Ko Machida: Der Affe in der Nudelsuppe

Ko Machida: Der Affe in der Nudelsuppe

Ertrunkene Primaten im Schnellimbiss, verschollene Oktopus-Performancekünstler und Reisen durch ein abgewracktes Japan: Mit VOM VERSUCH EINEN GLÜCKSGOTT LOSZUWERDEN ist erstmals ein Werk des Schriftstellers Ko Machida in deutscher Sprache erschienen. Es begeistert mit Punk-Attidtüde, Dialogwitz und einem Gespür für die Absurditäten des menschlichen Daseins.

 

Ein Blick in den Spiegel genügt: Ein paar Tage, nachdem ihn seine Frau verlassen hat, betrachtet Masayuki Kusunoki sein nach drei Jahren, die er mit Saufen und Abhängen verbrachte, kaum mehr wiederzuerkennendes Gesicht.

Dass man, schaut man den ganzen Tag in so eine Visage, »keinen ernsthaften Gedanken mehr fassen kann«, wird ihm schnell klar. Kusunoki kann seine Freundin, die mit dem ganzen Geld abgehauen ist, irgendwie verstehen. Dabei hatte sein Kalender an jenem Datum, an dem er beschloss, sich fortan dem Nichtstun zu widmen, doch einen Glückstag angezeigt…

Mit dem Band Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden liegen erstmals zwei Erzählungen des Autors Ko Machida in deutscher Sprache vor. Kaum ein Rezensent vergaß zu erwähnen, dass der 1962 geborene Machida, Träger unter anderem des renommierten Akutagawa-Literaturpreises, Sänger einer Punkband ist. Genauer genommen gründete er bereits 1978 eine, die den Namen Inu (japanisch für »Hund«) trug. Nachdem diese sich bereits 1981 wieder aufgelöst hatte, war er mit etlichen Bands unterwegs und veröffentlichte mehrere Alben. Tatsächlich kann man auch seinen Protagonisten, die sich gerne besaufen und auf einer Gitarre rumschrammeln, eine gewisse Punkattitüde nicht absprechen.

Sie orientieren sich dabei mehr am Bierdosen- als am Politpunk. In einer Welt, in der eine geregelte Existenz nach den bestehenden Spielregeln nichts als Langeweile verspricht, bleibt oft nur noch der Griff zum nächsten Glas, um der Absurdität des täglichen Daseins zu entfliehen.

Mit einer Urne ins Nirgendwo

 

Allerdings: Geld verdienen, um irgendwie über die Runden zu kommen, müssen Machidas Helden auch. Dies führt die Protagonisten beider Geschichten auf Reisen durch das ziemlich abgewrackt erscheinende Japan der 1990er-Jahre.

Besonders das Flussbettlibrett, die zweite Erzählung im Band, weiß zu begeistern. Nachdem in einem Udon-Schnellimbiss ein Affe ins kochende Nudelwasser plumpst, fliegen die Fäuste. Eine ebenso neurotische wie geizige Mitarbeiterin klagt auf Schadensersatz – der eben noch niedliche Affe ist ihr plötzlich nur noch ein Gegenstand, der nun mal teuer war – und Schmerzensgeld. Der von ihr Beschuldigte geht erst einmal auf Tauchstation. Zusammen seinem besorgten Kollegen begibt er sich schließlich auf eine dankenswerte Mission: Eine mysteriöse Frau, die mit einem plötzlich verstorbenen Bekannten des Kollegen in Verbindung stand, überreicht eine schöne Summe Geld und bittet darum, die Asche des Toten dessen Familie zu übergeben. Was dann folgt, ist eine Irrfahrt durch die Einöde und ein Sprung ins Leben eines gestrauchelten Sadomaso-Künstlers, von dem nur mehr dessen Urne geblieben ist. Als der gesuchte Verwandte sich  schließlich den sterblichen Überresten annimmt, sind die beiden Boten von seiner in Heiterkeit umschlagenden Abgeklärtheit irritiert: »Tja, was sagt man dazu. Was sagt man dazu. Da ist er also tot. Mein Bruder. Was sagt man dazu«.

Beide Geschichten entwickeln von Anfang an eine Sogwirkung. Machidas lakonische Erzählweise und seine spöttischen Charakterzeichnungen sorgen für reichlich Kurzweil. In formvollendeten, nicht selten alkoholgeschwängerten Dialogen erklimmen seine Protagonisten den Gipfel der Flunkerei und erheben den Unsinn zur Kunstform. Stundenlang werfen sie sich die Titel von Liedern an den Kopf, die der eine nicht kennt und der andere nicht auf der Gitarre spielen kann. Dass einen Geldsorgen und eine zur rechten Zeit entdeckte Anzeige ins Arbeitsleben des Nudelschwenkers geführt haben, will man selbstverständlich niemandem erzählen – stattdessen wird spontan eine Geschichte von einem Udon-Club gesponnen, dessen  Mitglieder sich schon zu Schulzeiten zusammengefunden haben und sich nach Jahrzehnten noch immer der Erforschung der dicken Weizennudeln widmen.

Freundschaft unter Männern

 

Beide Geschichten feiern zudem ohne viel Aufhebens den Wert einer Männerfreundschaft. Die meisten von Ko Machidas weiblichen Figuren kommen hingegen nicht gut weg: Da ist etwa die kreischige Stammkundin eines Secondhand-Ladens, die sich selbst Charmy nennt und sich – zur Begeisterung der ebenso unerträglichen Verkäuferin – in die geschmacklosesten Fummel wirft. Sie geht damit hausieren, lange Zeit in Übersee – genauer gesagt in »Yuurop«– gewesen zu sein und ihr leben »zu zweihundert Prozent« zu leben: »Ich schlafe nur eine Stunde pro Nacht«. Die flammende Verehrerin eines Oktopusse ans Kreuz nagelnden Performancekünstlers geht ihrer Umwelt derweil mit affektiertem Getue und pseudointellektuellem Gelaber auf die Nerven: »Ob Hunde wohl was mit Musik anfangen können?«

Im eigentlichen Sinne frauenfeindlich erscheinen die Geschichten jedoch nie. Auch lässt Machida seine männlichen Protagonisten keineswegs als strahlende Helden erscheinen. Sie sind, so sympathisch sie dem Leser auch werden, ihrerseits abgefuckt genug – zumindest in der titelgebenden Glücksgotterzählung. Dennoch gelingt es nur selten, sie nicht zu mögen – außer in Momenten wie jenem, in dem die Protagonisten jener ersten Geschichte aus irgendeiner Laune heraus und mit mehr oder weniger Vorsatz Schildkröten umbringen.

Ein Anti-Murakami

 

Mit dem Glücksgott wurde das Werk eine Autors übersetzt, der ganz andere Akzente setzt als etwa ein Haruki Murakami. Man könnte Machidas abgeranztes Gegenwartsjapan voller Baubrachen, trister Einkaufsstraßen und stinkender Fischernetze geradezu als ein Gegenbild zu Murakamis Welt bezeichnen – einer Welt der stylishen Jazzbars, der Markenartikel und der durchtrainierten Männer um die dreißig, die keine finanziellen oder gesundheitlichen Nöte plagen.

Das Werk profitiert außerdem von einer hervorragenden Übertragung ins Deutsche. Die Übersetzerin Katja Cassing und der Übersetzer Jürgen Stalph haben sich mit Bravour durch ein eigentlich unübersetzbares Kalauergestrüpp gekämpft; beide Geschichten sprühen vor Dialogwitz. Man kann nur hoffen, dass bald weitere Werke von Machida in deutscher Sprache folgen werden. Nach den Erzählungen im Band, die bereits Mitte der 1990er Jahre entstanden sind, hat der Autor noch eine Menge zu Papier gebracht.

Ko Machida: Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden. Cass, 2016. 22 Euro. Auf der Webseite des Verlags findet sich eine Leseprobe der titelgebenden Geschichte.

 

Titelbild: Lukasz Buda

 

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