The Eccentric Family: Tanuki im Topf

The Eccentric Family: Tanuki im Topf

In Kyoto leben seit der Heian-Zeit Tanukis und Tengus unter den Menschen. THE ECCENTRIC FAMILY zeigt das Familienleben der Tanukis zwischen Tradition und Moderne. Eine fabelhaft erzählte Serie vom aufstrebendenen Studio P.A.Works, die zum Flanieren durch Kyotos Straßen einlädt. Aber Vorsicht vor dem Friday Club! Sonst gibt’s Tanuki Hot Pot!

Prolog

Als Anfang 2013 The Eccentric Family (Uchōten Kazoku) angekündigt wurde, war ich sofort Ohr: eine neue Serie basierend auf einem Roman von Tomihiko Morimi! Meine Begeisterung speiste sich aus der Tatsache, dass ich erst vor Kurzem The Tatami Galaxy gesehen hatte, die 11-teilige Serie von Masaaki Yuasa (Mind Game, Kaiba u.a.). Seither führt sie ungeschlagen den ersten Platz meiner persönlichen Bestenliste an und seither ersehne ich den Tag, an dem ich ein Buch von Tomihiko Morimi in deutscher oder englischer Übersetzung in den Händen halte werde.

 

Aber ich wurde enttäuscht: das rundliche, einfache und kulleraugige Character Design sprach mich nicht an – ich sehnte mich nach dem aristokratischen Strich von Tatami Galaxy-Illustrator Zeichner Yūsuke Nakamura. Den Intro-Song hielt ich für stumpfes Rumgegröhle – und sehnte mich nach Asian Kung-Fu Generation. Dann der absolute Hammer: wie im Tatami Galaxy-Vorspann drehten sich die Figuren Aufsteller-gleich um die eigene Achse, dann gab es auch noch übermalte Realfilmaufnahmen – ein Sakrileg! Ich brach die erste Folge kurz nach dem Vorspann ab.

 

Ich hatte ja keine Ahnung…!

 

Zeitsprung: Nach einem kürzlichen Redaktionstreffen, das hervorragend als Vorwand diente, einen Tatami Galaxy-Filmabend abzuhalten, überkam es mich: ich bestellte die erste Staffen von The Eccentric Family auf DVD. Egal wie die Serie auch sei, dachte ich, wenigstens könnte ich herausfiltern, was das Faszinierende an der Roman-Vorlage ist. Und schließlich ging es um eine Tanuki-Familie in Kyoto – das kann für unseren Blog so verkehrt nicht sein, dachte ich.

 

Dreizehn Folgen später hielten wir das nächste Redaktionstreffen ab, das hervorragend als Vorwand für einen The Eccentric Family-Abend diente.  Ich war vollauf bekehrt und mein Missionierungseifer erstreckt sich nun bis in diesen Artikel.

Menschen, Tanuki und Tengu

Die Serie spielt im heutigen Kyoto, wo – so heißt es im Prolog der ersten Folge – seit 1.200 Jahren Menschen Seit an Seit mit Tanukis und Tengus wohnen. Während Tengus durch die Lüfte gleiten können, haben Tanukis die Gabe, sich in jedwede Gestalt zu verwandeln. Und von dieser Gabe macht Yasaburo, der dritte Sohn der Shimogamo-Familie, regen Gebrauch. Gleich in der ersten Folge beglückt er seinen grantigen Tengu-Lehrmeister Akadama-sensei mit einer schamlosen Schulmädchen-Imitation.

 

Yasaburo ist auch derjenige, mit dem der Zuschauer Kyoto erkundet. Als Tanuki, so seine Philosophie, solle man sein Leben in vollen Zügen genießen. Wobei er kein hemmungloser Hedonist ist, sondern jemand, der ein Bewusstsein dafür hat, dass es nur dieses eine Leben gibt – und es keinen Grund gibt, sich selbst geringzuschätzen. Wir begleiten Yasaburo dabei, wie er Aufträge für seinen Lehrmeister Akadama-sensei ausführt oder er sich um Familienangelegenheiten kümmert. So zeichnet die Serie Szene für Szene ein dichteres Bild von Kyoto –mit  aufwendigen Hintergründen und liebevollem Detailreichtum.

Großfamilie in Kyoto

Allein in der ersten Folge bietet die Serie einen guten Überblick von der Bandbreite der Schauplätze: wir sind dabei, wenn Yasaburo seinen Meister mit Essen vom Kombini versorgt, wenn er mit seinem Bruder Wichtiges in der Nähe einer Einkaufsmeile wichtige Dinge bespricht und wie er in antiker Manier mit Pfeil und Bogen über den Fluss hinweg eine Nachricht in die elitäre Gesellschaft des “Friday Clubs” feuert. Wenn am Ende der ersten Folge Yasaburo seinen Lehrmeister mit dem Taxi nach Hause bringt und die Stadt an den Scheiben gar melancholisch vorbeizieht,  ist klar, dass sie der große, (un)sichtbare Protagonist der Serie ist.

 

In der ersten Episode war ich zunächst überfordert mit all den Orts- und Figurenwechseln, aber Folge für Folge fügen sich alle Puzzleteile zusammen. Bis man das Figurenensemble sortiert hat, braucht es seine Zeit. Allein die Tanukibrüder machen es einem mit ihrer ähnlichen Namensgebung nicht einfach. Der Familienälteste Yaichiro ist – wenig überraschend – das Familienoberhaupt und in ständiger Sorge, seiner Stellung nicht gerecht zu werden. Yasaburos jüngerem Bruder Yashiro rutscht bei Verwandlungen ab und an noch der buschige Schwanz raus, er macht eine Lehre bei der verwandten, aber auch feindselig gestimmten Ebisugawa-Familie, die eine Brauerei besitzt. Die vielleicht interessanteste Figur der Serie ist aber der zweitälteste Bruder Yajiro, der als Frosch auf dem Grund einer Quelle wohnt. Nur ab und zu stört ein dort hineingeschmissener Glücksgroschen seine Zen-Ruhe. Yajiro hat es verlernt, sich in andere Formen zu verwandeln – zunächst bleibt unklar warum – und hat sich mit seinem Schicksal abgefunden. Interessanterweise wird er trotz seines beschränkten Raumes zum Dreh- und Angelpunkt für Vieles in der Serie. Wenn immer jemand einen Rat sucht, sucht er ihn bei Yajiro – selbst die große, mysteriöse und schöne Benten-sama.

Halb Mensch, halb Tengu (oder vielleicht auch nicht?), war sie ursprünglich auch eine Schülerin von Akadama-sensei und dessen heimliches Objekt der Begierde. Doch nach einem Vorfall, über den der Zuschauer im Unlaren gelassen wird, wendet sich Benten ab und erkämpft sich einen Platz im Friday Club, dessen Mitglieder nach den sieben Glücksgöttern benannt sind. Der Club ist eine Verbindung von einflussreichen Personen. Vom Professoren bis zum hochrangigen Wirtschaftsvertreter ist alles dabei. Wieso auch nicht, denkt man sich als Zuschauer – bis zu dem Punkt, als offenbar wird, dass Benten sich ihre Mitgliedschaft auf perfide Weise erkauft hat. Auf dem alljährlichen Festbanquet verspeisen die Clubmitglieder nämlich einen Tanuki. Für Ihre Mitgliedschaft hat Benten den Familienvater der Shimogamo-Familie Soichiro höchstpersönlich an den Hot Pot ausgeliefert.

Tanuki im Topf

An diesem Punkt hatte mich die Serie nicht nur gepackt, sondern ich war entsetzt vor den Bildschirm gefesselt. Der Tod des Vaters wird zum Kernthema der Serie, seine Abwesenheit ist der Schatten, der über dem alltäglichen Leben liegt. Die Frage, die Yasaburo und seine Familie nicht loslässt: wie konnte sich dieser große Tanuki, der sich einst, um einen Konflikt mit den Tengus zu gewinnen, in einen Berg(!) verwandelte, so einfach schnappen lassen? Die Serie geht dieser Frage in versteckter Murder Mystery-Manier nach. Und genau hier clasht der einfache, fast kindliche Zeichenstil auf verstörend-faszinierende Weise mit den Dialogen. Denn auch wenn Yasaburo weiß, dass Benten seinen Vater gegessen hat, hält ihn das nicht davon ab, sich mit ihr zu treffen und im Mondschein über die Dächer zu spazieren. Er spielt wortwörtlich mit dem Feuer, denn das nächste Festbankett rückt näher. Die Frage des „Essens und Gegessenwerdens“ nimmt gar philosophische Ausmaße an. Doch davon hier nicht zu viel. Die Serie gehört hier aber, so viel sei gesagt, in ihrer Unterschlagung der verhandelten Dramatik, mit zum Heftigsten, was ich in den letzten Jahren im Animebereich gesehen habe.

Ohne große Worte verhandelt die Serie auch das Verhältnis von Tradition und Moderne. Während die Shimogamo-Familie eher für die Tradition steht, weist die zwielichtige Ebisugawa-Familie auf die Moderne hin. Denn sie führt eine Brauerei mit kühnem Gewinnkalkül, während die Shimogamos offenbar nur ihren Schrein hüten. Auch lässt die Serie vielerlei Lesarten auf die Dreieckskonstellation zwischen Menschen, Tanukis und Tengus zu. Sind sie nur Metaphern? Oder tragen sie dem Fakt Rechnung, dass die Mythologie in Japan auch noch dieGegenwart durchzieht? Gerade Benten, in ihrer hybriden Gestalt, wirft viel mehr Fragen auf, als die Serie beantworten kann und will.

Anime als Erzählmedium

Wenn ich an The Eccentric Family zurückdenke, dann rauschen viele einprägsame Bilder durch meinen Kopf. Die Serie ist nicht immer ein Feuerwerk an Animation, aber die Macher haben klug entschieden, auf welche Momente sie ihr Budget verwenden: Benten-sama und der Wal, die schwebenden Schiffe und Teehäuser über dem Daimonji-Festival, Soichiro, wie er sich in einen Berg verwandelt oder einfach nur der zauberhafte Moment, als Yasaburo Benten zum ersten Mal erblickt und sie vor ihm auf einen in voller Kirschblüte stehenden Baum schwebt. Diese Momente vereinen Absurdes und Traditionelles auf so unaufgeregte Weise, dass sie natürlich wirken. (Ich erwischte mich dabei, wie ich kurz überlegte, wie man denn so ein Teehaus mieten könnte, um selbst über dem Festival zu schweben.) Unterstützt werden derlei Szenen durch einen Soundtrack, der Klassisches mit Modernem elegant verwebt, und ihnen etwas Erhabenes verleiht.

 

The Eccentric Family hat mich neugierig gemacht, mir noch weitere Serien von P.A.Works anzusehen. Das Studio, das interessanterweise fernab aller Metropolen im ländlichen Nanto in Toyama beheimatet ist, produziert nur Werke aus eigener Feder oder Buchadaptionen. Von Manga-Adaptionen möchte man sich, so Studio-Chef Kenji Horikawa, nicht in seinem Einfallsreichtum einschränken lassen. Mir scheint, dass P.A.Works einen Beitrag leisten, Anime wieder als Erzählmedium zu entdecken. Wie es Serienschöpfer Masayuki Yoshihara ausdrückt: Botschaften, die nur über Dialog vermittelt werden können, sollten auch über Dialoge vermittelt werden. Und Dinge, die nur über Bilder erzählbar sind, sollten auch über Bilder erzählt werden. Dieses einfach Mantra, dieses Bewusstsein über die eigene Erzählform und auch über die finanziellen Möglichkeiten, machen The Eccentric Family zu einem Serienkleinod, für das man nur dankbar sein kann.

 

Eine zweite Staffel der Serie, basierend auf dem Nachfolgeroman, ist dieses Frühjahr angelaufen und gerade zu Ende gegangen. MVM Entertainment hat die erste Staffel in UK auf DVD herausgebracht, es bleibt zu hoffen, dass sie es auch für die zweite tun werden. Eine Veröffentlichung in Deutschland hat die Serie bislang nicht erfahren. Allerdings bringt KSM Anime ab Juli die ebenfalls gefeierte P.A.Works-Eigenprodukion Shirobako auf DVD und Bluray heraus – zu stattlichen Preisen allerdings.

Links

 

P. S.: Wer möchte mal das (gar nicht mehr so stumpfe) Intro von Milktub mit Sakeschälchen in der Hand mitgröhlen?

 

Bilder/Images © Tomihiko Morimi, GENTOSHA/ Uchoten-Kazoku Committee

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