Nanae Aoyama: Täglich durch den Tunnel

Nanae Aoyama: Täglich durch den Tunnel

Schriftstellerin und Akutagawa-Preisträgerin Nanae Aoyama über ihre einstige Doppelrolle, Familien- und Liebesbeziehungen in Japan und ihre Lieblingsbücher. In Berlin stellte sie ihren Kurzgeschichtenband BRUCHSTÜCKE vor.

Frau Aoyama, wenngleich Sie eine junge Schriftstellerin sind, handelt es sich bei Bruchstücke nicht um ihr erstes Werk. Mit welchem Roman haben Sie Ihr Debüt gegeben?

Mein erstes Werk war Mado no Akari (窓の灯) – Licht im Fenster, ein Roman von mittlerer Länge. Den habe ich in meinem vierten Studienjahr geschrieben. Es geht um ein junges Mädchen, das abends durch die Straßen geht und immer wieder in ein bestimmtes hell erleuchtetes Fenster schaut.

Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden?

Ich habe mich immer schon für Bücher interssiert und habe viel gelesen, wollte auch schreiben, aber dazu ist es erst gekommen, als ich zur Universität gegangen bin.

Allerdings haben Sie nach der Universität zunächst in einem Reisebüro gearbeitet und trotzdem weiter geschrieben. Wie hat man sich das vorzustellen? Tagsüber im Reisebüro und abends am Schreibtisch?

Nach der Universität habe ich die ersten vier Jahre geschrieben, gleichzeitig aber im Reisebüro gearbeitet. Mein Büro befand sich in Shinjuku, wo es viele Hochhäuser gibt, gewohnt habe ich aber in Setagaya, einem anderen Stadtteil von Tokyo. Ich musste also täglich mit der Keiō-Bahnlinie fahren. Ich hatte also einen langen Arbeitsweg und fragte mich, wie ich das mit der Schriftstellerei vereinbaren kann. Auf der Keiō-Linie gibt es einen Tunnel. Sobald dieser hinter mir lag, war ich die Reisebüroangestellte. Da es in meinem Unternehmen viele Überstunden zu machen galt, machte ich mich oft erst spät auf den Nachhauseweg. Wieder passierte ich den Tunnel und war ab da wieder die Schriftstellerin.

Nun arbeiten Sie nicht mehr im Reisebüro. Gibt es für Sie eine Art Tunnelersatz?

Jetzt da ich nicht mehr im Reisebüro arbeite, gibt es diese Art Schalter, den Tunnel, nicht mehr, sondern ich bin 24 Stunden Schriftstellerin. Aber vielleicht gibt es doch eine Art Tunnelersatz; es ist zwar kein richtiges Ritual, aber bevor ich anfange zu schreiben, setze ich mir immer einen Kaffee auf.

 

„Meine Erzählungen fußen auf persönlichen Erfahrungen“

 

Worum genau geht es in den Erzählungen der Bruchstücke? Wie sind Sie zustande gekommen?

Die Dinge über die ich schreibe, fußen oft auf persönlichen Erfahrungen. Im Fall der ersten Kurzgeschichte bildeten die Erlebnisse einer Freundin die Grundlage. Diese Freundin kam mit ihrem Vater nicht gut zurecht. Sie machte dennoch einen Ausflug mit ihm, um – ähnlich wie in der Kurzgeschichte – Früchte zu sammeln. Das fand ich irgendwie merkwürdig, dass die beiden trotz ihres komplizierten Verhältnisses zusammen diesen Ausflug unternahmen. Dazu muss man sagen, dass schon der Umstand, dass Vater und Tochter alleine etwas unternehmen in Japan an sich ein merkwürdiger ist. Das war also der Anlass für die Geschichte. Allerdings sind die Ereignisse innerhalb dieser und auch die Dialoge fiktional.

In der zweiten Erzählung, Farinas Zimmer, reflektiert der Protagonist über eine kürzliche Trennung. Gibt es in Japan häufiger das Phänomen von disharmonischen Beziehungen bzw. von Beziehungen, in denen Kommunikation wenig stattfindet?

Grundsätzlich gibt es beides. Es gibt schon Beziehungen, in denen die Kommunikation gut klappt; andere hingegen haben Schwierigkeiten. Was mich und meinen Bekanntenkreis angeht, wir gehören eher zu den Leuten, denen es schwerer fällt.

Mir ist aufgefallen, dass es in Ihren Erzählungen immer eine Entwicklung gibt, jedoch nie ein klassisches Happy End. Wie kommt das?

Aus der Sicht des Lesers wäre es sicherlich wünschenswert, ein Happy End zu haben. Als Schriftstellerin halte ich diesen Punkt aber für weniger interessant. Ich versuche in meinen Werken durchaus immer wieder Positives einzubringen, jedoch im Kleinen. Vielleicht fällt es einem als Leser fast nicht auf, aber die kleinen Happy Ends verstecken sich schon im Text.

Es gibt eine Stelle in der Vater-Tochter-Geschichte, die mir auffiel: die Tochter fragt, warum der Bruder nicht mitgefahren sei, woraufhin der Vater entgegnet, dass dieser wohl zu erschöpft sei. Etwas vor den Kopf gestoßen entgegnet die Tochter, dass sie selbst erschöpft sei und fragt, ob der Vater denn keine Pause gebrauchen könnte. Die, sagt er, brauche er nicht. Ich habe mich gefragt, ob diese Erschöpfung kennzeichnend für die jüngeren Generationen ist und ob sie körperlicher oder seelischer Art ist.

Tatsächlich kommt beides zusammen. Was meine eigene Erfahrung angeht: als ich im Reisebüro gearbeitet habe, musste ich jeden morgen früh aufstehen, später am Tag musste ich Überstunden machen. So geht es vielen, die in Japan in einer Firma tätig sind. Für viele ist es auch ein seelischer Stressfaktor, jeden Tag mit dem gleichen Personengeflecht zu tun zu haben und zu wissen, dass man damit auskommen muss. Hinzu kommen noch die langen Wege bis zum Arbeitsplatz.

 

„Wir genießen die Zwischenräume im Alltag“

 

An einer anderen Stelle fragt sich die Tochter auf dem Weg zu den Kirschbäumen, was die Menschen auf dem Land glücklich mache. Es schwingt mit, ob es ein anderes Glück ist, als jenes, das die Leute in der Großstadt suchen. Daher die Frage: gibt es für Japaner so etwas wie ein allgemeines Glück?

Das ist natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Für meinen Bekanntenkreis gesprochen, würde ich sagen, dass es nicht die großen Dinge sind wie z.B. eine Weltreise, sondern, dass man sich an den kleinen Dingen im Alltag erfreut. Schwierig ist für Japaner eher mit viel Zeit umzugehen. Da alle meist viel zu tun haben, genießt man eher die kleinen Pausen, die Zwischenräume, die sich auftun.

Mir ist aufgefallen, dass Sie immer direkt die Beziehung der Figuren untereinander beschreiben, nicht aber die Figuren selber. Was der Vater eigentlich arbeitet oder wie alt die Tochter ist, erfährt man als Leser erst nebenbei im Erzählverlauf. Ist das eine Technik, die Sie bewusst anwenden?

Bei den Bruchstücken habe ich das tatsächlich bewusst so gemacht. Für Kiriko, die Tochter aus der ersten Geschichte, ist der Vater zu Beginn ja selbst ein Unbekannter. Sie könnte ihn selber gar nicht beschreiben. Erst nach und nach entdeckt sie neue Seiten an ihm. Grundsätzlich besteht aber ein Unterschied darin, ob ich eine Kurzgeschichte oder einen Roman schreibe. Kurzgeschichten neigen dazu, schnell überfrachtet zu sein, weshalb ich mich mit beschreibenden Details zurückhalte.

Am Ende der Vater-Tochter-Geschichte bleibt die Frage nach dem blauen Haus: existiert es oder nicht – oder gar beides auf einmal?

Vielleicht ist es nicht so sehr die Frage, ob das Haus tatsächlich exisitert oder nicht, sonder wer bestimmte Dinge wahrnimmt und wer nicht. Bei Gesprächen findet man diesen Umstand oft vor, dass eine Person eine Beobachtung gemacht hat, die andere aber nicht. So gesehen ist das blaue Haus ein Symbol für diese Frage. Es hätte aber auch etwas anderes sein können.

 

„Zum ersten Mal dachte ich: ich kann Schriftstellerin werden!“

 

Sie haben bereits vom erschöpfenden Arbeitsalltag in Japan gesprochen. War Ihr vollständiger Wechsel ins Schriftstellerdasein ein lancierter Ausweg aus der Erschöpfung?

Mein Debutroman wurde veröffentlicht, als ich mich in den letzten Zügen meines Studiums befand. Nach dem Abschluss fing ich in jenem Reisebüro an zu arbeiten. Kurz darauf aber erhielt ich einen Literaturpreis. Das war der Zeitpunkt, an dem ich zum ersten Mal dachte: ich kann also wirklich Schriftstellerin werden! Natürlich war das Schreiben und die Arbeit im Reisebüro eine Doppelbelastung für mich. Auf der anderen Seite, wäre es finanziell schwierig gewesen, gleich am Anfang den Job zu kündigen. Deshalb habe ich mich zunächst dafür eingesetzt, in eine andere Abteilung versetzt zu werden, wo es weniger arbeitsintensiv zuging.

Welche Autoren haben Sie selber gelesen, welche haben Sie inspiriert?

Als Kind, zur Grundschulzeit, habe ich gerne Fantasy gelesen. Dazu gehören für mich auch die Romane von Enid Blyton, besonders die St. Clare`s-Serie (im Deutschen Hanni und Nanni). In der Mittelschule habe ich dann gerne Yoshimoto Banana gelesen, dann auch Yasunari Kawabata, von dem mir vor allem Koto (古都,) in Erinnerung geblieben ist (dt. Ausgabe: Kyoto oder Die jungen Liebenden in der Kaiserstadt). Das hatte ich im Vorfeld eines Schulausflugs nach Kyoto gelesen. Osamu Dazai gehört auch in diese Zeit. Zurzeit lese ich alles gerne, was aus dem Ausland kommt, u.a. Alice im Wunderland oder Romane von Elizabeth Strout. Zeitgenössische Schriftsteller interessieren mich aber auch immer.

Sie haben gerade Osamu Dazai erwähnt, der ja als einer der Hauptvertreter des japanischen Ich-Romans (Shishōsetsu, 私小説) gilt, beispielsweise mit seinem letzten Roman Gezeichnet. Sehen Sie sich auch in dieser Erzähltradition?

Von Osamu Dazais Werk interessiert mich Gezeichnet zugegeben weniger. Persönlich sagt mir beispielsweise Joseito (engl. Titel: Schoolgirl) mehr zu, in dem er aus der Perspektive einer Mittelschülerin schreibt. Es handelt sich also um einen Roman von Dazai, der nicht in der Shishōsetsu-Tradition steht. Ich selbst würde nicht sagen, dass ich Shishōsetsu-Romane schreibe, denn ich lasse mich zwar von Geschehnissen in meinem Bekannten- und Freundeskreis inspirieren, schreibe aber nie direkt über mich selbst.

 

Das Gespräch mit Nanae Aoyama setzt sich aus Fragen ihrer deutschen Verlegerin Katja Cassing, aus Fragen von Lukas Laier und Fragen aus dem Publikum zusammen. Die Lesung zu Bruchstücke fand am 7. März 2018 in der Chocolaterie und Buchhandlung Fräulein Schneefeld & Herr Hund im Berliner Prenzlauer Berg statt.

Neben dem erwähnten Kurzgeschichtenband Bruchstücke ist von Nanae Aoyama außerdem die Erzählung Eigenwetter in deutscher Übersetzung im Cass Verlag erschienen.

 

Titelbild: Ulrike Plessow, Buch Contact

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