MUTAFUKAZ: Das Weltwirrwarr als Actionspektakel

MUTAFUKAZ: Das Weltwirrwarr als Actionspektakel

Bei Studio 4°C ist wieder Wagemut angesagt: Auf dem Festival Anime Berlin feierte die japanisch-französische Koproduktion MUTAFUKAZ ihre Deutschlandpremiere. Ein cartooniges Action-Spektakel, das aus der Überforderung mit der Welt eine Tugend macht.

Ein Franzose geht nach Los Angeles, USA, macht aus seinen Eindrücken einen Kurzfilm und einen Comic und am Ende machen die Japaner einen Anime draus, in dem die Figuren wiederum derbes Französisch brabbeln: Das ist in Kürze die Entstehungsgeschichte von MUTAFUKAZ, die damit ein Beispiel für die internationale Verflochtenheit zeitgenössischer Animeproduktionen liefert.

Mordwaffe Eiswaffel

Guillaume Renard aka Run muss L.A. auf seinen Reisen als ein großes romantisches Drecksloch empfunden haben, wenn man denn in der Heimatstadt seiner Figuren, der Dark Meat City, die West Coast-Metropole wiedererkennen möchte: Gangster-Clans knallen sich an jeder Ecke ab  – Momento Morii –, die übrigen Bewohner schlagen sich als Tagelöhner durch und Protagonist Angelino und sein Kumpel Vinz versorgen liebevoll den Kakerlakenschwarm  ihrer WG-Butze mit den letzten Müsliresten. Das Glück erscheint in dieser Stadt nur für einen Wimpernschlag. So meint etwa Angelino beim Pizzaausliefern sein Traummädchen erspäht zu haben, weswegen er den Unfall mit dem LKW und die abrupte Entlassung irgendwie wegstecken kann. Hätte er nur die Warnsignale erkannt (große Ohrringe, große Augen, große Totenkopfspangen, Mini-Mini-Rock)!

Sobald der Film das Was, Wo und Wer seiner absonderlichen urbanen Welt erklärt hat, geht fast pausenlos die Post ab: ein ominöses Nazi-Polizeistrupp zerlegt die WG des Pizzaboten. Erst durch den Pubertätstrick Deo + Feuerzeug (der Schädel des Mitbewohners brennt praktischerweise dauerhaft), dann durch bislang unentdeckte Superfähigkeiten, schafft Angelino mit seinen Kumpels die Flucht. Kaum durchgeatmet, ist die Mafia hinter ihnen her. Die Sequenz endet in der wohl spektakulärsten animierten Autoverfolgungsjadg seit MIND GAME und REDLINE. Angelino & Vinz kapern einen Eiswagen und schicken ihre Verfolger in den Tod, indem sie Eiskugeln auf deren Frontscheiben zerbersten lassen. Dann tauchen irgendwann Tentakelmonster auf. Eine mysteriöse mysteriöse Organisation macht die WG-Kumpels schließlich dingfest. Natürlich steckt auch noch das Mädchen mit den Totenkopfspangen unter einer Decke mit ihnen. Natürlich dann wieder nicht! Ganz woanders bastelt ein namenloser Opa an der Rakete für den Weltfrieden.

Überforderung als Tugend

MUTAFUKAZ zelebriert seinen Modus der Überforderung auf schelmische Weise. Mehrmals während des Films dreht der Soundtrack auf und es placken fette Schriftzüge über den Film a lá: „Wer zur Hölle sind die Tentakelmonster?“ oder „Warum brennt eigentlich Vinz’ Kopf?“. Es ist, als würde der Film neben einem sitzen, im Popcorn wühlen und sagen „Hey, ich hab auch keinen Schimmer, ha ha! Weiter geht’s!“ Einer der schönsten Running Gags des Anime ist, dass es „die mysteriösen Wrestler“ sind, die mit den Geschehnissen rund um Angelino rein gar nichts zu tun haben, die am Ende die Welt retten – und keiner bekommt es mit. Schade ist allerdings, dass man den Eindruck erhält, dass die über die Dauer der Handlung eingeführten Symbole wie die Kakerlaken (Revolution der Unterschicht?), die Marien-Metaphern etc. am Ende alle nur ins leere verlaufende Verweise sind.

Letztlich macht MUTAFUKAZ, auch wegen des vorwärts treibenden Soundtracks und der Zeichentrickkunstfertigkeit von Studio 4°C (Hintergründe: Shinji Kimura, u.a. Tekkon Kinkreet), aber gut Laune. Ein Film, der dazu einlädt, komplexe globale Gemengelagen gar nicht erst durchblicken zu wollen. Man muss nur klarkommen, wenn der Weltwirrwarr die Tür der eignen Vier Wände eintritt. Notfalls mit Deo + Feuerzeug.

P.S.: Who the hell are those Mutafukaz anyway?

Mutafukaz, Regie: Guillaume “RUN” Renard & Shojiro Nishimi. Japan/Frankreich, 2017. Peppermint Anime bringt den Film am 25. & 28. Oktober 2018 hierzulande vereinzelt ins Kino.

 

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