Die Mauer muss weg: LU OVER THE WALL

Die Mauer muss weg: LU OVER THE WALL

Masaaki Yuasa gehört zu den interessantesten Regisseuren der Gegenwart. Mit MIND GAME und THE TATAMI GALAXY hat er Meilensteine geschaffen. Jetzt hat er sich an einer Teenager-Romanze versucht, und das Meerjungfrau-Märchen ins 21. Jahrhundert verfrachtet.

Sein Output ist so groß, man glaubt es kaum: innerhalb eines Jahres zeichnete Masaaki Yuasa für gleich zwei Anime-Kinofilme und eine Netflix-Serie verantwortlich. Der Trickfilmregisseur selbst sagte in einem Interview, er befinde sich gerade in einer schöpferischen Hochphase und habe den Eindruck, sich an alles wagen zu können.

Bei Lu over the Wall  (夜明け告げるルーのうた Yoake Tsugeru Rū no Uta) handelt es sich im Gegensatz zu den anderen beiden Projekten (The Night is Short, Walk on Girl & Devilman crybaby) nicht um die Adaption einer Buch- oder Mangavorlage, sondern um eine Eigenkreation aus der Feder von Masaaki Yuasa und Anime-Veteranin Reiko Yoshida (A Silent Voice, Digimon u.a) . In Japan kam der Film am 19. Mai 2017 in den Kinos.

Teenie-Ponyo

Die Handlung mutet wie eine Teenager-Version  von Hayao Miyazakis Ponyo (2008) an: der Schüler Kai wächst in einem Fischerdorf auf, in dem – wie in wohl jedem Dorf  – wenig los ist. Seine Leidenschaft gilt der Musik, jedoch ziert er sich, der Band seiner Freunde beizutreten, und musiziert lieber im stillen Kämmerlein. Eines Nachts lockt er mit seinen Eigenkompositionen die Meerjungfrau Lu an, die ihn wortwörtlich mit Zuneigung überschwemmt.

Schließlich probt Kai doch mit der Schülerband, und wieder kreuzt das quirlige Meereswesen auf. Durch die Musik wird ihre Schwanzflosse zur kleinen Beinchen, und sie legt ein Tänzchen auf der Bühne hin. Wenn das Kais Großvater wüsste! Er und andere alte Dorfbewohner warnen stets vor den gefährlichen Meeresbewohnern. Felsenfest behaupten sie, Familienmitglieder oder Geliebte an sie verloren zu haben. Das allerdings kümmert die Jugendlichen wenig, sodass sie bald Freundschaft mit Lu schließen. Am Ende des Films reißen sie zusammen mit ihr die titelgebende Wand ein, die Menschen und Meeresbewohner trennt: den natürlichen Steinwall vor der Küste.

Plötzlich stellt sich in Rückblenden heraus, dass die Meeresbewohner nie Böses wollten: die Mutter des Großvaters wurde damals nicht entführt, sondern vor dem Ertrinken gerettet, zu dem Preis, dass sie fortan im Meer wohnt; ebenso der Geliebte der verrückten Dorfoma. Im Hauruckverfahren wird mit den alten Mythen aufgeräumt, zusammen die Felswand zertrümmert, gefeiert und getanzt was das Zeug hält; Kai und Lu lieben sich letztlich mit dem wohlwollenden Segen aller – zu viel des Guten!

Die recht aufdringliche, meist durch Geschrei und zuckrigen Pop transportierte Botschaft des Films lautet: der Fremde ist dein Freund. Hier nimmt der Regisseur, bewusst oder nicht, einen naiven Blick auf die Welt ein. Selbstverständlich ist die Angst vor dem Anderen oft unberechtigt. In solchen Situationen kann das Entdecken von Gemeinsamkeiten eine Befreiung sein. Der Film scheint jedoch nicht zu sehen, dass Grenzziehungen und Vorbehalte mitunter auch hilfreich, ja notwendig sein können. Er suggeriert stattdessen, es gäbe nur die Wahl zwischen den Extremen: der naiven Umarmung des Anderen oder der bornierten Abgrenzung. So fischt die zunächst flippig-aufgedrehte Teenager-Romanze am Ende in allzu pathetischen Gewässern – nach dem Motto: bröckelt erst einmal die Mauer in den Köpfen, bröckelt auch die Felswand.

Werbewunder Meerjungfrau

Schade, denn im großen Moralstrudel gehen am Ende einige gute Ideen unter. So zum Beispiel der Konflikt um die wirtschaftliche Situation des Fischerdorfes. Lu over the Wall lässt immer wieder durchscheinen, dass es mit dem traditionellen Gewerbe zu Ende geht, die Zukunft unsicher wird. Ausgerechnet ein neoliberaler Cowboy will das Dorf retten, indem er einen Freizeitpark baut. Der Clou: nachdem die Jugendlichen die freundschaftliche Verbindung zur Meerjungfrau hergestellt haben, weiß der Cowboy sie gleich zu nutzen, nämlich als Dorf-Maskottchen. Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts kommt im Gewand der Freundlichkeit daher!

Lob verdient auch die stellenweise beeindruckende Animationsfertigkeit von Masaaki Yuasas noch jungem Studio Science Saru. Dem für japanische Verhältnisse international aufgestellten Team gelingen einige beeindruckend dynamische Sequenzen. So zum Beispiel Kais erster Tauchgang mit Lu; Kai, der inbrünstig die Schlussballade schmettert; Lu, die am Steg wie von einer Drohnen-Kamera umkreist wird, oder auch die Raserei des Haifisch-Vaters.

Fisch à la Ghibli

Der Fischpapa mit Hut funktioniert als Figur allerdings weniger gut. Mit Figuren wie ihm überfrachtet sich der Film. Offenbar als augenzwinkernde Verneigung vor Studio Ghibli gemeint (er wirkt wie eine Kreuzung aus Totoro und dem Panda aus Miyazkis und Isao Takahatas Frühwerk), will die gestrenge und wortkarge Figur nicht so recht in die moderne neoliberale Filmwelt passen. Es bleibt unklar, was genau sein Auftritt sollte – außer dass er am Ende als gewichtiger Wandeinreißer gebraucht wird.

Der Eindruck bleibt, dass Masaaki Yuasa zugunsten der Familienkompatibilität bei Lu over the Wall einige Kompromisse zu viel eingegangen ist. Die gewitzten Einfälle und zeichnerischen Höhenflüge reißen in ihrer über die seichte Handlung versprenkelten Form weit weniger mit als es sonst bei Werken des Regisseurs der Fall ist.

Masaaki Yuasas dritter Spielfilm gewann in Frankreich den Hauptpreis auf dem renommierten Trickfilmfestival von Annecy. Die Deutschlandpremiere feierte der Film dieses Jahr auf der Nippon Connection in Frankfurt, wo er mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde.

Kazé Deutschland bringt den Film nun am 25. September einen Tag lang in einer synchronisierten Fassung deutschlandweit in die Kinos. Eine Veröffentlichung auf DVD und Blu-ray hierzulande ist für Sommer 2019 in Planung.

 

Bildnachweise:  © 2017 Lu Film Partners (Titelbild; Band; Hai-Papa), © 1972 TMS (Panda-Papa)

PASSENDES

Suche

Archiv