Fulminantes Nebeneinander: SUMMER WARS

Fulminantes Nebeneinander: SUMMER WARS

Mamoru Hosoda gehört mittlerweile unbestritten zu den Ton angebenden Regisseuren im japanischen Zeichentrick-Kino. Unser Gastautor Michael Schleeh hat sich im Rahmen der Blogger-Aktion #Japanuary Hosodas familiäres Internetspektakel SUMMER WARS angesehen. Gilt es zurecht als Hosodas erster Meisterstreich?

Die Eröffnung, ein wilder Strudel der Farben auf weißer Leinwand. Chaos. Vorbeirauschende Symbolketten und glitzernde Schwärme von Abziehbildchen, blinkende Icons und Avatare, die aufeinander zujagen, in rasanten Kurven wie bisher nur Raumschiffe durchs All schossen, außer Kontrolle oder doch nicht – und in der Mitte, da dreht sich der große Katzen-Bodhisattva. Mit leichtem Grinsen und einem Om auf den Lippen. Irgendwie auch debil wahnsinnig zwischen Digimon und Doraemon und chinesischer Winke-Katze. Im digitalen blank space von Summer Wars, an dem Ort im digitalen Netz, an dem alles zusammenkommt. Im Herzen aller Anwendungen, aller mobilen Dienste, aller Apps und jedes digitalen Contents, dort gibt es den einen Punkt, der die Welt zusammenhält: es ist Oz, der neue Mittelpunkt der Erde. Und wenn er kollabiert, dann geht sprichwörtlich nichts mehr. Nirgendwo.

 

Und wie hier nach einer Cyberattacke die hochtechnologisierte Welt durchdreht, so prallt sie im Film von Mamoru Hosoda (Wolfskinder, Der Junge und das Biest u.a.) auf eine sehr reale, traditionelle: auf die eines ehemaligen Samuraigeschlechts, das in einem Anwesen vor der Stadt in ländlicher Idylle dem Alltag nachgeht – stets im Bewußtsein des kulturellen Erbes, das auf den Schultern ruht. Und als die Enkelin Natsuki aus der Stadt zu Besuch kommt und endlich einen heiratsfähigen Kerl mitbringt („Kenji“ – gut in Mathe, tollpatschig mit den Mädchen), da ist selbst die Großmutter mit dem scharfen Verstand und dem kritischen Blick überzeugt: so ein lieber Junge, der kann nur der richtige für das Nesthäkchen der Großfamilie sein. Dass der junge Bursche – unabsichtlich – der Auslöser des oben erwähnten digitalen Chaos in der Netzwelt ist, das bald das gesamte Land lahmlegt, und zwar von Bitcoin bis zur Ampelschaltung vor dem lokalen Konbini, das ahnt zunächst noch niemand. Doch lange lässt es sich nicht verheimlichen, da die digitale Spur zum Täter führt und er bald entlarvt wird. Ein Skandal! Und ein Skandal, dass er sich noch immer unter dem Dach der ehrenwerten Familie aufhält.

Rivalen: Digitalität und Tradition

Aber damit nicht genug: denn wie so oft in animierten Filmen, die in simpler und oft wenig komplexer Parallelkonstruktion Gegensätze aufeinander prallen lassen (siehe zum Beispiel eigentlich Makoto Shinkais kompletter Output) und damit behaupten: voilà, das ist nun die Handlung (friss oder stirb), so trifft hier der Cyberspace auf den Outer Space, das Weltall. Die feindliche AI-Attacke nämlich lenkt einen herabstürzenden Satelliten direkt auf ein Atomkraftwerk zu, welches sich unweit des Städtchens mit der Samurairesidenz befindet. Kenji, der Hacker, hat nur zwei Stunden Zeit – das ist die Spannungskonstruktion des Films: ein herabzählender Countdown – sich erneut ins Programm von OZ einzuloggen und den Satelliten umzuprogrammieren, damit das Schlimmste verhindert werden kann. Zeitgleich muss er aber auch das amouröse Abenteuer stemmen und sich zu seiner neuen Freundin bekennen, bevor sie ihm ein großmäuliger Cousin mit beeindruckendem Bizeps wegschnappt. Die Vermeidung des großen Unheils korreliert also mit dem Erlangen des kleinen, individuellen Glücks: auch wieder so eine Parallelkonstruktion.

 

Ob das nun gut zusammenpasst, diese Gegensätze zwischen digitaler High-Tech-Welt und archaischer Tradition im Hier und Jetzt, zwischen Mausclicks am Laptop und klappernden Getas, den japanischen Holzsandalen, das liegt wohl sehr in der subjektiven Wahrnehmung des Betrachters. Künstlerisch und ästhetisch jedenfalls passt es nicht. Die beiden Erzählstränge sind nicht nur inhaltlich, sondern auch grafisch visuell völlig unterschiedlich. Summer Wars ist zwei völlig verschiedene Filme in einem, wild zusammengemixt und durch die drohende Atomkatastrophe lebensbedrohlich beschleunigt. Da ich selbst mit der traditionellen Welt Japans mehr anfangen kann, als mit der artifiziell und digital Entstofflichten, schlägt mein Herz stärker für die Liebesgeschichte und den klassischen Erzählungsstrang des Filmes. So richtig überzeugend hat es Mamoru Hosoda nicht geschafft, diese so gegensätzlichen Welten zusammenzuführen – zu sehr baut der Film auf seinem rivalisierenden Konstrukt auf, um als gelungene Einheit daraus hervorzugehen. Und das ist zu bedauern, denn jeder Teil für sich – ist durchaus gelungen.

 

Summer Wars. Regie: Mamoru Hosoda, 2009. In Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen bei Kazé.

 

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