Von Hunden und Menschen: JÄGER

Von Hunden und Menschen: JÄGER

Mit JÄGER taucht Jiro Taniguchi einmal mehr ins Krimi-Genre ein. Die genretypische Frage „Wer war‘s?“ spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Vielmehr kreist sein Werk um das Verhältnis zwischen Menschen und Hunden, um die Liebe zur Natur und das Lebensglück in der Abgeschiedenheit.

Taku Ryumon ist ein selbstgenügsamer Mann. Mit seinem Wolfshund Joe lebt er als Jäger in einem Waldgebiet, das ihm seine Familie vererbt hat. Die Fahrt über die Brücke, die zu seinem Holzhaus führt, scheint für ihn den Übertritt in eine andere Welt zu markieren: Ryumon genießt es, gemeinsam mit seinem Wolfshund Joe auf Wildschweinjagd zu gehen und durch den Wald zu streifen. Ab und an besucht ihn sein Freund und Jagdkumpane Tetsuo, ein Makler für Waldgrundstücke. Auf dessen Frage, wann ihm Ryumon sein Land verkaufen wolle, gibt es immer nur eine Antwort: „Ich denke darüber nach“.

Mag er von seinen Mitmenschen mitunter auch als brummig wahrgenommen werden, so ist Ryumon doch kein kauziger Waldschrat. Neben der Jagd verdingt er sich auch als eine Art Hundedetektiv. Dabei folgt er seinen eigenen Prinzipien: Nur große Hunde, keine Möpse oder ähnliches. Auch mit Prämien abseits des vereinbarten Honorars brauchen seine Auftraggeber ihm nicht zu kommen.

Als eine charistamtische Yakuza-Chefin ihn bittet, den verschwundenen Blindenhund der Tochter einer befreundeten Familie zu suchen, nutzt Jiro Taniguchi dies als Gelegenheit für eine Reise in die Welt jener faszinierenden Tiere, die das Leben ihrer Halter erleichtern und bereichern. Die Szenen, in denen zwei blinde junge Frauen mit ihren Hunden spielen, um sie bangen und um sie trauern berührt den Leser mindestens ebenso wie den Detektiv.

Man erfährt en passant, wie die Tiere eigentlich ausgebildet werden, welche Voraussetzungen an ihren Besitz (in Japan) geknüpft sind, und wie sie ihre Rolle als Hund (mit all seinen Bedürfnissen) mit der Rolle des zuverlässigen Assistenten und Lebenshelfers vereinbaren.

Der Philip Marlowe der Wälder

In seinen gewohnt ausdrucksstarken, meist ruhigen Bildern räumt der Autor den Vierbeinern ebenso viel Platz wie den Menschen ein. Die Hunde erscheinen dabei als Individuen mit eigenständigem Charakter, als Partner, die ihre Halter durch unterschiedliche Lebenslagen begleiten. Der Umgang mit den Tieren ändert auch den Blick der Menschen auf ihr eigenes Leben: „Hunde haben heißt, sie einen nach dem anderen aufwachsen und sterben zu sehen. Ein erfülltes Hundeleben und das Ende, dem auch wir nicht entkommen können, geben uns Kraft für das eigene Leben.“, sagt ein älterer Mann, in dem Ryumon eine Art Seelenverwandten findet. Solche berührenden Szenen, von denen es im Jäger einige gibt, steuert Taniguchi stets sicher am Kitsch vorbei. Der Pathos des Jägers unterscheidet sich damit auch vom Pathos der Tokio Killers, der mitunter ins unfreiwillig komische kippt.

Der Manga basiert auf einem erfolgreichen Romans des Autors Itsura Inami. Taniguchi greift in seinem zweibändigen Werk einerseits Elemente seiner anderen Krimiserien (wie etwa Trouble is my Business ) auf. Andererseits verhandelt er, wie auch schon im Kurzgeschichtenband Der Wanderer im Eis, das Verhältnis des Menschen zur Natur und ihren Geschöpfen, und damit letztlich auch zu sich selbst. Diese Genremischung, wenn man sie denn so nennen will, geht wunderbar auf. Taniguchis sympathischer Held scheint Tugenden berühmter Privatdetektive aus diversen Hardboiled-Krimis verinnerlicht zu haben: Anstatt sich in erster Linie als Verfechter des Gesetzes zu begreifen, gehorcht er seiner eigenen Moral. Wenn er sieht, dass Recht nicht immer Gerechtigkeit bedeutet, versucht er einen Ausgleich zu finden. Da überrascht es nicht, dass ihn die schöne Yakuza-Frau einmal scherzhaft „Marlowe“ nennt – in Anlehnung an Philip Marlowe, Ryamond Chandlers ikonischen Privatdetektiv.

Der erste von zwei Bänden des Jägers zählt zu den schönsten Werken Jiro Taniguchis, die im Verlag Schreiber und Leser erschienen sind. Wer meisterhaft erzählte, niveauvolle Manga-Unterhaltung abseits des Actioneinerleis zu schätzen weiß, sollte dem tierliebenden Humanisten Ryumon unbedingt auf seinen Wanderungen folgen.

Jiro Taniguchi: Jäger. Band 1: Witerung aufnehmen. Schreiber und Leser, Hamburg 2018. 16,95 Euro. Band 2 angekündigt für März 2019.

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