Immer schön lächeln: DIE LADENHÜTERIN

Immer schön lächeln: DIE LADENHÜTERIN

Sayaka Murata verhandelt in ihrem preisgekrönten Roman die Widersprüchlichkeiten der durchnormierten japanischen Gesellschaft hinter den Ladentüren eines 24-Stunden Supermarkts.

Keiko Furukura ist seltsam, ein Sonderling. Seit ihrer Kindheit fühlt sie sich als Außenseiterin. Sie kann weder Gefühle wirkliche Gefühle empfinden, noch normale Beziehungen zu anderen Menschen knüpfen. Ihre Eltern sind liebevoll, raufen sich jedoch die Haare wegen ihres sonderbaren Verhaltens. Versuche, sie zu Spezialisten zu schicken, fruchten nicht. So wächst Keiko ohne Freunde heran, und wird von allen gemieden.

Als sie während des Studiums anfängt, als Aushilfe in einem Konbini (24-Stunden-Supermarkt) zu arbeiten, freut sich ihre Familie – endlich scheint Keiko einer normalen Beschäftigung nachzugehen. Für Keiko bedeutet die Arbeit im Konbini jedoch viel mehr. In den streng geregelten Abläufen des Supermarkt-Alltags geht sie auf. Wenn sie ihre Uniform anzieht, verschmilzt sie mit den anderen. Mimik und Tonfall guckt sie sich von ihren Kollegen ab, und im Umgang mit den Kunden kann sie auf standardisierte Floskeln, die ihr die Konbini-Kette vorschreibt, zurückgreifen. Kurzum: im Kombini kann sie endlich normal sein.

Eines Tages fängt dort ein neuer Kollege zu arbeiten an: Herr Shirihara. Dieser ist ein unzufriedener Taugenichts mit schlechten Zähnen, der sich für zu gut für seinen Job hält und darüber redet, ein Internet-Geschäft aufmachen zu wollen. Ziel seiner Arbeit im Konbini ist es, dort eine Frau kennenzulernen. Nach ein paar Tagen wird der Konbini-Leitung berichtet, dass er mehrere Frauen sexuell belästigt hat. Aufgrund seines Verhaltens wird Shirihara daraufhin gefeuert. Unterdessen wächst der Druck auf die mittlerweile 36jährige Keiko. Ihre Familie und alle Menschen in ihrem Umfeld fragen sie, warum sie denn nicht heirate und keine Kinder bekäme. Und überhaupt, warum würde sie denn in ihrem Alter immer noch als Aushilfe in einem Konbini arbeiten. So gehöre sich das doch nicht.

Pakt mit dem Kollegen

Die sonderbare Keiko beschließt also, mit dem mittlerweile wohnungslosen Shirihara einen Pakt zu schließen, und nimmt ihn bei sich auf. So erhofft sie sich Ruhe von den Verwandten. Diese kehrt zwar zeitweise ein, doch ihr einfaches Konbini-Mitarbeiter-Dasein gerät immer mehr aus den Fugen…

Sayaka Murata ist mit der „Ladenhüterin“ ein wunderbar ironischer Roman gelungen. Ihre Figuren sind Karikaturen, die sie mit ihrer klinisch präzisen Schreibweise zum Leben erweckt. Keikos Verhalten wirkt bizarrr, sie denkt wie ein Roboter und drückt sich auch so aus. Shirihara, den sie bei sich unterbringt, sieht sie als Haustier, das sie “füttern” muss. Sie versteht nicht, warum sie eher das Baby ihrer Schwester besuchen sollte als das ihrer Freundin Miho (immerhin sähen beide gleich aus). Schon als Kind stoppt sie den hysterischen Anfall ihrer Lehrerin, indem sie letzterer Rock und Unterhose runterzieht. Warum das falsch sein könnte, versteht sie nicht. Der hysterische Anfall hätte ja aufgehört, und dies wär das doch das Ziel gewesen. Frei nach dem Motto: der Zweck heiligt die Mittel.

Mit der Norm gegen die Norm

Mit Keikos überspitzt seltsamen Verhalten hinterfragt Murata die Konventionen und Normen der modernen japanischen Gesellschaft. Keiko handelt logisch, effizient und affektfrei. Die Logik hinter dem “richtig” und “falsch” in sozialen Interaktionen ist ihr unerklärlich. Umso mehr fühlt sie sich der geordneten und zielgerichteten Welt des Konbinis verbunden. Ihr Umfeld behandelt sie als Außenseiterin, weil sie sich nicht, den Normen folgend, entsprechend ihres Alters verhält: Heiraten, Kinder kriegen, einer vollen Tätigkeit nachgehen. Durch Keikos Augen wird dem Leser bewusst, wie absurd solche Normen, die nichtkonforme Menschen verstoßen, bisweilen sind.

Sayaka Muratas Ladenhüterin ist nur 140 Seiten dünn. Einmal aufgeschlagen, will man es gar nicht erst aus der Hand legen, denn das Buch ist mit viel gutem Humor und Intelligenz geschrieben – was auch daran liegen mag, dass die 1979 in der Präfektur Chiba geborene Autorin selbst in einem Konbini gearbeitet hat. Sie ist unter anderem Trägerin des Noma-Literaturpreises sowie des Mishima-Yukio-Preises. 2016 gewann sie mit der Ladenhüterin schließlich den renommierten Akutagawa-Preis. In der wunderbaren deutschen Übersetzung von Ursula Gräfe liest sich ihr Roman wie im Flug.

Die Ladenhüterin, Aufbau-Verlag, Berlin 2018, übersetzt von Ursula Gräfe. Originalausgabe unter dem Titel Konbini ningen, Bungeishunju Ltd., Tokyo 2016.

 

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