Der Anime-Frühling kommt: Zwei neue Filme von Masaaki Yuasa!

Der Anime-Frühling kommt: Zwei neue Filme von Masaaki Yuasa!

Draußen weht einem die erste Frühlingsbrise um die Nase, der endlich wiederkehrende Sonnenschein erinnert an den erlittenen Vitamin D-Entzug der letzten Wintermonate. Zeit, auch hier auf Tanuki Republic den Frühling einzuläuten, und zwar mit Neuigkeiten, über die wir tagtäglich Purzelbäume schlagen könnten: Meister-Animeregisseur Masaaki Yuasa bringt diesen Frühling zwei(!) Filme in die japanischen Kinos: YORU WA MIJIKASHI ARUKEYO OTOME und LU OVER THE WALL. Halleluja!

Um dieser unfassbaren Nachricht noch mehr Nachdruck zu verleihen: bislang hat Yuasa nur einen einzigen Spielfilm gemacht: Mind Game. Ganze unfassliche 13 Jahre ist es schon her, dass er – so legen es die Making Of-Interviews nahe – sich 2004 bei Studio 4°C auf dem Regiestuhl wiederfand, weil Koji Morimoto entweder keine Lust oder schlicht gesehen hatte, dass Yuasa der richtige Mann für dieses Projekt war. Die Adaption von Robin Nishis gleichlautendem Manga war ein Sahnestück aus verschiedensten Animationsideen, selbst Realfilmaufnahmen wurden so überpinselt, dass sie zur Cartoonoptik passten. Die unglückliche Liebesgeschichte um Nishi entwickelte sich mir nichts dir nichts zur Mafiosi-Action und dann zum Prison Break aus dem Walbauch. Kurzum: ein Meisterwerk!

Mind Game war trotz warmherziger Gratulationen und auf die Straße getragener Begeisterung aus allen Ecken der Anime-Branche kein Publikumshit. Festivalpreise konnten nicht verhindern, dass Yuasas Debüt das letzte große Wagnis von Studio 4°C gewesen sein sollte. Wie Tekkonkinkreet-Regisseur Michael Arias letztes Jahr im Interview sagte: “Es ist ein Wunder, dass Mind Game existiert!”. Bis heute gebührt dem Film nicht die Ehre, die er verdient. Beispielsweise war er bis letztes Jahr nicht in den USA verfügbar. Da hatten wir hierzulande dank Rapid Eye Movies mehr Glück!

Während sich Studio 4°C kreativ ausdünnte – Morimoto ging, die unzähligen Berserk-Adaptionen kamen und blieben – fand Yuasa mit dem Produzenten Masao Murayama einen Schutzherrn bei Studio Madhouse. Statt für die große Leinwand animierte Yuasa jetzt für den kleinen Bildschirm. Drei Serien entstanden für den Late Night-Animeblock noitaminA: das Samurai-Monster-Liebesdrama Kemonozume, das Sci-Fi Experiment Kaiba (Ghost in the Shell X Der kleine Prinz) und die von uns schon hochgepriesene Ergründung der Irrungen und Wirrungen des einsamen Studentenlebens in The Tatami Galaxy (alias Yojō-Han Shinwa Taikei). Alles schon damals Wagnisse – und heute in selbigem Studio nicht mehr denkbar. Produzent Murayama ging schließlich, Yuasa folgte ihm.

2014 meldete er sich andernorts mit der TV-Adaption von Taiyo Matsumotos Ping Pong-Manga zurück, die der ungewöhnlichen Linienführung sowie dem Paneling der Vorlage treu blieb. Gerade die letzten beiden Folgen sind eine Augenweide an Animation! Für Ping Pong gewann Yuasa den Tokyo Anime Award und kündigte daraufhin an, mit dem mittlerweile eigens gegründeten Studio Science Saru an einem Spielfilm zu arbeiten. Welch glückliche Fügung des Schicksals, dass nunmehr zwei Filme daraus geworden sind!

 

 

Den Anfang macht am 7. April Yoru wa Mijikashi Arukeyo Otome (dt.: Die Nacht ist kurz, also lauf, Mädchen). Dass für diesen Film die gesamte Tatami Galaxy-Riege wieder aktiviert wurde, ist sicher kein Zufall, denn wie schon im Fall der Serie, dient ein Roman von Tomihiko Morimi als Vorlage. Erneut muss ein junger Mann allerlei innerliche wie äußerliche Hindernisse überwinden, um seinem weiblichen Objekt der Begierde näher zu kommen. In dieser Hinsicht sieht zunächst alles so aus, als knüpfe der Film nahtlos an Tatami Galaxy an: abermals ist Kyoto der Ort des Geschehens. Nebenfiguren wie der Puppenliebhaber Jougasaki, die Dentalhygienistin Hanuki-san sowie der Liebesgott/der Student im 16. Semester treten erneut auf. Selbst der zwielichtige Ozu?! Der zweite Blick zeigt jedoch, dass die Ozu-artige Gestalt einen anderen Namen trägt und der Ich-Erzähler (“Watashi”) mit einem anderen Sprecher besetzt wurde. Statt Shintarō Asanuma leiht nun Gen Hoshino (Buddha im Saint Young Men-Film) dem Protagonisten seine Stimme. Selbst die Musik, die erneut Michiru Oshima komponiert, lässt mit den Stücken aus dem Trailer andere Töne anklingen als jene melancholisch-neckischen aus den Tatami-Tagen. Auch wenn die Romane von Tomihiko Morimi bislang weder ins Englische, geschweige denn ins Deutsche übersetzt wurden, ließe sich wenig waghalsig behaupten, dass Kyoto der Dreh- und Angelpunkt seiner Werke ist. Dass Figuren hier und da wieder auftauchen, scheint so fast selbstverständlich.

Das Drehbuch übernimmt wieder Makoto Ueda, der in seinen eigenen Studententagen in die Kyotoer Theaterszene verstrickt war und außerdem als Zeichner arbeitet. Seine Adaption der Vorlage, für die er noch einige Paralleluniversen mehr erfand, funktionierte schon in Tatami Galaxy hervorragend. Aus der Feder von Yūsuke Nakamura, der auch die Titelbilder für die Bücher von Morimi gestaltet, stammen die Charaktere. Man darf gespannt sein, welche Trickfilmzeichner seinen neuen Figuren-Entwürfen wie Prinzessin Daruma oder dem Yoda nicht unähnlichen Meister Ri Haku Leben einhauchen werden.

Nur knappe zwei Monate später startet Masaaki Yuasas nächster Film am 19. Mai in den japanischen Kinos: Yoake Tsugeru Lu no Uta, dessen englischer Titel Lu over the wall lautet. Auf den ersten Blick eine Coming of Age-Geschichte, die zunehmend ins Phantastische driftet, als der Mittelschüler Kai mit seinen Schulband-Kollegen einer Meerjungfrau begegnet. Diese ruft Erinnerungen an Miyazakis Ponyo wach, die ähnlich urfröhlich grinsend in die Welt des kleinen Sosuke tritt. Es scheint gar, als schaffe Yuasa ein Ponyo für jene, die zum Erscheinen des Miyazaki-Films noch zur Zielgruppe gehörten und heute die Schulbandgründer von heute sind.

 

 

Gerade im Vergleich zu Yoru wa Mijikashi Arukeyo Otome fällt schon im ersten Lu-Trailer auf, wie unterschiedlich die beiden Filme animiert sind. Während bei ersterem Dynamik vor allem durch die rasche Bilderfolge erzeugt wird, ist bei Lu ist jede Einstellung in sich in Bewegung. Spätestens mit dem Auftauchen der Meerjungfrau ist das Geschehen ein lebendiges Tohuwabohu. Einiges erinnert an Mind Game – so rasant, so verzerrt kommen einige Szenen daher – beispielsweise der Tanz um den Sonnenschirm an das Wasserballett im Wal oder der Ritt auf dem Meerjunghund an den Ausbruch aus dem Walbauch. Insbesondere die Szene, in der Lu einen riesigen Wasserquader samt dem Boot der Schüler aufsteigen lässt, hat uns staunen lassen. Auffällig ist auch, wie die Kamera stellenweise um das Geschehen wirbelt. Hier kann man nur auf Making Of-Videos hoffen, die zeigen wie hier geschickt getrickst wurde.

Nobutake Ito übernimmt, wie bei fast allen Yuasa-Produktionen, die Animationsregie. Ansonsten zeichnet das gesamte Studio mit, von Batisto Perón über Abel Góngora und Juan Manuel Laguna bis zu Eunyoung Choi (u.a. Space Dandy Folge 9, Tatami Galaxy Folge 10), die neben ihrer Produzentinnen-Tätigkeit sicher auch die ein oder andere Einstellung übernehmen wird. Es ist schön zu sehen, dass Science Saru auch bei dieser Produktion Leute aus verschiedensten Ländern beschäftigen – immer noch eher die Ausnahme als die Regel in der japanischen Anime-Branche.

Interessant sind zudem zwei weitere Besetzungen: Einmal Takatsugu Muramatsu, der zuletzt die Musik für den bislang letzten Ghibli-Film, Erinnerungen an Marnie (Omoide no Marnie), komponierte; dann Reiko Yoshida, die zusammen mit Yuasa das Drehbuch schreibt. Sie ist ohne Frage eine der dienstältesten weiblichen Drehbuchautorinnen im Anime-Bereich. Wer animetechnisch mit RTL2 sozialisiert wurde, kennt ihre Drehbücher aus Serien wie Digimon oder Dragonball Z. Zuletzt arbeitete sie an der Radrenn-Serie Yowamushi Pedal, die in Japan schnell zum neuen Sport-Hit wurde. Es wird interessant, wie die aus der Traditionsschmiede Toei kommende Yoshida und der üblicherweise direkt Storyboard zeichnende Yuasa zusammenarbeiten werden. Vielleicht bahnt sich hier eine wunderbare Fusion an!

Um die Vorfreude auf Lu over the wall zu steigern, lohnt es sich, auf der schön gestalteten Webseite vorbeizuschauen, auf der sich einige Filmstills und Fotos von hinter den Kulissen finden. Außerdem auch ein Video, das im Zeitraffer zeigt wie Hiroshi Ohno das Filmplakat zusammensetzt. Zu Yoru wa Mijikashi Arukeyo Otome finden sich Synchronsprecher-Interviews mit Film-Schnipseln auf sowie ein zweiter Trailer auf Youtube. Letzterer gibt bereits einen Eindruck vom Sprecherensemble und dreht schon mal den neuen Asian Kung-Fu Generation Song auf.

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