7SEEDS – Aufwachen nach der Apokalypse

7SEEDS – Aufwachen nach der Apokalypse

Yumi Tamura hat mit 7SEEDS die Dystopie ins Shōjo-Genre gebracht: Mit der Familie zu Abend essen, schlafen gehen – und beim Aufwachen feststellen, dass die Welt untergegangen ist. Den Weltuntergang einfach verschlafen – geht das?

Es geht – zumindest in 7Seeds. Denn genau das wiederfährt der 16-jährigen Natsu (ナツ – Sommer). Als sie ihre Augen öffnet, befindet sie sich auf einem Boot inmitten eines Sturms. Ihre einzigen BegleiterInnen sind ihr unbekannte Menschen, die versuchen, das Boot am Kentern zu hindern. Gerettet an Land, stellt die Gruppe fest, dass niemand eine Ahnung hat, was passiert ist. Alle haben unwissentlich den Weltuntergang verschlafen. Alle – das sind zu Beginn neben Natsu noch Arashi ( – Sturm), der letztere aus dem Wasser fischt, und Semimaru (蝉丸 – Zikade), der Natsu vom ersten Moment an mobbt. Die einzige Ausnahme unter den Unwissenden ist Botan (牡丹 – Strauch-Pfingstrose), die als Leiterin vor dem Schlafengehen in das Programm namens „7 Seeds“ eingeweiht wurde:

Vor X Jahren sahen AstronomInnen einen Meteoritenschauer voraus, der die Erde treffen würde. Eine Chance auf Rettung der gesamten Bevölkerung gab es nicht. Um eine Panik zu vermeiden, behielten die Regierungen die Informationen für sich und trafen im Geheimen Vorkehrungen für den Tag, an dem das Ende der Welt kommen würde. So entschloss sich die japanische Regierung, kleine Teams zu bilden, die in Kapseln auf das Ende der Apokalypse warten sollten. Diese Teams wurden über das ganze Land – Nord- und Südkyūshū, West- und Zentralhonshū sowie Hokkaidō – verteilt, um die Überlebenschancen ihrer Mitglieder zu erhöhen. Die Kapseln mit den Schlafenden sollten in dem Moment reaktiviert werden, in dem erneut menschliches Leben möglich ist (wenn es etwa wieder genug Sauerstoff zum Atmen gibt).

Warum ausgerechnet diese vier und ihre im Sturm verloren gegangenen KameradInnen als Überlebende ausgewählt wurden, bleibt zunächst unklar. Purer Zufall war es nicht, darauf geben schon ihre Namen, die alle mit „Sommer“ in Verbindung stehen und ihren Teamnamen Sommer B ergeben, einen Hinweis. Sommer „B“ – wer vermutet, dass ein Teil der Antwort darin liegt, was mit Sommer „A“ passiert ist, liegt nicht so falsch. Doch bis dieses Team vorgestellt wird, folgen die LeserInnen neben Natsu und ihrem Team Sommer B auch Hana und dem Team Frühling, Takahiro und dem Team Winter sowie dem Team Herbst.

Ins Ungewisse geworfen

Leben ist in der Welt von 7Seeds tatsächlich möglich, aber nicht ungefährlich. Im Laufe der Jahrhunderte – oder Jahrtausende? Jahrmillionen? – haben sich neue Tier- und Pflanzenarten gebildet, und Landschaften haben sich komplett verändert. So stellen die Mitglieder von Team Sommer B auf ihren Erkundungen etwa fest, dass Kyūshū nach einem Vulkanausbruch in zwei Teile zerbrochen ist. Team Frühling hingegen muss sich gegen Riesen-Mantisse verteidigen, die ihre Eier in lebende Geschöpfe ablegen. Der Kampf ums Überleben prägt das Miteinander und Gegeneinander der Gruppe: Wie schützt man sich vor Raubtieren? Welche Pflanzen sind essbar? Wie heilt man Krankheiten? Wem kann man trauen?

Nicht nur für die ProtagonistInnen, auch für die LeserInnen sind diese Fragen nervenaufreibend. Zeichnerin Yumi Tamura versteht es meisterhaft, die Handlung spannend zu gestalten, indem sie ihre LeserInnen genauso über bestimmte Dinge im Unklaren lässt wie ihre HeldInnen: Sind die Teams überhaupt alle zur gleichen Zeit aufgewacht? Oder, wenn nicht – wie viel Zeit ist zwischen deren jeweiligem Erwachen vergangen? Monate, Jahre, gar Jahrhunderte?

So unterschiedlich die Überlebenden und ihre Teams sind, so stellen sie sich doch alle zwei Fragen: Haben weitere Menschen die Apokalypse überstanden? Und wo sind die Vorratsspeicher, die die Regierung vor dem Meteorschauer angelegt hatte? Die Suche nach weiteren Überlebenden und eben diesen Speichern, die Samen (Seeds!) und Anleitungen zur Neubepflanzung des Planeten enthalten, wird zur Mission der letzten und ersten Menschen der postapokalyptischen Erde.

Niemand wird verschont

7Seeds ist kein Wohlfühlmanga. Tamura verzichtet weitestgehend auf Kitsch sowie überflüssige Romantik und scheut auch nicht davor zurück, Charaktere sterben zu lassen. Dadurch entspricht die Handlung so gar nicht dem, was man vom Shōjo-Genre – also von Mangas für Mädchen und junge Frauen – gewohnt ist. Das wären typischerweise Liebesgeschichten oder Freundschaftsgeschichten; Selbst Tamura wurde mit der genre-typischen Serie Basara bekannt, für die sie 1992 den Shogakukan Manga Award in der Kategorie Shōjo erhielt. Interessanterweise spielt auch Basara in einem futuristischen Japan, nur dass hier eine Katastrophe die Welt in eine Wüste verwandelt hat. Auch hier spielt der Überlebenskampf eine Rolle, jedoch wird die Geschichte im Wesentlichen von der (Liebes-)Beziehung der Hauptcharaktere getragen. So oder so: Tamura scheint ein Faible für Dystopien zu haben…

Warum gebe ich dennoch 7Seeds den Vorzug? Möglicherweise, weil mich Liebesgeschichten allein nicht packen. Zwar gibt es diese ebenfalls in 7Seeds, aber sie tragen nicht den Plot. Für mich ist eigentlich unerheblich, ob 7Seeds als ein Shōjo-Manga gilt oder doch eher der Kategorie Josei – Mangas für erwachsene Frauen, oft mit ernsteren Themen – zugeordnet wird. Gerade weil die Geschichte für einen Shōjo-Manga erfrischend anders ist und zudem auf viele der üblichen Weltuntergangsklischees verzichtet, empfehle ich die Serie gerne weiter. Dabei bin ich normalerweise kein Fan von Weltuntergangsszenarien jedweder Art: Mir liegt weder etwas an Geschichten, in denen am Ende eine Person alle rettet und die Heldin oder der Held des Tages ist, noch an Geschichten, in denen Charaktere abgeschlachtet werden und die LeserInnen regelmäßig Blut und Innereien zu sehen bekommen. 7Seeds hat einen realistischeren Blick auf das, was nach der Katastrophe folgen könnte: Der Versuch, in einer fremden Umgebung zurecht zu kommen, vielleicht ein „normales“ Leben aufzubauen, und bis dahin irgendwie durchzuhalten.

Diese Idee wird durch den Zeichenstil Tamuras noch unterstützt, der am Anfang etwas ungewohnt, vielleicht sogar gewöhnungsbedürftig ist. Größtenteils fehlen „schöne“ Bilder und blumenhinterlegte Seiten, wie man sie zuweilen im Shōjo findet, aber es fehlen auch die ganz klaren und harten Linien des Shōnen bzw. Jungenmanga-Genres. Zwar gibt es vereinzelte schöne Aussichten, aber die Darstellung von Natur und Umgebung dient insgesamt eher dazu, die Zerstörung und Feindseligkeit der Umwelt zu zeigen.

7Seeds startete 2001 im Manga-Magazin Bessatsu Shōjo Comic, wurde aber bald in das Magazin Flowers (dessen Zielgruppe eher erwachsene Frauen sind) verschoben. In Flowers wurde die Serie im Mai 2017 beendet. Sie war damit mit 35 Sammelbänden abgeschlossen.

Leider hat sich bisher kein deutscher Verlag 7Seeds angenommen. Wer den Manga auf Englisch lesen will, muss notgedrungen auf Scanlations zurückgreifen; alternativ kann man versuchen, die französische Printversion aufzustöbern, die imPika-Verlag erschienen ist. Zum Schluss eine gute Nachricht für alle Serien-Gucker: Netflix hat für April 2019 eine Anime-Adaption durch Studio Gonzo angekündigt! Mit Touko Machida als Drehbuchautorin (u.a. The Eccentric Family 2) bleibt eine Frau federführend.

Bildnachweise: ©2001 7SEEDS by Yumi Tamura, Shogakukan

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