Junji Ito: Der Horror des Unheimlichen

Junji Ito: Der Horror des Unheimlichen

Der Mangaka und ehemaliger Zahnarzt Junji Ito gilt als Koryphäe unter den modernen Horrorautoren. Seit den frühen 1990ern zeichnet Ito Geschichten über schleichenden Wahnsinn, trügerische Schönheit und die monströse Verstümmelung des menschlichen Körpers. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Doch irgendwo muss man schließlich anfangen! Ich habe die verregnete Jahreszeit deshalb zum Anlass genommen, drei Kurzgeschichten aus Itos HORROR COMIC COLLECTION auszuwählen, die exemplarisch für ein bestimmtes Motiv stehen. Es sind drei Thematiken, die mir persönlich besonders unter die Haut gehen. Der Einstieg in Itos Horrorwelten zu Halloween!

Das Tier in ihr: Slug Girl

Tiergeschichten haben es Junji Ito angetan. In seiner Mangareihe Gyo verlassen Milliarden von Fischen den Ozean. Auf spinnenartigen Stelzen schießen sie über den Boden und verbreiten einen pestartigen Todeshauch. Ito hat es sich auch nicht nehmen lassen, den Weißen Hai aus Spielbergs Klassiker an Land zu holen. Wohin soll man noch fliehen, wenn der Hai in dein Wohnzimmer kommt? In einer anderen Reihe porträtiert Ito seine eigenen Hauskatzen Yon und Muu. Und zwar so teuflisch und verspielt wie katzenmöglich. Ito scheint es als sportliche Herausforderung zu sehen, wirklich jedes Tier verstörend darzustellen. In diesem spielerischen Ansatz zeigt sich auch die humorvolle Seite von Itos Mangas. Wo der Spaß allerdings aufhört, ist bei gottverdammten Mensch-Tier Transformationen. Und damit kommen wir zu Slug Girl.

slug

Eigentlich ist Slug Girl fast zu kurz, um noch als Kurzgeschichte durchzugehen. Der Manga umreißt viel mehr ein Szenario, in dem sich die Ereignisse Schlag auf Schlag aneinanderreihen. Es geht um eine Schülerin in der Mittelstufe namens Rie. Sie bemerkt eines morgens, dass ihre sonst so gesprächige Freundin Yuuko immer ruhiger wird. Yuuko wirkt müde und hat von Tag zu Tag mehr Probleme mit ihrer Aussprache. Als Yuuko nicht mehr zum Unterricht erscheint, beschließt Rie sie zu Hause zu besuchen. Mit Grauen muss Rie feststellen, dass eine armdicke Nacktschnecke in Yuukos Körper wächst. Rie rennt schreiend davon und überlässt Yuuko ihrem schleimigen Schicksal.

Das Konzept von Slug Girl hat Ito anscheinend eine Weile nicht mehr losgelassen. Auch in seiner wohl bekanntesten Serie Uzumaki verwandeln sich träge Menschen in große Schnecken-Hybride. Slug Girl ist der Prototyp für diese Art von Geschichte. Yuuko litt bereits vor ihrer Verwandlung unter einer Phobie. Der Garten vor ihrem Haus wimmelte von Nacktschnecken. Und mit ihrer Transformation wurde diese Angst unentrinnbar. Hinzu kommt die Angst vor einem Fremdkörper im eigenen Leib. Die Angst davor, dem eigenen Körper ausgeliefert zu sein. Hier scheinen sich gleich mehrere Alpträume die Hand zu reichen. Heraus kommt eine das Ekel erregende Kombination aus Pubertät- und Schwangerschaftsängsten. Das schlimmste an Slug Girl war für mich, wie langsam und unaufhaltsam sich Yuukos Zustand verschlimmert. Ito hat es hier auf nur wenigen Seiten geschafft, eine Atmosphäre der schleichenden Hilflosigkeit zu schaffen.

Spricht zu ihr: Bronze Statue

Die freudschen Untertöne ließen sich bis jetzt kaum ignorieren. Mit Bronze Statue möchte ich ein ganz besonderes Motiv ansprechen, das in der theoretischen Diskussion über Horror immer wieder auftaucht: Das Unheimliche. 1919 schrieb Siegmund Freud einen seiner Aufsätze über Angst und woher sie kommt. Ohne zu wissen, wie viel Einfluss er mit damit auf die kunstästhetische Debatte nehmen würde. In seinem Essay behauptet Freud, dass wir uns nicht vor Dingen fürchten, weil sie uns fremd sind. Stattdessen fürchten wir Dinge, die uns seit der Kindheit vertraut sind, aber als Erwachsener plötzlich fremd erscheinen. Man erkennt zwar den Gegenstand als alltäglich wieder, aber irgendetwas wirkt völlig falsch. Das Unheimliche entsteht aus dem Widerspruch der Vertrautheit und der Fremdartigkeit. Dieser Widerspruch ist im Horrorgenre oft dann zu sehen, wenn man es mit künstlichen oder untoten Menschen zu tun bekommt. Mit etwas, das lebendig und tot zugleich scheint. Oder eben mit Bronzestatuen.

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In Bronze Statue geht es um die alte Witwe Mrs. Sonobe. Sie lebt alleine in der Villa ihres toten Ehemanns, den sie eigenhändig erschlagen und im Sumpf hinterm Haus versenkt hat. Jetzt nutzt sie ihren Reichtum, um sich von einem gebrechlichen Bildhauer Bronzestatuen gießen zu lassen. Sonobe ist alt und hässlich wie die Nacht. Doch ihre Statuen verkörpern ihre ideale Wunschvorstellung des eigenen Körpers. Durch ein eingebautes Mikrofon in ihrer Bronzebüste hört die alte Frau im Park, wie die anderen Damen im Ort über sie herziehen. Sonobes Hass auf die Tratschtanten wächst. Zusammen mit ihrem Bildhauerfreund beschließt sie nun, besagte Frauen zu ermorden und im Anschluss zu Statuen zu verarbeiten. Als sie meint, den Geist ihres ermordeten Ehemanns aus seiner Statue sprechen zu hören, verliert Sonobe endgültig den Verstand.

Bronze Statue ist eine von Itos wenigen klassischen Gothic Horrorgeschichten. Das bedeutet der Konflikt dreht sich im Wesentlichen um die Ereignisse, die in Mrs. Sonobes Anwesen stattfinden. In ihrem Anwesen lauert ein dunkles Geheimnis und Ito verzichtet weitestgehend auf übernatürliche Elemente. Tatsächlich würde die Geschichte genauso funktionieren, wenn die sprechenden Statuen nichts als Hirngespinste wären. Bronze Statue kommt etwas langsamer in Fahrt als die anderen Geschichten und ist auch etwas trockener erzählt. Dafür fühlt sich die Geschichte geerdeter an, als man das von Ito sonst gewohnt ist. Dies tut auch den unheimlichen Szenen keinen Abbruch – im Gegenteil. Auf der Bildebene schockieren die Statuen einen nicht. Ruft man sich jedoch ihren Entstehungsprozess bildlich vor Augen, dann stellen sich einem alle Nackenhaare auf. Ito hält sich mit seiner sonst so drastischen Bildsprache zurück. Doch genau dadurch kommt das Unheimliche seiner Geschichte erst an die Oberfläche.

 

Nicht bei ihr: Long Dream

In Long Dream werden Träume zur Wirklichkeit und Wirklichkeit zu einem Traum. Wieder bedient sich Ito Motiven aus der Psychoanalyse und hier auch des Surrealismus. Träume genießen in der Psychoanalyse zentralen Stellenwert. In ihnen zeigten sich unsere unterdrückten Triebe und Traumata. Das freudsche Es soll durch Traumanalyse nach außen gekehrt werden und das Unbewusste so bewusst machen. Ausgehend davon setzte sich der Surrealismus der 1920er Jahre zum Ziel, die Welten von Traum und Wirklichkeit eins werden zu lassen. Für die Surrealisten war der Traum genauso real wie die Wirklichkeit. In Itos Geschichte wird die Wirklichkeit vom Traum verschluckt.

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Long Dream beginnt damit, dass eine Krankenhauspatientin in Todesangst aufschreit. Die Patientin heißt Mami und ihr steht eine kritische Gehirnoperation bevor. Mami weiß, dass sie die Operation höchstwahrscheinlich nicht überleben wird. Nun ist sie der festen Überzeugung, dass sie der Tod persönlich in ihrem Zimmer besucht hat. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine Wahnvorstellung. Es ist ein anderer Patient namens Mukoda, der unter schweren Halluzinationen leidet. Eine Nacht kommt ihm im Schlaf vor wie Monate, und mit der Zeit werden seine Träume länger und länger. Aus Stunden werden Tage, Monate und schließlich Jahre. Nach einiger Zeit kommt es ihm so vor, als hätte er vor dem Aufwachen ein ganzes Leben gelebt. An seine Zeit im Krankenhaus kann Mukoda sich immer schlechter erinnern. So kommt es, dass er eines nachts träumt, mit Mami verheiratet gewesen zu sein. Schockiert muss Mukoda feststellen, dass seine Frau ihn niemals kennengelernt hat.

Mukodas Krankheit weicht unser alltägliches Verständnis von Wirklichkeit auf. Normalerweise haben wir absolut kein Problem damit, Träume von Wirklichkeit zu unterscheiden. Träume sind zusammenhangslos. Träume gehorchen keinen festen Regeln. Träume enden oft abrupt, während die Realität sich kontinuierlich fortsetzt. In Mukodas Fall erhalten jedoch die Träume eine immer größere Kontinuität. Seine Zeit im Krankenhaus kommt ihm unwirklich und wie abgehackt vor. Was sind schon 16 Stunden in einem Krankenzimmer, wenn man davor 100 Jahre lang ein anderes Leben gelebt hat? Und das nicht nur einmal! Jede Nacht beginnt Mukoda ein neues Leben. Ihm wird der Fluch eines scheinbar endlosen Lebens im Schlaf zuteil. Mami ist dagegen dazu verdammt, an ihrer Krankheit zu sterben und in den letzten Tagen ihres Lebens unter Panikattacken zu leiden. Long Dream zeigt eine unheimliche Parallele zwischen Tod und ewigem Leben auf. Es ist die Angst davor zu vergehen und den eigenen Körper zurückzulassen, von der beide Patienten durchdrungen sind.

Junji Ito: The Junji Ito Horror Comic Collection. ComicsOne, 2001+. Antiquarisch erhältlich. Slug Girl Band 7, Bronze Statue & Long Dream Band 14.

 

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