Die Niederlage umarmen: EMBRACING DEFEAT

Die Niederlage umarmen: EMBRACING DEFEAT

Embracing Defeat – das heißt auf Deutsch so viel wie „die Niederlage umarmen“. In sechs Kapiteln vermittelt der Historiker John W. Dower die Atmosphäre in Japan nach Ende des zweiten Weltkriegs. Anhand des Zusammenspiels einzelner Schicksale mit den übergeordneten politischen Entwicklungen wird gezeigt, wie nach Kriegsende verschiedene Mentalitäten aufeinander treffen. Dower geht damit der alles entscheidende Frage nach: wie nach Krieg und Niederlage weiterleben?

Wenn in westlichen Ländern danach gefragt wird, was das Ende des Zweiten Weltkriegs in Japan herbeigeführt hat, ist die Antwort offenbar eindeutig: Die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki. Diese Antwort ist korrekt, zweifellos führten beide Abwürfe zur Kapitulation der einstigen Großmacht Japan. Diese Antwort spiegelt aber auch eine sehr westliche Sichtweise auf die Geschehnisse der letzten Kriegstage wider. Embracing Defeat jedoch zeigt die Erfahrung vom Kriegsende und den folgenden Monaten und Jahren aus einer japanischen Perspektive. Schon der Einstieg illustriert Dowers Herangehensweise: Er greift ein Ereignis auf, das für viele JapanerInnen zu einem – wenn nicht zu dem – Moment wurde, in dem für sie der Krieg vorbei war: Die Radioansprache und Verkündigung der Kapitulation von Kaiser Hirohito.

15. August 1945: Der Kaiser spricht. Im Radio. Jeder kann ihn hören! Die meisten seiner Untertanen hören seine Stimme zum ersten Mal. Doch das Staatsoberhaupt – nach der japanischen Mythologie ein Abkomme der Götter – verkündet keine frohe Botschaft: Der Krieg, und damit der gemeinsame (heilige!) Kampf gegen die westlichen Unterdrücker – ist verloren. Jetzt gilt es, dass Untragbare zu ertragen. Nach Ende der Ansprache sacken ZuhörerInnen erschöpft und in Tränen ausbrechend in sich zusammen. Andere wiederum reißen die zur Verdunklung bei Luftangriffen angebrachten Verdunklungsplanen von ihren Fenstern und finden sich jubelnd vor dem Kaiserpalast zusammen.

Ruinen und Möglichkeiten

Vom Moment der Kapitulation bis zum Ende der US-amerikanischen Besatzung am 28. April 1952 führt Embracing Defeat durch die Nachkriegszeit. Dower geht dabei auf zweierlei Weise vor: Zum einen kreiert er eine sozial-kulturelle Perspektive, deren Fokus auf den ersten Nachkriegsjahren liegt. Zum anderen beschreibt er die politischen Reformen, allen voran die Wiedereinsetzung des Kaisers, den Prozess der Verabschiedung bzw. der Ausarbeitung der neuen Verfassung und den Umgang mit Schuld. Doch egal, ob es um große Politik oder die Schicksale einzelner Menschen geht: Mit Sensibilität wird auf die zahlreichen Widersprüche in einem Land hingewiesen, in dem alte Grenzen verschwimmen und neue Möglichkeiten entdeckt werden. So weiß man beim Lesen manchmal nicht, ob man Mitleid mit oder Achtung vor den Menschen im zerstörten Japan empfinden soll.

Besonders deutlich wird dies im zweiten Kapitel, Transcending Despair, das sich mit den unterschiedlichen Bewältigungsmechanismen und -kulturen (cultures of defeat), die sich neu bildeten, beschäftigt. Von einem Tag auf den anderen bricht die jahrelang aufrecht erhaltene militaritstische Ideologie zusammen, ein möglichst treuer Untertan oder eine treue Untertanin zu sein, ist nicht länger eine Bestimmung fürs Leben. Der Verlust dieser Ideologie löst Trauer und Verzweiflung aus, eröffnet jedoch auch durch die Ruinen des zerstörten Tokyos hindurch den Blick auf die Zukunft.

Zu den “Cultures of Defeat”, so der Titel dieses Unterkapitels, gehört das Aufkommen von Schwarzmärkten. Leute verkaufen sich buchstäblich ihre Kleidung vom Leib, um den offiziellen zu niedrigen Essensrationen zusätzliche Nahrungsmittel hinzufügen zu können. Das Lesen wird zu einem Fluchtpunkt und zu einer der wenigen Vergnügungen die sich viele Menschen leisten können. Insbesondere für erotische Magazine entsteht ein Markt, in dem sich die neue (Meinungs-) Freiheit ausdrückt.

Den GI umarmen

Eine der ambivalentesten und spannendsten Rollen kommt den “Panpan Girls”, den Prostituierten der Nachkriegszeit, zu. In der Welt dieser Mädchen und Frauen vermischen sich Ausbeutung und finanzielle Not mit dem Traum nach Unabhängigkeit und materiellem Wohlstand. Die Panpan Girls sind ein Symbol für die nationale Schande: Man muss junge Frauen zu den amerikanischen Besatzern schicken, um zu verhindern, dass diese sich wahllos an Frauen vergreifen. Gleichzeitig gelingt es den Prostituierten so gut wie keiner anderen Gruppe japanischer Zivilisten, mit den Amerikanern zu kommunizieren und interkulturelle Beziehungen aufzubauen. Viele Frauen, die in der Nachkriegszeit sexuelle Dienste anbieten, stehen zudem finanziell besser da als Hausfrauen oder Arbeiterinnen. Die Panpan Girls können sich Luxus leisten, selbstbewusst tragen sie Nylonstrumpfhosen und Lippenstift zur Schau, sie werden zu Ikonen der Nachkriegszeit. Eine weitere Demütigung, insbesondere für die japanischen Männer: Ein Cartoon zeigt einen heruntergekommen japanischen Veteranen, der einen kräftigen amerikanischen GI trifft. Bei letzterem hat sich eine junge Frau eingehakt, elegant und in westliche Kleidung gehüllt würdigt sie den Veteranen keines Blicks. Die Panpan Girls haben gelernt, die Kultur der amerikanischen Sieger im wahrsten Sinne des Wortes zu umarmen.

Embracing Defeat ist ein Grundlagenwerk für alle, die sich für japanische Geschichte interessieren und besser verstehen wollen, wie die Nachkriegszeit die heutige Gesellschaft des Landes geprägt hat und weiter prägt. Ergänzt werden die Texte von Zeichnungen und Bildern, die das Geschriebene auf eindrückliche Weise aufgreifen. Ein kleiner Wermutstropfen: Das Buch ist nur auf Englisch erhältlich und es ist nicht absehbar, ob sich daran in Zukunft etwas ändern wird. Es ist in einem populärwissenschaftlichen Stil verfasst und weil Dower meistens auf Fachbegriffe verzichtet, muss man zum Verstehen des Buches nicht auf Muttersprachniveau sein. Sollte die letzte Lektüre eines englischen Textes eine Weile her sein, empfehle ich den LeserInnen, sich mit einem Wörterbuch ausgestattet an die Lektüre zu wagen. Es lohnt sich!

John W. Dower: Embracing Defeat. Japan in the Wake of World War II, W W Norton & Co Inc., New York 2000, 676 Seiten, 19,49 Euro.

 

Titelbild: Lukasz Buda

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