Dunkelheit überall: DIE ZEIT AM ABGRUND

Dunkelheit überall: DIE ZEIT AM ABGRUND

Wozu noch weitermachen, wenn nichts mehr einen Sinn ergibt? Auf ebenso beeindruckende wie bedrückende Weise erzählt Inio Asano von der Schaffenskrise eines Mangazeichners und seinem Abgleiten in die Depression.

Eigentlich, könnte man meinen, hätte der Mangazeichner Fukuzawa Grund, sich zu freuen: Zum Abschluss einer mehrbändigen Serie, die sich zwar nicht überragend, aber gut verkauft hat, richtet sein Verlag eine Gala aus. Getränke und Häppchen werden gereicht; Redakteure loben sein Werk.

Der Zeichner selbst äußert sich dankbar, blickt aber missmutig in die Runde: Die Gäste erscheinen ihm desinteressiert, spielen mit ihrem Handy oder sondern nichts als leere Phrasen ab. Im Taxi nach Hause sitzend, gibt sich Fukuzawa noch optimistisch: Er spricht seiner Assistentin, die vor der Veröffentlichung ihrer ersten eigenen Werke steht, Mut zu. Da seine Frau, die Manga-Magazinredakteurin Nozomi, mit einer betrunkenen Star-Zeichnerin in der gemeinsamen Wohnung sitzt, streift Fukuzawa noch durch die tokyoter Winternacht. In einem Café hört er einem arroganten Redakteur am Nebentisch beim Abbügeln eines Nachwuchszeichners zu: „Diese vorlaute Art in Ihren Manga geht einem auf die Nerven. Unsere Kundschaft kauft Manga als Bonus zum Mittagessen“. Aus einer Laune heraus macht er daraufhin einen Abstecher ins Bordell. 

Leidenschaft und Selbsthass

Dort will Fukuzawa seine Identität als Mangaka am liebsten von sich weisen: „Manga sind doch langweilig“, erklärt er gegenüber der jungen Frau, mit der er das Bett teilt und die ihm wegen seines Berufs schmeichelt. „Ja, ich hasse sie“.

Spätestens in diesem Moment entfalten sich die beiden wichtigsten, sich überlappenden Leitmotive des Mangas: Fukuzawas Suche nach einem Ausbruch aus dem tristen Hier und Jetzt, sowie der Kampf mit seiner lebenslangen Leidenschaft, respektive Obsession: Der Kunstform Manga. Diese Leidenschaft ist für den Zeichner untrennbar mit der Frage verbunden, wie man sich der Kunst als würdig erweist. Für Fukuzawa ist klar: Ignorante Redakteure, gedankenlose Mainstream-Zeichner und nicht zuletzt dumme, affektgesteuerte Leser richten die Manga-Kultur zugrunde. Während er den Begriff Manga als Idee und Idealbild geradezu mythisch überhöht, entlädt sich in seiner Wut auf erfolgreiche Zeichner auch eine Wut auf sich selbst – und eine uneingestandene Entttäuschung darüber, nicht zu den “ganz Großen” (in den Augen der Öffentlichkeit also: auflagestärksten) Autoren  zu gehören. 

Was heißt das – frei sein?

Mit bedrückender Intensität schildert Inio Asano in seinem Werk den Absturz eines Menschen, dem der Sinn in seinem Leben immer mehr abhanden kommt. Zehn Jahre hatte sich Fukuzawa abgerackert, um sich als Zeichner zu etablieren und finanziell einigermaßen unabhängig zu sein. Im Hamsterrad der Manga-Industrie, die Zeichner gnadenlos verschleißt und in der es nicht auf künstlerisches Qualität, sondern auf die Fähigkeit zur Anbiederung an den Zeitgeist ankommt, kann das Nachdenken über jene Zustände schnell an den Rand des Abgrunds und darüber hinaus führen.

Zweifelsohne steckt in Fukuzawas Kustbeobachtungen eine Menge Wahrheit. Jedoch dienen sie ihm auch als willkomene Rechtfertigung, sein Umfeld mit Verachtung zu behandeln. Bald trennt er sich von seiner Frau – nicht nur, weil sie aufgrund ihrer eigenen Arbeit oft wenig Zeit für ihn hatte. Mindestens ebenso wenig kann er es ertragen, dass die von ihr betreute Zeichnerin erfolgreicher ist als er selbst.

Die Leere, die sich um den Zeicher auftut, lässt sich schwer füllen. Fukuzawas kurze Hoffnung, mit Chifuyu, einer anderen jungen Frau aus dem Bordell, gemeinsam umkehren zu können, erfüllt sich nicht. Was bleibt, sind Tagträume: Nachdem er Chifuyu auf einer Reise in ihre ländliche Heimat begleitet hat, steht er wartend auf einem Bahnsteig. Vor seinen Augen verschwimmt das Bild einer Familie auf dem gegenüberliegenden Gleis einen Moment lang mit seiner Fantasie: Plötzlich sieht er sich selbst neben Chifuyu stehen, die ein Kind in den Armen hält. Wie auch Fukuzawa war Chifuyu einmal nach Tokyo gekommen, um frei zu sein. Aber, was heißt das eigentlich?

Ein kurzes Leuchten

Inio Asano gönnt weder seinem Protagonisten noch seinen Lesern einen einfachen Ausweg. Man erschrickt mehr und mehr über das Verhalten eines selbstgerechten Menschen, dem die Empathie mit Anderen nach und nach verloren geht. Aufblitzende Erinnerung an glückliche Tage unter Kirschblüten sind nicht mehr als ein kurzes Leuchten in der tiefen Dunkelheit, die den Mangaka nach und nach verschlingt.

Unter dem Motto „Nur die Verkaufszahlen zählen“ stürzt sich Fukuzawa erneut ins Zeichnergeschäft, kommandiert seine Mitarbeiter herum und verachtet sein Publikum: „Schließlich habe ich die Geschichte extra so verfasst, dass auch Idioten darüber weinen können, erklärt er unumwunden bei einem Autorengespräch. Sollte sich am Ende die Voraussage seiner ersten, katzenäugigen Freundin aus Unitagen erfüllen – dass Fukuzawa, sollte er den Weg des Mangazeichnens weiter verfolgen, für immer allein bleiben werde?

Inio Asano wird diese Frage, trotz eines Hoffnungsschimmers am Ende, unbeantwortet lassen. Dennoch lässt sich sein Werk auch als ein Appell lesen, sich von der eigenen Trauer und Verzweiflung nicht auffressen zu lassen – so schwer dies mitunter auch fallen mag.

Die Manga-Isierung der Welt

Grafisch weiß das Werk ebenso zu begeistern wie Asanos übriges Schaffen. Einmal mehr beeindruckt sein Gespür für Mimik, das es ihm erlaubt, unsagbare Dinge in einem einzigen Panel zum Vorschein zu bringen. Auch die in passenden Momenten nahezu fotorealistischen Hintergründe, etwa während der Reise in die triste Provinz, fügen sich hervorragend ein. Tatsächlich nutzt Asano, wie man in einer lehrreichen Dokumentation über sein Schaffen sehen kann, auch selbst geschossene Fotos für seine Backgrounds.

Überdies versteht er es, sein realistisches Charakterdesign durch vereinzelte Verfremdungen gezielt zu brechen. Warum zum Beispiel sehen eine der Frauen im Bordell und einer der Redakteure am Cafétisch aus wie Parodien ihrer selbst? Man mag darüber spekulieren, ob dies vor allem Fukuzawas Wahrnehmung geschuldet ist, oder ob es sich um Vorboten einer tatsächlichen Manga-Isierung der Welt handelt.

In jedem Fall zählt Die Zeit am Abgrund zu den besten japanischen Comics, die im vergangenen Jahr erschienen sind. Das Werk steht Asanos früheren Erfolgen wie Solanin in nichts nach. Fukuzawas Geschichte ist eine Lektüre, die unweigerlich traurig stimmt. Dennoch, oder gerade deshalb, lässt sie den Leser schon nach wenigen Seiten nicht mehr los.

Inio Asano: Die Zeit am Abgrund. Tokyopop 2017. 12,00 Euro

Abbildungen aus: „REIKRAKU by Inio ASANO“ Copyright © 2017 by Shogakukan. Deutsche Ausgabe erschienen bei Tokyopop GmbH, Hamburg, 2018.

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