opulenz alle waghalsigen Drehbucheigenheiten vergessen.

 

Belladonna of Sadness ist in der restaurierten Fassung in einigen deutschen Kinos durch Rapid Eye Movies zu sehen. 2009 ist dort bereits eine (unrestaurierte) Version des Films auf DVD erschienen. Wem die Ästhetik der Belladonna of Sadness gefallen hat, sei außerdem der Manga XXXholic (CLAMP, 2003, auf Deutsch beim Verlag Egmont Manga und Anime erschienen) empfohlen.

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