Von Abschreibern und Stalkern – Journalismus in Japan

Von Abschreibern und Stalkern – Journalismus in Japan

Japan hat eine lebendige Zeitungslandschaft. Noch heute, in Zeiten der Printkrise, erzielen die großen Blätter beeindruckende Auflagen. Das geradezu symbiotische Verhältnis vieler Journalisten zu Politikern bzw. Unternehmern gibt jedoch Anlass zu kritischen Fragen.

Schaut man sich die Ranglisten der meistverkauften Zeitungen der Welt an, fällt auf, dass japanische Blätter dort stark vertreten sind. An der Spitze steht die wirtschaftsliberal-konservative Yomiuri Shimbun mit einer Auflage von rund 9 Millionen Exemplaren. Auf Platz 2 folgt die linksliberale Asahi Shimbun mit einer Auflage von rund 6,5 Millionen. Insgesamt vier japanische Zeitungen sind in den Top 10 vertreten. Auch wenn die Zahl verkaufter Ausgaben, wie auch hierzulande, auf Grund des wachsenden Einflusses digitaler Medien rückläufig ist, so beharren viele Japaner dennoch auf ihren Zeitungsabonnements. Die vielen verschiedenen Blätter bieten dem Leser eine große Auswahl an politischen Ausrichtungen.

Dennoch ist immer wieder zu lesen, dass jene Ausrichtungen heute nur noch mit Mühe zu erkennen sind, und die Berichterstattung der verschiedenen Blätter nurmehr schwer zu unterscheiden ist. Als Hauptgrund dafür gilt eine in der globalen Presselandschaft einzigartige Form der Nachrichtenverarbeitung – die sogenannten Kisha Clubs (記者クラブ).

Je nach Schätzung gibt es japanweit zwischen 400 – 1.000 dieser exklusiven Presseclubs. Sie sind in Regierungsgebäuden und Ministerien, in großen Firmen, Polizeigebäuden, an Aktienbörsen und ähnlichen Orten angesiedelt. Darin sitzen akkreditierte Journalisten, deren redaktionelle Arbeit von den großen Medienunternehmen selbst finanziert wird. Sie warten darauf, von den Behörden Informationen zu erhalten, die sie dann notieren und weiterverarbeiten.

Allerlei Annehmlichkeiten

Der Vorteil für beide Seiten liegt auf der Hand: Die Nachrichten werden schnell verbreitet und die Reporter bekommen ihre Informationen aus erster Hand. Zusätzlich erhalten sie noch allerlei andere Annehmlichkeiten – etwa Geschenke in Form von Alkohol, Zugtickets oder Krawatten. In seltenen Fällen gibt es auch mal einen mehr oder weniger subtil hinterlegten Umschlag mit Geld. Von Letzterem weiß natürlich offiziell niemand etwas. Ein Schelm, wer denkt, dies schlüge sich in der Berichterstattung nieder.

Tatsächlich werden die erhaltenen Informationen nicht selten ungeprüft verarbeitet, ohne hinterfragt zu werden. Somit erfahren die Reporter nur, was ihnen vorgesetzt wird. Was folgt, sind viele Fakten und wenig Analyse. Um sicher zu gehen, dass auch alle Journalisten auf dem gleichen Stand sind, gibt es zudem die Praxis des memo-awase (メモ合わせ): Nach einem Briefing in den Einrichtungen der jeweiligen Clubs tun sich Journalisten der konkurrierenden(!) Blätter zusammen, um Gesagtes zu rekonstruieren und fehlende Infos voneinander abzuschreiben. Dies führt zu einer Art Einheitsjournalismus, da letztendlich alle dieselben Informationen erhalten. Kritische Fragen werden indes nicht geduldet und können mit einem Clubausschluss geahndet werden – schließlich sollen die Quellen sich in ihren Kisha Clubs auch wohl fühlen.

Steht also beispielsweise ein Interview mit einem Politiker an, werden diesem im Voraus ausgewählte Fragen zugesandt, für die er sich seine Antworten zurechtlegen kann. Wer also in Zukunft ein Interview von Premierminister Shinzō Abe in der japanischen Presse liest, kann davon ausgehen, dass alles gewissermaßen gestaged ist. Schließlich soll niemand mit unangenehmen Fragen in Verlegenheit gebracht werden.

Aus diesem Grund sind Reporter von Magazinen wie Bungeishunjū, die investigativen Journalismus betreiben, von den Clubs ausgeschlossen. Das hat nicht nur zur Konsequenz, dass sie keinen Zugang zu wichtigen Quellen haben. Es heißt auch, dass wenn sich etwa ein Politiker ihnen anvertraut, dies meist auf anonymer Basis geschehen muss. Für ein Medium, dass zwar Skandale aufdecken will, seine Quellen jedoch nicht nennen kann, geht dies zu Lasten der Glaubwürdigkeit.

Journalistischer Morgenangriff

Einen skurrilen Höhepunkt, den man hierzulande wohl unter dem Tatbestand Stalking verbuchen würde, stellt die Praxis des yomawari-asagake (夜回り朝駆け, etwa “Nachtwache-Morgenangriff”) dar. Um doch mal in den Genuss exklusiver Info-Happen zu kommen, gehen japanische Journalisten häufig weite Wege. Diese führen sie bis hin zu den privaten Wohnhäusern ihrer Quellen, von denen sie sich geheimes Wissen erhoffen.

Nehmen wir beispielsweise einen hochrangigen Politiker: Der Journalist wird sich die Mühe machen, dessen Arbeitszeiten in Erfahrung zu bringen, um ihm vor seinem Haus aufzulauern, wenn er morgens zur Arbeit geht oder abends wieder zurückkehrt. Dann beginnt der Angriff: Mit viel Fingerspitzengefühl wird versucht, dem Politiker eine Information, einen Hinweis, vielleicht auch nur eine Andeutung zu entlocken. Für Politiker – oder etwa auch Polizisten – ist das Herausgabe geheimer Infos natürlich illegal, bzw. riskant. In den meisten Fällen wird der Stalker/Journalist also abgewimmelt oder ignoriert, der Angriff somit abgewehrt. Zumindest vorerst: Denn ein neuer Morgen bedeutet einen neuen Angriff, ebenso jeder Abend. Und vielleicht wird Der Tag kommen – nach einer Woche, einem Monat, einem Jahr – an dem der Politiker nachgibt, und unter Anmahnung strengster Geheimhaltung etwas durchsickern lässt.

Im besten Fall war dies für unseren Journalisten erst der Anfang. Denn sein Ziel ist es, auf lange Sicht eine kumpelhafte Beziehung zu seiner Quelle aufzubauen. Er führt seine Informations-Entlockungs-Angriffe auf den Politiker bis zu dem Punkt fort, an dem dieser ihn nicht mehr mit kurzen Antworten abgespeist, sondern ihn sogar ins Haus einlädt. Dort kann er dann in vertrauter Atmosphäre, gerne auch bei einem eigens mitgebrachten Tropfen Alkohol, auf ausführlichere Auskünfte hoffen. Stimmt das Zwischenmenschliche, wird der Politiker seinen zugewiesenen Stalker-Journalisten in einem über Jahre währenden Prozess der Vertrauensgewinnung immer näher an sich heran lassen, und ihn schließlich sogar zu privaten Anlässen, wie etwa zum Abendessen mit der Familie, einladen.

Wachhund oder Schoßhund?

Von außen betrachtet, mag das fast Züge einer Romanze tragen. Die Auswirkungen auf die Berichterstattung sind allerdings widersprüchlich. Denn nun hat der Journalist zwar exklusive Informationen aus erster Hand, doch die Nähe zur Quelle führt auch dazu, dass man eventuelle dunkle Geheimnisse für sich behält. Seien es Liebesaffären, korrupte Geschäfte, oder Kontakte zur Yakuza. Denn selbst der größte Sensationsbericht ist es nicht wert, eine mühsam erlangte Quelle – vielleicht sogar einen gewonnen Freund – zu verlieren.

Kritiker des japanischen Mediensystems sind sich uneins ob der Bewertung von Unabhängigkeit und Objektivität der Presse: Ist sie ein Schoßhund, der den Interessen großer Konzerne und Politiker dient? Oder doch eher ein Wachhund, der jene im Sinne der Bürger überwacht? Uniforme Berichterstattung, das Unterbinden kritischer Fragen und individueller Recherchearbeit, sowie die teilweise bedenkliche Nähe der Journalisten zu ihren Quellen sprechen jedenfalls nicht für einen zuverlässigen Wachhund.

Wer mehr über das Zeitungswesen Japans erfahren will, dem sei als deutschsprachige Einstiegslektüre der Band Medien in Japan: Gesellschafts- und kulturwissenschaftliche Perspektiven der Herausgeber Hilaria Gössmann und Franz Waldenberger nahegelegt. Für einen kritischen Blick auf den Zustand unabhängiger und investigativer Berichterstattung empfiehlt sich Laurie Freemans Werk Closing the Shop: Information Cartels and Japan’s Mass Media, in dem sie die Arbeit der Kisha Clubs im Detail unter die Lupe nimmt. Zum Stand der Pressefreiheit in Japan sollte man den Sammelband Press Freedom in Contemporary Japan von Herausgeber Jeff Kingston konsultieren.

Dieser Artikel stützt sich hauptsächlich auf die letzten beiden Werke, sowie auf persönliche Gespräche mit japanischen Journalisten, die selbst yomawari-asagake praktizierten.

 

Titelbild: Lukasz Buda

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