Träume, die verloren gingen: DER SONNENSCHIRM DES TERRORISTEN

Träume, die verloren gingen: DER SONNENSCHIRM DES TERRORISTEN

Nächte auf dem Dach der Uni, eine unglückliche Liebe und Hotdogs speisende Yakuzas: Mit DER SONNENSCHIRM DES TERRORISTEN ist erstmals ein Werk des 2007 verstorbenen Krimiautors Iori Fujiwara außerhalb Japans erschienen. Nach der Lektüre des Romans liegen Begeisterung und Enttäuschung nahe beieinander.

»Ein Meisterwerk«: Als ich ungefähr bei auf Seite 178 des rund 350 Seiten umfassenden Hardboiled-Krimis angekommen war, äußerte ich mich im Gespräch mit Freunden begeistert über meine literarische Entdeckung. Ähnlich euphorisch fiel auch die Rezensionsankündigung aus.

Tatsächlich hatte ich das Buch bis bis dahin kaum aus der Hand legen können. Gleich zu Beginn explodiert in einem Park im tokyoter Stadtteil Shinjuku eine Bombe. Shimamura, ein alkoholsüchtiger Barkeeper und ehemaliger Aktivist der Studierendenbewegung der 1960er Jahre, wollte sich dort eigentlich nur ein wenig in die Sonne legen und seinen Whisky trinken. Nun wird er jedoch plötzlich mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Nachdem sich sein ehemaliger Kommilitone und Mitstreiter Kuwano sich einst nach Frankreich abgesetzt hatte, gab es schon einmal eine tödliche Explosion. Jahrzehntelang – wir befinden uns mittlerweile in den 90ern – hatte Shimamura seither unter falschem Namen gelebt, um seinen untergetauchten Freund zu decken.

Flucht in den Untergrund

Nach dem Anschlag im Park, der mehrere Todesopfer fordert, kommt die wahre Identität des gebrochenen Helden jedoch schnell ans Licht. Aufgrund seiner Anwesenheit am Tatort – belegt durch die mit Fingerabdrücken übersäte Whiskyflasche – gilt er bald als Verdächtiger. Vom Staat gejagt und von plötzlich auftauchenden Gangstern bedroht, nimmt er die Suche nach dem Täter Fall in die eigene Hand. Denn bei der Explosion im Park soll nicht nur sein wieder nach Japan zurückgekehrter, ehemaliger Genosse ums Leben gekommen sein. Auch Yuko, eine Freundin aus Studententagen, die ihm viel bedeutet hatte, wurde durch die Explosion getötet.

Als Privatermittler wider Willen schließt Shimamura sich mit einem zum Yakuza gewordenen Expolizisten zusammen, lebt unter Obdachlosen in einem U-Bahn-Übergang, begegnet der Tochter seiner ebenso unglücklichen wie uneingestandenen Liebe, gerät in eine Autoverfolgungsjagd, verkleidet sich als Reporter, und erlebt schließlich einen überdramatischen Showdown.

Bis etwa zur Hälfte des Buchs weiß all das auch mitzureißen. Mit dem Protagonisten wie auch mit dem Yakuza-Polizisten Asai – der sich, ebenso wie sein jüngerer Kompagnon, von den in Shimamuras Bar servierten Hotdogs begeistert zeigt – hat der Autor zwei glaubwürdige und faszinierende Charaktere erschaffen. Ebenso wie Asai musste Shimamura sein altes Leben von sich abstreifen. Seine Jugend, seine ebenso hoffnungsvolle wie jäh beendet Karriere als Amateurboxer und sein jahrzehntelanges Leben im Verborgenen schildert Fujiwaras Ich-Erzähler ohne aufdringliches Psychologisieren und ohne Anflüge von allzu süßer Nostalgie. Eine präzise, oft knappe und Hardboiled-typisch trockene Sprache lässt an keiner Stelle Langeweile aufkommen. Auf subtile Weise reißt der Autor zudem der Frage an, wohin die Träume und Hoffnungen früherer Jahre eigentlich verschwunden sind. »Die Leute im Yasuda-Auditorium [der Tokio-Uni] haben gekämpft, wir kämpfen, und trotzdem ändert sich rein gar nichts«, äußerte der Protagonist damals in einer eindrücklich beschriebenen Nacht, die er mit den Freunden während eines Unistreiks auf dem Dach des besetzten Institutsgebäudes verbrachte.

Der Wind hat sich gedreht

Jene Szene spielt vor dem Hintergrund erbitterter Kämpfe, die sich Gruppen der »Neuen Linken« mit der Unibürokratie und der Staatsgewalt, aber auch mit dem an den Unis traditionell starken Studierendenverband der Japanischen Kommunistischen Partei lieferten. Letzterer wurde, aufgrund seiner Anbindung an die KP-Jugendorganisation Nihon Minshu Seinen Domei (Japanische Demokratische Jugendliga), abgekürzt als Minsei bezeichnet. Während die KP von den trotzkistisch, maoistisch oder linkssozialistisch orientierten Organisationen der neuen Linken als reformistisch oder stalinistisch geschmäht wurde, beschimpften die KP-Anhänger ihre linken Opponenten pauschal als Trotzkisten, ultralinke Abenteurer oder Provokateure. Das in der Szene beschriebene »Kommando der Jugendorganisation einer gewissen politischen Partei«, das gegen die Unibesetzungen kämpft und die besetzten Gebäude belagert, bezeichnet der Autor nur als »Bündnis M«. Vermutlich ist damit eben jene Minsei-Gruppe gemeint.

Nachdem Shimamura und Kuwano die besetzen Räumlichkeiten verlassen und von ihren Gegnern verprügelt werden, verlieren beide scheinbar das Interesse am politischen Aktivismus: »Der Wind hat sich gedreht«, sagte er [Kuwano] leise. »Alles hat seine Zeit«. Szenen wie diese, in der Kuwano beim Okonomiyaki-Essen auch noch eine verquere Theorie über das universelle Bösen auftischt, sind stark erzählt.

Spätestens im letzten Drittel fällt der Roman dann jedoch ziemlich ab. Mehr oder minder unvermittelt wird er zur typischen Krimi-Genrekost Marke »Murder Mystery«. Die Fragen »Was hält Shimamura noch am Leben? Wohin sind all seine Hoffnungen verschwunden? Spiegelt sich in seinem Erleben vielleicht die Erfahrung einer Generation?«, werden nun fast vollständig von der Frage »Wer ist der Täter?« verdrängt.

Der Arm aus Übersee

Die Auflösung kommt schließlich allzu klischeehaft daher: In seinem hochherrschaftlichen Bürohochhaus erzählt der Auftraggeber des Anschlags, neben seinem hochhherrschaftlichen Schreibtisch stehend, eine wenig plausible Geschichte. Laut dieser verwandelte er sich vom Kämpfer für die Unterdrückten zunächst in einen südamerikanischen Drogengangster und schließlich in einen von ziellosen Rachegedanken getriebenen, antimoralischen Übermenschen. Was kaum passt, wird passend gemacht, um den verschachtelten Plot zusammenzuhalten: Der Genosse aus der Vergangenheit war in Wirklichkeit ein Vergewaltiger, die Frau, die in den Helden verliebt war, lebte jahrzehntelang mit ihrer uneingestandenen Liebe – da sie das Bild, das ihr Freund von seinem Mitstreiter hatte, nicht durch eine Offenlegung seiner Tat zerstören wollte. All das ist zwar denkbar, kommt jedoch allzu plötzlich: Um sämtliche Fäden des verschachtelten Plots zusamenzuführen, wird die Vergangenheit ohne überzeugende Herleitung umgestülpt. Und ja, natürlich schießt sich der genialische Bösewicht zur Krönung eine Kugel in den Kopf. Für Shimamura scheint sich hingegen ein Ausweg aus seinem jahrzehntelangen Versteckspiel zu eröffnen. Am Ende bemerkt er ganz erstaunt, dass er ungewöhnlich lange nichts mehr getrunken hat.

Kurzum: Der Sonnenschirm des Terroristen ist bestimmt kein schlechter Roman. Nur verspricht er in seiner ersten, hervorragenden Hälfte mehr, als er schließlich halten kann. Zum Ende hin ergeht er sich in mitunter arg pulpigen Genre-Versatzstücken. Diese wüssten an sich durchaus zu begeistern: So ist etwa die Idee mit dem importierten Arm aus Übersee schon sagenhaft – gerade in einem Genre, in dem man fast alles schon einmal gelesen hat. Was genau es mit dem Arm auf sich hat, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur wirkt das ganze leicht deplaziert, denn solche Ideen vertragen sich schwer mit den trotz Knalleffekten eher nachdenklichen Stimmung, die den ersten Teil prägt.  Trotzdem: Ein unterhaltsamer Hardboiled-Krimi für lange Winterabende ist Fujiwaras Roman allemal. Zu begeistern wissen außerdem die sorgfältige Übersetzung von Katja Busson und das grandiose Holzschnitt-Titelbild der Künstlerin Miriam Zweck.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen. Aus dem Japanischen von Katja Busson. Cass-Verlag, Löhne 2017. 352 Seiten, 19,95 Euro.

Titelbild: Lukasz Buda

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