Zuversicht im Klassenkampf: YAMA – ATTACK TO ATTACK

Zuversicht im Klassenkampf: YAMA – ATTACK TO ATTACK

Der auf der diesjährigen Berlinale gezeigte Dokumentarfilm YAMA – ATTACK TO ATTACK erzählt vom Widerstand ausgebeuteter Tagelöhner gegen die Yakuza (japanische Mafia), ultrarechte Gruppen und die Staatsgewalt. Er macht Mut, sich gemeinsam mit anderen gegen Ungerechtigkeit zu wehren.

„Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“: Was Rio Reiser, damals Sänger der Band Ton, Steine, Scherben, im Jahr 1975 sang, war schon seinerzeit der Appell an eine mit sich selbst kämpfende Linke, sich nicht der Resignation zu ergeben. Heute, zu einer Zeit, in der antikapitalistische Kräfte weltweit in der Defensive sind, muss man das Lied schon sehr oft hören, um noch Mut zu schöpfen.

Und doch: Ein japanischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 1985 schafft es überraschenderweise auch noch heute, den für das Gelingen jeder politische Aktion unverzichtbaren Glauben an die Veränderbarkeit der Welt zu vermitteln. Nach 110 Minuten, die von existentieller Not, kapitalistischer Ausbeutung, aber auch von Mut und Solidarität erzählen, rollt der Abspann über das Panorama einer aufgehenden roten Sonne, und der Tag scheint ganz nahe.

Das Werk, so betonen seine Macher gleich zu Beginn, soll kein Mitleid wecken. Vielmehr solle es die von Ausbeutung Betroffenen ermächtigen, sich zusammenzuschließen und gemeinsam für ihre Interessen zu kämpfen. Es war diese offene Parteinahme, die beide Regisseure das Leben gekostet hat: Im Zuge der Dreharbeiten wurde Mitsuo Satō im Dezember 1985 im Alter von 37 Jahren von einem Yakuza ermordet. Sein Mitstreiter Kyōichi Yamaoka führte die Arbeit an dem Film nach Satōs Tod zu Ende. Doch auch er fiel im Januar 1986 schließlich dem Anschlag eines Gangsters zum Opfer. Er wurde 45 Jahre alt.

Ein System der Ausbeutung

Subjekte des Films sind die Tagelöhner im tokyoter Tagelöhnerviertel Sanya. Viele Zuschauer verbinden mit dem Japan der 1980er Jahre womöglich ein Land, dass einen Wirtschaftsboom erlebt und dessen Bevölkerung von einem stetig wachsenden Wohlstand profitiert. Wer den Blick jedoch nach Sanya richtet, erhält Einblicke in ein System archaisch anmutender Ausbeutung.

Die Filmemacher und ihr Team wollen jene Ausbeutung dokumentieren und ihren Beitrag dazu leisten, sie zu beenden. Sie sind Teil einer Gruppe, die den Arbeitern beim Kampf um ihre Rechte helfen und sie bei ihrer gewerkschaftlichen Organisierung unterstützen will. Dabei stehen sie mächtigen Gegnern gegenüber: Der japanischen Mafia, mit ihr verflochtenen ultrarechten Gruppen und staatlichen Stellen, die beide als willkommene Ordnungsmacht zu betrachten scheinen. In einer prägnanten Szene ziehen die Aktivisten zum Büro des Bezirksbürgermeisters. Er stellt sich unwissend und tut überrascht, als er mit dem Treiben der Ganoven in Sanya konfrontiert wird – was ihm selbstredend niemand glaubt. Kurz zuvor konnte man sehen, wie aufgebrachte Arbeiter nach der Ermordung Mitsuo Satōs die Gangster und ihre Verbündeten aus dem Viertel jagen. Doch wenig später sind sie wieder da, und der Kampf entbrennt von neuem.

Als Teil eines verschachtelten Netzes von Subkontraktoren vermitteln die Tarnfirmen der Yakuza für größere Unternehmen Arbeiter, die auf dem Bau und anderswo Knochenjobs verrichten. Sie erhalten einen lächerlich niedrigen Lohn und werden von den „Arbeitgebern“ nach Strich und Faden ausgebeutet. Wer aufmuckt, bekommt es mit den Gangstern und den mit ihnen verbandelten Faschisten zu tun. Auch in den „offiziellen“ Arbeitsvermittlungsbüros sieht es übel aus. Wie übel, wird schon in einer der ersten Szenen deutlich.  Sobald das Absperrgitter des Büros hochgeht, kriechen draußen wartende Menschen verzweifelt unter dem engen Türspalt hindurch, um als erste an die Schalter hechten.

Wir sind gleich

Der Film greift en passant auf, wie jene, die keine Arbeit finden oder die nicht arbeiten können, mit gesellschaftlicher Stigmatisierung zu kämpfen haben. Solche Ausgrenzungsmechanismen existieren selbstredend auch in Deutschland. Dennoch kann behauptet werden, dass die Identifikation eines Menschen über seine Arbeit in Japan besonders stark ausgeprägt ist. In einem der intensivsten Momente des Werks sucht die Aktivistengruppe, zu der die Filmemacher gehören, in einer kalten Nacht Menschen auf, die keine Bleibe haben. Ein angetrunkener Mann, der auf der Straße zu erfieren droht, beteuert immer wieder, er habe Arbeit gesucht, aber keine gefunden. Morgen werde er sich aber wieder auf die Suche machen.

Als ein Helfer ihm warmen Reisbrei anbietet, zögert er zuerst. Er scheint zu fürchten, für das Essen bezahlen zu müssen; dabei hat er doch kein Geld. Den Aktivisten adressiert er mit “Seinsei”, einer respektvollen Anrede, die hauptsächlich Lehrern, Dozenten und Ärzten vorbehalten ist. “Nicht “Seinsei”, wir beide sind gleich”, entgegnet ihm der andere.

Gemeinsam kämpfen, gemeinsam feiern

Wer  krank beziehungsweise arbeitsunfähig ist und zum Amt geht, wird vom Staat schließlich in Krankenhäuser verfrachtet, die dafür wiederum eine Prämie erhalten. Anstatt die Menschen jedoch gesund zu machen, werden sie dort erniedrigt und als „Schweine“ beschimpft. Wer Sozialhilfe erhalten will, muss nach den Maßgaben eines (für den Rezensenten nicht ganz verständlichen) bürokratischen Systems Marken sammeln, die die eigene Arbeitssuche dokumentieren – dabei kommen dann wieder die Ausbeuterbetriebe ins Spiel.

Die Beschäftigten und ihre Gewerkschaft können alledem nur mit handfesten Methoden etwas entgegensetzen: Gemeinsam knüpfen sie sich einzelne „Arbeitgeber“ vor, die mit einem Megafon zur Rede gestellt werden. Umringt von Dutzenden wütenden Beschäftigten werden selbst die rauhbeinigsten und großmäuligsten Ganoven und Bosse – die Übergänge sind fließend – kleinlaut. So streitet einer der Geschäftsmänner etwa vehement ab, Kontakt mit den Gangstern gehabt zu haben – die Menge antwortet mit höhnischem Lachen. Okay, er war mit einem Yakuza einen trinken, räumt der andere wenige Minuten später zaghaft ein. Am Ende muss er sich schließlich tief verbeugen, und die mit Niedriglöhnen abgespeisten Arbeiter um Entschuldigung bitten. Mehr als einmal können die Bosse auf diese Weise dazu gebracht werden, Selbstkritik zu üben und Lohnerhöhungen zustimmen. Diese Szenen zählen zu den stärksten des Films. Sie verdeutlichen, welche Kraft Menschen entwickeln können, die ihre Lage erkannt haben und sich zusammenschließen, um sie zu verändern.

Jene Kraft für ihre potentiell lebensgefährlichen Auseinandersetzungen mit den Gangstern, den Bossen und der Staatsmacht schöpfen die Tagelöhner auch auf den rauschenden Festen, die sie gemeinsam mit ihrer Gewerkschaft feiern. Diese sind eindrucksvolle Zeugnisse einer selbstbewussten Arbeiterkultur. In lauen Nächten wird in Sanya Amateur-Kabuki dargeboten, es wird gesungen und getanzt. Dann, nach der kämpferischen Rede eines Gewerkschafters, geht die Feier unmittelbar in eine kraftvolle Demonstration über, Sprechchöre hallen durch das nächtliche Viertel.

Das Banale, das schwer zu vermitteln ist

In solchen Szenen wird deutlich, wie viel in den vergangegen drei Jahrzehnten, die von einer noch immer andauernden neoliberalen Offensive der Kapitalseite geprägt waren, verloren gegangen ist. In Deutschland hat sich die politische Linke mehrheitlich vor dem Klassenkampf in die Seminarräume geflüchtet. Auch angesichts einer immer weiter fortschreitenden Individualisierung fällt es Marxisten heutzutage oft schwer, eine eigentlich banale Tatsache zu vermitteln: All die scheinbar so verschiedenen Lohnabhäbgigen, vom Clickworker über die Krankenpflegerin bis zum Fließbandarbeiter, sind insofern Teil der Arbeiterklasse, als sie vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen. Sie haben also gemeinsame Interessen und einen gemeinsamen Gegner. Doch viele, die sich selbst für die kritischsten aller Kritiker halten, wollen von der Arbeiterklasse und vom Klassenkampf nichts mehr wissen.

Das Gros insbesondere der akademischen Linken in Deutschland würde heute nie und nimmer Dokus über noch immer bestehenden Ausbeutungsverhältnisse und den Widerstand dagegen drehen. Statt auf die Aktionseinheit mit der Arbeiterbewegung und den Schulterschluss mit kämpferischen Gewerkschaftern zu setzen, verwaltet man absurderweise als “Freiräume” bezeichnete subkulturelle Nischen. Satōs und Yamaokas Film macht hingegen Mut, sich mit anderen zusammenzuschließen, auf die Straße zu gehen und das, was leichtfertig preisgegeben wurde, wieder zurückzueorbern.

Nichts ist vorbei

Im Anschluss an die Vorführung auf der Berlinale stand Ken Komi, Mitglied des Produktionsteams, für Nachfragen zur Verfügung. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern bemüht er sich seit nunmehr über 30 Jahren darum, den Film bekannt zu machen. Nicht nur in Japan, auch in Südkorea, den USA und anderen Ländern wurden und werden Vorführungen organisiert. Die Gewerkschaft der Tagelöhner, erklärte Komi, existiert noch immer. Heute allerdings, erklärte er, drehten sich die Auseinandersetzungen eher darum, die mittlerweile großteils älteren Arbeiter beim Kampf um ihre Rentenansprüche zu unterstützen. Noch immer verdinge sich die Yakuza allerdings andernorts mit der Anwerbung von Arbeitskräften, die für ebenso gefährliche wie mies bezahlte Arbeit gebraucht würden – etwa für die Aufräumarbeiten in der Atomruine von Fukushima. Zu diesem Thema empfehlen wir das eindrucksvolle Buch “Inside Fukushima”, das der Undercover-Journalist Tomohiko Suzuki über die dortigen Zustände verfasst hat.

Über Yama – Attack to Attack lässt sich indes nur eines sagen: Wer die seltene Gelegenheit bekommt, diesen Film zu sehen, der sollte sie auf keinen Fall verstreichen lassen. Es bleibt nur zu hoffen, dass nach der Aufführung auf der Berlinale endlich eine offizielle Veröffentlichung außerhalb Japans folgt.

Wir empfehlen zudem die Lektüre des informativen Artikels, den William Andrews anlässlich des 30. Jahrestags der Ermordung der Filmemacher im Januar 2015 auf seinem Blog „Throw out your Books“ veröffentlicht hat.

Yama – Attack to Attack. Von Mitsuo Sato und Kyoichi Yamaoka. Japan 1985. 110 Min. Farbe. Format: 16mm

 

Share this Story

Related Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Suche

Facebook

Archiv