NC17 – La Terre Abandonnée: Leben im Sperrgebiet

NC17 – La Terre Abandonnée: Leben im Sperrgebiet

Als Deutschlandpremiere eröffnete der Film LA TERRE ABANDONNÉE die Visions-Sektion der Nippon Connection 2017. In seinem Regiedebüt untersucht der Regisseur Gilles Laurent die Bedeutung von Heimat und Verwurzelung. In wunderschönen und mitreißenden Bildern erzählt er die Geschichte von Evakuierten, die beschließen, zurück in die Sperrzone rund um die Atomruine von Fukushima zu kommen und ihr Leben dort wieder aufzunehmen.

Laurents Aufnahmen stammen aus dem Dorf Tomioka. Einst eine fruchtbare Region zwischen Tokyo und Fukushima, musste das Dorf nach der Katastrophe evakuiert werden. Es wurde von der Regierung dann zum Teil jener Sperrzone erklärt, in die die Anwohner aufgrund der erhöhten Strahlenbelastung vorerst nicht zurückkehren konnten.

Ausschlaggebend für die Entstehung der Dokumentation  war Laurents Zusammentreffen mit Matsumoto-San, “dem wohl am meisten verstrahltesten Mann der Welt”, wie letzterer schmunzelnd erzählt. Als das Städtchen evakuiert wurde, trotzte der Bauer den Sicherheitsmaßnahmen, kehrte als einziger zurück und kümmerte sich um die zurückgelassenen Tiere. Und er blieb.

Der Ton des Films schwankt  ständig zwischen Tragik, Zynismus, Schönheit und Humor. Wachsam bewegen sich die Protagonisten stets mit Geigerzählern durch die traumhaften, mit Wald und Pflanzen überwucherten Landschaften. Neben ihnen röhren die Bagger der Dekontaminierungskommandos, deren Schutzbekleidung eher wie ein improvisiertes Kostüm aussieht und die tonnenweise verstrahlte Erde in Säcke füllen. Jeden Tag auf’s Neue, während die ortsansässigen Bienen langsam sterben und die Pilze im Wald weiterhin tödliche Strahlenwerte aufweisen. Die Auberginen aus dem Garten verspeisen Matsumotos alte Nachbarn mit einem amüsierten Lächeln im Gesicht. Ob die jungen Leute nach Tomioka zurück möchten? Nein, sie hätten Angst, vor den Strahlen.

 

Collageartig alternieren Naturaufnahmen und Reportagesequenzen.  Je länger der Film läuft, desto mehr wachsen die Menschen dem Zuschauer ans Herz. Man verspürt Wärme und Sympathie für sie, die sich weigern ihre Heimat zugunsten der Notunterkünfte zu verlassen. In dieser Heimat liegen ihre Ahnen begraben, dort sind ihre  Häuser, ihre Gärten, ihre Erinnerungen. Man spürt Wut, Verbitterung gegen die Regierung und die Betreiber der Atomanlagen – aber auch ihren Willen, nicht als Opfer angesehen zu werden, ihre Würde zu bewahren angesichts der Tragödie.

In der letzten Szene finden sich alte Freundinnen im renovierten Haus einer der Zurückgekehrten ein. Sie verspeisen frische Feigen aus dem Garten, man unterhält sich. Die Feigen hätten normale Werte. Ob die Geigerzähler, die von der Regierung zur Verfügung gestellt worden sind, auch die korrekten Messwerte anzeigen? Wer weiß. Wie ein Stillleben liegen die Feigen in all ihrer Pracht auf dem Tisch. Leben und ein womöglich drohender Tod, vereint im Obstteller.

Gilles Laurent kam bei den Terroranschlägen am 22. März 2016 in Brüssel ums Leben und erlebte die Vollendung seines Filmes nicht mehr. Im Gedenken an ihn von seiner Frau und seinen Mitarbeitern fertiggestellt, ermöglicht der Film eine neue, menschennahe Perspektive auf die Nuklearkatastrophe von Fukushima, weitab vom klassischen Dokumentationsformat. Meisterhaft gefilmt und ohne unnötigem Pathos liefert er eine feinfühlige und eindringliche Reflexion über die Verbindung zwischen Mensch und Heimat und  bewahrt dabei stets die Balance zwischen Poesie und Information.

Podcast: Aurelia und Brian im Nachgespräch mit SchönerDenken

 

 

Share this Story

Related Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Suche

Facebook

Archiv