Den Frühstückstisch decken, dann Füße lecken: HOTEL IRIS

Den Frühstückstisch decken, dann Füße lecken: HOTEL IRIS

An einem lauen Sommerabend wird die 17-jährige Ich-Erzählerin Mari, die an der Rezeption des Familienbetriebs Hotel Iris arbeitet, von lauten Stimmen aufgeschreckt. Eine Prostituierte stürmt aus ihrem Zimmer und wirft ihrem älteren Freier die schlimmsten Perversionen vor. Sein herrischer Ton und seine Erscheinung ziehen Mari sofort in seinen Bann.

Mit dieser Szene eröffnet Yoko Ogawa ihren achten Roman, in dem sie die geheime Beziehung der jungen Mari zu jenem alten Sadisten schildert.

Die Geschichte spielt vor malerischem Hintergrund: Eine Kleinstadt an der Küste im Sommer. Die junge Mari hat die Schule abgebrochen und hilft ihrer Mutter im Hotel Iris, zusammen mit der Putzfrau. Die Mutter ist autoritär und gemein, die Putzfrau ausnutzerisch und hämisch. Die schöne, unschuldige Mari erfüllt ihre Aufgaben, ohne groß  Widerspruch zu leisten. Bis sie auf den eleganten alten Mann trifft, der in der Erzählung “der Übersetzer” genannt wird. Nach der ersten stürmischen Begegnung im Hotel trifft ihn Mari bei einem Bummel in der Stadt und folgt ihm. Schnell wird sie von ihm ertappt, woraufhin er sie überredet, ihn erneut zu treffen. Da sie sich zu ihm hoffnungslos hingezogen fühlt, sagt sie zu. Sie treffen sich auf  “der Insel”, die man nur mit der Bootsfähre erreichen kann. Dort demütigt er Mari, fesselt, schlägt und beleidigt sie. Mit ihrem Mund muss sie ihm die Socken überziehen, und vom Boden wie aus einem Napf essen. Ohne jegliches Hinterfragen gibt sich die junge Frau dem Schmerz hin. Wenn sie ihren Striemen übersäten Körper nach Hause schleppt, sehnt sie sich gleich wieder nach den Schmerzen, die ihr der alte sonderbare Mann zufügt.

Eines Tages lernt sie den mysteriösen Neffen des sadistischen Übersetzers kennen, der diesen auf seiner Insel besucht. Er wirkt wie dessen komplettes Gegenteil: Schön, feinfühlig – und stumm. Die beiden jungen Leute kommen sich näher, verlieben sich. Als der Übersetzer davon Wind bekommt, steigert sich seine Brutalität zu einem neuen Höhepunkt. Er foltert sie in dieser Nacht durchgehend. Drei Tage später erfährt sie, dass der Übersetzer tot ist – und von der Polizei als Straftäter gesucht worden war.

Meisterin des Unbehagens

Autorin Yoko Ogawa erweist sich als Meisterin des Unbehagens, indem es ihr stets aufs Neue gelingt, die Handlung in “ungemütliches” Terrain zu steuern. Immer wieder lässt Ogawa die Situationen ins Unangenehme kippen: Der Übersetzer lässt angeblich einen Tisch in einem feinen Restaurant für Mari und ihn reservieren. Es sei aber kein Tisch reserviert, informiert ihn die Bedienung. Er  bekommt daraufhin einen cholerischen Anfall, der Mari beschämt und in Tränen ausbrechen lässt. Als Mari an der Rezeption von einem Gast begrapscht wird, nimmt sie die Mutter nicht in Schutz, sondern ist nur darum bemüht, es dem ausfälligen Gast recht zu machen – obwohl ihre Tochter  ängstlich und verstört neben sie steht. Immer wieder wird der Leser aus seiner Komfortzone gestoßen.

Jetzt fragt man sich womöglich: Warum sollte ich dieses Buch überhaupt lesen – klingt ja alles nicht so verlockend!

Was Ogawas Werke jedoch lesenswert macht, ist ihre  Tiefe und Vielschichtigkeit. Die leichte Schwermut, der Sommer, die Eleganz der Charaktere – alles ruft äußerst ästhetische Bilder beim Leser hervor, die mit der Ungemütlichkeit der Erzählung im Kontrast stehen. Mit ihren kurzen, einfachen Sätzen verleiht Ogawa dem Geschehen eine schaurige Selbstverständlichkeit. Wie die minderjährige Mari sich verführen und foltern lässt, ohne mit der Wimper zu zucken, die Tortur gar als anziehend und den Schmerz als Befreiung empfindet, wirkt in Ogawas Schilderung als wäre es das natürlichste der Welt.

Folterinstrument Kamm

Diese Selbstverständlichkeit der Gewalt zeigt sich darüber hinaus in der Figur der Mutter. Sie ist von Maris Haaren derart besessen, dass sie jeden Morgen darauf besteht, sie zu frisieren. Dabei geht sie allerdings wenig zimperlich mit dem Kamm um, der mehr einem Folterinstrument gleicht. Nie wagt Mari ihre Mutter infrage zu stellen. Stets ist sie peinlichst darum bemüht, sie nicht zu verärgern. Es ist bestürzend, mit welcher Gleichgültigkeit Mari die tägliche Gewalt der Mutter hinnimmt, sich sogar mit perverser Hingabe dieser Gewalt, personifiziert durch den Übersetzer, hingibt.

Auch Ogawas weiteres Werk ist geprägt von derartigen weiblichen Figuren: Sie zeichnen sich durch eine gewisse Teilnahmslosigkeit aus und begeben sich, oft freiwillig, in Situationen der Unterdrückung und Bevormundung. Sexuell expliziter als ihre anderen Werke, thematisiert dieser Roman die Praxis der erotischen Fesselkunst Shibari, ausgeführt durch den Übersetzer, der Mari kunstvoll fesselt und demütigt.

Vegnügt im Sommerkleid, vergnügt gefesselt

Was als “Schweinekram” abgetan werden könnte, gestaltet Ogawa jedoch in Hotel Iris als eine Reflexion über Rollen und Strukturen in Gewalt- und Dominanzprozessen. Ogawa deckt anhand ihrer Figuren schonungslos strukturelle Gewalt gegen und innerhalb des weiblichen Geschlechts auf, sowie internalisierte Mysoginie, ohne dabei plakativ zu werden.

Subtil und mit ausgefeilter Metaphorik schafft sie es, den Leser in der verstörenden Systematik internalisierter Gewaltstrukturen hineinzuziehen. Wie nebenher fließen die Handlungen ineinander: Die Putzfrau, die, indem sie immer wieder Maris Sachen klaut, in ihre Privatsphäre eindringt. Als wäre es nur natürlich. Mari, vergnügt im Sommerkleid, Mari gefesselt am Stuhl, Mari am Boden kriechend. All diese Situationen stehen nebeneinander, und gehen doch ineinander über. In dieser Ambivalenz liegt gewiss die Kraft des Romans, indem er zeigt, dass Gewalt sich im Alltag als das Selbstverständlichste auf Erden gibt.

 

Ogawa Yôko, Hotel Iris, in der Übersetzung von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler, erschienen bei Liebeskind (gebundene Ausgabe, 2001).

 

Titelbild: Lukasz Buda

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