Hentai: Noch einmal mit Gefühl

Hentai: Noch einmal mit Gefühl

Kürzlich sind wir dem zeitgenössischen Hentai- bzw. Erotikmanga mit dem französischen Philosophen Jean Baudrillard zu Leibe gerückt. Allerdings: Noch immer schaffen Autoren und Zeichner wie ASAGI RYU oder MILLEFEUILLE bemerkenswerte Werke. Um eine Ehrenrettung des Genres bemüht, stellen wir einige von ihnen vor.

Als ich mich vor drei Wochen das letzte Mal mit dem Erotikgenre beschäftigt habe, beklagte ich mich über den Verfall einer Kunstform. Insbesondere in den 1990er Jahren waren viele Künstler noch darum bemüht gewesen, in ihren Werken eine dichte erotische Atmosphäre aufzubauen, interessante Charaktere zu erschaffen und die von ihnen gezeichneten expliziten Erotikszenen in eine ansprechende Handlung einzubetten.

Heute, bemerkte ich mit einem Rekurs auf Beobachtungen zur Pornografie von Jean Baudrillard, würden die meisten Zeichner nur noch auf schnelle Rein-Raus-Nummern setzen: Geschlechtsteile in Großaufnahme ab Seite eins, überdimensionierte Soundwords für ohrenbetäubend lautes Gehechel (gekrönt von einem langgezogenen „Ikkuuuuu!“, respektive „Ich kommeeee!“), ein paar grauenvoll unerotische, grotesk verzerrte Gesichter (für die es gar eine eigene Subgenre-Bezeichnung namens „Ahegaho“ gibt), brunnenartiges Körpersäftegespritze, fertig. Statt einer erotischen Stimmung, durch die die Fantasie des Lesers beflügelt wird, erwarten einen heute die im letzten Artikel erwähnten Röntgenaufnahmen en masse.

Da ich als Kitsune jedoch fähig bin, meine Gestalt zu wandeln, mache ich es mir heute leicht, und behaupte einfach das Gegenteil. Nun ja, nicht ganz: Vielmehr möchte ich im Folgenden aufzeigen, dass es trotz der vorherrschenden, im vorangegangenen Beitrag beschriebenen Tendenz noch etliche Hentai-Mangazeichner gibt, denen es auch auch um atmosphärische, erzählerische und, ja, humoristische Höhepunkte geht.

Klebrige Hinterlassenschaften

Fangen wir bei letzteren an, stoßen wir bald auf die Werke von KIRA HIROYOSHI. Leider muss erwähnt werden, dass der Zeichner nach ein paar Jahren Pause all seinen Tugenden abgeschworen hat und erst kürzlich mit einen gänzlich neuen, unattraktiven Mainstream-Moe-Stil in die Mangawelt zurückgekehrt ist. Sein Schaffen, das sich von der Masse abhebt, entstammt den Jahren 2001 bis 2009. Thematisch bleibt er meist gängigen Hentai-Konventionen verpflichtet: Es gibt also sexhungrige Sekretärinnen, Oberschülerinnen sowie Tentakel- und sonstige Monster bekämpfende Superheldinnen zu sehen – in letzterem Fall wird das Sujet, das den Schwerpunkt eines ganzen Bandes bildet, jedoch mit einem zumindest halbironischen Augenzwinkern behandelt.

Nie jedoch mangelt es dem Autor an Ideen, die er auf eine im schönsten Sinne überdrehte Art und Weise umzusetzen versteht. Seine stark comichaft gezeichneten Charaktere und der gekonnte Einsatz von Slapstick tragen viel zum Lesegenuss bei – auch und gerade dann, wenn das Szenario eher absurd erscheint: So wird ein Büroangestellter von seiner Kollegin vernascht, die ihn beim Kopieren von Vaginabildern (wozu er von seiner herrischen Vorsitzenden verdonnert wurde – warum auch nicht?) erwischt. Allerdings muss er sich, als es zur Sache geht, noch mit den klebrigen Hinterlassenschaften ihres letzten Kunden beschäftigen – was ihn nach kurzer Zeit jedoch kaum mehr zu stören scheint.

In einem Shinto-Tempel sorgt die Geisterwelt unterdessen dafür, dass einer der Priesterinnen ein Penis wächst, und auf einer Auktion bieten Frauen um die 30 darum, einem 18jährigen die Jungfräulichkeit zu rauben – gleich vor Ort: »Wer von ihnen möchte die Liebe zwischen diesem wunderbaren Penis und seiner rechten Hand beenden?« Selbst während des genretypischen »Einhandlesens« am heimischen Bildschirm fällt es schwer, nicht zu schmunzeln oder ab und zu gar laut aufzulachen.

Die Schönheit im Alltäglichen

Während Hiroyoshi auf Humor setzt, heben sich die Werke der Zeichnerin Asagi Ryu durch eine feine Linienführung und ausdrucksstarke Zeichnungen von der Masse ab. Ryu versteht es insbesondere, die Gesichter ihrer Charaktere für sich sprechen zu lassen. Nicht selten sagt ein nachdenklicher, hoffnungsvoller oder trauriger Blick mehr als zehn Panels. Auch atmosphärische Landschaftsszenen gelingen ihr scheinbar mit spielerischer Leichtigkeit. Ein Thema, dem sie sich gerne widmet, ist etwa die Liebe zwischen jüngeren Männern und älteren Frauen. Manche dieser mal kurzen, mal längeren Geschichten glänzen mit glaubwürdigen Szenen und gut geschriebenen Dialogen, beflügeln die Fantasie und laden zum Abschweifen ein.

Mitunter verfällt jedoch auch Ryu in ein für Hentai-Werke typisches „Zu viel von Allem“. So kann sie etwa 50 Seiten lang in eher leisen Tönen von der Dreiecksbeziehung zwischen einem Studenten, einer Oberschülerin und deren Mutter erzählen. Am Ende verfällt sie jedoch in alte Genrekonventionen: plötzlich fordert die Tochter die Mutter auf, vor ihren Augen mit dem jungen Mann ins Bett zu springen, und versenkt kurz darauf den Kopf zwischen ihren Beinen. Dies nimmt man jedoch keiner der beiden Frauen ab, denn ihre vorangegangene Charakterzeichnung macht ein solches Verlangen kaum nachvollziehbar.

Andere Geschichten, etwa die von einem jungen Mann und seiner etwa 40jährigen Uniprofessorin, wirken hingegen glaubwürdig und aus dem Leben gegriffen. Sie bringen den Reiz des Alltäglichen beziehungsweise alltäglich möglichen zurück in ein Genre, das sich ansonsten ganz dem Überdramatischen verschrieben hat. Selbst Ryus misslungene Erzählversuche wissen immer noch durch ihre hervorragenden Zeichnungen zu begeistern. Allerdings leiden ihre letzten beiden Sammelbände unter grobpixeligen Zensurfiltern, die einem den Genuss der Erotikszenen gänzlich verleiden (dem Thema der Zensur, der schwarzen Balken und der Pixelei werde ich mich in einem späteren Artikel noch ausführlicher widmen).

 

Tentakel im Männerpo

Weitaus weniger romantisch geht es bei KABUKI SHIGEYUKI zu. Dieser Zeichner widmet sich seit Jahren vorrangig dem Thema der Dominanz. Anders als viele Werke, in denen die männlichen Protagonisten Macht über Frauen ausüben, wird diese hier als Wechselspiel inszeniert. Meist sind es Männer, die dominiert werden.

Ein ans Bett gefesselter junger Mann im Krankenzimmer muss etwa die wilden Spiele der Schwestern über sich ergehen lassen – ist jedoch bald sehr angetan von dem, was ihm da angetan wird. Liebe in der Sportumkleide gibt es auch zu bewundern – in diesem Fall kann ein Oberschüler nur noch lustvoll „Frau Lehrerin!“ schreien, während ihm unter der Dusche mit einem Umschnalldildo zu Leibe gerückt wird. Überhaupt scheint sich der Autor für männliche Analerotik zu begeistern. Tauchen einmal die genretypischen Tentakel auf, verschwinden sie hier untypischerweise auch in einem Männerpo. Kabukis Geschichten sind lang und stellenweise dialoglastig; sein Schaffen erstreckt sich vom Krimi bis zur Endzeitfantasie. In seinen besten Momenten gelingt es dem Zeichner, an die düstere Ästhetik eines Maeda Toshio anzuknüpfen. Mitunter folgt jedoch auch Kabuki dem im letzten Artikel beklagten Trend, und setzt auf endlose Großaufnahmen von Geschlechtsteilen – auch die Gewalt, die keineswegs alle, aber einige seiner Werke durchzieht, wird manche Leser abstoßen.

Ein Genre ist noch nicht verloren

Die genannten Autoren sind nicht allein: Da gibt es etwa noch BOICHI, der nicht mit seinem Genrekollegen Bosshi verwechselt werden sollte. Nach seinem fulminanten Hentai-Band „Lovers in Winter“ hat er sich dem langweiligen Mainstream-Actionmanga zugewandt. Wäre er doch bei seinen Leisten geblieben: Mit ausdrucksstarken Bildern, einem durchgeknallten Humor und surrealen Einsprengseln macht er Kira Hiroyoshi Konkurrenz.

Oder man denke an MILLEFEUILLE, dessen meist mollige Frauen ebenso großen Spaß am Sex haben wie ihre Partner. Auch hier herrscht eine fröhliche und ausgelassene Stimmung vor, die sich auf den Leser überträgt.

 

Offizielle Übersetzungen der genannten Autoren existieren nicht. Allerdings finden sich im Internet an jeder Ecke so genannte Scanlations: Fans haben die Werke eingescannt und ins Englische übersetzt – aber natürlich nicht alle. Auch die unübersetzten japanischen Originale sind jedoch leicht zu bekommen.

Leider verdienen die Autoren und Autorinnen auf diese Weise überhaupt nichts an ihren westlichen Lesern. Einige wenige Verlage in den USA und Frankreich versuchen sich zwar daran, Hentai zu publizieren. Deutschsprachige Veröffentlichungen hat es seit den frühen 2000er Jahren jedoch keine mehr gegeben. Es bleibt zu hoffen, dass es in absehbarer Zeit mehr neuere Erotikmangas über den großen Teich schaffen. Zumal die oben aufgeführten Künstler zu jenen zählen, die auf allzu heikle Themen, die einer Veröffentlichung im Westen im Wege stehen würden, verzichten.

 

Share this Story

Related Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Suche

Facebook

Archiv