Der Koloss von Odaiba

Der Koloss von Odaiba

Michael Streitberg versammelt Momentaufnahmen aus Tokyo: Er staunt über Streetart, erblickt einen Riesenroboter auf der künstlichen Insel Odaiba und sieht eine rote Fahne über grauen Hochhäusern wehen. Redaktionskollege Kitsune feiert derweil Fetisch-Wochen in Südjapan. (TR in Japan, Teil 2/2)

Katzen oder Hunde, Berge oder Meer, Tokyo oder Kyoto: Während ich die ersten beiden Fragen schwer beantworten kann, weiß ich bei letzterer sofort: Eindeutig Kyoto. Die in großem Gegensatz zur alten Kaiserstadt stehende Megalopolis Tokyo ist einfach so schnell, so ruhelos und so reizüberladen, dass es mir dort nach einigen Tagen zu viel wird. Doch auch, wenn ich hier wohl nicht heimisch werden könnte: Japans Hauptstadt ist und bleibt einer der faszinierendsten Orte der Welt.

Ein Lautsprecherinferno

Das sehen auch Millionen von Menschen aus aller Herren Länder so. Jahr für Jahr steigt die Zahl der Touristen, um die fast an jeder Ecke gebuhlt wird – besonders im Viertel Shinjuku: Wo man geht und steht, plärrt es dort in englischer, chinesischer und koreanischer Sprache aus den Lautsprechern unzähliger Drogeriemärkte. Sie locken ihre ausländischen Kunden bei Vorlage des Reiseasses mit einer Befreiung der (für Japaner obligatorischen) Verbrauchssteuer. Nähert man sich dem Rotlicht- und Amüsierviertels Kabukicho, mischt sich in das Geschrei noch die endlos wiederholte Warnung vor zwielichtigen Barbetreibern und Animateuren, die arglose Touristen abzocken. Sie schallt, ebenfalls dreisprachig, aus Lautsprechern, die offenbar von der Stadtverwaltung aufgestellt wurden.

An der Mauer einer Baustelle in unmittelbarer Nähe findet sich schließlich etwas, das man in Japan eher selten zu sehen bekommt: Street Art. Während etwa in Berlin Aufkleber, Tags und Pieces das gesamte Stadtbild prägen, konzentriert sich die Aufkleberkunst in Tokyo eher auf das durch allerlei Alternativkultur geprägte Viertel Koenji. Besprühte Wände oder gar Züge findet man eher selten. Das heißt freilich nicht, dass die Graffiti-Kultur in Japan keine Heimat hat. Allerdings ist die Idee, öffentliches oder privates Eigentum je nach Betrachtungsweise zu verschönern oder zu verschandeln, weniger beliebt und verbreitet als anderswo. In Shinjuku jedoch hatte es jemand gewagt, und eine ganze Baustellenwand mit den oben dokumentierten Hello Kitty-Veralberungen zu versehen. Die Szenerie blieb drei Tage bestehen, dann war alles wieder weiß.

Löwen und Feuervögel

Ein paar Meter weiter biegt ein Bus um die Ecke: Unter dem Schlagwort „Character Stamp Rally“ wird für Briefmarken mit Motiven aus den Werken Osamu Tezukas geworben. Tezuka wird sowohl in Japan als auch anderswo gerne als „Gott des Manga“ bezeichnet. Auch wir als TR erkennen an, dass er eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Mediums gespielt hat. Doch auch, wenn man mich jetzt der Blasphemie bezichtigen mag – ich bin der Meinung, dass nicht alle Tezuka-Klassiker gut gealtert sind. Noch immer zu begeistern weiß jedoch sein Epos Hi no Tori (bzw. Phoenix in der englischen Übersetzung), dessen Lektüre ich bei dieser Gelegenheit noch einmal wärmstens empfehlen möchte.

Wenn es in Shinjuku gar zu laut und turbulent wird, kann man sich etwa auf das Gelände des Hanazono-Schreins flüchten. Der mitten innerhalb eines Gebäudeblocks liegende, in der Mitte des 14. Jahrhunderts erbaute Schrein ist tagsüber ein eher ruhiger Ort; am Abend wird jedoch auch abseits von Schreinfesten nicht selten ausgelassen getrunken und gefeiert. Ganz in der Nähe befindet sich zudem die Golden Gai (Goldene Gasse), eine legendäre Ansammlung winziger Kneipen, die meist nur einer Handvoll (Stamm)gäste Platz bieten.

Insel der Otakus

Wer Entspannung sucht, kann sich auch auf Tokyos künstliche Insel Odaiba begeben. Dort lässt es sich etwa wunderbar mit Freunden picknicken. Zu sehen uns zu erleben gibt es dort aber auch so einiges. Über die im Stil der Edo-Zeit (1603-1868) eingerichtete Erlebnisbadelandschaft Oedo-Onsen Monogatari wurde in vielen Reiseführern schon alles geschrieben. Neben einer (kleineren) Replikation der US-amerikanischen Freiheitsstatue ist es jedoch vor allem ein stählerner Gigant, der alle Blicke auf sich zieht: Ganze 19,7 Meter ist der Roboter groß, der dem ausufernden Universum der Mecha-Actionsaga Gundam entsprungen ist. Derzeit handelt es sich – unschwer zu erkennen am Horn – um ein Modell aus der Roman-, Manga- und und Animeserie Mobile Suit Gundam Unicorn. Die direkt hinter dem Koloss von Odaiba gelegene Gundam Base ist ein Paradies für Mecha-Otakus: In einem riesigen Ladengeschäft sind tatsächlich alle seit 1980 erschienenen Modelkits (Modellbausätze) zur Serie versammelt; die meisten von ihnen können käuflich erworben werden. Es sind… unendliche viele. Zudem kann man die Roboter in einem Werkstattraum unter fachkundiger Aufsicht zusammenbauen, lackieren, und bemalen. Für jene, die ihre ersten Schritte in die Modellbauwelt machen wollen, werden dort manchmal auch Workshops angeboten.

Rote Fahne über grauem Beton

Zurück in der Innenstadt, geht es in ganz andere Gefilde: Wie im ersten Teil dieses Artikel bereits erwähnt wurde, gibt es in Japan eine kommunistische Partei, die auch im Parlament vertreten ist. Obwohl man sie mit einiger Berechtigung als eher sozialdemokratisch bezeichnen könnte, ist sie zumindest im Parlament die einzige wirklich oppositionelle Kraft, die gegen die neoliberale Politik der regierenden Konservativen aufbegehrt. Die Japanische Kommunistische Partei (JCP) hat derzeit etwas über 300.000 Mitglieder; der ihr nahestehende Gewerkschaftsdachverband Zenroren (der eine andere Linie verfolgt als die größte, „sozialpartnerschaftlich“ orientierte Beschäftigtenorganisation Rengo) hatte laut offiziellen Angaben des japanischen Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt im Dezember 2016 rund 550.000 Mitglieder. Die Auflage der JCP-Tageszeitung Akahata (Rote Fahne) beträgt unter der Woche ca. 200.000, an Wochenenden rund eine Million Exemplare. Mit Japan Press Weekly existiert auch ein englischsprachiger Pressedienst der Partei.

Als Parteizentrale dient ein großes Hochhaus. Es befindet sich im Bezirk Sendagaya im Viertel Shibuya, und würde inmitten ähnlicher Bauten zumindest von weitem kaum auffallen – würde nicht eine große rote Parteifahne wehen.

In den Schaufenstern im Erdgeschoss werden auf Plakaten und Wandzeitungen die politischen Positionen der Partei präsentiert. Auf dem rechten Bild, das für ein Abonnement der Akahata wirbt, ist übrigens niemand geringeres zu sehen als Isao Takahata. Der am 5. April verstorbene Regisseur hat nicht nur Meisterwerke des Animationsfilms wie Die letzten Glühwürmchen oder Pom Poko erschaffen. Letzterer Film, der vom Widerstand einer Tanuki-Gemeinschaft gegen die Zerstörung ihrer natürlichen Lebenswelt erzählt, war eine der Inspirationsquellen für unseren Blognamen Tanuki Republic. Takahata-san war auch zeitlebens ein bekennender Linker und ein politischer Aktivist. Am unteren Rand des Werbeplakats ist er neben anderen bekannten Persönlichkeiten aufgeführt, die bereits Beiträge für die Akahata verfasst haben.

Fetisch-Wochen im Mangaladen

Als Redakteur von Tanuki Republic habe ich natürlich auch etliche Anime- und Mangaläden besucht. Allerdings: Bilder machen darf man dort keine. Andere Kunden wollen verständlicherweise ungestört bleiben und ihre Privatsphäre gewahrt wissen; außerdem grassiert in Japan eine mitunter schwer zu begreifende Angst vor mit Kameras bewaffneten Konkurrenten, die sich Geschäftsideen abgucken oder ähnliches. In Tokyo empfiehlt sich insbesondere ein Besuch in den drei Filialen von Comic Toranoana in Akihabara (hier liegt der Schwerpunkt auf Dōjinshi aus sämtlichen Genres), und natürlich in den verschiedenen Filialen des wohl bekanntesten Manga-Geschäfts Mandarake. Dort sind hauptsächlich gebrauchte Mangas und Artbooks erhältlich; es gibt jedoch auch Dōjinshi, Soundtrack-CDs, Anime-DVDs, Merchandising und vieles andere zu entdecken. Auch die in unzähligen Filialen der Gebrauchtbuchhandlung Bookoff bieten reichlich Manga-Lesestoff, nicht selten zu Schleuderpreisen von 100 Yen (ca. 75 Cent) für recht gut erhaltene Bände.

Ein überraschendes Erlebnis will ich dennoch nicht verschweigen: Mein im Frühjahr ebenfalls in Japan weilender Redaktionskollege Kitsune erzählte mir am Telefon von einem Ausflug in die Filiale von  Mandarake im südjapanischen Fukuoka. Kitsune wäre nicht Kitsune, wenn er dort nicht auch ausgiebig in der Hentai- bzw. Erotikabteilung gestöbert hätte. Dort bewies man im Mai Mut zum Unkonventionellen – und gestaltete tatsächlich eine ganze Regalecke zum Thema Kotfetisch, bzw Scat, bzw. EFRO.

Nachdem ich einige Tage später in Fukuoka ankam, ging ich mit Kitsune mit und überzeugte mich selbst: Die Angestellten von Mandarake hatten sogar eine handgeschriebene Tafel angefertigt, auf der über diesen speziellen Fetisch informiert wurde. Interessierte konnten dort und in anderen Ecken allerlei Werke der im Genre aktiven Zeichner erwerben – es handelt sich bei ihnen etwa um Cool Brain (als Autor von Mainstream-Erotikmangas bekannt unter dem Namen Kitani Sai) und Gold Dust (a.k.a. Tange Suzuki). Auch Amano Ameno unternimmt insbesondere in seinen Dōjinshi häufig Ausflüge in entsprechende Gefilde. Einmal mehr wurde mir klar: Mangas, und insbesondere das Hentai-Genre, bilden wirklich jede nur erdenkliche Fantasie ab.

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