Heldenzeit: 20th Century Boys – The Beginning of the End

Heldenzeit: 20th Century Boys – The Beginning of the End

Naoki Urasawas Erfolgsmanga 20TH CENTURY BOYS erschien in Japan ab 2000. Dieser Zeitpunkt war passend gewählt: Das epische Werk erzählt vom drohenden Ende der Menschheit am Beginn des neuen Milleniums. Nur eine Grupe von alten Freunden versucht, die Apokalypse zu verhindern. Yukihiko Tsutsumi begann 2008 damit, den Manga als Trilogie zu verfilmen. Unsere Gastautorin Miss Booleana hat sich den ersten Teil im Rahmen der Bloggeraktion #Japanuary angesehen.

Kenji (Toshiaki Karasawa) denkt oft an seine Zeit als Rockmusiker zurück. Damals hatte er die Uni hinter sich gelassen, um auf der Bühne in die Gitarrensaiten zu hauen. Inzwischen ist er jedoch Inhaber eines Konbini (japanischer 24h-Laden). Nun trägt er während der Arbeit seine kleine Nichte auf dem Rücken, deren Mutter sich mit den Worten “Bitte passt auf Kanna auf!” aus dem Staub gemacht hat. Kenji und Kanna schmeißen also den Laden, bis sich die Ereignisse überschlagen: Einige der Kunden sind plötzlich wie vom Erdboden verschluckt: die Polizei ermittelt. Als ob das noch nicht ungewöhnlich genug ist, ereilt Kenji die Nachricht, dass “Donkey”, einer seiner Kindheitsfreunde, Selbstmord begangen haben soll. Dabei wirkte er nie lebensmüde oder als ob er zu so etwas fähig wäre. Die Fakten scheinen nicht zusammenzupassen.

In der Umgebung der Verstorbenen und Vermissten taucht immer wieder ein Symbol auf, das Kenji bekannt vorkommt: eine Hand mit erhobenem Zeigefinger, umringt von einem Auge. Langsam kommt die Erinnerung an die Kindheit zurück. Kenji und seine Freunde bauten sich damals auf einem Feld einen Unterschlupf, wo sie dann Geschichten von Gut und Böse erfanden und in ihr “Buch der Prophezeiungen” aufschrieben. Das Symbol ihrer Clique war dasselbe, das Kenji immer öfter in seiner Nachbarschaft bemerkt. Aber wer wusste davon? Und was hat es mit ihrer Kindheit zu tun? Kenjis Nachforschungen ergeben, dass das Symbol nun von einem Sektenführer benutzt wird, der sich selbst “Der Freund” nennt. Wusste Donkey davon? Und ist es Zufall, dass sich 1:1 die Katastrophen ereignen, die sie sich als Kinder ausgedacht hatten?

Der Freund, der keiner ist

20th Centurys Boys 1: The Beginning of the End ist ein waschechter Verschwörungsfilm, der ähnlich dem Manga zwischen mehreren Erzählsträngen hin- und herspringt. Zum einen ist da die Ebene der Kindheit von Kenji und seiner Gang mitsamt all den Träumen und fixen Ideen, zum anderen ist da die Gegenwart der Erwachsenen, zu denen die Kinder geworden sind. Die zweifeln oft, ob sie ihren Kindheitsidealen treu geblieben sind. Insbesondere Kenji fragt sich, ob er als Kind nicht aufrechter und mutiger war? Warum ist aus ihm nicht der Held geworden, der er als Kind sein wollte? Für den Zuschauer wird aber ersichtlich, dass der Zug noch nicht abgefahren ist, als der erwachsene Kenji die Freunde aus der Schulzeit mobilisiert, um dahinter zu kommen, wer der “Freund” ist. Es ist die Geschichte eines späten Helden, der noch nicht ahnt, dass ihm ein dreißig Jahre andauernder Spießrutenlauf bevorsteht.

In diesem Blick zurück und nach vorn liegt auch der Reiz des Films (und der Vorlage): wer hat nicht ähnliche Kindheitserinnerungen wie Kenji, der mit Yukiji (dem stärksten Mädchen der Welt!), dem schüchternen Yoshitsune, Frosch-Fan Keroyon, Mon-chan, Otcho, dem gemütlichen Maruo und anderen die großen Geschichten vom ewigen Kampf des Guten mit dem Bösen nachgespielt hat. Nur: Im Falle unserer 20th Century Boys (and Girls) ahnt niemand, dass die Spiele einen von ihnen so beeinflussen würden, dass er oder sie als “Freund” irgendwann ganz Japan im Griff haben würde. Oder wie kann es sein, dass “Freund” ihr Symbol verwendet und Geschichten aus ihrer Kindheit erzählt, um seine Gefolgschaft einzulullen? Scheinbar funktionieren die Kindheitsfantasien über epische Abenteuer, furchtlose Helden und Schurken, die vor nichts zurückschrecken auch bei Erwachsenen. Der “Freund” wird immer bekannter, beliebter und einflussreicher – und dafür geht er über Leichen.

Fünf Bände in einem Film

Manga und Film stimmen weitgehend überein, auch wenn die Adaption notgedrungen vieles auslässt. Der erste Film deckt in etwa die ersten fünf Bände des Manga ab. Er greift der Geschichte aber auch mit einer Rahmenhandlung vor, die gegen Ende einen netten Twist liefert, falls man die Vorlage noch nicht gelesen hat. Um die 22 Bände starke Mangaserie in drei Filme zu pressen, wurde merklich die Schere angesetzt. Kleinigkeiten kann man leicht verschmerzen. So treffen sich beispielsweise Kenji und seine Kindheitsfreunde nicht auf Keroyons Hochzeit wieder, sondern auf einem Klassentreffen. Ob nun so oder so, kann einem an der Stelle tatsächlich egal sein. Einige dieser Kleinigkeiten tragen im Manga jedoch sehr zur Atmosphäre bei und sorgen dafür, dass sich das Geschehen langsamer entfaltet.

Während man sich im Manga von Kapitel zu Kapitel und Cliffhanger zu Cliffhanger hangelt und stetig kleine Offenbarungen erlebt, fährt der Film mehr die Holzhammer-Methode, wodurch der Verschwörungsstoff schnell entrollt ist und dadurch unglaubwürdiger wirkt. Dankenswerter Weise haben es die Episoden aus dem Leben der Freunde in die Filmversion geschafft. Wie der von Rockmusik besessene kleine Kenji sich die Nase am Schaufenster platt drückt, weil er sich (hätte er nur das Geld!) gern die steile Gitarre kaufen würde. Oder wie die Kinder in ihrem geheimen Unterschlupf Radio hören, Magazine lesen, die sie von ihren Eltern geklaut haben, und sich alles mögliche zusammenspinnen. Dabei die Hitze des Sommers und das Zirpen der Grillen; man riecht förmlich das Feld und den Angstschweiß, wenn die sadistischen Schulhofrowdies ihnen auf den Fersen sind. 

In Momenten wie diesen beweist das Team um Regisseur Yukihiko Tsutsumi, dass es verstanden hat, womit Mangazeichner Naoki Urasawa seine Leser ködert: Mit einer schlauen Katz-und-Maus-Jagd und mit der Idee von Alltagshelden, wie wir sie gerne wären. Unperfekt, mit einer Geschichte, mit (geplatzten?) Träumen. Dennoch fehlt es dem Film an Herz. Beispielsweise verzichtet er auf eine starke Szene, in der sich Kenji an sein früheres rebellisches Ich erinnert und den Anzugträger, der ihm sagt wie er seinen Konbini führen soll, zurechtweist – indem er erklärt, dass er sehr wohl seine kleine Nicht immer dabei hat und dass er nicht gedenke das zu ändern, egal wer ihm das vorschreiben wolle.


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Rockt nicht so richtig

So gehen wichtige Bausteine verloren, die den Weg des sich abrackernden Ottonormal-Verbrauchers beschreiben, der plötzlich sein Helden-Gen wiederentdeckt. Das geht auf Kosten der Atmosphäre, die sowieso unter einer kargen Inszenierung leidet. Denn obwohl Kostüme und Look sich sehen lassen können und fast 1:1 der Vorlage entsprechen, spart der Film beispielsweise ausgerechnet an der Musik. Zwar greift er die Rockmusik auf, die Kenji als Kind und Teenager geliebt hat (u.a. das titelgebende “20th Century Boy” von T-Rex), doch selbst das leider nur kurz. Am effektvollsten sind die ätherischen Auftritte des “Freundes”, die von einer quälend hohen musikalischen Tonlage begleitet werden, die sich einem, seiner Sektenphilosophie gleich, in den Schädel bohrt.

Das Leid der Fans von adaptierten Literaturvorlagen ist seit jeher bekannt: man weiß, dass es anders geht. In vielen Fällen besser.  20th Centurys Boys 1: The Beginning of the End hätte atmosphärisch dichter sein können, musste sich aber auch der Aufgabe stellen, über fünf Mangabände in einen Film zu packen. Man muss dem Film lassen, dass er größtenteils so kürzt, dass die Geschichte trotzdem logisch nachvollziehbar bleibt. Auch wenn das Werk in der zweiten Hälfte mehr Atmosphäre entwickelt, fehlt viel vom Geist der Vorlage. Der Verdacht, dass der Stoff als Serie besser zu adaptieren gewesen wäre, ist nicht auszuräumen.

20th Centurys Boys 1: The Beginning of the End. Regie: Yukihiko Tsutsumi, 2008. Verfügbar auf DVD durch AV Visionen. Eine Neuauflage der Jahre lang hierzulande vergriffenen Mangaserie erscheint zurzeit bei Planet Manga.

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