Teeparty mit dem Gehörnten: SIÚIL, A RÚN

Teeparty mit dem Gehörnten: SIÚIL, A RÚN

Der Mangakünstler Nagabe entführt seine Leser in eine düstere, fantastische Welt. Sein meisterhaft gezeichnetes Märchen SIÚIL, A RÚN erzählt von der einzigartigen Freundschaft zwischen einem jungen Mädchen und einem gutherzigen Dämonen.

Siúil, a Rún – was soll das eigentlich bedeuten? Wer nun an eine Manga-Fantasiesprache denkt, liegt falsch. Siúil, a Rún. Das fremde Mädchen bezieht den ersten Teil seines Titels vielmehr von einem irischen Volkslied. Darin singt eine Frau von ihrem Geliebten, den es zum Militär verschlagen hat.

Die Welt des Mangas mutet allerdings mehr viktorianisch als irisch an. Sie wurde einst in zwei Hälften geteilt, in das “Innere” und das “Fremde”. Im Fremden leben die Verfluchten: Gehörnte Schattengestalten, die sich von Seelen ernähren. Sobald man sie berührt, wird man zu ihresgleichen. Im von einer Mauer abgetrennten Inneren leben die Menschen. Ihre streng religiös strukturierte Gesellschaft befindet sich in ständiger Angst vor dem Fluch.

Auf den Verdacht hin, sie sei von einem Verfluchten berührt worden, wurde das kleine Mädchen Schiva eines Tages von ihrer Großmutter im Wald ausgesetzt. Dort lebt sie fortan mit dem “Doktor”, einem Gehörnten, in einem verlassenen Haus. Dieser kümmert sich um sie und beschützt sie, so gut es geht, gegen die anderen dunklen Wesen, die im Fremden lauern.

Schnell wird jedoch klar, dass nicht nur die Verfluchten eine Gefahr darstellen. Eine dunkle Prophezeiung macht in der Innenwelt die Runde: Ein auserwähltes Mädchen, so heißt es, könne alle vom Fluch befreien. Bald darauf nimmt die Armee aus der Innenwelt Notiz von Schiva – und eröffnet die Jagd auf das Mädchen, das mit einem Verfluchten lebt, ohne verwandelt worden zu sein.

Von Innen nach Außen

In melancholisch-atmosphärischen Bildern lässt Nagabe die Handlung dahinfließen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Kontraste, um die der Autor seine Geschichte spinnt: Die zwei unterschiedlichen Protagonisten, der Kontrast zwischen dem Inneren und dem Fremden, Die Grausamkeit der Menschen und die Menschlichkeit des “Doktors”. Schiva, die ihren unschuldigen kindlichen Vergnügungen nachgeht, im Garten mit dem Doktor Teeparty spielt – und nachts von furchterregenden Dämonen geweckt wird, die versuchen ihre Seele zu stehlen.

Liebevoll und ausdrucksstark gezeichnet, erinnert der Manga fast mehr an ein Kinderbuch – als Inspirationen zitiert Nagabe Tove Jansson, Autorin der beliebten Mumins, und Tomako Sakai, eine japanische Kinderbuchillustratorin. Der raue, ungeschliffene Stil unterstreicht die bisweilen beunruhigende und melancholische Stimmung des Werks.

Während die Geschichte sich vieler schon oft gesehener Motive bedient (das Kind und die Prophezeiung, Menschen gegen Dämonen..), schafft es der Autor trotz allem, den Leser zu fesseln. Nagabe schafft eine angenehme Balance zwischen kontemplativen Momenten und abenteuerlichen Szenen. Man hat das Gefühl, dass der Autor sich die Zeit zum Erzählen nimmt, ohne sein Publikum mit einer Kampfszene nach der Anderen bei der Stange halten zu wollen. So entfaltet sich in wunderschönen Panels die Freundschaft der beiden Hauptfiguren. Man liest und entwickelt das Bedürfnis, noch tiefer in die dunkle Welt dieser Freundschaftsgeschichte einzutauchen.

In Japan erscheint Siúil, a Rún seit September 2015 im Mangamagazin Monthly Comic Garden. Der erste Band der deutschen Übersetzung wurde im Oktober 2017 von Tokyopop veröffentlicht. Die Serie erscheint dort im lesefreundlichen Großformat inklusive farbiger Seiten, auf denen Nagabes Zeichnungen besonders schön zur Geltung kommen.

Mehr zu Nagabes Zeichentechnik- und Utensilien kann man in diesem sympathischen Interview vom 02.01.17 bei Pixivision lesen.

Siúil, a Rún, Das fremde Mädchen. Tokyopop, 2017-2018. Bisher 4 Bände. 9,95 Euro

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