Haruki Murakamis Übersetzerin Ursula Gräfe im Gespräch

Haruki Murakamis Übersetzerin Ursula Gräfe im Gespräch

Ursula Gräfe hat seit NAOKOS LÄCHELN jeden Roman von Haruki Murakami aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Auf der Nippon Connection in Frankfurt am Main sprach sie mit ihrer Kollegin Karin Betz über das Übersetzerhandwerk. Ein Austausch über Murakamis thematische Eigenheiten, saloppe amerikanische Übersetzungen und Musik als literarischem Leitfaden.

Karin Betz: Ursula, du wolltest schon immer übersetzen, ist das richtig?

Ursula Gräfe: Ja, das hat sich für mich schnell abgezeichnet.

Karin Betz: Alles klar, bei mir was das nämlich nicht so. Anfangs konntest du vom Übersetzen – wie es so vielen Übersetzern geht – lange nicht leben und hast u.a. an der Volkshochschule Japanisch unterrichtet. Mit Haruki Murakami hat sich das zum Glück  geändert. Gut, dass du heute hier und nicht im Armenhaus bist! Mittlerweile übersetzt du auch Jane Austen neu, z. B. Pride and Prejudice. Außerdem auch andere japanische Autoren wie Hiromi Kawakami und Kaego Higashino, einen Krimiautor.

Ursula Gräfe: Higashino ist in Japan ein sehr bekannter Krimiautor, in China ist er unglaublich populär und auch in Deutschland hat er seine Fans. Er schreibt Krimis im Stil von Sherlock Holmes, in denen wenig Blut fließt und viel Köpfchen gefragt ist.

Karin Betz: Zur Einstimmung haben wir hier im Saal »Norwegian Wood« von den Beatles gespielt.

Ursula Gräfe: Genau, denn Norwegian Wood ist in Japan Haruki Murakamis Durchbruch gewesen. Mit diesem Roman wurde er plötzlich unglaublich erfolgreich. Auf Japanisch heißt das Buch interessanterweise noruwei no mori (ノルウェイの森 ), was auf Deutsch übersetzt »Norwegische Wälder« heißt. Dabei geht es im Beatles-Song eigentlich um das norwegische Holz. Weder der japanische noch der deutsche Titel treffen es also genau.
 

Sex, Verlust und Einsamkeit

 
Karin Betz: Stimmt, der deutsche Titel lautet sogar ganz anders: Naokos Lächeln. Wenn man sich Murakamis Bücher anschaut, stellt man schnell fest, dass sich die Themen in vielen Punkten ähneln. Worum geht es im Wesentlichen?

Ursula Gräfe: In Toni Takitani und auch in Naokos Lächeln geht es vor allem um Verlust und essentielle Einsamkeit. Die Hauptfigur ist meistens Mitte Dreißig, hat in ihrem Leben schwere Verluste erfahren und zieht sich in die Einsamkeit zurück. Toni Takitani ist für mich fast eine Art Quintessenz von Murakamis Motiven. Hier geht es um einen jungen Mann, der mit seinem Vater aufwächst, der Jazz-Musiker ist und sich deshalb nicht um seinen Sohn kümmern kann. Sein größtes Vergnügen ist das Zeichnen von großen Maschinen, die er minutiös abbilden kann und damit auch gut Geld verdient, bis ihm eines Tages eine Frau über den Weg läuft, in die er sich verliebt und der er einen Heiratsantrag macht. Diese Dame hat keine Laster außer eines: sie kauft sich unendlich viele Designer-Kleider. Hier sieht man, dass die Einsamkeit der Helden bei Murakami nur vordergründig durch die Beziehung zu anderen Menschen aufgelöst wird. Diese Lösung aber ist fragil und zerbricht am Ende meistens auch.

Karin Betz: Du hast nebenbei ein wichtiges Stichwort erwähnt: die Musik, insbesondere die Jazz-Musik und später die Klassik, die bei Haruki Murakami eine große Rolle spielt. In jedem Roman gibt es zentrale Musikstücke, die zum Inhalt des Romans gehören, zum Teil eine Wende in diesem herbeiführen. Oder es gibt Musikstücke, mit denen sich die Protagonisten besonders identifizieren. Welche Rolle spielt die Musik in Naokos Lächeln?

Ursula Gräfe: Der Song ist hier das Leitmotiv des Verlustes. Wenn man sich den Text des Beatles-Songs und die sehr sehnsuchtsvollen Klänge von George Harrisons Sitar ins Ohr ruft, spürt man, um was es da geht. Der Vogel ist ausgeflogen, d.h. die Geliebte ist verschwunden. Der Song zieht sich gleich einem Leitmotiv durch den Roman. Fast jeder Roman Murakamis steht unter einem solchen musikalischen Motto.

Karin Betz: Im Internet bin ich auf die Auflistung eines Journalisten gestoßen, der sich die Mühe gemacht hat, alle je genannten Musiktitel aus Murakamis Romanen aufzulisten. Das sind bei mir in ausgedruckter Form zehn Seiten geworden. Dieser Mann muss wahrlich von Musik beseelt und besessen sein. Ein weiteres zentrales Thema ist von ganz anderer Natur: der Sex. Sex ist natürlich immer interessant, wir mögen ihn alle gern, Sex verkauft sich auch gut. Und Sex hat Murakami, vor allem hier in Deutschland, bekannt gemacht. Und zwar durch einen Skandal im Jahr 2000, der sich im Literarischen Quartett ereignete, damals noch in der Original-Besetzung, u.a. mit dem unvergesslichen Marcel Reich-Ranicki. Jedenfalls explodierte dieses Quartett eines Tages und Schuld daran war Murakami:

Karin Betz: Dieser Streit war sehr folgenreich, sowohl auf dem Buchmarkt als auch für dich persönlich, denn die Übersetzung, die hier zitiert wird, ist nicht deine. Hier ist die Rede vom Roman Gefährliche Geliebte. Unter diesem Titel wird der Roman heute nicht mehr vertrieben. Diese erste Übersetzung basierte auf der englischen Übersetzung. Das haben Verlage früher – manchmal machen sie es leider heute noch – oft gemacht, dass sie aus Kostengründen japanische, chinesische oder andere Literatur aus schwierigen Sprachen aus den englischen Übersetzungen ins Deutsche übersetzen lassen haben. Dabei passieren dann Sachen wie der Satz, den Sigrid Löffler zu Beginn zitiert: »Ich wollte sie bis zur Hirnerweichung vögeln.« Ursula, wie heißt der Satz in deiner Übersetzung?
 

Werktreue vs. Marketing

 
Ursula Gräfe: Tatsächlich finde ich, dass Frau Löffler da gute Sachen aufgefallen sind, denn in dieser Ausgabe des Romans, der die amerikanische Übersetzung zugrunde liegt, wird nicht ganz klar, in welcher abgrundtiefen Gefahr sich der Held befindet. Jenseits aller Coolness, die diese amerikanische Übersetzung suggeriert, wie z. B. durch die Cocktailbar und die Jazz-Titel, die vorkommen, geht durch die saloppe Redeweise der Charaktere dieses Gefahrenmoment unter.

Der weiteren Kritik vorausgeschickt, muss ich schon sagen, dass der amerikanische Übersetzer sich eben an einem in Amerika sehr gängigen Übersetzungsstil orientiert hat, der den Erzähler stark zurücknimmt und alltägliche Dinge als so wenig fremd wie möglich präsentiert. Jedenfalls hat der Übersetzer die Szenen, in denen sexuelle Handlungen vollzogen werden, mit einem deftigen, ja gewollt erotischen Beigeschmack versehen. Diesen Beigeschmack haben die Szenen in Haruki Murakamis Original allerdings nicht, auch nicht in seinen anderen Büchern. In meiner neuen Übersetzung heißt der zitierte Satz also: »Izumis Cousine und ich hatten zwei Monate lang so wilden Sex, dass uns fast das Hirn schmolz.« Da, finde ich, ist ein sehr großer Unterschied festzustellen, hier steht eben nicht das Ich des Erzählers im Vordergrund, sondern die gegenseitige Anziehungskraft der beiden Figuren, die eine große Rolle spielt in ihrer Beziehung.

Eine Stelle der amerikanischen Übersetzung, die ich für noch eklatanter halte, ist folgende: »Ich hatte irgendeine Ausrede erfunden, weshalb ich eine Verabredung mit Izumi nicht einhalten konnte, und dann war ich nach Kyoto geflitzt, um ihre Cousine zu nageln.« Nun heißt es bei Murakami aber einfach: »um nach Kyoto zu fahren und mit ihrer Cousine zu schlafen«. Während die amerikanische Übersetzung dem Satz einen umgangssprachlichen Touch gibt, beschreibt Murakami das sehr neutral.

Karin Betz: Für ein Publikum mit bestimmten Sprach- und Lesegewohnheiten zu übersetzen ist auf gewisse Weise auch legitim. Vielleicht dachte der US-Verlag, wenn wir das in einem bestimmten Stil übersetzen lassen, dann zieht das hier besser. Schließlich wird ein Buch auch für einen Markt gemacht, gerade im Marketing-Land USA. Aber hier wird die Gefahr deutlich, was es bedeutet, einen Roman aus einer Übersetzung übersetzen zu lassen. Ich hatte Gefährliche Geliebte gelesen, bevor ich irgendwann deine Übersetzung las und ich muss sagen, es ist ein ganz anderer Roman. Denn es wird erstmals sprachlich deutlich – obwohl Marcel Reich-Ranicki es auch schon vermutet hat –, dass es ein Roman ist, der sehr viel von Todessehnsucht, von Todesnähe handelt; dem eine Melancholie innewohnt, eine Spannung. Das ist weder ein salopper Roman, noch »literarisches Fastfood«. In deiner Neuübersetzung heißt der Roman nun Westlich der Grenze, südlich der Sonne. Wieso dieser ganz andere Titel?

Ursula Gräfe: Der folgt schlicht dem Titel des Originals. Wobei man festhalten kann, dass Gefährliche Geliebte trotz – oder gerade wegen – des Literarischen Quartetts sehr erfolgreich war. Ich hatte einen Roman des bereits erwähnten Krimiautoren Kaego Higashino übersetzt, der nach dem japanischen Titel gehend »Die Hingabe des verdächtigen X« hätte heißen müssen. Interessanterweise hat der Verlag das Buch letztlich Verdächtigte Geliebte genannt. Da habe ich natürlich nachgefragt, ob das nicht etwas nah an der Gefährlichen Geliebten gebaut ist, worauf mir ein Mitarbeiter freudig entgegnete: Ja das wollen wir doch gerade! Die Debatte hat sich also sogar ihren Weg in ein anderes Buch gebahnt.
 

Sprache, Rythmik und Jazz

 
Karin Betz: Ja, Titelfindungen sind immer auch eine Marketing-Entscheidung des Verlags. Wir Übersetzer haben da meist nichts mitzureden. Aber nochmal zurück zu Südlich der Grenze, westlich der Sonne, der Titel kommt ja nicht von ungefähr.

Ursula Gräfe: Südlich der Grenze spielt auf einen Jazz-Klassiker an, der fast schon Richtung Country geht. »South of the Border« ist ein Song vom Ende der 30er-Jahre, der eine entscheidende Rolle im Buch spielt. Denn die beiden Kinder Shimamoto und Hajime waren schon mit zwölf Jahren einander zugetan und haben immer zusammen diesen Titel gehört und sich dabei vorgestellt – weil sie noch nicht gut Englisch konnten –, dass das etwas Exotisches, Traumhaftes sein muss, irgendetwas, das südlich der Grenze liegt. Da konnten sie noch nicht wissen, dass es in dem Lied um Mexiko geht. »Westlich der Sonne« spielt auf einen anderen Vorfall im Buch an.

Auch in diesem Buch gibt es übrigens eindeutige Unterschiede zwischen meiner und der englischen Übersetzung. Während bei mir der Erzähler Hajime von »nach Ende des Krieges« spricht, heißt es in der amerikanischen Ausgabe »nach der Kapitulation«, also eindeutig aus US-amerikanischer Sicht betrachtet.

Karin Betz: Es ist also typisch für Haruki Murakami, seinen Büchern Titeln von Songs zu geben. In seiner von dir kürzlich übersetzen Essay-Sammlung Von Beruf Schriftsteller berichtet Murakami, dass er auch beim Arbeiten immer Musik hört, meistens Jazz. Seine Schallplattensammlung ist angeblich so groß, dass er sich nicht traut, die Platten zu zählen. Diese Musik findet auch Eingang in sein Schreiben. Seine Texte sind beschwingt, durch ihre kurzen Sätze groovy, von einem bestimmten Rhythmus. Wie spiegelt sich das in deiner Übersetzung wider?

Ursula Gräfe: Das ist schwer zu sagen, wie die Musik in den Sprachrhythmus einfließt. Ich gebe mir natürlich Mühe, mir seinen Rhythmus anzueignen, der vor allem darin besteht, dass Sätze sich nicht endlos hinziehen, sondern eingängig, ja getaktet sind. Beim Übersetzen versuche ich mir stets aufs Neue klarzumachen, dass es auch im Japanischen Original keine Stolpersteine gibt. Murakamis Anliegen ist auch, wie er in den Essays schreibt, dass der Inhalt im Vordergrund steht und leicht aufgesogen werden kann. Deshalb verstehe ich die leitmotivischen Musiktitel der Romane als zusätzliche Hilfe, denn es sind allgemein bekannte Titel, die schnell eine bestimmte Stimmung vorgeben.
 

Die Leichtigkeit des Schreibens

 
Karin Betz: Ich würde sogar sagen, Murakami zitiert globalisiertes Kulturgut, was die Identifikation für die internationalen Leser erleichtert. Das ist sicher mit ein Grund dafür, dass er sich weltweit gut verkauft.  In Japan wurde ihm dennoch vorgeworfen, er sei nicht Japanisch genug. Tatsächlich hat Murakami sein frühes Werk Wenn der Wind singt zunächst auf Englisch verfasst und seinen Text dann ins Japanische rückübersetzt. Dadurch hat er zu seinem eigenen Sprachstil gefunden, zu einem Japanisch, das starke englische und europäische Einflüsse trägt. Warum empfindet man das in Japan als unangebracht? Wie sieht der typisch japanische Sprachstil aus?

Ursula Gräfe: Zunächst ist in Japan der Unterschied zwischen Unterhaltungs- und Hochliteratur ein sehr großer. Gerade in den 60er- und 70er-Jahren war das so. Als Hochliteratur galt, was alte Literaten in einer vorzugsweise getragenen und betont schriftsprachlichen Form schrieben. Dass Murakami sich diesem alt-japanischen Duktus widersetzt hat, hat ihm viele Feinde beschert, die in seinen Büchern den Niedergang der japanischen Kultur gesehen haben. Es ist aber schon ein seltsames Argument, dass er zu westlich orientiert sei. Man würde ja z. B. auch keinem deutschen oder französischen Autor vorwerfen, amerikanisch orientiert zu sein. Wie ist das in China?

Karin Betz: Mir fällt das auch auf, wenn ich aus dem Chinesischen übersetze. In China spielt, ähnlich wie in Japan, der patriotische Aspekt in der Literaturkritik eine große Rolle. Autoren werden dort oft daran gemessen, wie gut sie die Traditionen des Landes vertreten. Es gilt immer noch als elegant, die Klassiker zu zitieren und ständig Sprichwörter und Gedichte anzubringen. Das ist schwer zu übersetzen und liest sich durchaus schwerfällig. In Deutschland verkaufen sich diese Bücher, zugegeben, auch nicht sehr gut.

Ursula Gräfe: Trifft das auf den Literatur-Nobelpreisträger Mo Yan zu, den du übersetzt?

Karin Betz: Ja, er ist jemand, der im eigenen Land hohes Ansehen genießt.

Ursula Gräfe: Und der zur Altherrenriege der chinesischen Literatur gehört.

Karin Betz: Er schreibt tatsächlich in einem altmodischen, überbordendem Stil, wie er auch in Japan früher üblich gewesen ist. Wenn man junge Chinesen fragt, was sie lesen, ist die Antwort fast nie Mo Yan. Ich höre dann eher: wir lesen lieber amerikanische Literatur, die chinesischen Autoren sind uns zu altbacken. Ich halte Mo Yan aber trotz seiner Schwerfälligkeit für einen großartigen Erzähler. Wie schwer übersetzt sich Murakami?

Ursula Gräfe: Weniger schwer. Andere japanische Autoren sind schwieriger zu übersetzen, was daran liegt, dass Murakami handlungsorientierter schreibt, wodurch der Sinn sehr intuitiv erfassbar ist. Außerdem sind seine Figuren stets schlüssig und gut verständlich. Die Schwierigkeit liegt bei Murkami deshalb vielmehr darin, die Leichtigkeit seines Schreibens zu treffen.

Karin Betz: Ich weiß ja nicht, wie spannend dein Arbeitsalltag ist, Ursula, aber der von Murakami ist es jedenfalls nicht. Dieser Mann steht morgens um 4 Uhr auf, geht eine Runde rennen, arbeitet dann den ganzen Tag und geht um neun Uhr abends wieder ins Bett. Ansonsten macht er nicht sonderlich viel. Vielleicht hört er noch ein wenig Jazz. Alles in allem ist Murakami ein zurückgezogener Mensch.

Ursula Gräfe: Tatsächlich ist er von Natur aus ein Einzelgänger und wirkt mitunter sogar etwas schüchtern. Es ist definitiv nicht seine Lieblingsrolle, vor Menschen zu sprechen.

Karin Betz: Hörst du eigentlich auch Jazz beim Übersetzen?

Ursula Gräfe: Nein, ich höre gar keine Musik währenddessen.

Karin Betz: Aber um vier Uhr morgens stehst du schon auf…?

Ursula Gräfe: Eher so gegen sechs.

Karin Betz: Also eine typische Nine-to-Five-Arbeiterin. Bei mir ist es ja eher Five-to-Nine … Was übersetzt du denn gerade?

Ursula Gräfe: Tatsächlich das nächste Werk von Murakami. Ein über 1000-seitiger Roman, der nächstes Jahr auf Deutsch in zwei Bänden erscheinen wird. Ich darf schon mal so viel verraten, dass das Leitmotiv diesmal Mozarts Oper »Don Giovanni« sein wird. Für mich kommt das Übersetzen solch dicker Romane immer einer Bergbesteigung gleich, da muss ich einfach früh morgens raus.
 

Die Grenzen des Realen

 
Karin Betz: Dann war das bei Murakamis letztem großangelegten Roman 1Q84 sicher auch so. Vorweg gefragt, wie spricht man den Titel richtig aus?

Ursula Gräfe: Q-10-84, analog zu 1984. Im Japanischen spricht man ihn Ichi-Kyū-Hachi-Yon aus, also jede Ziffer für sich, wobei Q gleichlautend mit dem japanischen Wort »Kyū« für die Zahl neun ist. Es klingt im Japanischen also wie 1984.

Karin Betz: Auch andere Romane Murakamis haben diese Magie, seltsame Figuren, verschiedene Dinge mit magischer Anziehung. Aber 1Q84 unterscheidet sich von diesen insofern, als er auf einem Science-Fiction-Setting fußt. Wir betreten eine Parallelwelt, in der es zwei Monde gibt. Eine Sekte names Little People, die ggf. Japan oder die Welt beherrschen will.

Ursula Gräfe: Und gerade hier finde ich, dass die »Japanizität« Murakamis einsetzt. Der Sci-Fi-Aspekt bringt ihn stark in Verbindung mit der traditionellen japanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die sehr unterschiedlich von unserer westlichen Wirklichkeitsauffassung funktioniert. Vertreter wären z.B. die hervorragenden Autoren Ryūnosuke Akutagawa oder Ueda Akinari. Das sind Autoren, die die Grenze des Realen in andere Bereiche hinein überdehnen, in die sich die Dinge nahtlos fortsetzen. Auch der von dir genannte Mond ist in Japan ein traditionelles Motiv. Deshalb stellt 1Q84 für mich eine gelungene Mischung aus japanischer Tradition und moderner Fantasy dar.

Karin Betz: Interessanterweise kommt das musikalische Leitmotiv des Romans diesmal weder aus der Popmusik noch aus dem Jazz, sondern aus der Klassik. In der Eröffnungszene läuft Leoš Janáčeks »Sinfonietta«, als die Protagonistin im Taxi sitzt.

Karin Betz: Die Sinfonietta gehört nicht zum engen Kanon der klassischen Musik. Nach Erscheinen des Romans verkaufte sich das Stück jedoch zehntausendfach mehr als in den 20 Jahren zuvor. Murakami soll angeblich viele Anrufe von Dirigenten bekommen haben, die sich für diese unglaubliche Verkaufssteigerung bedankt haben.

Ursula Gräfe: Hier sieht man auch gut, dass sich Murakami sich viele Gedanken zur Musik macht. Die Fanfaren- und Trompetenklänge passen zur Protagonistin Aomame, während die regelmäßigen Paukenschläge den Charakter des Helden illustrieren.

Karin Betz: Zum Schluss noch eine Frage zu deiner Übersetzung von Murakamis letztem Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Da gab es ja gewisse Schwierigkeiten beim Übersetzen der Namen der Protagonisten, oder?

Ursula Gräfe: Der Roman handelt von einer fünfköpfigen Freundesgruppe, von denen vier jeweils eine Farbe im Namen tragen – Rot, Blau, Weiß und Schwarz. Tazaki trägt allerdings keine Farbe im Namen. Auch sonst fühlt er sich im Vergleich zu den anderen farblos. Die Frage war, wie man die Namen nun übersetzt. Man hätte die eigentlichen Nachnamen der Freunde problemlos mit »Weisskirch« oder »Schwarzfeld« übersetzen können. Schwierig wurde es aber bei den Spitznamen, mit denen sich die Freunde gegenseitig anreden, weil das wirkliche Farbnamen sind. Das empfand ich im Deutschen dann doch als zu plakativ. Wir Übersetzer haben da tatsächlich auch miteinander diskutiert. Meine polnische Kollegin hat die Spitznamen tatsächlich als Farben ins Polnische übersetzt. Ich habe es aber bei Akai (Rot), Aoi (Blau), Shiroi (Weiß) und Kuroi (Schwarz) belassen, weil das im Japanischen weit natürlicher klingt. In der Vorstellungszene der Freunde habe ich dann jeweils ergänzt, wer für welche Farbe steht.

Karin Betz: Liebe Ursula, hab ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Leicht gekürzte Version. Das Gespräch fand in Kooperation der Nippon Connection mit der Weltlesebühne e.V. statt, einem Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Handwerk des Übersetzens in der Öffentlichkeit zu würdigen. Link: http://www.weltlesebuehne.de

 

Share this Story

Related Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Suche

Facebook

Archiv