Hentai: Jean Baudrillard und die Orgie des Vorzeigens

Hentai: Jean Baudrillard und die Orgie des Vorzeigens

Warum öden Hentai-Manga heute oft so schnell an? Eine Suche nach Antworten mit Hilfe des französischen Philosophen Jean Baudrillard.

 

Wer einige Jahre Mangas liest, hat irgendwann den Blick. Eine Seite genügt und grob weiß man, aus welchem Jahrzehnt der Manga stammt. Riesige Kulleraugen, runde Gesichter und dicke Glanzkringel auf der Haarpracht? 90er! Fäustlingshände und Cartoon-Optik? 50er! Hoher Hell-Dunkel-Kontrast, große, langhaarige Frauen und schurkisch grinsende, muskelbepackte Männer? Hey-ho, die 80er! Natürlich entbehren diese bauchgefühlten Kriterien jeder Wissenschaftlichkeit, und ja, man liegt auch schon mal daneben, doch im Großen und Ganzen genügt der flüchtiger Blick, um die gerade erspähten Werke auf dem Zeitstrahl einzusortieren (Mode-Kenner haben sicherlich einen Pluspunkt!).

Hentai-Manga, also Manga, die explizite Sexszenen enthalten, sind hier keine Ausnahme. Einfache Formeln lassen sich auch hier basteln (z.B. Haarglanzkringel + „Freuden“tränen = Satoshi Urushihara = 90er). Schnell aber erweisen sich Zeichenstilanalysen als wenig ertragreich, wenn man beschreiben will, wie sich die Ästhetik des Hentai-Genres über die Jahrzehnte gewandelt hat.

In meinem ersten Hentai-Artikel stellte ich mir die Frage, ob es an meinem nostalgischen Blick zurück in meine frühe Jugend liegt, dass mir Hentai heute oft als mühsame Angelegenheit erscheint. Atmosphäre, Spiel, Verführung sind heute gerade in dem Genre rar geworden, das sich einst der Erotik gewidmet hat. Woran liegt das?

Auf der Suche nach Antworten wurde ich bei dem französischen Medientheoretiker und Philosophen Jean Baudrillard fündig, genauer gesagt in seinem Buch „Von der Verführung“, das 1979 in Frankreich erschienen ist. Eine von Baudrillards Fragestellungen lautet schlicht: wie funktioniert der Porno?

 

Der Porno, denkt Baudrillard, mache den Sex „wahrer als das Wahre“. Er sei eine Erweiterung des Realen „um das Pittoreske der anatomischen Details“. Eine vage Definition, die jedoch an Kontur gewinnt, wenn man sich ansieht, welche beiden Begriffe Baudrillard gegenüberstellt: „Der Porno ist allzu wahr, zu nah, um wahr zu sein. Und genau das ist das Faszinierende daran, das Zuviel an Realität, die Hyperrealität der Sache.“

Hinter dieser Gegenüberstellung von Realität und Hyperrealität verbirgt sich die wohlbekannte elterliche Warnung „Kind, was du dir da ankuckst, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun! So wie die Frau und der Mann auf dem Bildschirm rumhampeln, machen es Mama und Papa im Schlafzimmer nicht.“ Doch auch wenn dieser Ratschlag ganz klar vom moralischen Zeigefinger bestimmt ist, weißt er zumindest schon auf die Verzerrung der Realität durch den Porno hin, auf das, was Baudrillard Hyperrealität nennt.

Die Technik, derer sich die Hyperrealität bedient, nennt Baudrillard den „anatomischen Zoom“. Damit ist gemeint, dass die Kamera – oder im Comic der Bildausschnitt – nach dem „Reinzustand“ des Geschlechts sucht. Während man beim Sex für gewöhnlich nicht jede Ecke der Geschlechtsteile mit der Lupe begutachtet – man findet schließlich auch ohne exakt karteografierten Fahrplan zueinander –, bietet der Porno genau diesen freien Blick an. Er befriedigt die Lust, das Geschlecht in allen Details offenzulegen.

An genau dieser Stelle musste ich an zeitgenössische Hentai-Manga denken. Liegt nicht genau darin ein guter Teil der Veränderung des Genres? Ich machte den Test und klickte mich durch das Neueste, was im Web zu finden war. Und tatsächlich: alle Manga, die mich direkt anödeten, zeigten Schwänze und (ja, immer noch vor allem) Muschis gleich auf den ersten drei Seiten in allen Details. Plötzlich wurde mir bewusst, wie VIELE Hentais Frauen in den immer gleichen Position zeigen: nach hinten geneigt und die Beine nach vorne gespreizt. Direkt der freie Blick. Besonders beliebt schienen mir – ich vermute als Trick, um nicht ins erzählerische Straucheln über den unmittelbaren Akt zu geraten – Fast Forwards. Das sind Sprünge zu einem späteren Zeitpunkt in der „Handlung“, im Falle von Hentai-Manga, direkt in die Sex-Szene. Die Zeichner halten so auf die einfachste Weise die Aufmerksamkeit des Lesers, indem sie ihm ohne Umschweife geben, was er oder sie will: Sex in Großaufnahme.

Und was ist so schlecht daran? mag man einwenden. Wozu denn sonst lesen wir Hentai-Manga? Jeder wartet doch nur auf die Sexszene! Und es stimmt ja, es stimmt ja. Trotzdem: auf eben das Warten kommt es an. Auf das ganze Wie des Davor. Wie kommen die Charaktere miteinander ins Bett? Was ist ihre Motivation? Wer hat hier wen verführt? Welche Lüste werden nach und nach offenbar? Welches Geheimnis trägt jeder in sich? So einfach der Sprung in medias res ist, so angenehm es zunächst scheinen mag, sich nicht erst Seiten lang bis zum Akt vorblättern zu müssen: als Leser verliere ich die ganze Fantasie. Mit Baudrillard gesprochen: das Geschlechtsteil auf Seite 1 absorbiert mich in seiner ganzen Hyperrealität, aber es beraubt mich des Geheimnisses. Alles liegt schon überoffen da. Es ist das „Ende der Illusion“.

 

In einem Gedankenspiel denkt Baudrillard die Zukunft der Hyperrealität des Pornos: „[…] wenn das Obszöne zur Ordnung der Repräsentation und nicht der des Sex gehört, muß [der Porno] das Innere des Körpers und der Eingeweide selbst erforschen – wer weiß, welche tiefe Lust sich in dieser visuellen Entjungferung, im Blick auf Schleimhäute und glatte Muskeln entfalten kann? […] Die Zukunft der Obszönität ist grenzenlos.“ Mit einem Blick auf viele zeitgenössische Hentai-Mangas wirken diese Sätze prophetisch. Was sich im Pornofilm vermutlich rein kameratechnisch schwer umsetzen lässt, löst der Manga, indem er die Haut der Protagonistinnen transparent werden lässt. Die inneren Geschlechtsorgane kommen röntgenartig zum Vorschein. Selbst die banale Frage, wie weit der Penis eindringt, bleibt keiner Antwort mehr schuldig. Jeder Spermatropfen kann in so manchem Werk bis ins Innerste des Körpers verfolgt werden.

Auf die Spitze getrieben hat diese „Orgie des Vorzeigens“ der Mangazeichner John K. Pe-ta. Hier verbinden sich die totale Offenlegung des Inneren mit der männlichen Allmachtsphantasie der totalen Penetration. Die weiblichen Figuren werden meist unfreiwillig oder durch eine hahnebüchene Schuldzuweisung zum Versuchssobjekt. Zu Analverkehr und Penetration des Gebärmutterhalses gesellen sich bei John K. Pe-ta auch noch Varianten mit Nippel, Darm, Magen und Augapfel. „Los, mach weiter und quetsch meine Eierstöcke“, ruft in einer Story die Frau, deren Bitte unversehens nachgekommen wird. Am Ende wird der extreme Körpereingriff in der Glückseligkeit des Orgasmus aufgelöst. John K. Pe-ta lesen ist wie ein surrealer Exzess, auf den die große Leere folgt.

Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen: was ist mit Atmosphäre, Spiel und Verführung passiert? Wie ich schon im ersten Artikel schrieb: es gibt all das noch. Aber es wird überstrahlt von bis zum Rand ausgefüllten Panels, die nichts mehr der Fantasie überlassen, die das Geheimnis nicht zulassen. Was ist die Lösung? Gar keine Hentais mehr lesen? Wenn man Baudrillard folgt in der Annahme, dass der Porno nur ein Symptom für unsere „Kultur des Zeigens, des Vorzeigens, der produktiven Monstrosität“ ist, für eine Gesellschaft, die alles sichtbar machen muss, um es verwertbar machen zu können – dann wird es zunehmend schwerer, für den den zeitgenössischen Hentai eine Lanze zu brechen. Wie lange noch werden sich einzelne Zeichner der “Orgie des Vorzeigens” verweigern?

 

„Das Reale wächst, das Reale dehnt sich aus, eines Tages wird das gesamte Universum real sein, und wenn das Reale universell geworden sein wird, dann wird das der Tod sein.“ – Jean Baudrillard

 

 

Jean Baudrillard: Von der Verführung. Übersetzt aus dem Französischen von Michaela Meßner. Matthes & Seitz, München 1992 [Original 1979]. S. 45-55.

Illustrationen: Aurelia Rist

 

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