Eleganz und Pathos: TOKIO KILLERS

Eleganz und Pathos: TOKIO KILLERS

Jiro Taniguchis und Natsuo Sekikawas Manga-Kurzgeschichtenband TOKIO KILLERS ist ein hyperstilisierter Bilderbogen. Das  Werk vereint Motive des Hardboiled-Krimis, des Thrillers und des Film Noir. Grandiose Zeichnungen und eine filmische Erzählweise wissen zu begeistern – trotz einer Überdosis an Genreklischees.

Eine Vulva, die „duftet wie ein sauberes Taschentuch“, „Roter Nagellack wie die zarte Glut eines Sonnenaufgangs“ und ein Geldautomat, der die Karte schluckt wie „eine Sphinx aus Metall und Plastik“: Wer solche und ähnliche Metaphern mag, wird die ersten 38 Seiten des Mangas Tokio Killers des im vergangenen Jahr verstorbenen Zeichners Jiro Taniguchi und des Szenaristen Natsuo Sekikawa lieben.

Wie ein dickflüssiges Destillat aus allerlei Hardboiled-Krimi- und Thrillermotiven ergießt sich die in voller Farbe erstrahlende Geschichte über einen gehetzten Killer und schöne (mitunter nackte) Frauen über den Leser. Als der einsame Wolf mit der Pistole am Ende seines Weges geht, „die Waffe in der Hand und der unbeugsame Wille im Herzen“, fielen dem Verfasser dieses Texts unwillkürlich die Krimiwerke Helge Schneiders ein: „Arschfahl klebte der Mond am Fenster“, hatte der Meister sprachlicher Verunsinnlichung eines von ihnen betitelt.

 

Bilder wie Filmplakate

Ließ sich Schneider dabei womöglich von den Kurzgeschichten Taniguchis und Sekikawas inspirieren? Möglich wäre es zumindest; sind doch einige der in den 1980er Jahren entstandenen Episoden bereits 1990 unter dem Titel Hotel Harbour View bei Viz Manga in den USA erschienen.

Ob das Pathos der ersten Geschichte samt seiner schiefen Sprachbilder nun ergreifend oder eher unfreiwillig komisch ist, mag jeder Leser selbst entscheiden. Man könnte auch eine Lanze brechen für ein Werk, das sich der heute vorherrschenden Tendenz zur ironischen Brechung verweigert; einer allzu zeitgeistigen Ironie, die auch im Bereich der Künste nicht selten dazu dient, keinen Standpunkt beziehen und sich nicht festlegen zu müssen.

Zeichnerisch und stilistisch ist die Episode gleichwohl über jeden Zweifel erhaben. Ihre filmische Erzählweise voller dynamischer Perspektivwechsel sorgt für ikonische Bilder, die allesamt als Filmplakate für Yakuza-Actionstreifen der alten Schule dienen könnten. Herrlich detaillierte Zeichnungen im realistischen Stil strahlen eine rauhe Eleganz aus. Hier zeigt sich der Gekiga (Erwachsenenmanga)-Stil der 1980er Jahre in Vollendung. Häufig sind auch kunstvoll gezeichnete nackte Frauen zu sehen. Sie liegen im Bett, stehen am Fenster oder sitzen auf der Toilette. Das mag manchem als als eine Überdosis „Fanservice“ für ein primär männliches Publikum erscheinen – dennoch fällt es schwer, der Anmut und Schönheit insbesondere dieser Bilder nicht zu erliegen.

 

Der Trost einsamer Helden

Auch die folgenden Geschichten von einsamen Profikillern oder verzweifelten Vätern, die den Mörder ihrer Tochter bis ans andere Ende der Welt verfolgen, bieten bilderbuchtypische Hardboiled-Krimikost. Trost und Ablenkung finden die einsamen Helden jener Erzählungen am Tresen einer Bar oder in den Armen einer klugen und schönen Prostituierten. Auch hier schwelgt das Autorenduo im existentiellen Pathos, das die gesamte Existenz eines Profikillers durchzieht. Dabei wurde allerdings nicht so dick aufgetragen wie in der Eingangserzählung, was den Episoden nur zu Gute kommt. Immer wieder faszinieren meisterhaft filmische Bilderfolgen. So bleibt nicht nur der hypnotische Pistolenkugelflug aus „Hotel Harbour View“ dauerhaft im Gedächtnis. Auch die Bilder der Straßen von Caracas oder der Brücken von Paris – wo selbst Gangster zumindest einmal ein Baguette vor sich hertragen müssen – sind großes Kino.

Kurzum: Tokio Killers bietet schnörkellose, exzellent gezeichnete Genrekost, die sich manchmal selbst zu ernst nimmt. Vor allem aufgrund der herrlichen Zeichnungen ist der Band jedoch ausdrücklich zu empfehlen. Dass das Duo Taniguchi und Sekikawa auch zu Humor und Selbstironie in der Lage ist, beweist es übrigens in der ebenfalls im Verlag Schreiber und Leser erscheinenden Hardboiled-Krimireihe Trouble is my Business. Deren im Hinterzimmer einer Zahnarztpraxis hausenden Helden, der inmitten einer Schießerei schon mal von seinem unruhigen Darm geplagt wird, hätte man sich während der Lektüre von Tokio Killers für ein oder zwei auflockernde Momente herbeigewünscht.

Jiro Taniguchi und Natsuo Sekikawa: Tokio Killers. Schreiber und Leser, Hamburg 2017. 16,95 Euro

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