Nippon Connection 2017 – Der Live-Bericht!

Nippon Connection 2017 – Der Live-Bericht!

Die Tanuki Republic-Redaktion ist mehrheitlich nach Frankfurt am Main gepilgert, um das größte japanische Filmfestival außerhalb Japans zu besuchen. Lest hier von unseren Vorfreuden, Filmeindrücken und Entdeckungen auf der 17. Nippon Connection. LETZTES UPDATE: 11.06.17.

Am Ende natürlich doch alles Hals über Kopf: gerade noch den Zug gebucht, die auf den letzten Drücker angekommenen Postkarten in den Rucksack gequetscht und im Zug dann das Programm durchgekreuzt. Und was für ein klasse Programm es auch dieses Jahr wieder ist!

Aus der Fantasy-Ecke freuen wir uns auf SHIN GODZILLA von NGE-Regisseur Hideaki Anno, die DEATH NOTE-Verfilmung und die Zombie-Apokalypse in I AM A HERO. Im Hauptprogramm sind mit Kiyoshi Kurosawa (DAGUERREOTYPE) und Sabu (HAPPINESS; MR. LONG) zwei gestandene Regisseure vertreten. Unsere Geheimtipp-Hoffnung sind THE UNCLE und OVER THE FENCE von Nobuhiro Yamashita, der auch auf dem Festival anwesend sein wird.

In der Sektion Nippon Visions finden sich dieses Jahr vielversprechende Dokumentarfilme. BOYS FOR SALE über den tokyoter Schwulenstrich; MIFUNE: THE LAST SAMURAI, ein Portrait des legendären Samurai-Mimen Toshiro Mifune; die NMB48 Idol-Truppen-Durchleuchtung von Atsushi Funahashi, der vor allem durch seine zeitnahe Fukushima-Dokumentation bekannt wurde und LA TERRE ABANDONNÉE, der in eben jener Sperrzone verbliebene Menschen zeigt, die versuchen, einen Alltag zu leben. Außerdem im Auge: der Indiestreifen DYNAMITE WOLF von Kohei Taniguchi, der den Aufstieg des kleinen Mannes zum Pro-Wrestler verspricht.

Einziger Wermutstropfen scheint die Animations-Sektion, in der nur Sunao Katabuchis (MAI MAI MIRACLE) Hiroshima-Film IN THIS CORNER OF THE WORLD gelten kann (Yuasa-san, wo bist du?…). Dafür gibt es eine vielversprechende Retrospektive zum japanischen Roman Porno-Kino der 70er aus den Nikkatsu-Studios. Dieses Jahr geloben wir hoch und heilig, es auch einmal in die Retrospektive zu schaffen und uns den Verlockungen aus den Hauptprogrammen zumindest zeitweise zu widersetzen.

Eine wunderbare, ausführlichere Einleitung ins Programm hat Michael Schleeh für seinen Blog Schneeland geschrieben. Auch der Fahrplan der Podcaster von SchönerDenker lohnt!

Erste Eindrücke von uns gibt es jeweils direkt nach dem Verlassen des Kinosaals über unseren brandneuen Twitter-Account! Wir freuen uns auf die Festivalsause mit euch!

 

Festivalfazit

Die Nippon Connection hat auch dieses Jahr gezeigt, wie groß der kreative Output der japanischen Filmlandschaft ist. Besonders hervorstechend war die Qualität der diesjährigen Dokumentarfilme, die den Zuschauer an sonst unzugängliche Orte führten. La terre abandonnée von Gilles Laurent fängt die lebensgefährliche Situation in Fukushima auf poetisch-eindrückliche Art ein. Boys for Sale gab Einblicke in das Prostitutionsgewerbe im Tokyoter Schwulenviertel, Atsushi Funahashi Einblicke hinter die Kulissen der Idol-Industrie mit Raise your Arms and Twist! Documentary of NMB48.

Auch unter den fiktionalen Langspielfilmen entdeckten ich mit Shin Godzilla, My Uncle und Dynamite Wolf echte Perlen. Aussetzer wie Happiness (Aurelia widerspricht heftig!) und Daguerreotype machten daraus allerdings ein durchwachsenes Erlebnis. Umso mehr bedauere ich es, die Festival-Gewinnerfilme The Long Excuse, Poolsideman und Start Line nicht gesehen zu haben. Außerdem wurde gegen Ende des Festivals – auch von Lukas – A Bride for Rip Van Winkle als Geheimtipp gehandelt.

Schließlich will ich auch die kleinen Momente nicht unerwähnt lassen, durch die das Festival für mich erst seinen Charakter erhalten hat. Fast jeder Kurzfilm der zahlreichen Vorführungen konnte mich überzeugen. Jeder Animationsfilm der Tokyo University of Arts hatte seinen ganz eigenen Stil und zeigte so einen andersartigen, frischen Blick auf Japan. Bei den Begegnungen mit den Filmemachern in den Q&A-Sessions (oder auch im Anschluss an den Essensständen) war stets ein Gefühl von Offenheit und gegenseitiger Wertschätzung. So wird mir die diesjährige Nippon Connection als eines der warmherzigsten Filmfestivals in Erinnerung bleiben. (Brian)

Sonntag

Dynamite Wolf (Visions)

Das Pro-Wrestling in Japan ist tot? Nicht ganz! Ein Grundschüler entdeckt seine Leidenschaft für den Ringkampf, als er an einem Talentwettbewerb teilnehmen soll. Ganz zum Unmut seiner Eltern trifft er sich nun mit dem in die Jahre gekommenen Wrestler Dynamite Wolf am verdreckten Flussufer, um gemeinsam mit seinen Freunden zu trainieren. Die zunächst an Karate Kid anmutende Geschichte nimmt jedoch eine andere Wendung. Der Zauber des Wrestlings als Performance besteht eben gerade nicht darin, der Beste zu werden. Mit groteskem Humor und einem Hauch Melancholie zündet Dynamite Wolf ganz allmählich, endet dafür aber in einem krachenden Finale. (Brian)

In this Corner of the World (Animation)

Sunao Katabuchis gecrowdfundetes Herzensprojekt über das ländliche Leben einer jungen Frau im Japan des Zweiten Weltkriegs wurde auf der Nippon Connection kontrovers diskutiert. Selbst das Programmteam war sich uneins, ob der Film gezeigt werden sollte. Wie schon in Mai Mai Miracle legt Katabuchi einen unbeschwerten Erzählstil an den Tag. Das Landleben in der nahe Hiroshima gelegenen Hafenstadt Kure wird selten von den dunklen Seiten gezeigt; Konflikte lösen sich in humorigen Situationen, so zum Beispiel, wenn die Protagonistin Suzu ohne Vorlauf verheiratet wird und die passive Eheschließung mit einem scherzhaften Missverständnis um Suzus Jungfräulichkeit zu Ende gebracht wird. Mit der süßlichen Darstellung des Landlebens leistet Katabuchi keineswegs Pionierarbeit; man denke an Isao Takahatas Only Yesterday, vielleicht sogar Miyazakis Mein Nachbar Totoro oder Hosodas Wolfskinder. Die Frage ist letztlich: wird wirklich bewusst etwas unter den Teppich gekehrt? Wird der Zweite Weltkrieg verharmlost? In this Corner of the World stellt das Leid des Krieges dar, die Frage der Kriegsschuld interessiert den Film hingegen nicht. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass er sich in die nationalistische Agenda eines Shinzo Abe einfügt. (Lukas)

Samstag

My Uncle (Cinema)

Ein gescheiterter Philosoph lebt bei der Familie seines Bruders. Er benutzt Marx als Ausrede nicht arbeiten zu gehen und sowieso meint er, dass ein Philosoph von heute in Mangas nach Inspiration suchen muss. Sein kleiner Neffe muss einen Aufsatz für die Grundschule schreiben und beschließt, Tagebuch über das Leben mit seinem nichtsnutzigen Onkel zu führen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine kuriose Freundschaft, in der das Kind oft die Rolle des Erwachsenen übernehmen muss. Als der Onkel sich in eine bildhübsche Hawaiianerin verliebt, verschlägt es die beiden auch noch auf die Inseln. Sobald es dann um die Farm der Angebeteten und sogar die Folgen des Pearl Harbor Angriffs geht, zerfasert die Geschichte ein wenig. Nichtsdestotrotz ist My Uncle eine gelungene Buchverfilmung, die mit hervorragend pointierter Comedy und einer einprägsamen Performance der beiden Hauptdarsteller glänzt. (Brian)

What you thought me about my Son (NHK Special)

Die Fernsehdokumentation geht den Auswirkungen eines Bestseller-Buches nach. The Reason I Jump wurde von Keiko Yoshida im Alter von gerademal 13 Jahren geschrieben. Keiko leidet an einer schweren Form von Autismus und in seinem Buch schildert er sein emotionales Innenleben im Umgang mit der Krankheit. Der Film portraitert sowohl Keikos Alltag, als auch das Leben von anderen Familien, die sein Buch als Ratgeber zum Umgang mit ihrem autistischen Kind gelesen haben. Cloud Atlas-Autor David Mitchell hatte dafür gesorgt, dass Keikos Buch seinerzeit in viele Sprachen übersetzt wurde. Auch er hat einen autistischen Sohn und er war der Überzeugung, dass The Reason I Jump ihm und vielen anderen Eltern helfen konnte. (Brian)

A Bride for Rip Van Winkle (Cinema)

Dieses Gefühl, wenn man den Kinosaal nach dem Abspann nur schleichend verlässt, sich durch den heißen Nachmittag spaziert und eine entgegenkommende Kollegin übersieht, weil man eben doch noch nicht ganz in der Welt ist. Shunji Iwais (The Case of Hanna and Alice, NC16) dreistündiges wie kurzweiliges Kleinepos war der erste Film auf der Nippon Connection, nach dem mir die Worte fehlten. Der Film streckt einem einladend die Hand entgegen und ich war willens, überall mithinzugehen. Shunji Iwai, so viel ist sicher, ist ein Kinopoet. (Lukas)

Raise Your Arms and Twist! Documentary of NMB48 (Visions)

Wer den Idolwahnsinn in seinen Feinheiten durchdringen will, ist bei dieser Doku genau richtig. Atsushi Funahashi (Nuclear Nation u.a.) stellt die Maschinerie anhand der Osaka-Truppe NMB48 in all ihren Facetten dar: die Castings, die harten Ansagen der Choreografen, die Demütigungen der Mädchen untereinander. Auch die bizzarren Seiten, wie sogenannte “hand shake events”, bei denen sich die Fans in einer Flugzeughalle bei ihrem favorisierten Idol anstellen, um zusätzlich zu einem CD-Kauf auch ihre Hand schütteln zu dürfen – für max. 8 Sekunden, dann schreitet das Sicherheitspersonal ein. Gleichermaßen schafft der Film aber auch eine Verständnisgrundlage. Die Szenen von den gigantischen Konzertauftritten, bei denen das Publikum mich Leuchstäben zu wummernden Bässen und schrillen Stimmen im Takt mitwedelt, haben ohne Frage auch etwas Beeindruckendes (im Kinosaal wurde von Fanseiten her ebenfalls kurz gewedelt). Funashashi findet unter der Schar der Mädchen dankbare Protagonistinnen, wie die 19-jährige Tänzerin Ayaka Okita. Auch nach Jahren harter Arbeit schafft sie es nicht in ein sogenanntes Senbatsu-Team, eine Elite-Auswahl an Sängerinnen, die das nächste Musikvideo drehen dürfen. Sie ist deprimiert, ihre Fans sind empört: warum nicht? Immerhin ist sie eine der besten Tänzerinnen. Am Ende des Films wird Okita vom Management vorgeladen: “Können wir uns darauf verlassen, dass sie nichts mit Männern haben?” Sie nickt und weint und ist dankbar. Boyfriends stehen der jungfräulichen Idol-Karriere inoffiziell im Weg. (Lukas)

Freitag

Daguerreotype (Cinema)

Bei einem Daguerreotype handelt es sich um ein traditionelles Fotografieverfahren, bei dem das Modell Minuten bis Stunden still stehen muss. Nun handelt der Film von einem alternden Fotografen, der in seinem unheimlichen Anwesen eine Obsession mit jenem Verfahren entwickelt hat. Die gespenstischen Bilder und das unheimliche Gestell, in das seine Tochter als Modell regelmäßig eingespannt wird, ergeben gute Vorrausetzungen für einen Gothic-Horror-Film. Leider wird sich damit nicht zufrieden gegeben. So erscheint auch noch der Geist der erhängten Ehefrau im Haus, die Aushilfskraft, Jean, verliebt sich in die Tochter des Fotografen und gegen Ende müssen alle übernatürlichen Erscheinung noch in der Manier eines Psychothrillers aufgelöst werden. All diese Elemente ergänzen sich nicht, sonder arbeiten gegeneinander. Der grell ausgeleuchtete japanische Geisterfilm zerstört die Gothic-Atmosphäre. Die psychologisierenden Thriller-Elemente entzaubern das Mysterium der Geistergeschichte. Auch wenn alle Genrefragmente handwerklich solide umgesetzt wurden, ergibt sich in Daguerreotype insgesamt nur ein fader Abdruck der filmischen Vorbilder. (Brian)

Never-ending Man: Hayao Miyazaki (NHK Special)

Die Kamera begleitet Hayao Miyazaki über einige Monate hinweg – von der Schließung Studio Ghiblis, über die Produktion seines nächsten Kurzfilms Boro the Caterpillar bis zur Ankündigung seines letzten Langspielfilms. Zu sehen ist ein rastloser Künstler, der es nicht ertragen kann, unproduktiv in Rente zu gehen. Es wird deutlich, dass Miyazaki sich in seinen Projekten niemals mit dem Mittelmaß zufrieden geben kann. Immer muss er an die Grenzen des technisch Machbaren gehen. Für sein neuestes Projekt widmet er sich erstmals der Computeranimation. Doch anstatt sich durch die Rechenmaschine Arbeit abnehmen zu lassen, verkomplizierte er nur alles umso mehr. Miyazaki nimmt so viele Änderungen am digitalen Bild vor, bis faktisch doch wieder die traditionelle Animationstechnik verwendet wird, ganz zum Leidwesen seines CGI-Animationsteams. In einem ruhigen Moment berichtet sein Freund und Studiokollege Isao Takahata davon, wie junge Leute Miyazaki wieder mit Leidenschaft füllen würden. Im Gegenzug würde er allerdings auch den jungen Künstlern die Lebensenergie aussaugen. Man beginnt besser zu verstehen, warum Studio Ghibli es nicht geschafft hat, die Nachwuchsgeneration auszubilden und schließlich nachfolgerlos die Tore schließen musste. Die Kamera konnte sein, wo sie wollte: Miyazakis Präsenz überstrahlt alles. So zeigt Never-ending Man trotz handwerklichen Mängeln ein eindringliches und nachdenklich stimmendes Portrait des Animations-Altmeisters. (Brian)

Start Line (Visions)

Die gehörlose Filmemacherin Ayako Imamura begibt sich im Sommer 2015 auf eine Fahrradtour durch ganz Japan, vom südlichen Okinawa bis zum nördlichsten Punkt in Hokkaido. Sie wil die Reise als eine Art Kommunikations-Experiment nutzen und mit hörenden Menschen schneller in Kontakt treten. Das Lippen lesen fällt ihr bei neuen Bekanntschaften schwer und dauernd die Leute bitten, alles aufzuschreiben ist mühselig. Wenn sich beide Seiten Mühe geben, gelingt die Kommunikation, selbst wenn nicht ganz klar ist, wer was erzählt. Auf Bar-Abenden jedoch, kommentiert Imamura über die Untertitel, kommt sie oft nicht mit: “Ich sollte etwas sagen, aber ich verstecke mich hinter der Kamera und filme weiter.” Das wiederum führt zu Streit mit Ihrem Begleiter Tetsuo Hotta, der es vielleicht nur gut meint mit seinem strengen Ansporn: rede mit ihnen! Für hörende Menschen ist es auch schwer ein Gespräch anzufangen, das hat damit nichts zu tun! Am Ende der Reise treffen die beiden auf den Australier Will und Imamura bewundert ihn neidisch. Er schafft es mit ein paar Brocken Japanisch aus dem Stehgreif ein Gespräch anzufangen, egal mit wem. Immer wieder zweifelt Imamura, ob die Reise irgendetwas verändert. Kurz vor dem Ziel sieht es so aus, als hätte sie das Experiment aufgegeben. Dann aber folgt ein letzter Abend in einer Herberge, in der sich alles wendet. Start Line war meine große Überraschung auf der Nippon Connection bislang. Ein berührender, weil ehrlicher Film, der über die Schwierigkeiten erzählt, sich anderen Menschen zu öffnen. (Lukas)

Donnerstag

Innocent 15 (Visions)

Zunächst panoramaartig erzählt, konzentriert sich der Coming-of-Age-Film bald auf seine 15-jährigen Protagonisten Gin und Harumi, die aus ihrer Kleinstadt nach Tokyo fliehen. Harumi vor ihrer Mutter, die Harumis Schulbücher die Toilette spült und die Jungfräulichkeit ihrer Tochter an ihren Macker verkaufen möchte; Gin vor seinem Vater, dem er nichts zu sagen hat. Wobei Gin sich eher spontan dem Fluchtversuch anschließt. Als Zeichen der neugewonnen Freiheit kaufen sich die beiden Sonnenbrillen in Tokyo und schauen der strahlenden Sonne entgegen. Trotz dieser gemeinsamen Erfahrung, ist die Annährung, das unweigerliche Eingeständnis der gegenseitigen Liebe, aufgeschoben. Der Film liebt seine zerbrechlichen Protagonisten und gibt dem Zuschauer jede Scherbe der früh zersprungenen Leben einzeln in die Hand. Mal glitzern sie wie kleine Juwele, aber auch trübes Indie-Altglas ist dabei. (Lukas)

A Silent Voice (Animation)

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. So oder so ähnlich scheint die Logik bei A Silent Voice hinsichtlich des Mobbing zu funktionieren. Der Protagonist hänselt seine gehörlose Mitschülerin und wird daraufhin selbst zum Mobbingopfer und Sündenbock der Klasse. Darüber hinaus hat der Film zum Thema nicht besonders viel beizutragen. Zum Glück kann der Film dank liebevoll geschriebener Charaktere und einer sanften Priese Humor die Herzen seiner Zuschauer dennoch erobern. (Brian)

Chieri and Cherry (Animation/Kids)

Das kleine Mädchen Chieri besitzt eine lebhafte Fantasie. Seit dem Tod ihres Vaters begleitet sie der Stoffhase Cherry als Freund und Beschützer durch’s Leben. Zum Gedenktag des Todes ihres Vaters treffen sich alle Verwandten im Haus der Großmutter. Als alle zum Friedhof fahren, bleibt sie dort allein zurück. Begleitet von imaginären Freunden, beginnt Chieri ein Abenteuer, in dem sie lernt, ihre Angst vor dem Tod zu überwinden.
Der Puppentrickfilm nimmt Kindern die Angst vor dem Tod. Trauerbewältigung und Abschiednehmen werden dort verständlich aufgezeigt. Nur zuweilen lenkt die doch verstörende Ästhethik der Puppen vom funktionalen Erklärrahmen ab. (Aurelia)

Mittwoch

Shin Godzilla (Cinema)

Die brachiale Monsterechse ist zurück und diesmal auch gleich in drei unterschiedlichen Metamorphose-Stadien. Die Regierung bildet panisch ein Gremium nach dem anderen, um das Ungetüm aufzuhalten. Als alle konventionellen Waffen versagen, schwebt die Gefahr eines Atomschlags über Japan. Godzillas Angriff wird als Kollektiverfahrung inszeniert. Den Hauptanteil des Films wird gezeigt, wie verschiedene Ausschüsse, Arbeitsgruppen und Sitzungsräume auf das Monster reagieren. Dabei wird sich einerseits über die träge Bürokratiemaschine des Staates lustig gemacht, andererseits aber auch ein stärkeres, selbstbestimmteres und entscheidungsfreudigeres Japan heraufbeschworen. So politisch aktuell die Menschen gezeigt werden, so fremdartig und bizarr mutet Godzilla an. Wie aus einem grotesken Spin-Off von H.P. Lovecraft entstiegen, entzieht sich Godzilla dem naturwissenschaftlichen Verständnis. Wie ein radioaktiver Krebstumor mit Laserbeleuchtung walzt sich das Vieh durch die Stadt. Ein gelungenes Portrait des Japanischen Zeitgeistes verbindet sich hier mit der bisher faszinierendsten Inkarnation der Monsterechse. (Brian)

Happiness (Cinema)

Ein Mann kommt mit einem Helm in ein Dorf, der den Träger zurückversetzt zum glücklichsten Moment seines Lebens. Nach einer witzigen Szene, in der das Dorf bis zum Bürgermeister hin den Helm testet und anschließend das Event mit Sake begießt, verlässt der Film seinen grotestk-humorigen Pfad und wird zu einer stumpfen Rachengeschichte. Der Mann mit dem Glückshelm bekommt eine Backstory, die nichts offen lässt und ihre Leere mit reichlich Kunstblut füllt. (Lukas)

Podcast: Aurelia, Brian und Lukas im Gespräch mit Schöner Denken & Co.

Boys for Sale (Visions)

Die Dokumentation über den tokyoter Schwulenstrich lässt junge Sexarbeiter zu Wort kommen und bebildert deren Erzählungen über ihren Arbeitsalltag mit Manga-Bildern. Der Film dramatisiert und wertet nicht, sondern belässt es dabei, dem Zuschauer einen eher unzugänglichen Teil der japanischen Gesellschaft sichtbar zu zeigen. Ehrlichkeit und Lachen gehören hier zusammen: den besten Blowjob, sagt einer, den er je bekommen hat? Das müsse er zugeben, war von einem 63-jährigen Mann. Schwul sei er deswegen nicht geworden. Von allen Interviewten war nur einer homosexuell, die meisten sehen es einfach als Job. (Lukas)

Dienstag

La Terre abandonée (Visions)

Eine Dokumentation, die Objektivität wahrt und gleichzeitig poetische Affekte wecken möchte? Geht das? Hier ist der Beweis! La Terre abandonée fängt ein eindringliches Bild der aktuellen Situation im Sperrgebiet um Fukushima ein. Lange Einstellungen zeigen Natur, Tierwelt, Wälder und Bilder verlassene Straßenzüge, die auch direkt aus der Zombieapokalypse stammen könnten. Diese Umgebungserfahrungen werden gepaart mit dem Alltag der wenigen Anwohner, die in ihre verseuchte Heimat zurückkehren. Der Wind rauscht weiter durch die Blätter, die alten Damen halten weiter ihr Kaffeekränzchen ab und der Geigerzähler tickt. Ein bittersüßlicher Momentausschnitt dieses katastrophalen Moments Japanischer Geschichte. (Brian)

Podcast: Aurelia und Brian im Gespräch mit Schöner Denken & Co.

Dawn of the Felines (Cinema)

Die RomanPorn Verfilmung von Shiraishi Kazuya verfolgt die Schicksäle dreier Prostituierten in Tokyo. Gute dramaturgische Ideen enttäuschen allerdings in der Umsetzung. Den Figuren fehlt die Tiefe und sie verirren sich in’s Klischeehafte. Die Sexszenen werden willkürlich durch den Film gestreut und überzeugen nicht – was auch unter anderem an der schwachen schauspielerischen Leistung der Darsteller liegt. (Aurelia)

 

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