Suiyobi no Campanella: Rave auf der Dämoneninsel

Suiyobi no Campanella: Rave auf der Dämoneninsel

Popkulturreferenzen und Unsinnspoesie: Die Band SUIYOBI NO CAMPANELLA macht zitatreichen Elektropop vom Allerfeinsten. Ihre Texte verleiten zum Rätseln: Was hat etwa die französische Revolution mit rastlosen Spaziergängen durch Tokyo und einem Sammelsurium japanischer Süßigkeiten zu tun? Was verbindet Obi-Wan Kenobi mit einem androgynen Diplomaten aus dem 7. Jahrhundert?


Wer sich irgendwann einmal mit japanischer Folklore beschäftigt hat, kennt mit Sicherheit die Geschichte von Momotaro, dem Pfirsichjungen: Ein altes Ehepaar findet einen großen Pfirsich, der einen Fluss hinuntertreibt. Als sie die Frucht öffnen, entsteigt ihr ein kleines Kind. Der Junge erklärt den beiden, der Himmel hätte ihn geschickt, und sie nehmen ihn auf als ihren Sohn.

Einige Jahre später verlässt der mittlerweile bärenstarke Momotaro sein Zuhause, um auf der Insel Onigashima gegen böse Dämonen zu kämpfen. Auf dem Weg dorthin trifft er drei Mitstreiter: Einen Affen, einen Hund und einen Fasan. Warum aber sollten ausgerechnet diese drei eine Hilfe beim Kampf gegen die finsteren Gesellen sein? Und warum sollte man sich überhaupt auf so eine Dämoneninsel begeben wollen?

Diese Fragen stellt sich der Märchenheld in einem nach ihm benannten Song der japanischen Elektropopband Suiyobi no Campanella. Sängerin und Texterin KOM_I macht den Protagonisten zu einem Jungen, der den ganzen Tag mit Videospielen beschäftigt ist. Er verbringt seine Zeit mit dem Rollensspielklassiker Tengai Makyō (bzw. Far East of Eden) 2 für Hudsons PC-Engine-Konsole oder einem weiteren, ebenfalls real existierenden RPG für das Super Nintendo (bzw. Super Famicom), in dem er selbst die Hauptrolle spielt. Momotaro zockt Stunde um Stunde und wird dafür von seinen Eltern ausgeschimpft. Schließlich wird er eines Tages einfach rausgeworfen – mit nichts als der Super-Teigtasche Kibidango im Gepäck.

In einem herrlichen Anime-Videoclip zum Lied werden sogar dessen Nährwerte eingeblendet; irgendwann sitzen schließlich alle am Fließband und kneten Super-Dumplings. Die Dämonen feiern derweil einen Rave, und ahnen wohl noch nichts von der baldigen Ankunft des Helden wider willen. Unterdessen läuft bei Momotaro einiges schief: Affe und Hund streiten sich – und vom Fasan möchte man gar nicht erst reden. Momotaro fühlt sich einsam: »Niemand antwortet, wenn ich ins Mikrofon des 2. NES-Joypads (das NES war eine weitere glorreiche 8Bit-Spielkonsole) spreche!« Irgendwann schnappt er sich ein Megafon, und veranstaltet eine Demonstration. Der Beat knallt, die Farben lodern, und man möchte das Sinnzusammenhänge, Raum und Zeit auf den Kopf stellende Universum der Band gar nicht mehr verlassen.

Dem Prinzip der Collage aus bekannten literarischen, historischen und popkulturellen Motiven und allerlei Unsinn bleibt die Gruppe auch in Ono no Imoko treu. Hier geht es um einen (tatsächlich existierenden) japanischen Diplomaten aus dem 7. Jahrhundert, den es nach China verschlug. Aufgrund der Schriftzeichen seines Namens hätte man ihn für eine eine Frau halten können. “Aber es ist tatsächlich ein Typ”, muss die Sängerin bzw. Erzählerin, die ein Date mit einem schönen Mädchen erwartet hatte, überrascht feststellen. Egal: Der androgyn wirkende Diplomat ist wunderhübsch, seine lange schwarze Haare flattern im Wind. “Heute, gestern und während der Asuka-Zeit (diese dauerte von 538 bis 710): Obi Wan Kenobi, ein guter Jedi!”. Das ergibt kaum Sinn, und muss es auch nicht. Denn: “Brot passt wunderbar zu einem Diplomaten”.

Die Unsinnspoesie der seit 2012 bestehenden, dreiköpfigen Band – neben KOM_I sind noch der Produzent Hidefumi Kenmochi und der “Regisseur” Dir.F. dabei – passt wunderbar zu ihren aufwändig produzierten Videos. In Shakushain, einem Song über Japans nördliche Insel Hokkaido, zählt die Sängerin im für sie charakteristischen, stakkatoartigen Sprechgesang allerlei lokale Speisen, Orte und mögliche Erlebnisse auf. Es würde kaum verwundern, den Song einmal in einem Video des dortigen Fremdenverkehrsamts wiederzufinden – dabei ist das Lied nach einem Anführer der indigenen Volksgruppe der Ainu benannt, der im 17. Jahrhundert gegen die Kolonisierung Hokkaidos durch Japan kämpfte. Steckt in diesem Widerspruch vielleicht eine sozialkritische Volte?

In Tokyo rennt Marie Antoinette derweil rastlos durch die Straßen, eine Rose in der Hand. Es geht vorbei am Kaminari-mon, dem ikonischen Eingangstor des Sensō-Tempels, am Fluss entlang und weiter durch die Gassen des historischen bzw. neualt aufgepeppten Viertels Asakusa. Eine große Winkekatze taucht auf, Grenadine (oder die Französische Revolution?) zieht blutrote Schlieren in einem Cocktailglas. Ist das nun postmoderne Philosophie, Dekonstruktion, Neodadaismus? Der “Brot statt Kuchen”-Satz der titelgebenden Adligen darf jedenfalls nicht fehlen – im Lied geht es die ganze Zeit um Süßigkeiten, doch KOM_I beißt schließlich nur in die Blätter ihrer Rose .

Anstatt sich die obigen Fragen zu stellen, kann man sich jedoch auch einfach in den treibenden Beats, dem Sprechgesang (und seltener auch den balladenartigen Arrangements) der Band verlieren – vorgetragen in der wunderschönen, mal zarten und mal trotzig-entschlossenen Stimme der Sängerin. Am besten ziehe man einen großen Kopfhörer auf, drehe den Bass lauter und stürze sich in einen lauen Frühsommerabend.

Sämtliche Alben und EPs der Band sind leider nur als Import erhältlich. Aber: der Aufwand lohnt sich allemal. Suiyobis neuester Streich heißt Superman. Es ist das erste lange Album, dass beim Majorlabel Sony erscheint. Es weiß zu gefallen, und enthält einige sehr schöne Songs. Allerdings wirkt es auch ein wenig glattgebügelt – Man vermisst stellenweise die Synthesizer sowie das Tempo früherer Werke. Ganz Besonders zu empfehlen sind die Alben Rashomon ( 羅生門) von 2013 und Jipangu (ジパング) von 2015.

Übrigens: Ein namenloser Youtuber widmet sich bereits seit längerem der mühevollen Arbeit, die Lieder der Band ins Englische zu übersetzen. In seinem Video-Untertiteln erklärt er seinem nichtjapanischen Publikum zudem die zahlreichen Anspielungen, unbekannten Begriffe und historischen Hintergründe. Dem Betreiber des Kanals WedSub Eng sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

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