Murakami Ryu: Blaue Linien auf transparenter Haut

Murakami Ryu: Blaue Linien auf transparenter Haut

Blaue Linien auf transparenter Haut. Tokio unterm Strich ist das erste Buch von Murakami Ryu, das ich gelesen habe. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich darauf aufmerksam geworden bin. Vielleicht hatte ich von Murakami Ryu mal gehört, und grundsätzlich lese ich gerne Erstlingswerke, weil sie oft rauer, unpolierter sind als die späteren, ausgereifteren Werke eines Autors. Auf jeden Fall ist Blaue Linien auf transparenter Haut eins meiner allerliebsten Bücher geworden, und ich habe es wieder und wieder gelesen. Ein Versuch, meine Liebe zu Murakamis Jugendroman in Worte zu fassen.

Murakamis (*1952) Debütroman (Original: Kagirinaku tōmei ni chikai burū) erschien 1976. Im selben Jahr wurde er mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet, einem der renommiertesten Literaturpreise Japans. Das Buch ist ebenso kurz wie brutal. Die Erzählung spielt im Tokyo der 1970er Jahre und beleuchtet einen kurzen Ausschnitt aus dem Alltag einer Gruppe junger Leute. Das Geschehen wird aus der Sicht des Ich-Erzählers Ryu geschildert.

Die Erzählung fließt ohne wirklichen Zeitrahmen am Leser vorbei, der in ausschnitthaften Szenen die konsequente Desillusion und konstante Selbstzerstörung der jungen Protagonisten miterlebt: Prostitution, Konsum, harte Drogen, Musik, Alkohol, (harter) Sex und Gewalt folgen fast ohne Pause aufeinander, geschildert mit fast klinischer Präzision. Die Dialoge zwischen den Protagonisten sind so leer: leere Versprechen, leere Drogengespräche. Auch ihre Hoffnungen sind von einer gewissen Leere erfüllt: alle wollen sie nur schöne Dinge besitzen; die Mädchen möchten Models und Schauspielerinnen werden. Für sich genommen wirken die  Handlungen Ryus und seiner Freunde banal – wie oft hat man solche Geschichten schon gelesen.

Murakami schafft es allerdings, diesem Panorama der Destruktivität eine einzigartige Schönheit zu verleihen. Es sind nur ein paar Abschnitte, hier und dort eingestreut zwischen hyper-plastischen Beschreibungen brutaler Sex-Orgien zwischen den Jugendlichen und amerikanischen Soldaten oder alptraumhafter Szenen auf einem Konzert-Klo, wo die Gruppe – vollkommen zugedröhnt mit Tabletten – einen Wachmann fast zu Tode prügelt. Doch mit jenen Einschüben schafft es der Autor, seinen Charakteren eine Dimension und Tiefe zu verleihen, die über ihrer beschriebenen Handlungen hinausweist.

Auf den letzten Seiten des Buches findet Ryu eine blaue Glasscherbe. Er läuft nach Hause und sieht dabei zu, wie sich das Licht der langsam aufgehenden Sonne an der Kante der Scherbe widerspiegelt. Dabei wünscht er sich sehnlichst, er wäre wie dieses Licht, weich, rein und wunderschön. Diese Szene ist so kurz wie einnehmend und macht dem Leser die Tragik der Figuren klar. Sie bezahlen den Preis für ihre eigene Leere und Oberflächlichkeit, in der sich die gesellschaftlichen Verhältnisse spiegeln, unter denen sie leben. Diesen Preis bezahlen sie mit ihren Körpern, die sie kompromisslos immer weiter zerstören.

So schafft es Murakami eine konstante Spannung zwischen Schönheit und Ekel herzustellen: Tiefe und Oberfläche. Eine verwesende Ananas im Garten und das weiche Licht der Morgensonne in der blauen Glasscherbe. Darin liegt die Stärke und poetische Anziehungskraft von Blaue Linien auf transparenter Haut – einem Werk, in dem der Autor so schonungslos wie auch liebevoll das Porträt einer “verlorenen” Jugend zeichnet.

 

Blaue Linien auf transparenter Haut. Tokio unterm Strich. rororo panther, Reinbek bei Hamburg 1987, ISBN 3-499-12125-5.

 

Illustration Titelbild: Lukasz Buda

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